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Fast am Ziel

Eine Frage der Perspektive | #71

1982 hatte Roland sein Jura-Studium genauso an den Nagel gehängt, wie ich meins schon viel früher geschmissen hatte. Nachdem wir im Mai auf Mykonos gewesen waren, hatte er seine Praxis eröffnet. So war ich Ende Juni nicht mit ihm, sondern mit Irene geflogen, vier Wochen USA: New York, Los Angeles, San Francisco usw. Das meiste war beruflich. Im August war dann das hocherfreute Dinchen dran: zwei Wochen Italien, eine Zweierreise wie in alten Zeiten. Zum letzten Mal. Erinnerungen schwappen in die Gegenwart: der alte Ort, die neue Zeit.

Den Nachmittag brachte ich auf meiner neuen, großen Terrasse zu. Das ‚billigere‘ Zimmer war schön abgeschieden. Die Bucht lag mir zu Füßen. Ich sah alles und wurde selber nicht gesehen. In manchen Märchen gab es früher eine Tarnkappe: heimlich beobachten, ohne bemerkt zu werden. Heute schafft das Internet eine Abart davon. Alles kann man begucken, nichts muss man begreifen. Mit meinem Buch vor der Nase komme ich mir mit dieser Art Kopfschmuck bemerkenswert altmodisch vor, als trüge ich Zylinder; dabei bin ich ganz modern nackt, untenrum, um auszunutzen, dass mich keiner sehen kann. Als die beiden Zimmermädchen an die Pforte in der Mauer zu meinem Refugium klopfen, schlinge ich mir das Badetuch um und gewähre ihnen den Zutritt. Sie überqueren ehrerbietig die Terrasse und verschwinden im Haus, um das Bett aufzudecken. Zu zweit.

Da komme ich mir sehr privilegiert vor; beim mühseligen Gang zum Negroni im Freien schon nicht mehr. Ich gebe so viel Geld für Therapien aus, nur um mich mühsam am Laufen zu halten. Für denselben Betrag könnte ich mir den allerkomfortabelsten Rollstuhl anschaffen. Der Nachteil dabei wäre: Ich lebte immer in Blowjob-Perspektive – in meinem Alter nicht wünschenswert. Und die Toiletten-Prozedur? Am Anfang nach dem Schlaganfall habe ich das noch halb betäubt durchgestanden, mehr durchgesessen. Über der Kloschüssel hört die Selbstbestimmung auf: Wer nicht im Stehen pinkeln kann, ist nur noch ein halber Mann. – Wäre doch ein schöner Spruch über dem Pissbecken. Die Bonmotisierung nutzt nicht wirklich, aber sie befreit von Quälereien, die vorher nicht den Schneid hatten, sich als Gedanken zu manifestieren.

Der Barmann und ich, wir waren die einzigen Herren mit Jacke. Er eine überschwängliche Frohnatur, ich ein unterschwelliger Melancholiker. Vielleicht schlägt er seine Frau, vielleicht ächzt er unter ihrem Pantoffel. Vielleicht werde ich gleich schreien oder singen oder schweigen. Noch rede ich und möchte, dass es schwärmerisch klingt. Alles Maskerade.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Der Wind hatte sich ausgetobt und hingelegt. Wir sahen der Sonne dabei zu, wie sie rot wurde und ins Wasser fiel. Als sie schon weg war, schämte der Himmel sich eine ganze Zeit lang weiter. Unsere Gläser schimmerten, die Pinien dufteten, und der Turm tat so, als hätte er noch eine Funktion. Wir gingen um die Ecke auf die Terrasse, auf der ich am Morgen nicht gefrühstückt hatte. Die Gäste saßen und aßen. Die Kellner trugen auf und ab. Alles hatte seine Ordnung. Gute Nacht!

6 Kommentare zu “Eine Frage der Perspektive | #71

  1. Ist im Stehen Pissen nicht eh überschätzt? Ich verstehe natürlich was Sie meinen. Wird man zu Einschränkungen gezwungen, ruft völlig zu Recht die Rebellion. Ich bin trotzdem eingefleischter Sitzpinkler.

    1. Naja, so richtig hygienisch ist das Sitzpinkeln bestimmt nicht. Dann schon eher im Hocken, wie in den asiatischen Ländern. Ich beneide Sie jedenfalls ab und an meine Herren, vor allem wenn’s um öffentliche Klos geht. Der Toilettendienst ist nämlich auch nicht mehr das, was er mal war 😉

  2. Unterschwellige Melancholie klingt eigentlich recht sympathisch. Alles Überschwängliche ist mir auf Dauer zu extrem, zu anstrengend, zu aufmerksamkeitsheischend, zu aufdringlich.

    1. Hahaha, über das Verhältnis von Steh- und Sitzpinklern unter Melancholikern habe ich tatsächlich noch nicht nachgedacht. Klingt aber soweit einleuchtend 😉

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