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Fast am Ziel

Champagner-Muffel | #49

Haltlos fuhren wir dieses Mal an Avelino vorbei; Silke döste, Rafał achtete auf den Abzweiger nach Salerno, und ich behielt meine Erinnerungen für mich, zumal die Gegenwart genug zu bieten hatte: Wenn wir die Autobahn erst verlassen würden, wären Rafałs Fahrkünste gefragt. Ich wusste das; ich kannte die Strecke ja. Sie ist abenteuerlich. Darum behielt ich auch meine naseweise Belehrung für mich, dass wir ab jetzt auf der Rückfahrt seien: Salerno war in der Tat der südlichste Punkt der ganzen Reise, den nördlichsten würden wir erst am 15. Oktober erreichen – wenn alles gut ginge, und da bestand gerade jetzt Anlass zur Sorge:

Zum einen gilt die Amalfi-Küste als eine der schönsten Straßen Europas, zum anderen ist sie für den Fahrer schrecklich, wozu man heute ‚eine Herausforderung‘ sagt: Die Menschen rennen kreuz und quer über die Fahrbahn, Fußwege gibt es nicht, der Gegenverkehr ist kaum zu überschauen, entgegenkommende Busse zwingen zum Ausweichen, wohin auch immer, und zwischen all dem wirbeln in beiden Richtungen dummkühne Motorradfahrer, die Rafał leicht sarkastisch als Organspender einstuft. Lärm und Gestank der Auspuffrohre beschäftigen Ohr und Nase. Aber, stimmt schon, der Blick auf die Bucht und auf das Meer ist wirklich schön für die Augen, wenn man sich traut, hinzusehen. In Amalfi unterließen wir den angedachten Halt: Wo hätten wir parken sollen, und wie wäre ich von dort in eines der überfüllten Cafés gekommen?

Foto oben links: mara12/Fotolia | Foto oben rechts: canadastock/Shutterstock | Foto unten links: Antonio Gravante/Shutterstock | Foto unten rechts: ArTo/Fotolia

Eine Dreiviertelstunde später waren wir oberhalb von Positano, und Rafał konnte unter leicht monotonem Fluchen unseren Wagen den Abhang hinabwinden. Das Hotel, auf das ich es abgesehen hatte, war schon im Februar ausgebucht gewesen, was mich zwar in der Annahme bestärkte, dass es ausgezeichnet sei, aber trotzdem nicht freute. Wie immer hatte Silke Ersatz gefunden, das ‚Art Hotel‘. Wir waren für meinen Geschmack noch gar nicht weit genug nach unten gefahren, da behauptete Signora Navi: Sie haben Ihr Ziel erreicht. „Nein“, sagte Silke, „hier ist das nicht.“ Rafał fuhr weiter, und die ‚Navische‘ schlug vor: „Wenn möglich, bitte wenden!“ Nein, war nicht möglich, die ganze Strecke ist Einbahnstraße: Den Berg runter geht es nach unten, den Berg rauf geht es nach oben, und anders geht es auch nicht, schon so ist es schwierig, weil die Autos gern weiter wollen und die Urlauber gern stehen bleiben. Rafałs Fluchen wurde etwas dynamischer, aber nach zwölf Minuten hatten wir uns wieder an die Stelle vorgetastet, die der Navifrau vorgeschwebt hatte. Dort befand sich das Hotel ‚Pasitea‘, und da wollte Silke partout nicht hin. Rafał stellte sich in eine Art Lücke und falsettierte ein bisschen, Silke bestand mit dem E-Mail-Ausdruck in der Hand auf ihrem ‚Art Hotel‘, und ich entdeckte, dass das ‚Pasitea‘ sich in seinem Vornamen rühmte, ein ‚Art Hotel‘ zu sein, was in der Halle an ein paar verrutschten Grafiken deutlich wurde. Mein Zimmer missfiel mir auf Anhieb. Bett und Bad waren in Ordnung, aber ein Stockwerk unter mir tobte diese grässliche Straße, und der Blick reichte auch nicht weiter. Sofort sann ich auf Abhilfe. Gab es nicht. Aber morgen. Da wurde ein Zimmer mit Terrasse im obersten Stockwerk frei. Silke und Rafał hatten es etwas besser getroffen, dafür würde ich sie am nächsten Tag überflügeln und gegen mein schlechtes Gewissen auf meinen Balkon einladen.

Unser Auto war weg. Vor dem Hotel hatte es nicht stehen können, und so hatten wir es gegen entsprechende Bezahlung zu einer Garage bringen lassen, die hinter der nächsten Biegung lag. Das erschwerte nun die Restaurant-Wahl, denn für das von mir vorgesehene Lokal hätte man ins Auto steigen müssen. Dem Fahrer steht einmal am Tag eine Mahlzeit zu, Silke freut sich fast so sehr wie ich, wenn sie nichts zu essen bekommt. Ihr geht es um die Figur, mir um die Psyche. Andere macht Leben gierig, mich macht es satt. An der Rezeption ließen wir uns ‚Il Fornillo‘ empfehlen, gleich um die Ecke, ein Tisch wurde auch sofort für uns reserviert. Den Weg hinunter, vorbei an unserer Garage, empfand ich als das Äußerste, was ich meinen Beinen und Hüften abverlangen konnte, aber mir war klar, dass ich das bei hundert Metern vorher oder nachher auch gedacht hätte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ein beflissener, aber bestimmender junger Mann nahm uns in Empfang, schien sich zunächst bei einer älteren Frau im Saal Erlaubnis zu holen und versprach, während er eilig vor uns herlief: „Mein schönster Tisch. Für Sie habe ich meinen schönsten Tisch. Meraviglioso, si?“ Es war ein Tisch an der offenen Terrassentür mit Blick auf die Gäste draußen und die Menschen auf der abschüssigen Straße dahinter, und er konnte als ‚schönster Tisch‘ durchgehen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Der junge Mann kam mit drei großen Karten und strahlte. Rafał sah seine Nacht bereits verplant und äußerte sich dementsprechend. Nach der anstrengenden Fahrt tat es ihm gut, sich so gemeint zu fühlen. Der Wirtssohn kam zurück und schlug Champagner vor. Wir zögerten. Er wiederholte: „Champagner?“ „Nein“, sagte ich, „Prosecco!“ Er verschwand und kam nie mehr wieder. Unsere Bestellung wurde vom Laufburschen aufgenommen und aufgetragen. Nicht mal mit meiner Kreditkarte kam der schnieke Wirtssohn zurück, der Lakai brachte das Plastikteil, immerhin, ohne dass es verächtlich bespuckt worden war. ‚TripAdvisor‘ übersetzt den Bericht eines ‚Fornillo‘-Gastes so: ‚Dieses Restaurant versuchen zu betrügen Sie Aktionär mit gefrorenem Fisch für frisch. Ich habe es dauerte Pasta Astice kulinarisch mit mediterran inspirierten köstlichen Speisen verwöhnen und gebratene Fische, und es war alles gefroren. verbringen 80 Euro für eine Mahlzeit Wert 15 Euro. Vertrauen Sie mir und vermeiden Sie dieses Hotel.‘

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Der Rückweg, dieses Mal direkt über die Treppen, ging etwas schneller, obwohl es immer noch eher heiß als warm war. Ich bestellte am Empfang ein Boot für den nächsten Tag. Eine andere Möglichkeit, den Aufenthalt zu gestalten, erschloss sich mir nicht. Ich war froh, dass es klappen sollte und achtete nicht auf den Preis. Vielleicht ist das in Positano leichtsinnig, aber aufs Feilschen schien man hier ohnehin nicht angewiesen.

Silke ging auf ihr Zimmer, ich in meins. Die Hälfte der Reise hatte ich hinter mir. Es war der geruhsamere Teil gewesen. Heute in zwei Wochen würde ich zum ersten Mal wieder im eigenen Bett aufwachen, in Meran. Die zweite Hälfte des Ausflugs in die Vergangenheit stand mir bevor. Würde ich all die Schauplätze meines Italien-Gefühls wiederfinden, wiedererleben und (mit-)teilen können? Würde ich überhaupt zu den Orten durchdringen, mit meinen Beinen, mit meiner Seele? Als Antwort fiel mir bloß der blöde Spruch ein: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

Rafał verlor sich nach drei Nächten Einsamkeit im ausgeleuchteten Dunkel der Stufen und Gassen, der Clubs und Parks, und gefroren war da rein gar nichts: Boys, Boys, Boys.

2 Kommentare zu “Champagner-Muffel | #49

  1. „Dieses Restaurant versuchen zu betrügen Sie Aktionär“ 😂 Ich amüsiere mich immer wieder über diese maschinell übersetzten Rezensionen.
    Ganz ähnliche Erlebnisse kenne ich leider auch direkt aus Amalfi. Das ist dann wohl der Preis, den man zahlen muss wenn man sich in solche Touristenhochburgen begibt. Ich bin einmal in einem Restaurant gelandet, in welchem selbst die Pastasauce schmeckte, als sei sie noch schnell im benachbarten Supermarkt gekauft worden. Gottseidank helfen Tripadvisor und co. heutzutage ein bischen solchen Fallen zu entgehen. Eine Reise wert sind diese wunderbaren Gegenden ja trotz allem. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre die einzige Person, die jemals von der Amalfiküste gehört hat. Man kann ja mal träumen…

    1. Solche Lokale gibt es in Amalfi, Positano, München und Gummersbach. Da muss einfach der gesunde Menschenverstand befragt werden, dann kann man solch Unglück ja meistens vermeiden. Und wenn man doch einmal in die Falle läuft soll es wohl einfach so sein.

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