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Fast am Ziel

Sturm und Drang und Einbahnstraßen | #54

Montag, 2. August
‚Weggehen oder Bleiben‘, das ist das eine: aktiv oder passiv. Das andere ist ‚Eintreffen oder Weggehen‘, beides aktiv. Unser Deutschlehrer Herr Wiechers war die Verkörperung von ‚Sturm und Drang‘. Er war es, der mich nach den Pauker-Attrappen der Mittelstufe feurig durchs Abitur ritt. Wie er sich in das Gedicht ‚Willkommen und Abschied‘ stürzte, das war, als preschte er selber wie der junge Goethe von Straßburg zu Friederike Brion nach Sesenheim:

‚Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde
Und an den Bergen hing die Nacht.‘

Wir machten uns ein wenig lustig über seinen Eifer, aber wir waren angesteckt und hofften, dass auch wir bald in die Schlussverse würden einstimmen können:

‚Ich ging, du standst und sahst zu Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch welch Glück geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!‘

Vielleicht gibt der genuschelte Befehl ‚Fack ju Göhte!‘ das Gefühl, frei, unabhängig und überlegen zu sein, sonst wäre ja nicht bereits der dritte Teil im Gespräch, auf den ‚alle Fans schon hinfiebern‘, wie ‚BRAVO‘ weiß. Es lässt sich offenbar mit dem Bedürfnis, ungebildet zu bleiben, gut Geld verdienen, nach dem Motto:

Und doch welch Glück, missbraucht zu werden,
und doof zu bleiben, welch ein Glück!

Jaja, die meisten finden einfach, diese Lustspiele sind Schenkelklopfer, Elyas M’Barek ist total cool und Lehrer zu natzen sei voll fresh. Mehr nicht. Aber ich bin nun mal älter, weiter, todesnäher.

Ankommen fühlt sich immer besser an als Abreisen – in der Theorie. In der Praxis ist die Wehmut über einen Abschied stimmungsvoller als der Unmut über eine Unterkunft oder eine Person, die auf dem Display wesentlich attraktiver rüberkam als jetzt auf dem Fußboden analoger Tatsachen. Ankommen ist Erwartung – Abreisen ist Bilanz: War’s das wert? Im Portemonnaie, im Herzen, im Bett? Hoffnung gegen Abrechnung. Man redet sich ein: ‚Ich komme wieder‘, oder: ‚So schlimm war es doch gar nicht‘, und in beiden Fällen ist die Lüge freundlicher als die Wahrheit.

Also, wenn schon Positano, dann nächstes Mal wieder fünf Sterne im ‚San Pietro‘, abgekapselt, eingefriedet; denn all die Treppen, all die Menschen, bunt und laut den Hang entlang, rauf wie runter – das geht gar nicht. Besser noch, gleich nach Sorrent ins ‚Excelsior Vittoria‘ über dem Abgrund, und nach uns die Sintflut, wenn sie denn sein muss. Madame de Pompadour – je älter ich werde und je kinderloser ich bleibe, desto einleuchtender finde ich ihr Statement: ‚Après nous le déluge!‘ Faust hätte es auf dem Blocksberg nicht viel anders ausgedrückt.

Foto: Everett Historical/Shutterstock

Verantwortungslosigkeit lässt sich lernen. Früher konnte ich das auch nicht, jetzt rede ich mir ein: Alles, was ich mir nicht zutraue zu ändern, das geht mich nichts an. Dazu gehörte zunächst auch die Wiederbeschaffung unseres Wagens, am späten Morgen im Vier-Sterne-Kunsthotel. Nachdem ich meine ‚American Express‘-Karte an der Rezeption zurückbekommen hatte, setzte ich mich in die Lobby und wartete. Gott, wäre ich da früher knirschend auf und ab gerannt, aber auch so fragte ich nach einer Dreiviertelstunde den Empfangschef, Aufenthaltschef, Lebwohlchef oder was der einzige Art-Hotelier hier sonst noch alles war, mit meiner forschesten Italienisch-Stimme, ob es denn irgendwann weiterginge. Sicher, der Wagen musste von unten einmal durch den ganzen Ort und von oben wieder runter, das ist nun mal das Prinzip von Einbahnstraßen, und Silke würde vielleicht sagen, es waren nur zwanzig Minuten, aber selbst wenn es zwei Stunden gewesen wären – passiert war offenbar gar nichts, denn fünf Minuten später stand unser Mercedes vor der Tür.

Ich war perplex. Dass ein Tollkühner das Auto rückwärts von der Garage bis zum ‚Art’-Hotel kunstgerecht heraufmanövriert hatte, schmälerte die Bewunderung für meine Leistung, vorgestern zu Fuß den ‚Fornillo‘ erreicht zu haben, und Rafałs Leistung, beim Vorwärtsfahren bisher keinen Unfall verursacht zu haben, in meinen Augen erheblich. Dennoch: Ohne Wehmut stieg ich ein, Silke und Rafał taten das auch, aber besonders ich empfand dabei die Genugtuung einer sinnvoll redigierten Planung. Nun konnten wir Sorrent links am Meer liegen lassen und auf kürzestem Weg Neapel ansteuern. Der kürzeste Weg ist meist der schnellste, und ich malte mir schon unser langes Verweilen an der Promenade in Neapel aus, sinnend und genießend, den Vesuv im Rücken, das Glas vor der Brust, bevor wir um halb zwei unseren reservierten Tisch bei ‚Zi Teresa‘ einnehmen würden. Doch das Internet hatte getrogen. Mal wieder. Es gab keinen Verkehrsunfall und keinen nennenswerten Stau, bloß endlose Tunnel, aber es dauerte und dauerte – Zeit genug für einen Einschub –, mal wieder.

Foto links: Renee Vititoe/Shutterstock | Foto rechts: Ra Boe /Wikipedia/Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

16 Kommentare zu “Sturm und Drang und Einbahnstraßen | #54

  1. Nach mir die Sintflut war immer das Motto meiner Großmutter. Gott hab Sie selig. Aber Sie haben recht, je älter ich werde, desto mehr mache auch ich mir diese Einstellung zu eigen. Auf die Befindlichkeiten (und Absonderlichkeiten) meiner Mitmenschen Rücksicht zu nehmen fällt tatsächlich zunehmend schwerer. Mal schauen in welche Verlegenheiten mich das noch bringen wird.

  2. Belanglose, anspruchslose Unterhaltungfilme wie „Fack Ju Göhte“ gab es doch schon immer. Dem darf man gar nicht so viel Aufmerksamkeit oder Aufregung schenken. Zum Glück gibt es genügend Produktionen, die ein Gegengewicht bieten. Ob diese heute ein weniger breites Publikum finden, als noch vor zehn/zwanzig Jahren…ich glaube fast, dass sich da kaum etwas geändert hat.

    1. Ich stoße mich auch nicht an dem Inhalt des Films (habe nach 15 Minuten abgebrochen und auf schnellen Vorlauf gestellt), sondern an dem reißerischen Titel: „Verpiss dich, Goethe“ zeugt von so viel Ignoranz, dass ich mich dagegen stemmen muss. Wieviele vaterlandstreue AfD-Wähler, die die deutsche Leitkultur in Gefahr sehen, ergötzen sich wohl an dem Dreck?

    2. Lieber Herr Rinke, in diesem Falle glaube ich tatsächlich auch, dass Sie die Wirkung von Film bzw. Titel überschätzen. Andererseits, finde ich Ihren Ärger über diesen zugegebenermaßen ignoranten Titel auch sehr sympathisch. Wie schon Stéphane Hessel in seinem Buch völlig zurecht schrieb: „Empört Euch!“

  3. Manchmal „ist die Lüge freundlicher als die Wahrheit“. Wie wahr! Leider hab ich meine Freundin bisher nicht hundertprozentig von dieser Tatsache überzeugen können. 😂

    1. Ingeborg Bachmann sagte in ihrer Rede vor Kriegsblinden: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Glaube ich nicht. Theodor Storms Arzt belog den Dichter, dass seine Krebs-Diagnose ein Irrtum sei. Storm blühte nochmal auf und schieb sein bekanntestes Werk, den ‚Schimmelreiter‘. Dann starb er.

    2. Zumutbar mag die Wahrheit sein. Den Schimmelreiter gäbe es dann allerdings nicht. Ich glaube es macht unser Menschsein aus, dass wir uns mit der Entscheidung, was zumutbar und was im jeweiligen Moment richtig ist, rumquälen müssen.

    3. Ich hasse nichts mehr als Lügen. Aber es gibt selbstverständlich Ausnahmen, in welchen die Wahrheit einfach zu schwer zu ertragen ist oder unnötiges Leid bringt. Trotzdem…man sollte sehr sehr vorsichtig damit umgehen. Wer leichtfertig lügt, riskiert viel.

    4. Wer leichfertig die Wahrheit sagt, riskiert auch viel. Manchmal ist Schweigen das Sinnvollste, besonders dann, wenn man eigentlich jemandem wütend eine Wahrheit ins Gesicht schleien möchte.

  4. „Alles was ich mir nicht zutraue zu ändern, geht mich nichts an“.
    Zwei Gedanken:
    Wenn die Sache mir wichtig ist, versuche ich jemanden zu finden, der mich beim Ändern unterstützt
    Wenn ich die Sache nicht ändern kann, und sie mir nicht wichtig ist, ist es verlorene Liebesmüh, Energie darin zu investieren.

  5. Ja, da halte ich es auch mit Herrn Rinke: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Zum Beispiel an der Kaffeetafel der Verwandtschaft – wo gern pauschal Politikerschelte verteilt wird, ohne den Dingen mal auf den Grund zu gehen, oder über Nachbars neue „unmögliche …“ Freundin, die nicht hierher passe, gezetert wird. Bis hin zum erfolgreichen Unternehmer von nebenan, der nicht nur ein Haus auf Mallorca besitzt, sondern sich auch noch erdreistet, da zweimal im Jahr hinzufahren – darüber regen sich dann die auf, die von seinen Geschäften guten Lohn kassieren! Und das regt mich dann auf!! An diesen Neiddebatten und dem kleingeistigen Gemecker kann ich mich nicht beteiligen, da muss ich dann auch zeitnah weg, sonst habe ich bald das Gefühl zu ersticken. Ein wahrer Segen sind da umso mehr verbale Begegnungen, die durch ihren intellektuellen Weitwinkel und ihre situative Spontaneität einen ungezwungenen erquickenden Dialog erzeugen – ein wahrer Quell für Geist und Seele.

  6. Nur auf den ersten Blick, liebe Frau Schön. Ich kenne viele Leute, die Bildung genossen haben, mit ihr aber nicht viel anfangen können oder wollen. Bildung ist die Basis für alles – ganz klar. Aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass es vor allem um das Selbstbild geht, also: Wie und wo sehe ich mich im Leben; was ist mein Standpunkt, was meine Devise? Bis hin zu den viel zitierten „Werten‟. Wer sie für sich selbst nie definiert hat, kann sie auch sonst nirgends teilen, vermitteln oder vermissen. Und da lugt auch schon Goethe um die Ecke: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.‟

    1. Bildung dient vor allem auch der Verständigung. Wenn ich mit jemandem über die Adenauer-Zeit sprechen will, ist es lähmend, wenn ich ihm erst Adam und Eva erklären muss. Über Quantenphysik kann ich schlecht mit jemandem plaudern, der das kleine Einmaleins nicht beherrscht. Ein Grund, warum Gleichgebildete oft untereinander bleiben: die ‚intellektuellen Eliten‘, die ‚bildungsfernen My-Country-First-Wähler‘, die bei den bemühten Talkshows sowieso abschalten.

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