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Fast am Ziel

Alles sehen wollen | #85

Silke und Rafał kamen betreten zurück. Verfallene und leerstehende Häuser bezeugten, dass pittoreskes Aussehen vielleicht für einen knappen Besuch reicht, aber nicht für ein Leben in der Einöde. Rafał war trotzdem bereichert: T-Shirts gibt es überall in Italien, wie Kirchen und Kastelle. „Wein und Öl auch“, dachten wir, und fuhren zurück, um beides unterwegs zu kaufen. Das Wetter war inzwischen so, dass wir auch am Hotelpool hätten bleiben können, aber was hätten wir dann alles verpasst: meine Begleiter ihre Einkaufsmöglichkeiten und meine Leser unsere Familiengeschichte.

Wir kamen mehrfach vom Wege ab, ohne auf Öl zu stoßen oder gar Wein. Ein paar einsame Höfe lagen träge im Staub wie Kühe auf der Weide, und wir mussten uns schon glücklich schätzen, dass wir es immer wieder im Vorwärtsgang zurückschafften auf die Landstraße. Wendemanöver auf einspuriger Strecke wären für Rafałs Hände und Silkes Nerven höchst anstrengend gewesen; von mir rede ich gar nicht. Ein vielversprechenderes Anwesen entpuppte sich dann auch bloß als Unterkunft für Abenteurer, aber dann, einige Kilometer weiter kamen wir an ein Gehöft, das ausgestorbener wirkte, als es war. Auf unser Klopfen hin erschien eine junge Frau und führte uns bereitwillig in ihren Keller. Dort kostete ich zum ersten Mal in meinem Leben Öl. Silke lehnte das erwartungsgemäß ab, Rafał erwartungsgemäß nicht. Es schmeckte wie eine Vinaigrette ohne Essig, und wir kauften zwei Sorten, in denen wir uns Salat und Fische vorstellen konnten. Wein gab es auch, roten und weißen. Als Rafał die Kartons aus dem hangabwärts schwer zu findenden Lager in den Kofferraum lud, kam ich mir so richtig zünftig vor, auch wenn ich Silke bitten musste, das Bargeld für mich auszulegen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Und wieder gelang uns der Rückweg zur Landstraße, die wir aber nicht nach rechts zu unserem Hotel einschlugen, sondern nach links, Richtung Montemerano. Montemerano ist mit seinen 440 Einwohnern für das Albengatal und die südliche Maremma das, was Manhattan für New York ist.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Wie üblich fuhr Rafał so nah wie möglich ans Geschehen, das sich wie üblich oben auf dem Hügel abspielte. Den Rest der Strecke musste ich zu Fuß hinter mich bringen. Aus der Ferne hatte meine Augen gleich etwas gelockt, was ich für ein Restaurant hielt. Es war dann aber eher ein Feinkost-Geschäft, das seine Waren auch auf Tellern servierte. Die paar Tische draußen, die von Sonnenschirmen geschützt wurden, waren alle belegt, und in der Sonne war es nicht auszuhalten.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Es hätte nicht mal viel genützt, allen beschatteten Müßigsitzern eine Fleischvergiftung mit blutigen Brechdurchfällen zu wünschen, die wäre eh zu spät gekommen. So setzten wir uns also in den Laden, und das war auch lustig. Rafał filmte, Silke bewunderte die Delikatessen und ich sagte der eleganten Signora, die Wein und Käse brachte, Artigkeiten.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das war dann aber auch genug Ausflug. Bis zum Abend atmeten wir wieder den Schwefel unserer Therme ein. Der Direktor kam, um die Honneurs zu machen, und ich dachte an jene verflossenen Zeiten, als ich mir noch alles erlaufen konnte, was ich mir jetzt allenfalls erkaufen kann.

Foto: Privatarchiv H. R.

Kurz vor acht ließen wir uns unseren Wagen bringen und fuhren hinauf nach Saturnia, über dessen Geschichte (to go und sit down) ich alles Erwähnenswerte bereits geschrieben habe. An der Piazza, die das Zentrum des Ortes bildet – genau genommen, besteht Saturnia aus diesem Platz –, liegt, wie alles andere auch, das Restaurant ‚I Due Cippi‘. Wir wurden freundlich empfangen und an unseren Tisch geleitet. Irgendwie kam ich mir abgeschoben vor, ohne dass ich mich direkt beklagen konnte, was es noch ärgerlicher machte. Wir saßen dicht am Platz, es kamen noch mehr Menschen. Der Sommer war warm, das Essen war gut, die Stimmen klangen vertraut italienisch. Ich ging zur Toilette und machte bei meiner Rückkehr eine flapsige Bemerkung. Silke reagierte pikiert.

Ich finde mich überflüssig, vorlaut und unappetitlich. Um das ertragen zu können, trinke ich zu viel, was mich zwar noch unerträglicher macht, aber mir hilft, das zu ertragen. Schlimm nur für Silke, für die das Wohlanständige und das Besondere gleich wichtig sind. Manchmal denke ich, dass mir ihre beschwipsten Zustimmungen früher lieber waren als jetzt ihre tadelnden Zurechtweisungen.

Im Hotel war es ruhig – bis auf die offenbar unerlässliche Sound-Berieselung, die von der Terrasse bis hinauf in mein Zimmer drang. Niemand sonst hörte zu und die Beschallung gegen Mitternacht auf. Welche auf Top-Umsätze trainierten Psychologie-Experten reden wohl den Hotel-Managements in aller Welt ein, dass die zahlenden Gäste aufgrund solcher Lärmbelästigung zufriedener oder zumindest sauflustiger werden? Diese Frage ließ ich unbeantwortet im leicht schwefeligen Raum stehen und dachte an noch Einschläfernderes. Pitigliano. Was haben Silke und Rafał wohl von dem Ort mitbekommen, was haben sie mitgenommen? Sicher mehr als ich. Ich hatte bloß auf alte Mauern geguckt und in die Vergangenheit gestarrt.

Als ich jung und aufbrausend war, habe ich immer geglaubt, dass die Menschen sehen wollen. Alle wollen alles sehen! Aber das stimmt nicht: Sie wollen nur sehen, was sie sehen wollen. Und hören? Es gibt viel mehr Geräusche als früher: Maschinen, Autos, Flugzeuge. Aber was ist heute ‚MUSIK‘? Meine Musik nicht. Das, was mir Musik ist, ist etwas Altmodisches geworden: Die ‚unsterbliche‘ Klassik ist fast tot und der Pop von damals sowieso. Ich würde Fahrstuhl-Singsang, Heavy Metal und monotone Synthesizer-Orgien gern verbieten. Ja, ich bin wohl verbittert. Verbieten ist immer eine Lösung, wenn man keine weiß.

Jetzt kann ich nur noch festhalten, was ich nicht loslassen kann. Im Familienstammbaum derer von Beneckendorff und von Hindenburg kann man bei Google über Viktoria lesen: ‚Married to (Vorname unbekannt) Rinke, divorced.‘ Armer Hasso! Das bleibt von einem Leben übrig, wenn man nicht selber schreibt.

8 Kommentare zu “Alles sehen wollen | #85

  1. Es gibt wohl tatsächlich nur sehr wenige neugierige Menschen. Die meisten wollen in der Regel nichts Neues sehen, sondern nur das, woran sie sich im Laufe ihres Lebens gewöhnt haben. Nichts, was ihre Gedankenwelt aufrütteln oder ihr ‚Tagein-tagaus‘ stören könnte. Deswegen sind ja auch Flüchtlinge ein Problem. Und der Islam. Und monotone Synthesizer-Musik.

    1. Gottseidank scheint sich das in der jüngeren Generation ja langsam wieder umzukehren. Zwar gibt es eine generelle Skepsis und Enttäuschung der etablierten Politik gegenüber, gleichzeitig aber auch ein großes Engagement. Mir kommen beispielsweise der Women’s March oder die enorme Bewegung um Bernie Sanders in den USA in den Sinn. Oder die putinkritischen Demonstrationen der Jugend in Russland. Es gibt Hoffnung.

    2. Und ganz aktuell gibt es ja sogar eine kleine aber feine Hoffnung, dass The Don doch noch auf ein Amtsenthebungsverfahren zusteuert 🙂 Fingers crossed!

  2. Ach ich vermisse Italien schon sehr! In einem kleinen Dorf einen Löffel fantastisches Olivenöl oder einen alten Balsamico zu probieren…es gibt nichts besseres!

    1. Es gibt ja grundsätzlich nichts besseres als Essen. Vielleicht sogar noch vor dem Sex. Wenn man hausgemachtes Öl von einer kleinen Olivenplantage in Italien haben kann, oder einen guten Rotwein aus dem Languedoc, oder frischen Fisch direkt aus dem Meer auf den Teller, oder oder oder…

  3. Über Musik kann man, wie über alles andere natürlich auch, passioniert streiten. Aber wie kommen Sie denn zu der Feststellung, dass die Klassik so gut wie tot ist?

    1. Meine Miesepetrigkeit beim Schreiben damals in der Toskana. In unserer Hamburger Elbphilharmonie feiert die Klassik Triumphe. Zurzeit bin ich allerdings in Krakau, aber das wird dann erst der nächste Blog-Block.

    2. Haha, dann gibt es also vielleicht doch noch Hoffnung für die klassische Musik! Ich wäre froh darum. Und bin gespannt auf die Erlebnisse aus Krakau…

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