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Fast am Ziel

Überwiegend Martha | #84

In den Siebzigerjahren interessierte ich mich sehr für meine Herkunft, und so besitze ich alle Aussagen von Guntram, Hasso und Irene auf Tonband und brauche nichts hinzuzudichten: Ich habe mir ihre Worte so oft angehört, dass ich sie auswendig kenne.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Da sagt Guntram: „Im Mai ’43 hatte ich dienstlich in Posen zu tun. Wir wollten eine Firma kaufen in Litzmannstadt, äääh, in Łódź, und dafür brauchten wir die Genehmigung des Reichssicherheitshauptamtes, Niederlassung für den Warthegau, und die war in Posen. Die SS dort, die wollte immer so blut- und bodengebundene Bauern haben, und zu deren Leuten hab’ ich dann gesagt: ‚Also wissen Sie, das ist doch eine ganz falsche Überlegung. Sie haben einen Hass gegen die Industrie, aber wer schafft Ihnen denn die Hydrierwerke, wer finanziert das denn? Die Bauern, die Sie da einsetzen, die fressen alles auf und werden immer dicker, und Sie haben davon gar nichts. Für die Gesamtheit leisten doch nur wir etwas, das müssen Sie doch zugeben.‛“ – Die Linken widersprechen immer wütend, wenn man ihnen erklärt, dass die Faschisten völkische ‚Sozialisten‘ waren, trotzdem ist es wahr.

Guntram weiter: „Aber ich habe so lange reden müssen, dass ich den Zug, mit dem ich eigentlich zurückfahren wollte, verpasste, was mich sehr ärgerte, aber schließlich gab es danach noch diesen Eilzug: Man musste da ja immer die Abteile stürmen, und ich stürmte auch und nahm mir einen Fensterplatz und hängte da meinen Mantel hin, aber das war noch so ein alter Wagen, und ich hatte gesehen, dass weiter vorn auch neue Wagen waren, und ich dachte, vielleicht ist da noch ein Platz frei und stieg nochmal aus. Da sah ich die Irena. Die hatte sich so puppig aufgemacht – groß und schlank. Sie hatte ein gut sitzendes Kostüm an und einen großen, grauen Hut. Ich dachte: ‚Donnerwetter noch eins, das ist aber eine Frau!‘ Ich fand tatsächlich einen Platz vorn und ging zurück, um meinen Mantel zu holen, und da saß gegenüber im Abteil die Irene. Und da dachte ich: ‚Nee, nun bleib’ ich.‘“

Foto links: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

‚Zufall ist das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will‘, behauptete Anatole France. Aus Irena wurde mit Guntrams Hilfe nachträglich Irene, und der Standesbeamte beglaubigte es; genauso, wie – auch ziemlich nachträglich – meine Geburt vom Standesbeamten mit seiner glaubwürdigen Unterschrift aktenkundig wurde.

Foto: Irina Burakova/Shutterstock

Eigentlich hatte Irena ja zur türkischen Botschaft gewollt. Sie war damals – mit dreiundzwanzig! – Geschäftsführerin einer Elektrofirma in Posen geworden und behauptete, es gäbe Schwierigkeiten mit Lieferungen aus der Türkei. In Wahrheit hatte sie über Istanbul in die USA verschwinden wollen, aber ob sich dieser ehrgeizige Plan hätte umsetzen lassen, bleibt in den Maschen der Geschichte hängen; denn nun erschien der ausrückwilligen Irena ein Leben mit Guntram noch attraktiver als eins in der Metropole New York, die sie erst zwölf Jahre später mit ihm kennenlernen sollte.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die unvorhersehbare Entwicklung machte es für Guntram ein paar Monate nach der Zugfahrt 1943 notwendig, Irena von Martha zu erzählen. „Das ist eine ganz tolle Frau“, sagte Guntram, „sie hat bloß einen Fehler: Sie ist mit mir verheiratet.“ Ob Irena damals für diesen feinen Humor empfänglich war, ist nicht überliefert. Sie hatte nichts weiter als ihre jüdische Herkunft zuzugeben, lebensgefährlich, aber interessant. Allerdings hatte Guntram ihr das Semitische gleich angesehen und sie schon am ersten Abend darauf angesprochen. Gut, dass er kein SS-Mann war. Später traf er in Warschau ihre Mutter, die entsetzt war: „Mein Gott, das hat das Kind Ihnen erzählt?“ Da war Guntrams erste Ehe bereits am Ende, wie eigentlich von Anfang an.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Guntram hatte Martha schon als Zwanzigjähriger kennengelernt. Sein Vater war, Jahre zuvor, beim Essen über ihn hergefallen: „An unserem Tisch sitzt ein ehrloser Lump!“ Nachdem Reinhold sich im Anschluss an den verlorenen Krieg erfolglos eine Weile beim ‚Stahlhelm‘ herumgedrückt hatte, kam die zwischen Meran und Essen verstreute Familie Mitte der Zwanzigerjahre in Berlin wieder zusammen. Guntram war monatelang nicht mehr zur Schule gegangen und blieb sitzen. Reinhold, der Ferragamo nicht kannte, wollte etwas besonders Abfälliges sagen und verkündete: „Der soll Schuster werden!“ Aber Maria kannte aus dem Tennisclub, bei dem sie sich die Beiträge stunden ließ, den Generaldirektor der Kokswerke und brachte dort Guntram als Lehrling unter.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Martha machte einige Jahre später in der Auslandsabteilung der Kokswerke ein Praktikum und war damals – ohne Guntram das gleich auf die Nase zu binden – bereits achtundzwanzig; sie wurde Guntrams erste große Liebe und Hitlers letzte Nachrichtensprecherin. „Das war schon so eine richtige Frau mit Pelz“, schwärmte Guntram.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Als Guntram elf Jahre nach ihrer ersten Begegnung Martha nicht mehr liebte, heiratete er sie auf Fürbitte seiner Mutter Maria, die auch Pelze mochte. Wenn in den Siebzigerjahren neue Gäste in ihrem Winterquartier auf Mallorca eintrafen, zog meine Großmutter flink ihr Nerzjäckchen an, erzählte sie uns stolz, und dann kreuzte sie mehrfach durch die Hotelhalle, damit der Pöbel wusste, mit wem er es zu tun hatte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Mitte der Dreißigerjahre war Martha nach Minneapolis an die Universität gegangen. Dorthin schrieb ihr Guntram, längst mit Renate verbandelt: ‚Bleib bloß da! Ich glaube, es gibt Krieg!‘ Das bezog Martha hellsichtigerweise nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Renate und kam, wie Guntram behauptete, sofort mit dem nächsten Schiff zurück. Zwischen den beiden Damen soll es, laut Guntram, höchst unerfreuliche Szenen gegeben haben, wörtlich sagte er:

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

„Die Martha bekam Verfolgungswahn und ging ja auch einmal mit dem Messer auf mich los. Das war gar nicht angenehm. Dann war da noch die Alexandra. Da wollten die Eltern, dass ich die heirate, weil die reich war. Aber das Kapitel haben wir schnell beendet. Ich war ja sowieso mit den Nerven am Ende. Die Kitty war ich auch noch nicht los. Die Renate hatte mir auch Ärger bereitet. Denn die bekam ja ein Kind. Das musste abgetrieben werden, und das war damals ja lebensgefährlich. Also die Martha behauptete ja immer, sie bekäme ein Kind. Aber das stimmte nicht. Die Martha und Renate trafen sich ja mal, und die Martha sagte, sie sei schwanger, die Renate sagte: ‚Ja, ich auch.‘ Also, da möchte man doch am liebsten aussteigen!“

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das tat Guntram dann auch in gewisser Weise: Martha und Maria kamen – ganz biblisch – zusammen, anno 1941, und Martha offenbarte ihrer Wunsch-Schwiegermutter drängend: „Ich schäme mich bald, in den Spiegel zu schauen. Die Leute tuscheln schon über mich. Sie lachen.“ Meiner eitlen Großmutter galt dies als Zeichen äußerster Not. Erstmal versuchte sie die Situation in ihrem Sinne zu beeinflussen und entgegnete scheinheilig: „Als Frau vom Arwed wärst du mir willkommen …“ Aber nicht mit Martha, die schon mal in Amerika gewesen war! Die hatte Anspruch auf was Besseres. Arwed war nur Assessor beim Kammergericht, Guntram war charmant. Maria sah es ein und befahl ihrem Sohn: „Jetzt wird geheiratet!“ In Europa herrschte Krieg, und Guntram war fatalistisch.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

„Da war ja noch die Sache mit dem Arwed, dass der sich da abgemurkst hatte. Eigentlich war mir alles egal“, sagte Guntram ins Tonbandgerät und ergänzte: „Wenn ich nicht noch die Irene getroffen hätte, dann wäre die Martha deine Mutter geworden.“

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Mal abgesehen von der ‚Gnade der späten Geburt‛, das hieß doch: Egal, wer dich ausbrütet – du wärst in jedem Fall mein Sohn geworden. – So musste ihn alles an mir, was nicht seiner Wesensart entsprach, irritieren: Es waren Brütfehler der Henne.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Scheidung von Martha gestaltete sich 1948 einfacher als befürchtet. Sie war mit ihrem fließenden Englisch inzwischen Dolmetscherin bei den Amerikanern geworden, und so konnte Guntram sie leicht erpressen, indem er ihr damit drohte, sie als Nazi-Rundfunksprecherin auffliegen zu lassen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Martha war nun leider eine enge Freundin von Pucki, Vickys Cousine, und so wurde Irena in deren Kreisen mit der gebotenen Herablassung behandelt: Diese hergelaufene Person und die hochmögenden Hindenburgs-Amelunxens von sonstwas! Bloß, dass nicht nur im Osten der Adel enteignet wurde, auch im Westen zählte inzwischen Tüchtigkeit mehr als Herkunft, und da hatte Irena nun mal die beste Partie gemacht. So konnte sie es den Schnepfen, falls sie wollte, heimzahlen, fand aber stille Verachtung angemessener. Vicky tat ihr sogar leid, und sie veranlasste Guntram später, Vicky eine monatliche Leibrente zuzugestehen, was Hasso nicht wissen durfte, weil er sonst seine mickerigen Zahlungen, womöglich sowieso von Karens Geld, ganz eingestellt hätte.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Vicky war dankbar und jedes Jahr in Meran. Sie fühlte sich von ihren inzwischen verheirateten Töchtern als Kinderverwahrerin missbraucht, hörte ich. Wenn ich in den Sechzigerjahren als Anfänger in verschiedenen Berufen nach Berlin zurückkam, war es immer schön bei Vicky gewesen. Sie hatte Stil, Geschmack und kochte gut. Als sie zum Schluss in ihrer Hamburger Wohnung gefunden wurde, lag sie mit aufgeschlagenem Kopf in der Küche. Ihr Schlaganfall war tödlich verlaufen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Schon meine Großmutter hatte geklagt: „Es gibt so reizende Leute, aber der Hasso umgibt sich immer mit den finstersten Gestalten!“ Irene sah das ähnlich, zumal ihr Hassos hemmungsloses Berlinern auf die Nerven ging. Sie billigte sich ein Gefühl für Qualität zu, und da rutschte Hasso als Schlacke unter dem Rost durch. Manchmal wehrte sich Guntram: „Aber er ist doch mein letzter Bruder!“, und Irene ertrug ihn von Zeit zu Zeit. Doch es blieb schwierig.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Aus der Familie meiner Mutter habe ich gar keine Verwandten, auch Reinhold hätte sich wohl angesichts seiner vier Söhne nicht träumen lassen, dass mit seinem einzigen Enkel, mir, der Name seines Familienzweiges ausstirbt. Und bei seinen sieben Geschwistern sieht es nicht viel besser aus: Töchter oder früh Verstorbene. Die Natur kommt auch ohne Rinkes zurecht. Und doch. Meine nächsten Verwandten sind zwar glücklich verheiratet, konservativ und gebärfreudig, aber nicht sehr dokumentationswillig. Was ich jetzt nicht mit den verschonten Fingern meiner linken Hand trotz legasthenischer Behinderung aus dem Kopf in die Tasten fummle, das ist für immer verloren, und da ich nun mal keine Kinder habe, sind meine Aussagen mein Vermächtnis.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

6 Kommentare zu “Überwiegend Martha | #84

  1. Und wieder spannende Geschichten Herr Rinke. Der Trick mit dem Tonband ist natürlich schlau. Falls ich doch noch mal einen meiner wenigen Verwandten dazu kriege mir ein paar Anekdoten anzuvertrauen werde ich die Idee das Gespräch aufzuzeichnen sicherlich aufgreifen.

  2. Naja die Nationalsozialisten trugen den Sozialismus ja sogar im Namen. Dass sich die Linken aber dagegen wehren auch nur in irgend einer Form Gemeinsamkeiten festzustellen, kann ich verstehen. Was auch immer als Rechtfertigung für ein faschistisches Weltanschauungsbild herhalten muss, kann man nicht als ernste politische Agenda ansehen. Jegliche Art von Faschismus ist antidemokratisch, falsch und muss verhindert und bekämpft werden.

    1. Das stimmt. Aber wenn ich mir die Paraden des real existieren Sozialismus und die der Nazis ansehe, sind die Unterschiede gering. Das Niederschlagen der Aufstände in Berlin, Budapest und Prag war imperialistisch, und deprimierend ist es, dass überall im „Ostblock“ eine Mangelwirtschaft herrschte; von westlichem Luxus rede ich gar nicht.
      Wenn unter allen schlechten Staatsformen die Demokratie die beste ist, wie es heißt – ist vielleicht der gebändigte Kapitalismus die beste unter den schlechten Ökonomien?

    2. Wäre denn die (Wieder-)Erschaffung eines sozialverträglichen stabilen Kapitalismus heutzutage politisch überhaupt noch möglich? Ist das System nicht bereits unwiderruflich aus dem Rahmen gefallen? Ich zweifle, ob eine Regulierung und Nachjustierung machbar wäre. Was meinen Sie?

    3. Ich weiß es nicht, aber ich sehe auch keine realistische Alternative. Macron? China ja wohl nicht. USA, Südamerika, Großbritannien, Russland, Italien … überall, wo ich hingucke, möchte ich gleich wieder weggucken.

    4. Ich bin sehr gespannt was mit Macron in nächster Zeit passiert. Er wird’s auf alle Fälle nicht einfach haben. Ex-Bänker hin oder her, mir ist’s sehr sympathisch jemanden zu sehen, der sich so für die europäische Idee einsetzt.

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