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2. Berlin-Reise / 2000

#2.05 (C) | Empfehlung und eigene Entscheidung

Berlin war frühlingshaft warm und licht, zumindest von meinem Austritt aus, Bo und Ingrid kamen fünf Minuten verspätet zum Frühstück, diese Zeit würde jetzt vom gemütlichen Ku’damm-Bummel abgehen. Ich aß entgegen meiner Frühstücksabstinenz Rührei mit Bacon, um den Zimmerpreis ein bisschen abzuwohnen, und bewunderte den Tee, der nicht im Beutel kam, und die Kiwi-Stachelbeer-Konfitüre.
Wir gingen zum Tauentzien und ins KaDeWe. Für Einkäufe von Souvenirs, für die ich sowieso nichts übrig habe, blieb keine Zeit. Das wollten die beiden an ihrem freien Vormittag, den ich ihnen Montag gestattet hatte, machen. Dafür hetzte ich sie eine halbe Stunde durch die Lebensmittelabteilung, wobei ich mich darauf verließ, dass sie im Getümmel nicht merkten, dass wir alle acht Minuten wieder an derselben Stelle vorbeikamen.
Während sie zuvor noch Verrichtungen (vermutlich sanitärer Natur) auf ihrem Hotelzimmer durchgeführt hatten, hatte ich die Zeit genutzt, Dorothee anzurufen.
„Ins ‚Borchardt‘? Ach, das ist ja so schlecht geworden! Klaus Geitel geht da nicht mehr hin. Außerdem: so laut, so laut. Das ‚Four Seasons‘ ist gleich nebenan und das ist viel besser.“
Ich wog den Nachteil, vom Musikkritiker Klaus Geitel verachtet zu werden, gegen den Vorteil ab, das allgemeine Stimmengewirr als Ausrede zu nutzen, um mit Ingrid keine schwedische Unterhaltung zu führen, kam aber zu keinem rechten Ergebnis, außer dem, für den heutigen Abend einen Tisch im ‚Four Seasons‘ zu bestellen, denn heute war ‚Borchardt‘ ja sowieso ausverkauft.
Über den Wittenbergplatz erreichten wir die Budapester Straße, nachdem Ingrid und Bo das turbulente Selbstbedienungsrestaurant im sechsten Stock des KaDeWe bewundert hatten. Wenn ich da essen sollte, würde ich gleich während der Mahlzeit Magengeschwüre kriegen. Ich freute mich schon auf die von Dorothee geschilderte ruhige Einkehr im ‚Four Seasons‘, das allerdings wegen der sakralen Stille dort mein mangelndes Schwedisch blamabel offenbaren würde.
Ich wies auf die Eingänge zu Zoo und Aquarium hin, das ‚Interconti‘ mussten sie sich nicht angucken, das war für morgen vorgesehen. Über einen kleinen Schlenker kamen wir zur Kurfürstenstraße.
„Jetzt brauchen wir nur noch ungefähr eine Viertelstunde geradeaus zu gehen“, erklärte ich. Entweder war Bo nach den ‚Schildhorn‘-Erfahrungen misstrauisch geworden oder in schlechter Verfassung, jedenfalls sagte er: „Vielleicht kann man ein Taxi nehmen.“
Mir war das recht, denn die Wegstrecke ist äußerst unattraktiv, und Fahrer, die man im Vorbeifahren aufschnappt, haben keinen Anspruch auf Kinderversorgung.

So kam es, dass wir fünf Minuten vor halb eins im ‚Café Einstein‘ eintrafen. „Herr Böhme hat einen Tisch für fünf Personen bestellt; wenn er kommt, sagen Sie ihm bitte, wir sitzen im Garten!“, bedeutete ich dem Kellner. Und dann saßen wir im Garten, lauschig, sonnig. An kleinen Tischen unter Obstbäumen, hinter uns Gesträuch, vor uns die Villa, um uns herum jugendlich wirkende Menschen, Gläser, die im Licht blitzten, surrende Insekten und geschäftige Bedienung. Ein bisschen Renoir, ein bisschen Liebermann, ein bisschen Zeitlosigkeit, die uns alle Zeit der Welt vorgaukelte. Nach dem zweiten Schluck Weißwein war ich bereit, die Welt zu lieben oder zumindest das Leben. Ingrid trank einen Espresso. Sie hat graublondes, kürzeres Haar, ist sportlich-mütterlich und trug einen alpenveilchenfarbenen Leinenblazer mit einem weiten grauen Rock. Bo trank Mineralwasser, er ist so abgehärtet! Wenn das Thermometer 14 °C erreicht hat, reicht ihm ein kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln. Sein dunkles Haar wird immer weniger, was schade ist, denn ich finde, dass Glatze nur kleinen Männern steht.
Winfried kam die Treppe von der Terrasse herunter. Er ist Peter Böhmes Freund und war in den mittleren Sechzigerjahren Rolands Liebschaft. Aber damals war Roland für eine lang dauernde Bindung noch nicht reif oder nicht verschlissen genug.
Winfried ist kultureifrig, hat gute Manieren und ein salopp-seriöses Auftreten. ‚Sind zwei Größen einer dritten gleich, so sind sie untereinander gleich‘, dieser griechische Lehrsatz blieb unergiebig, und auch Christi Wort: ‚Wenn zwei in meinem Namen sitzen, dann bin ich mitten unter ihnen‘, brachte mir kein Roland-Gefühl. Man darf eben nicht zu viel verlangen, aber gerade, wenn es einem gut geht, tut man das.
Peter kam zwei Minuten zu spät und setzte zur Entschuldigung einen demütig-kessen Gesichtsausdruck auf: Theatertreffen. Dorothee verpasst keine Aufführung, und Peter hat mit Kartenbeschaffung vollauf zu tun. Für Sonntag empfahl er uns, die vorbestellten Karten für ‚Space World‘ im Flughafen Tempelhof abzubestellen und uns lieber ‚Let’s pop!‘, die Revue der 60er im ‚Theater des Westens‘, anzusehen. Dagegensprach einzig und allein, dass ich es etwas merkwürdig finde, meine eigene Jugend vorgeführt zu bekommen wie eine Offenbach-Operette der Belle Époque. Dafürsprach, dass Bo und Ingrid den Flughafen Tempelhof als Schauplatz (und Hauptdarsteller) von ihrer Ankunft her schon kannten und dass das ‚Theater des Westens‘ vom ‚Savoy‘ aus nur zehn Schritte zu Fuß liegt, sodass unser Sonntagsausflug etwas ausgedehnter gestaltet werden könnte.
Peter begab sich zum Telefon, wir uns an unseren Tisch. Zwanzig Minuten später hatten wir Tafelspitz auf dem Teller und Karten für ‚Let’s pop!‘ Ich vertrieb mein schlechtes Gewissen, dass Deutsch gesprochen wurde: Ingrids Englisch war nicht gut genug, um das Opfer zu rechtfertigen. Genauer gesagt: Die anderen lauschten in Deutsch, ich redete. Aber nicht über mich selbst. Ich wurde zu meiner Vorgeschichte befragt und erzählte ausgeschmückte Wahrheiten.
Der ursprünglich angepeilte Spaziergang durch den Tiergarten über die ‚Linden‘ zur Friedrichstraße war nach der angeregten Unterhaltung nicht mehr möglich, die anderthalb Stunden waren nicht mehr drin. Winfried begleitete uns zum U-Bahnhof Bülowstraße. Unterwegs konnte man, weil die U-Bahn bis Potsdamer Platz Hochbahn ist, eindrucksvoll sehen, dass in Berlin gebaut wird, oder nein, eigentlich nur, dass in Berlin gebuddelt wird, aber das, so weit das Auge reicht.
Erneut sahen wir den Gendarmenmarkt, die Französische Straße, überquerten die ‚Linden‘, erreichten deren Parallele, die dankenswerterweise wieder Dorotheen- und nicht mehr Clara-Zetkin-Straße heißt, und waren sieben vor vier am Friedrichstadt-Palast. Ein wenig hatte ich drängen müssen, allein wäre ich noch rechtzeitig zu einem Aperitif angekommen. Meine Hoffnung, einen verregneten Nachmittag im Theater verbringen zu können, ging nicht in Erfüllung: Der Himmel war wolkenlos, die Luft lau, wer recht bei Sinnen war, saß zwei Ecken weiter im ‚Lindencorso‘ zwischen Kronprinzenpalais und Staatsoper, aß Schwarzwälder Kirsch und betrank sich am wiedererwachten Großstadtgefühl, statt sich im Dustern was vormachen zu lassen. Aber – es war ausverkauft: Eintausendneunhundertsiebenundneunzig weitere Menschen hatten entweder dasselbe Misstrauen dem Berliner Wetter gegenüber gehabt wie ich oder einen unstillbaren Hunger nach Revue.
Ja, Hoffnungen. Clara Zetkin hatte sicher auch damit gerechnet, sich durch ihren unermüdlichen Einsatz für den Sozialismus eine Straße bis ins nächste Jahrtausend rüberretten zu können, statt dieser doofen preußischen Prinzessin wieder weichen zu müssen, die sie einst entstraßt hatte. Ich würde ihr vielleicht sogar recht geben, wenn mir ‚Dorothee‘ nicht doch als Name besser gefiele als diese tuntenbissige Verballhornung zu ‚Zarah Lenin‘.
Doch alle Grübelei über unberechtigten Ruhm und verfehltes Benennungsmarketing beiseitegelassen – wir erlebten nun mehr als zwei Stunden lang Schnickschnack pur. Es fehlte an nichts: Rudel von Mädels schmissen mit Beinen, Trapezkünstler hingen von der Decke, Kulissen zogen vorbei wie im Eisenbahnwaggon, und aus dem Boden sprießten Schlittschuhbahnen oder auch ein Bassin, in dem Wassernixen Esther Williams spielten. Die Masse der Lichteffekte, Filmeinblendungen, vom Spitzboden, aus dem Hintergrund, aus dem Zuschauerraum eintänzelnde Damen und Herren vom Corps de Ballet – es war beeindruckend.
Bo schlief ein. Er verträgt Wein mittags nicht. Ingrid schlief auch ein. – Na ja, Schwamm drüber! Alle drei fühlten wir uns gut unterhalten. Bo sagte über die Teile, bei denen sie die Augen offen gehabt hatten, so was hätten sie noch nie gesehen, und damit bestätigten sie den weisen Peter Böhme.
Als die Angelegenheit zu Ende war, mussten wir schon etwas zügig in die entgegengesetzte Richtung von der gehen, in der unsere nächste Darbietung stattfinden sollte. Neben den ausgebliebenen nachmittäglichen Regenschauern hatte ich mir nämlich als weiteren Vorteil der Kindervorstellung ausgemalt, dass wir nun am Abend noch was anderes einplanen könnten. Dabei war ich auf die Magie verfallen …

Im Palais am Festungsgraben gastierte ein Zauberer, der mit lebenden Personen Gemälde nachstellte und daraus seinen Streifzug durch die Geschichte der Magie entwickelte. Das erschien mir charmant und sprachlos verständlich. In den drei Opernhäusern gab es nichts Nettes, und ein Konzert war aus Erbarmen mit mir selbst auszuschließen. So schien mir diese Veranstaltung gerade richtig.
Vorher mussten aber noch die Hackeschen Höfe durchmessen werden, zahllose ineinander übergehende, jugendstilistisch herausgeputzte Hinterhöfe, in denen Tand zum Kauf geboten wird und Leute an langen Tischen trinken, mehr die Chardonnay- als die Berliner-Weiße-Klientel. Um dieses von Dorothee gepriesene Muss zu erreichen, war die Synagoge in der Oranienburger Straße nur ein geringfügiger Umweg, der um Bos Vorfahren willen in Kauf genommen zu werden hatte.
Die Zeit fing aber doch an, etwas zu drängen, ich merkte, ohne Taxi würden wir die ersten Hasen aus dem Zylinder versäumen, das einzige Kunststück, das Ingrid auch verbal begriffen hätte.
Wären Bo und sie nicht so transusig hinter mir her gelatscht, hätten wir auch das einzige Taxi, das am Eingang der Höfe lauerte, noch erwischt, so aber schnappte es mir jemand weg, und mir blieb allenfalls noch übrig, dem Fahrgast einen querschnittverursachenden Baum an den Rücken zu wünschen. Erstmals wurde ich etwas ungehalten, aber Ingrid und Bo entschuldigten sich so lieb für ihre Saumseligkeit, dass ich ihnen einfach nicht länger böse sein konnte, sondern nach einem anderen, zufällig daherkommenden Taxi schnippte.
Im Handumdrehen waren wir am Palais am Festungsgraben, und ich dachte bitter: ‚Wahrscheinlich hätten wir es doch noch zu Fuß geschafft.‘
Die Räumlichkeiten waren hergerichtet worden. Aus dem ehemaligen ‚Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft‘ war wieder etwas noch Ehemaligeres geworden. Andächtig standen wir auf dem weitläufigen Balkon und sahen über die Linden hinweg auf ‚Unter den Linden‘.

Titelgrafik mit Material von: Wladyslaw Sojka/www.sojka.photo/Wikimedia Commons, Lizenz Freie Kunst 1.1 (Friedrichstadt-Palast) und von Shutterstock: mtlapcevic (Café-Tisch und Stühle), PixelSquid3d (Sonnenschirm), by-studio (Umleitungsschild), Johannes Kornelius und Ken StockPhoto (Büsche), Fabien Monteil (Bagger), jpreat (Sandhaufen), Gigi Tabatadze (Straßenschilder), Tanya Sid (Schmetterling)

Hanno Rinke Rundbrief

39 Kommentare zu “#2.05 (C) | Empfehlung und eigene Entscheidung

  1. Das Borchardt ist natürlich laut und geschäftig, aber das Essen ist doch nach wie vor ausgezeichnet. Da gibt es Lokale, die sich weitaus mehr auf ihrer Reputation ausruhen.

      1. Oh ich kenne sogar nur den Gastraum oben. Ich war aber auch nur wenige Male dort. Leckeres Schnitzel!

      2. Ich mag die Atmosphäre dort eigentlich ganz gerne. Ein wenig laut ist es ohne Frage, aber das macht es eben auch so schön lebendig.

      3. Mitte gehört immer zu den Neighborhoods, wo man gerne mal Freunde trifft und abhängt, aber wo man auch immer froh ist, wenn man später wieder zurück in den eigenen Bezirk fährt. Urban und professionell trifft es wohl ganz gut.

  2. Tand trifft das Angebot der Hackeschen Höfe ziemlich genau. Ein typischer Ort, der von Touristen wohl mehr geschätzt wird als von Einheimischen.

      1. Zu DDR-Zeiten waren die Hackeschen Höfe verwahrlost. 1997 waren sie renoviert und eine interessante Bereicherung. Das kommt so nicht wieder. Aber anderes.

  3. Das letzte Mal, dass ich beim Theatertreffen war, ist bestimmt schon 6 Jahre her. Ich bin zwar öfters zu der Zeit in Berlin, aber ich verpasse es immer mich rechtzeitig um Karten zu kümmern…

    1. Das ist ein Argument. Die Karten sind teilweise ja auch so hart umkämpft, dass man kaum eine Chance hat wenn man den Kartenvorverkaufstart verpasst.

      1. Die kann man allerdings auch oft genug im Ersten oder Zweiten sehen, falls man keine Karten fürs Live-Konzert bekommen hat.

      2. Mit Oper und Theater hat man manchmal bei 3sat Glück, aber das ersetzt natürlich nicht das live-Erlebnis. Denken Helene-Fischer-Fans sicher auch.

  4. Hahaha, immer ein gutes Zeichen, wenn der Besuch während der Theatervorstellung einschläft. Das passiert meinem Freund immer nur im Kino 😉

      1. Die langweiligen sind die schlimmsten. Bei schlechten kann man sich wenigstens gemeinsam aufregen.

  5. Diese alte Synagoge ist wirklich eindrucksvoll. Die steht immer auf meinem Programm wenn Freunde zu Besuch kommen.

    1. Ich muss mal wieder nach Berlin. Wenn ich das hier lese, merke ich, dass es da noch viel zu entdecken gibt.

      1. Wenn ein privater Unternehmer Künstler vor Ort unterstützt, ist das begrüßenswerter Lokal-Patriotismus. Wenn er lieber van Gogh ausstellt, kann man ihm das schlecht verbieten.

      2. Keine Frage. Und dass die Stadt sich über eine neue Kunsthalle freut, kann man auch niemandem vorwerfen.

  6. Im alten Tempelhofer Flughafen ist nun doch diese neue Kunsthalle entstanden. Das würde mich mal interessieren. Das klingt ja auf den ersten Blick nach einer spannende Kombination.

    1. Aber hiess es nicht, dass dieser Kunstverein, der dahinter steckt, Putin nahe stehen soll? Ich erinnere mich an irgendeine Kontroverse in der Zeitung neulich…

      1. Berliner Künstler fühlen sich zu wenig einbezogen. Eine Form von Cancel Culture. Boykott ist immer einfacher als Auseinandersetzung: der Protest der beleidigten Leberwurst.

      2. Ja so ein bisschen macht es den Anschein. Aber mein Englisch ist ehrlich gesagt nicht gut genug um alle Details zu erfassen.

      3. Ich bin trotzdem neugierig auf diesen Ort. Letztendlich geht es da ja auch zum Teil einfach darum, dass die Bezeichnung ‚Kunsthalle Berlin‘ irreführend ist. Ob das gleich einen Boykott rechtfertigt?!

      4. Ich finde es befremdlich, dass angenommen wird man könnte „Kunsthalle Berlin“ überhaupt anders verstehen, als dass es sich um eine Kunsthalle in Berlin handelt. Dass sich Berliner Künstler nicht genügend unterstützt fühlen ist natürlich noch einmal eine ganz andere Geschichte.

    1. Ich war seit Corona zwei Mal im Theater. Beide Male schien das Publikum wirklich äußerst hungrig und offen und begeisterungsfähig zu sein. Mehr als vorher. Es kann aber natürlich sein, dass da meine eigene Einbildung ist mitspielt.

      1. Die Theaterliebhaber haben so lange darauf gewartet, da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die Stimmung entsprechend positiv ist.

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