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2. Berlin-Reise / 2000

#2.05 (B) | Spree/Havel – alles unter einem Hut

Na, nun war’n wir schon mal in der Friedrichstraße, nun konnten wir auch gleich den Bezirk Mitte abhaken. Die Friedrichstraße ist ja eine etwas längere Verkehrsader. Das Problem ist eigentlich nur der dem ‚Palast‘ recht nahe Bahnhof. Er ist als Christo-Nachwehe eingehüllt und ansonsten Baugrube. Man kommt schon irgendwie „Unter die Linden“, aber – es muss an der Optik und am Untergrund liegen – man hat eher das Gefühl, schwimmend als laufend.
Auf diesem Weg geschah übrigens die erste Unbotmäßigkeit. Bo hatte drei-, viermal behutsam gesagt: „Vielleicht können wir etwas t-r-inken“, mit diesem weichen ‚R‘. Und ich hatte immer geantwortet: „Ja, da drüben sind viele Cafés.“ Ich hatte die Friedrichstraße jenseits der ‚Linden‘ ein bisschen dargestellt wie den Unterschied zwischen Ostberlin und Westberlin, und das stimmt ja auch. Plötzlich, ich war gerade mal elf Schritte voraus, hatte Bo an einem Kiosk, der da rumstand wie die Kapelle der Erwartung auf einer Müllhalde, zwei Dosen Soda-Wasser gekauft. Noch vor ein paar Jahren hätte ich die Reise abgebrochen, aber ich bin ja so lasch geworden.
Als wir ‚Unter den Linden‘ auf dem Mittelstreifen waren, sagte ich zu Ingrid: „There to the right is the Brandenburg Gate.“ – „Aaaa“, machte sie, und es wäre jetzt unfair, wieder mit ‚Hase – Jäger – Feld‘ anzufangen. Das Tor war zwischen den Bäumen wirklich nicht zu sehen. Dafür sahen Bo und sie das Grandhotel, das ehemalige Büro meines Vaters, den Gendarmenmarkt mit Schauspielhaus, Französischen und Deutschen Dom, Lafayette, die Leipziger Straße, den Potsdamer Platz, die Wilhelmstraße, das ‚Adlon‘ und dann doch das Brandenburger Tor. Zwischendurch hatte ich bei ‚Borchardt‘ einen Tisch für Sonnabendabend reservieren wollen, aber nur einen für Sonntag bekommen. ‚Man muss ja flexibel bleiben‘, versuchte ich den herben Schicksalsschlag kleinzudenken, und diese Anstrengung war es wohl auch, die mich bewog, Bo und Ingrid nicht die Straße des 17. Juni und den Kaiserdamm entlangzuhetzen, sondern ein Taxi zum Schloss Charlottenburg vorzuschlagen, denn erstens dürfen Taxis durch das Brandenburger Tor richtig durchfahren, und zweitens blieb wegen der großen Entfernung dem Fahrer ein wenig Geld übrig, um anschließend den Kindern Medizin zu kaufen. Bedenklich nur, dass diese Summe nicht von unserer 7-Tage-Karte abging. Würde ich an meinem letzten Tag in Berlin zwanzigmal zwischen Charlottenburg und Westkreuz hin und her fahren müssen?

Das Charlottenburger Schloss erinnerte Bo und Ingrid an Drømersholm … oder so, wie sie übereinstimmend feststellten, was den Ausflug für mich etwas überflüssig aussehen ließ. Gekränkt zwang ich sie, den Schlossgarten bis zum Anschlag zu durchmessen, von dort ist es auch nicht mehr weit bis zum Flughafen Tegel. Dann gingen wir an der Spree entlang, auch für mich ein Novum, unter leuchtenden Weiden, eine unbeschwerte Promenade, grüner Abstand zu den Mietshäusern, träge Kähne auf dem Wasser, Amseln und ferne Busse: Mai. Dann mussten wir ein Stück Weg, nicht länger als die Gelsenkirchener Hauptstraße, durch eine Straße gehen, die aussah wie die Gelsenkirchener Hauptstraße, und schon waren wir am U-Bahnhof Bismarckstraße. Nach nur einmaligem Umsteigen erreichten wir den Theodor-Heuss-Platz. Ich verwies darauf, dass ich in der angrenzenden Reichsstraße die ersten beiden Jahre meines Lebens zugebracht haben soll, und drängte Bo und Ingrid in einen Bus, dessen Fahrer behauptet hatte, er führe zum ‚Schildhorn‘, dort hatte ich nämlich einen Tisch bestellt.
Wir fuhren die Heerstraße entlang, ich beschrieb, wo man das Olympiastadion nicht sah, aber als Pichelsdorf schon so lange vorbei war, dass ich mich gleich in Nauen wähnte, fragte ich doch noch mal beim Fahrer nach. „Da hätten Sie vorhin umsteigen müssen“, antwortete er hilfsbereit.
Wir verließen den Bus an der nächsten Station und fuhren auf der gegenüberliegenden Seite kilometerweit zurück. Am Dienstag würde ich zur Amortisation der Wochenkarte höchstens noch neunzehnmal zwischen Charlottenburg und Westkreuz hin und her fahren müssen.
An der Stößenseebrücke stiegen wir auf Geheiß des neuen Fahrers aus. Der Bus zum ‚Schildhorn‘ fährt nur alle Stunde, aber zu Fuß schaffe man es auch in ungefähr zwanzig Minuten, hatte er uns wissen lassen.
Nun machten wir einen wunderschönen Spaziergang an der Havel entlang. Die Sonne sank hinter den Kiefern jenseits des Ufers, ein paar Segelboote kündeten von menschlichem Leben, das hier zu anderer Zeit stattfinden mochte. Wir liefen auf märkischem Sandboden durch leicht hügelige Landschaft. Ein rüstiger Jogger begegnete uns irgendwann in der Dämmerung. Beherzt sprach ich ihn an. „‚Schildhorn‘? Ungefähr noch eine halbe Stunde, aber nicht mehr.“
Ein einsamer Junge saß vor einem verwaisten Bootshaus an einem Zaun, es dämmerte schon empfindlich. „‚Schildhorn‘? Oh, das ist weit.“
Dann nur noch spiegelndes Wasser, hohe Stämme, der würzige Geruch der Nacht und das ein wenig unpassende Schlaflied der Vögel. Weltferner bin ich mir wohl nie vorgekommen. Ich dachte an Mörike und Fontane und zwang mich, Munteres zu stammeln. Ingrid verstand sicher: Der Hase fällt über den Jäger. Aber – nach vierzig Minuten, so ungefähr, war ich doch da, und nicht allzu viel später kamen auch Bo und Ingrid, die mich am Winken vor dem Wirtshausfenster erkannten.
Bo verschwand, also, ich will nicht übertreiben, für fünfzehn Minuten auf die Toilette, dafür hätte die Monroe mindestens vierzigmal geklont sein müssen, um das zu kaschieren. Ich bin sicher, er hat dabei mindestens drei Rollen Klopapier verbraucht. Währenddessen genossen Ingrid und ich den Blick auf das dunkle Wasser, und ich beschrieb ihr auf Englisch, wie es hier bei Tag aussieht. Wir aßen Spargel und tranken Wein, es war ein richtig schöner Ausflug in hohe, helle Räume, umgeben von Finsternis. Nebenan lachte eine Hochzeit, die Kellner hatten schwarze Fliegen, alle Gäste waren feierlich gestimmt und mit dem eigenen Auto gekommen – außer uns. In dieser Umgebung erschien mir mein Wunsch nach einem Taxi wie die Frage nach Lindenblütentee in einem Wildwest-Saloon. Aber – kein Problem: „Fünf Minuten.“ Als wir nach viereinhalb auf den Vorplatz traten, brauste gerade ein Wagen ab, und ich hatte das bekommene Gefühl: Das war unser Taxi. Doch nein, ein paar bange Minuten später leuchtete es heimelig durch den Wald und eine halbe Stunde drauf saßen wir draußen am Kempi-Eck. Kaum, dass wir Platz genommen und eine Erfrischung bestellt hatten, baute sich jemand mit Synthesizer vor uns auf und gab mit ungelenken Fingern Beatles-Songs zum Besten. Das enthob mich der Konversation, und nachdem ich unter dem Vorwand, pinkeln zu müssen, etwas Durchfall ins Kempinski-Klobecken geschüttet hatte, konnten wir schweigend Großstadtlärm genießen. Ingrid und Bo saßen über ihre Cappuccini, ich nippte am Wein, am Kurfürstendamm und am Leben. Für die Beendigung der Beatles-Belästigung mussten wir zahlen. Ich sah in mein Portemonnaie und fand bloß ein Fünf-Mark-Stück. ‚Gib es gern!‘, zwang ich mich verbissen, ‚sonst zählt es womöglich gar nicht.‘
Freitag Abend in Berlin: Kneipen – ‚Knolle‘ – ‚Knast‘.
Von wegen Heia! Mein Zimmer hatte ein schmales Bett, eine breite Badewanne und einen winzigen Balkon zum Garten hin. Alles in Ordnung. Also zog ich mir die Gesundheitsstrümpfe aus und stellte fest, dass ich mir die Zehen gerade an dem Fuß blutig gelaufen hatte, der nicht taub ist. In der vorigen Nacht hatte ich überwiegend wachgelegen und die Reise absagen müssen. In dieser konnte ich schlafen: Auslauf, Entspannung, Magnesium von Bo.

Titelgrafik mit Material von Shutterstock: Nerza (Tee-Ei), LiliGraphie (Lindenbaum), Philip Lange (Saloon), Marti Bug Catcher (Brandenburger Tor), benedek (Schloss), by-studio (Umleitungsschild)

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “#2.05 (B) | Spree/Havel – alles unter einem Hut

    1. So gibt es immerhin etwas zu erzählen. Dieser Irrweg zum Schildhorn kommt mir aber auch bekannt vor. Also natürlich nicht genau dieser Weg und auch nicht dieses Restaurant. Aber die Begebenheit an sich…

      1. Man darf eben nie Leuten vertrauen, die man auf der Straße nach dem Weg fragt 😂

  1. Schmale Hotelbetten sind ja ein Graus. Dabei kommt man sich dann immer vor als wäre man wieder 12 und auf einem Klassenausflug.

    1. Solange die Matratze ok ist, kann ich eigentlich überall schlafen. Da macht mir auch ein schmales Bett nichts aus.

      1. Da hilft es dann nur wenn man sich in die Bettdecke einwickelt wie eine Mumie. Ist allerdings auch nicht die bequemste Art zu schlafen. LOL

      2. Oh gegen Moskitos hilft das dann ja gleich mit. Gut eingemummelt lässt wenig Platz für nackte Haut und lästige Stiche. Den Nachtschweiß muss man dabei halt einfach ignorieren.

  2. Laut Wikipedia galt das Wirtshaus Schildhorn in den 1880er Jahren als Lieblingsziel der Berliner Sonntagsausflügler. Vielleicht war ich deshalb noch nie dort.

      1. Da bin ich zwar überfragt. Ich bin nur einmal dort gewesen. Wenn ich mich recht erinnere war der Service ziemlich schlecht. Aber hübsch war es ohne Frage.

      2. Mittlerweile wird ja tatsächlich sehr um Bewertungen auf Google und Foursquare gebuhlt. Ich bin ja ehrlich gesagt nie sicher, wie vertrauenswürdig diese Rezensionen sind.

      3. Ich lese vor allem die schlechten Kritiken. Werden zu kleine Portionen bemängelt, weiß ich, dass das Lokal richtig ist für mich.

  3. Mir fällt wieder einmal auf, wie viele der touristischen Orte ich noch nicht so richtig besucht habe. Ich muss dafür Sorgen, dass ich mal wieder Besuch bekomme. Dann lohnt sich das wenigstens.

    1. In Berlin? Unter den Linden, über die Friedrichstraße und am Brandenburger Tor läuft man doch auch als Einheimischer öfters entlang.

      1. Wer in Neukölln lebt spaziert vielleicht nicht unbedingt Unter den Linden entlang. Aber ich kenne das Phänomen auch. In meiner Stadt gibt es auch ein paar Sehenswürdigkeiten, die ich dringend mal erkunden sollte.

  4. Straßenmusiker auf Restaurantterrassen und musikalische Live-Unterhaltung im Speisesaal … beides ist in den meisten Fällen doch eher nervig als erwünscht. Selbst die traditionelle Musikkapelle für Touristen im Ausland sammelt ihre Münzen meistens dafür, dass sie aufhört zu spielen und die Gäste in Ruhe essen lässt. Nicht?

    1. Ich hab schon Reisegruppen gesehen, die sich prächtig amüsiert und die Unterhaltung sehr genossen haben. Bei Straßenmusikern kommt das zugegebener Maßen seltener vor.

  5. Was ist denn eigentlich mit der Knolle passiert? Die gibt es doch auch schon lange nicht mehr, oder irre ich mich?

    1. Die ‚Knolle‘ war mein Vorbild für ‚Beezebub und der Teufel‘. Wenn Sie sich da zu Kapitel #13 ‚Es geht los‘ bemühen, werden Sie bis zum Ende der Erzählung hinreichend aufgeklärt.

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