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2003
2. Berlin-Reise / 2000

#2.01 | Schiffstaufe

Darf das Schreiben eines Tagebuches doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen, wie es Tage beschreibt? – Ein Tagebuch darf alles! Innere Zustände, äußere Umstände. Wenn für die Ereignisjagd keine Löwen zur Verfügung stehen, dann darf das Tagebuch großspurig aus Mücken Elefanten machen, aber es darf auch, um nicht zu übertreiben, Elefanten zu Mücken herunterspielen. Sogar sich einen oder mehrere Leser wünschen darf es. Es darf lieber Hunderte anstrengen wollen, als einen zu belustigen. Lieber Tausende bewegen als ausschließlich die Schublade beim Zuschieben.

Die Wörter formten sich wie Wachs zwischen meinen Fingern – mühelos. Aber das reicht mir nicht: Dieses Mal habe ich mir vorgenommen, größer aus dem Projekt herauszutreten, als ich mich hineingeduckt habe.

Am 27. Juni 2000 feierte mein Allzeit-Freund Pali ein großes Fest. Er ließ sich feiern, an der Alster bei strömendem Regen: sein siebzigster Geburtstag. Mein Freund Giuseppe war aus Venedig angereist, mein ehemaliger Kollege Bo Aurehl mit seiner Frau aus Stockholm. Am folgenden Tag wollten wir nach Berlin aufbrechen – ich eher ausbrechen. Meine Eltern lebten seit einem Jahr im Parterre meines Kutscherhauses in Hamburg-Othmarschen. Irene war mitgekommen zu Palis Fest. Guntram war zu Hause geblieben. Die Welt war ihm ein fremder Ort geworden. Die eigenen vierundzwanzig Wände zu verlassen, hätte ihn schutzlos gemacht.

Ich habe dieses Tagebuch in drangvoller Zeit für mich geschrieben.
Und für dich.
Also für jeden, der einsam ist.

Zwischen Hamburg und Berlin

Juli 2000
Egonna Amalia Pumpernickel – so fing es wohl an. Ein merkwürdiger, vielleicht sogar idiotischer Anfang und ein idiotischer, aber vielleicht dennoch oder gerade deshalb wenig bemerkenswerter Verlauf.
Die Bedeutungslosigkeit zehrt an mir. Niemand will lesen, was ich schreibe, sage ich mir, vielleicht geht es auch niemanden etwas an. Ich starre durch meine Rechenkästchen hindurch wie durch das Gitter eines Gefängnisfensters und sehe all die Worte, die zu schreiben sich nicht lohnt. Aber dann fischt der Filzstift doch nach ihnen, weil der Angler sich nicht mit Rollmöpsen abfinden mag und immer noch auf einen Hai oder zumindest einen Wal hofft: Zerfleischt werden oder sich im Bauch einrichten – schauderhaft soll es sein oder gemütlich.

Im Zug habe ich schon oft geschrieben, am häufigsten im Zug nach Berlin. Aber dass ich nicht zu Roland1, zum Vergnügen oder beruflich fuhr, sondern zu einer Art vorübergehendem, sterilem Zuhause zurück; mit Vorfreude auf das Heimatgefühl Berlin und erleichtert, Hamburg wieder zu entrinnen, weg von meinen Eltern, weg von meinen unaufgeräumten Zimmern und Schränken, weg von Problemen, die keine Flucht löst – das ist neu, seltsam und traurig. Das ist es auch, was ich mir von den letzten achteinhalb Tagen von Berlin erhoffe: Aufschub bis zur Traurigkeit, die dann unabsehbar lange währen wird; denn seit vorgestern bis auf Weiteres keinen Wein, der mich wehleidig macht, kein Weinen, dessen Tränen wohlig einlullen, sondern die trockne Wüste klaren Verstandes, der sich nichts vormacht. Die Probleme anpacken, die Schränke aufräumen und sich dadurch ein bisschen Selbstgefälligkeit erkaufen: Das ist vernünftig, das strebe ich an. Für ein Ziel mag es noch zu früh sein, aber ein Plan ist notwendig: Was tue ich, wenn …? Im Labyrinth meines Hirns irren Gästelisten von Beerdigungen herum und begegnen ratlos den Fetzen eines Interviews, das nach einer viel beachteten Veröffentlichung noch lange nicht erbeten und gegeben worden ist.

Ich bin allein. Ich habe es mir so ausgesucht. Eigentlich müsste ich, meiner Reservierung nach, im Großraumwagen sitzen und entgegen der Fahrtrichtung reisen. Als ich aber in Altona den mir vorbestimmten Platz sah, weigerte ich mich und zog mich gleich in das Vierer-Abteil mit Tisch und ohne jede Reservierung zurück; so war ich für mich, breitete alles aus, was nach Geschäftigkeit aussehen konnte, schloss die Tür und erreichte – durch meine Vorkehrungen oder weil sowieso niemand hier sitzen wollte –, dass ich auch am Hauptbahnhof für mich blieb.

In der Zeit, als es mir am schlechtesten ging, wirklich sauelend, fühlte ich mich außerstande zu schreiben, aber immerhin imstande, im Liegen zu lesen. Lesen kostet weniger Überwindung als Losschreiben, bietet mehr Abstand, dadurch allerdings auch etwas weniger Ablenkung, und die Befriedigung, etwas geschrieben zu haben, ist bei mir, wenn es eine Wahl gibt, doch größer, als ein Buch mehr oder weniger bereichert zuklappen zu können. So wie Komponieren ja auch schöner ist als im Konzertsaal zu sitzen, und Filmschneiden packender ist als ins Kino zu gehen.

Von Anfang an wurden wir in der Schule angehalten zu zeichnen. Dagegen wurde mir bis zum Abitur niemals die Aufgabe gestellt, ein Orchesterwerk zu komponieren, eine Erzählung zu schreiben oder einen Film zu konzipieren. Aber zeichnen und mit Deckfarbe tuschen, das musste ich die ganze Schulzeit hindurch. Bloß das, was ich nicht konnte, wurde verlangt. Meine Abiturnote in Kunsterziehung setzte sich zusammen aus einer 1 für Kunstgeschichte und einer 3 fürs Pinseln, so bekam ich also eine 2. Meine 1 in Musik konnte ich durch schieres Wissen erwerben, keine Sonate wurde mir abverlangt. Und meine 1 im Abituraufsatz verdanke ich keiner beachtlichen Novelle, sondern meinem Vermögen, Rudolf Alexander Schröders inzwischen vergessenes Gedicht ‚Reisesegen‘ so zu interpretieren, wie es den Juroren gefiel. Das machte dann zumindest die lustlosen Zensuren in Physik und Chemie etwas wett. (Übrigens hatte ich auch Geschichte nicht machen, sondern bloß wissen müssen.)

Als ich in der dritten Klasse war, bekamen wir die Aufgabe, ein Schiffchen zu zeichnen. Es war klar, dass andere mit hübschen Ozeandampfern, wenn nicht gar Fregatten prunken würden, während man meinem Schiff nichts weiter ansehen könnte als seine Seeuntüchtigkeit. So ließ ich mit zwei entschlossenen Strichen nur einen Riesenbug in das weiße Blatt hereinragen und schrieb mit großen Lettern den Namen, auf den ich das Modell getauft hatte, quer über die Seite: ‚Egonna Amalia Pumpernickel‘. ‚Egonna‘ war meine allererste Kreation. Wenn es ‚Paula‘, ‚Karla‘ und ‚Johanna‘ gab, warum sollte es dann nicht auch ‚Egonna‘ geben?
Alle meine Mitschüler wollten das Schiff sehen und lachten, meine Klassenlehrerin nicht so, ich galt ihr als albern, wenn auch begabt. Seither habe ich immer versucht, alles etwas anders zu machen als erwartet, sodass von mir bald schon erwartet wurde, dass ich es anders machen würde. Meine Eltern hätten es allerdings wohl lieber gesehen, wenn ich mit den Rollschuhen gelaufen wäre, statt in ihnen meine Stofftiere spazieren zu fahren, oder dass ich die Osterhasen gegessen hätte, statt sie in die Besetzung meines Kasperle-Theaters einzugliedern; besonders meinem Vater hätte es bestimmt gefallen, wenn ich etwas normaler gewesen wäre – na ja, Pech.

Mein Drang nach Überraschungen kam zunächst sicher etwas unerwartet für meine Umgebung, aber ich tröste mich: Plötzliches ist doch unterhaltsamer als Vorhersehbares. Vielleicht braucht man gar nicht zu unterhalten, aber langweilen soll man auch nicht. Also, was denn nun? – Nur bisher Ungesagtes sagen, aber nicht um des Effektes willen, sondern der Wahrheit zuliebe, die so neu oder so unentdeckt ist, dass sie noch nicht ausgesprochen, komponiert oder verfilmt wurde. Unter diesem Gesichtspunkt müsste mein Berlin-Bericht erfrischend kurz werden, wenn nicht – obwohl die Frohnatur fehlt – die Lust am Fabulieren so groß wäre! Im Gegenteil: Der düsteren Natur entspringt, anders als bei Goethe, die ‚Lust am Fabulieren‘ – Sog der Sätze. Und dann lege ich eben los: ewig mutwillig bis zur Berechenbarkeit.

Who is who (Akkordeon)

1 – Roland

[ˈʁoːlant]

Roland lernte ich 1975 in Berlin kennen und lebte von 1976 bis zu seinem Tod 1991 in Hamburg mit ihm zusammen.

Haupttitelgrafik mit Material von: Marcus Lenk/Unsplash (Häuser, hinten mittig und links), C Dustin/Unsplash (Wolke) und Shutterstock: ANDRIY B (Buch), Jan Martin Will (Baum), Wondervisuals (Haus, hinten links), Anibal Trejo (Fernsehturm), gomolach (Kerzenflamme), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor) | Titelgrafik mit Material von Shutterstock: pandapaw (Elefant) pics five (Papierstapel), Volodymyr Krasyuk (Glocke), Ammak (Mücke), Pakhnyushchy (Kugelschreiber), trabantos (Skyline Stadt)

Hanno Rinke Rundbrief

39 Kommentare zu “#2.01 | Schiffstaufe

  1. Ich musste während meiner Schulzeit sogar eine kurze Erzählung schreiben. Zum Glück habe ich die nie wiedergefunden. Ein großer Schreiber bin ich wohl nicht.

      1. Ich dachte eigentlich auch, dass die Erzählung in der Sekundarstufe I einen ziemlich großen Fokus erhält. Das ist doch wirklich eine der grundlegenden Aufsatzformen.

  2. Das ist eine gute Frage, ob man unterhalten muss. Grundsätzlich müssen die Menschen sicher unterhalten werden. Ich würde also sagen, man muss das selbst in die Hand nehmen, wenn es nicht schon von allein passiert.

      1. Es gibt auch in der Normalität viel Lustiges und Aufregendes zu erzählen. Man muss doch selbst gar nicht immer besonders sein um etwas Besonderes zu erleben.

      2. ‚Normal‘ ist ja nicht gleich ’normal‘: Für die einen ist es der gewünschte Zustand, für die anderen klingt es abschreckend. Sinnvoll angepasst oder ereignislos langweilig? Das entscheiden Charakter und Erziehung.

      3. Vor allem ist was für den einen unnormal ist für den anderen völlig normal. Man kann da gar nicht so richtig generalisieren.

      4. Doch, man muss. Sonst lebt man normenlos, das wäre unnormal. Normalerweise stehen die Deutschen alltags zwischen 6 und 8 Uhr auf und essen kein Menschenfleisch zum Frühstück. Ich stehe um 10 Uhr auf und frückstücke gar nicht. Das ist nicht normal.

      1. Und großzügig. Schließlich ist „für jeden, der einsam ist“ nochmal etwas anderes als nur für sich selbst zu schreiben. Danke dafür.

  3. Man darf sich doch beim Schreiben bestimmt auch gar keine Gedanken machen, ob es später jemand lesen will, oder? Was geschrieben werden muss, muss eben geschrieben werden.

    1. Na der Blog ist ja das beste Beispiel, dass solche Texte sehr wohl gelesen werden. Egal, ob man sie zu Beginn vielleicht für sich selbst schreibt.

      1. Die meisten Rinke-Texte machen ehrlich gesagt nicht den Eindruck, dass sie nur für die Schublade geschrieben wären. Im Gegenteil.

    1. Über diese Geschichte musste ich herzlich lachen. Ein extra Sternchen hätten Sie von mir bekommen. Man merkt ja sofort, dass man es mit einem Schüler zu tun hat, der es mal zu etwas bringen wird.

      1. Ich war sowieso der Liebling meiner Lehrerinnen in Berlin und Hamburg. Aber als ich aufs Gymnasium kam, hatte ich es schwer bei den Nazi-Paukern. Erst in der Oberstufe mit den jüngeren Lehrern wurde es wieder gut.

      2. Eigentlich doch interessant, wie sehr die Noten von den jeweiligen Lehrern abhingen. Ich erinnere mich, dass ich im Geographiekurs gleich um 2,5 Noten nach oben geschnellt bin, als der Lehrer gewechselt wurde.

      3. Das scheint ein Klassiker zu sein. Bestenfalls liegt das an unterschiedlichen Gewichtungen. Schlimmstenfalls an der persönlichen Abneigung.

      4. Es scheint mir von den Biographien her, dass unter den Schul- und Studienabbrechern besonders viele erfolgreiche Entrepreneure sind. Täuscht das?

  4. Vorgetäuschte Geschäftigkeit oder ein kurzes Nickerchen sind immer noch die besten Methoden um die Plätze neben einem möglichst lange freizuhalten.

  5. Den Drang nach Überraschungen kann ich verstehen. Überraschungen sind ja gerade immer dann super, wenn man eh offen und in der Stimmung für sie ist.

      1. Oh wie interessant. Ich hätte es genau anders herum gesagt. Bei Schlimmem bereite ich mich gerne so gut es geht vor, aber schöne Überraschungen nehme ich gerne hin. Bei bösen bin ich oft überrumpelt und überfordert.

    1. Im besten Fall sind Tagebücher wahr, aber ohne Frage bleiben sie immer subjektiv. Sie geben ja von Natur aus nur eine Sichtweise wieder. Oft gibt es da ja mehrere ‚Wahrheiten‘.

      1. Mir fallen spontan die Warhol-Tagebücher ein. Da gab es gerade eine interessante Dokumentation auf Netflix. Und dort scheint das Selbstbildnis auch nicht immer unbedingt mit den Erinnerungen der restlichen Beteiligten übereinzustimmen.

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