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2. Berlin-Reise / 2000

#2.49 | Zoo

Donnerstag, 28. Juli

Ungeküsst wie immer verließ ich das Haus, aber nicht, um mich von irgendeiner dahergelaufenen Muse bezirzen zu lassen oder dem ‚Schweigen der Sirenen‘ zu lauschen, sondern um richtigen, waschechten Imperialismus zu erleben, nicht so ein bisschen vom Staatsministerium für Sicherheit hochgealbertes Remmidemmi des Klassenfeindes jenseits des imperialistischen Schutzwalls, nee, so richtig was aus der Zeit, als Lebensmittelgeschäfte noch nicht ‚Supermarkt‘ hießen, sondern ‚Kolonialwarenhandel‘. Go West!

Alles, was ich meine, wird durch das Eingangstor des Zoologischen Gartens sinnfällig repräsentiert. Pomp and Circumstance. Menagerien, Zwinger, Pagoden mit exotischen Lebewesen, zumeist Tieren. Säulengezierte Pavillons, ein viktorianisches Tivoli, in dem beim Kreischen der Papageien Lawrence von Arabien Whisky trinkt, Lady Curzon Schildkrötensuppe isst und Gandhi hungert. Das vermutet man hinter diesem Elefanten-Portal, das zu dem 1841 angelegten, artenreichsten Zoo der Welt führt (13 826 Tiere). Die Berliner mögen sich über die Architektur erregen wie die Wiener über die Oper – die Touristen hier sind ausgesprochen tierlieb. Geduldlos stand ich genau da, wo ich nicht stehen wollte: in der Schlange. Direkt vor mir warteten zwei Schwarze, und so sehr ich mir auch einzureden versuchte, dass sie aus New Jersey kämen – ich fand es doch unfair von ihnen, sich zwischen mich und die madagassischen Fettschwanzmakis zu drängen. Auch das Bürstenschwanz-Rattenkänguru, die Kurzohr-Elefantenspitzmaus, das Neunbinden-Gürteltier und der Sulawesi-Nacktrückenflughund mussten ihretwegen länger auch mich warten.
Der wirkliche Schock kam aber erst jenseits der Kasse. Hinter dem Kolonialstil-Tor hatte ich törichterweise Kolonialstil erwartet. Stattdessen war es, als ginge man durch das Brandenburger Tor nach Halle. Mehrzweckhallen, von außen gleich. Nur die Hinweisschilder an der Tür halfen: Draußen las man ‚Alpenmurmeltier‘, drinnen schlief was in der Ecke. Da der Himmel bewölkt war, mit einzelnen Aufheiterungen, hatte das Personal die meisten Lebewesen ins durch Gräben und Gitter begrenzte Freie getrieben, sodass es in den Häusern nicht viel mehr als unmenschlich strenge Gerüche zu bestaunen gab. Die Freigehege rochen besser und boten den Tieren Gelegenheit, sich unsichtbar zu machen. Immer wenn ein Sonnenstrahl durchs Bewölk huschte, ließ ich davon ab, Weißschwanz-Stachelschweine und Breitmaulnashörner hinter Kunstfelsen erspähen zu wollen, mich lieber auf einer Bank nieder und entspannte meine geschlossenen Augen der Sonne entgegen. Dann sah ich mir das, was ich in Natur nicht haben konnte, wie ich es vom Sexuellen her gewohnt bin, in der Broschüre abgedruckt an und ging zufrieden weiter.
Die poesielosen Betonklötze zwischen den Bäumen und Gewächsen verstimmten mich mehr und mehr, auch wenn in ihnen Ringelschwanz- und Schmalstreifenmungos zu meiner Erbauung gefangen gehalten wurden. Die meisten Tiere, die man mit dem Auge erhaschen konnte, waren dem Betrachter abgewandt und wirkten schwer verhaltensgestört. Das Nashorn schabte manisch unaufhörlich am selben Gitterstab, mit seinem Nashorn natürlich. Viele Tiere vollführten dauernd dieselbe Bewegung. Die Raubtiere wirkten unwillig bis gelangweilt. Nur der Jaguar war einfach toll. So ein hinreißender Anblick: wild, schön, undurchschaubar.
Beim König der Tiere machte ein Schild auf eine andere Attraktion aufmerksam: ‚Vorsicht! Der Löwe spritzt Urin durchs Gitter.‘ Ich hatte aber nicht die Zeit, lange darauf zu warten, sondern ergötzte mich an den Irreführungen: winzige, niedliche, hochgefährliche Raubtiere und riesige, bedrohlich scheinende, harmlose Vegetarier. Da nahm ich so etwas wie Tatort-Dramaturgie wahr.
Die Affen kraulten sich nachdenklich und sahen ihre Betrachter dabei unverhohlen an. Ich fand das ungezogen.
So wie ein leeres Lachen die Wirkung eines ebenmäßigen Gesichts zerstören kann, so machen ein paar Watschelschritte die lächerliche Erhabenheit von Schwan und Pinguin zunichte. Wie man sich fortbewegt – geschmeidig-lasziv, plump-entschlossen –, das erklärt vieles, aber wie man lacht und über was, das entblößt vollständig. Lachen ist klüger und dümmer, als es Sätze sind. Das bestimmt auch den Umgang: Sag mir, mit wem du lachst, und ich sage dir, wer du bist – zum Beispiel eine Tüpfelhyäne, kein ausschließlicher Aasfresser also. Im Verband (aber keinem wie an meinem linken Fuß) kann das gesellige Tier auch Gnus und Zebras erbeuten.
Von 13 826 Tieren sind bestimmt 7 943 Vögel. Das Vogelhaus ist vielleicht nicht der hässlichste, aber sicher der größte Bau. Auch außerhalb des Zoos trifft man ja allenthalben auf Spatzen und Tauben. Hier findet man nun Gelegenheit, Rotbrust-Samenknacker und Rotschnabel-Madenhacker kennenzulernen. Bis zum Gelbbürzel-Stirnvogel war ich noch gutwillig. Beim Blaugenick-Sperlingspapageichen mochte ich schon nicht mehr so richtig, und bei der Berliner Langlatschigen Elster war dann endgültig Schluss. Bis zum Ostfriesischen Zwerg-Möwen-Huhn schlug ich mich nicht mehr durch, sondern strebte auf den Ausgang zu. Schon von Ferne sah ich den einzigen gefälligen Pavillon: exotisch orientalisch. Er erwies sich beim Näherkommen als die Fastfood-Ausgabe von 1001 Tropen-Nacht – statt Indiana Jones im Tempel des Todes gab es Suleika Schulze mit der Fünf-Minuten-Terrine. Keine Palmenwedel und erst recht keine Sklaven: Der mündige Bürger bedient sich selbst. – Ich war schon bedient und verließ den Anschauungsunterricht bereichert.

Neben den 13 826 aufgelisteten Tieren gibt es bestimmt noch genügend, um die Zahl auf 20 000 zu ergänzen: Ameisen. Sind Ameisenkinder niedlich? Nilpferde sind schon ganz jung hässlich. Ich habe mit irritiertem Interesse einen langen Artikel über diese mir völlig gleichgültigen Insekten gelesen. Es fällt schwer, die soziologischen Aspekte ihres Staates nicht gleichnishaft zu sehen, hier im neuen Zentrum eines neuen Staates.
Im Ameisenstaat legt eine einzige Königin alle Eier. Weitaus die meisten ihrer Töchter wachsen als Arbeiterinnen heran und produzieren selbst keine Nachkommen; sie opfern sich für die Aufzucht ihrer fruchtbaren Schwestern. Im Laufe ihrer Evolution haben sie die Hierarchie aufgegeben. Irgendwann ordneten sie zum Eierlegen eine Königin ab, die nur so heißt (bei den Biologen), aber weiter nichts zu melden hat. Verzwickte Rangordnungen lösten sich auf zu einer Gleichheit, die instinktprogrammiert dem Gemeinwohl dient. Die Ameisen beweisen, dass Netzwerke wesentlich effizienter sind. Für die eigenen Brüder hat die Schwesternschaft der Arbeiterinnen allerdings wenig übrig. Rollkommandos von Arbeiterinnen stürmen die Brutkammern und töten die männlichen Larven. Die Kadaver werden, weil es zu schade um das gute Eiweiß wäre, an die weibliche Brut verfüttert.
Nachträglich noch genieße ich jedes Stöckchen, mit dem ich als Junge im Wald Ameisenhügel zerstörte. Diese gemeinen, grauen, herzlosen Bestien, die die wunderschönen Ameisenprinzen meucheln, denen hab’ ich es aber gezeigt! Diese KZ-Aufseherinnen in ihrer verbohrten Emsigkeit und die herrlich nichtsnutzigen Ameiseriche, die der unmenschlichen Staatsräson ihrer Schwestern zum Opfer fallen. Meine Sympathien gehören den Schwachen (jedenfalls in dieser Konstellation hier), und so fiel ich in den Berliner Haufen mit seinen wimmelnden Naziweibern rächend ein wie amerikanische Bomber: der Spandauer Forst als erster Schauplatz meiner kreativen Umgestaltung, bevor ich Rollschuhe als Transportmittel für Stofftiere und Schokoladenhasen als Mitglieder meiner Schauspieltruppe einsetzte; der Stock als Vorläufer des Stifts, der zu seiner, meiner, ersten eigenständigen Tat nicht Wörter zu Sätzen aneinanderreihte, sondern einer hingekritzelten Fregatte ihren Namen gab.
Ich habe übrigens noch einen Verbündeten: Atemeles. Klingt das nicht etwas nach ‚Herostratos‘? Aber das führt in die Irre: Herostratos will Ruhm, Atemeles seine Ruhe. Er ist ein Käfer, und es ist ihm gelungen, den chemischen Code der Drüsensekrete zu knacken, mit denen Ameisen sich verständigen. Die Ameisen tragen den Parasiten wie unter Drogen in den Hochsicherheitstrakt ihres Baus. Dort genießt der Käfer fortan den Komfort eines Pflegeheims. Er lässt sich von den Ameisen putzen und verzehrt zwischendurch ihre Larven. Die Ameisen sind dem Käfer ausgeliefert. Wenn die Kolonie dennoch nicht zusammenbricht, dann nur, weil die Mafiosi selbst dafür sorgen, dass ihre Lebensgrundlage erhalten bleibt: Sobald die Käfer überhandnehmen, fressen sie sich gegenseitig auf.

Auf der Nürnberger Straße fuhr ein Möbelwagen an mir vorbei: Lammfromm & Vogel. Damit hatte ich dann genug vom Animalischen und kehrte zurück zu den Menschen – ins KaDeWe. Dort, in der berühmten Lebensmitteletage, hoffte ich, dass es mir besser ergehen würde als vorige Woche bei Lafayette und dass man hier Kanapees für etwas Essbares hält und nicht wie bei Lammfromm & Vogel für eine Chaiselongue ohne Kopflehne.
Um siebzehn Uhr wollten Uwe und Thommy mich besuchen kommen. Ich hatte schon angedeutet, dass ich sehr viele Änderungsvorschläge haben würde, aber ich wollte ihnen als Ausgleich wohlgestaltetere Häppchen bieten als vor einer Woche meinen Verwandten. Ich war etwas knapp an Zeit, die Tierwelt hatte mich länger in ihrem Bann gehalten als geplant, und so traf es sich gut, dass ich in diesem Breitwandangebot fast alles auf Anhieb fand: Cracker, Petits Fours, Lachs, roten Kaviar – bloß Dill nicht. Ich stemmte mich durch den Irrgarten der Lüste, trieb schuldunbewusst an Vitrinen mit Känguru- und Straußenfleisch vorbei, umschiffte Stände mit trägen Trinkern und stieß endlich zu den Kräutern. Zehn Minuten anstehen. Mein Vorsprung war hin. Was würden meine Gäste an mir wohl am meisten schätzen: einen Zweig Dill neben dem Lachs, frisch gewaschene, noch leicht feuchte Haare oder wenn ich schon da wäre, wenn sie klingelten?

Alle Zahlenangaben vom Jahr 2000 | Titelbild mit Material von Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France/Wikimedia Commons (Ausschnitt), CC BY 2.0

24 Kommentare zu “#2.49 | Zoo

  1. Ist der Berliner Zoo wirklich der artenreichste Zoo der Welt? Da sieht man mal wie wenig ich mich bisher für diesen Ort interessiert habe.

    1. Schwer verhaltensgestört klingt logisch. Was will man von diesen eingesperrten Tieren auch anderes erwarten.

      1. Man kann aber doch auch nicht alle Zoos über einen Kamm scheren. Es muss doch auch Institutionen geben, die vernünftig mit ihren Tieren umgehen. Schließlich gibt es doch viele bedrohte Arten, die unseren Schutz brauchen.

      2. Ich weiß, ich weiß. Man sollte die Tiere freilassen und die Menschen einsperren. Wird in zwanzig Jahren unter chinesischer Herrschaft ja vielleicht gelingen.

      3. Wobei der Tierschutz in China ja bisher keinen so großen Stellenwert hat. Ob der Klimawandel aufzuhalten wäre wenn man einfach alle, Menschen und Tiere, einsperrt ist übrigens auch nicht gesichert.

    1. Da hilft nur nach Angebot einzukaufen und die Pläne über den Haufen zu werfen. Dann müssen sich die Gäste eben einfach über Strauß freuen.

  2. Früher hatte ich immer eine Jahreskarte für den Zoo, aber mittlerweile habe ich meine Meinung auch geändert. Eingesperrte Tiere passen einfach nicht mehr in die Zeit.

    1. Für Kinder ist das immer noch eine tolle Sache. Die Zoos sind ja nun mal da, dann sollte man sie auch nutzen.

      1. Na genauso wenig wie eine Hauskatze in den Zoo gehört, gehört dort ein Tiger hin. Schlechter geht ja immer.

      2. Ja da kann man schlecht gegen argumentieren. Aber trotzdem glaube ich, dass man sich in den Zoos gut um die Tiere kümmert. Viele sind dort aufgewachsen und wären in der Wildnis völlig verloren.

  3. Über diesen Atemeles pubicollis musste ich gleich noch mehr lesen. Das ist ja wirklich unglaublich, was es in der Natur alles gibt.

      1. Tja, wenn jemand wirklich auf Dauer damit durchkommt sich durchfüttern und versorgen zu lassen, dann spricht das entweder für die Findigkeit des Parasiten oder die Dummheit der Anderen.

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