Teilen:

0307
2. Berlin-Reise / 2000

#2.32 (F) | Die ewig treue Moderne

„Wo habt ihr denn gestern Abend in der Philharmonie gesessen?“, fragte Dorothee, als wir schon wieder kurz vor ihrer Wohnung in der Bleibtreustraße waren.
„Block C“, antwortete ich.
„Was?“ Dorothee blieb stehen. Sie lachte fröhlich. „Ach, das freut mich aber. Da hab’ ich ja viel besser gesessen.“
Es war nicht böse gemeint, aber es war so entlarvend.
„Der Sebastian ist übrigens sehr nett“, brachte ich sie wieder auf den Teppich. „Das sage ich ja immer!“, sagte Dorothee zum ersten Mal, „er sieht auch sehr nett aus, aber er ist immer dabei. Immer muss der dabei sein. Ich seh’ das nicht ein.“
„Er hat sich gerade von seiner Freundin getrennt“, sagte ich absichtsvoll, und genauso kam es auch bei Dorothee an.
Diesmal lachte sie so kurz und hart auf, als sei ein spitzer Damenschuh gegen den Kantstein gestoßen. „Der soll eine Freundin haben?“, fragte sie mich, empört über diese schamlose Lüge.
Hatte ich denn behauptet, bin Laden nähme jeden Sonntag die Kommunion ein?
„Vielleicht for Show“, beruhigte Dorothee sich wieder. Ich hätte sie darauf aufmerksam machen können, dass ihre Jugend, in der Gustaf Gründgens ‚for Show‘ Marianne Hoppe geheiratet hatte, abgelaufen sei, dass auch ihr Berliner Bürgermeister und sogar ihr zukünftiger Hamburger … Aber ich hielt ausnahmsweise mal die Klappe, und das war gut so. Während Dorothee in der Küche Klöße aufbriet und Rotkohl wärmte, trank ich im Wohnzimmer unbemerkt ein zweites Glas Sherry, bevor ich sie fragte: „Kann ich dir helfen?“
„Nein, nein, es ist ja alles fertig.“
Dorothees Tisch ist stets so mustergültig gedeckt, die Gläser, das Geschirr, das Silber, dass es immer ein Fest ist, bei ihr zu essen. Selbstverständlich sind auch ihre Klapperdeckchen gehäkelt. Dorothee repräsentierte, als ich sie zum ersten Mal traf, die ‚Deutsche Grammophon‘ nicht nur in Deutschland, sondern bis zu einem gewissen Grade auch international. „Sie war die Einzige, die Sprachen beherrschte und mit Messer und Gabel essen konnte“, wie Pali es ausdrückte.
Bei Dorothee liegen, seit ich sie kenne, zu Hause und im Büro überall Bücher herum: Hinweise für die anderen, Mahnungen an sich selbst. Dass sie je eine Schallplatte aufgelegt hat, bezweifle ich. Aber gelesen hat sie immer viel; immer noch kauft sie täglich die ‚Süddeutsche‘, den ‚Tagesspiegel‘ und den ‚Corriere della Sera‘. Sie braucht das eben.
Ich ging im Zimmer auf und ab, das Sherryglas in der Hand. An den Wänden Drucke und Gemälde und daneben Fotos von Böhm, von Bernstein, von Stockhausen: alle mit Dorothee. Auf ihrer Kommode prangte die Biografie des ehemaligen Kulturchefs der ‚Zeit‘ Fritz J. Raddatz. Auf der Innenseite des Umschlags Fotos von Raddatz: mit Brandt, mit Augstein, mit Gräfin Dönhoff. Ich las den ersten Absatz, in dem er schreibt, dass er Anfang der Fünfzigerjahre freiwillig in die DDR gegangen sei „aus Hass gegen die Adenauer-Globke-Republik“. Das reichte mir schon. Die ‚Adenauer-Erhard-Republik‘, das hätte ich noch akzeptiert, aber der wirklich nicht besonders wichtige Globke, der tatsächlich in seiner Doktorarbeit dummes antisemitisches Zeug geschrieben, aber später nachweislich vielen Juden und ‚Mischlingen‘ geholfen hat, gibt weiß Gott nicht genügend her, um sich über die frühe Bundesrepublik aufzuplustern. Zugegeben, ich war voreingenommen, denn ich hatte schon in einer Kritik gelesen, dass Raddatz es für notwendig erachtet, die Öffentlichkeit über ‚berauschende‘ Liebesnächte mit Nurejew zu unterrichten; und sein einleitendes Motto, mit dem er Rousseau zitiert: ‚Eine so unerhörte, wagemutige Beschreibung der eigenen Person habe es noch nie gegeben und werde es auch nie wieder geben‘ – das fand ich zu dämlich, um vermessen zu sein.
„Ach“, sagte ich also, als Dorothee mit der Tomatensuppe kam, „du hast die Raddatz-Biografie.“ Ich versuchte neutral zu bleiben, aber es klang wahrscheinlich wie ‚Ach, du hast die Krätze‘.
„Die hab’ ich mir gekauft“, sagte Dorothee unbeirrt.
„Ich habe darüber gelesen. War nicht sehr gut.“
„Jaja, ich weiß“, antwortete Dorothee, „aber das war doch meine Zeit, damals.“
Und dann glomm ein Leuchten in ihren Augen auf, das mich rührte. Ihre Zeit … Neunzehnhundertachtundsechzig, da war Dorothee immerhin auch schon 49, aber so erfüllt, immer so erfüllt – ’68: die Unzufriedenheit mit Adenauers Hinterlassenschaft, die Empörung über die bemäntelte Vergangenheit, die Hoffnung auf eine bessere Welt, das Wissen, auf der richtigen Seite zu stehen. Dorothee glaubt so gern; sie hat einen so unstillbaren Drang nach Glauben. Ihre Chefs, ihre Neuveröffentlichungen, ihre Mission – alles das war ihr immer heilig. Pali sagte über sie auch: „Dorothee ist der treueste Mensch, den ich kenne. Der, der an der Macht ist, dem steht sie jeweils bedingungslos zur Seite – solange er an der Macht bleibt.“ Doch sie war obendrein ehrgeizig, sie wollte für sich selbst mehr Einfluss, als ihr zugestanden wurde. „Aber weil ich eine Frau war, haben sie mich nicht gelassen.“
Einer ihrer Chefs, mit dem ich inzwischen ein vertrauteres Verhältnis habe, sagte neulich: „Daran lag es nicht. Es lag daran, dass sie so ungeheuer nervte.“
Dorothee, die Rastlosigkeit in Person – immer noch, und damals erst recht.
Willy Brandts Reden, Donaueschingens Musik, Dutschkes Feuer: immer zum neuen Eisen gehören und sich schmieden lassen, solange man heiß ist.
Tja, und nun haben die Zuschauer des ZDF Adenauer zum ‚größten Deutschen‘ aller Zeiten gekürt.
„Den Raddatz haben wir doch immer gelesen“, sagte Dorothee und rührte in der roten Suppe. Wer waren ‚wir‘? Bestimmt nicht ihre CDU wählenden Vorgesetzten.
Ich kenne ihn auch, aber ich würde darüber nicht einmal diese Andeutung hier niederschreiben, geschweige denn mit Dorothee darüber sprechen. „Ich bin der Fritz“, sagte er im Dunkeln, und ich antwortete: „Ich weiß, Herr Raddatz.“
Dann kam es zum Höhepunkt: dem Sauerbraten.
Bevor ich etwas Lobendes sagen konnte, hatte Dorothee schon den ersten Bissen heruntergeschluckt und befand: „Ist gut, nicht? Ja.“
„Sehr gut“, sagte ich.
„Schmeckt mir heute viel besser als gestern.“
„Ist mehr durchgezogen“, erklärte ich.
Dann redeten wir über noch allgemeinere Themen, Kennedy zum Beispiel.
„Ich weiß, da wird jetzt viel geschrieben, über seine Ehe und alles. Aber das will ich gar nicht wissen. Kennedy war doch unser Held. Das lass ich mir nicht kaputtmachen.“
„Marina liest gerade eine Biografie über Winifred Wagner. ‚Hochinteressant‘, sagt Marina.“
„Ich lass mir das nicht kaputtmachen.“
Ob Winifred so über Hitler gesprochen hat? Wem dient welche Wahrheit? Und wenn man nicht wissen will, dass Kennedy sich die Wörter ‚Ich bin ein Berliner‘ seines Redenschreibers nur phonetisch ins Manuskript kritzeln ließ, dass er den Vietnam-Krieg, gegen den alle aufrechten Linken so heftig protestierten, entfacht und auf Cuba den Weltfrieden ebenso leichtfertig aufs Spiel gesetzt hat wie Chruschtschow, dass er im Weißen Haus alles Mögliche trieb, was mit der Würde seines Amtes schwer in Einklang zu bringen war, sein Vermögen aus Mafia-Geldern stammte und Marilyn Monroes Tod nach wie vor Rätsel aufgibt, wenn man das alles nicht wissen will – und warum sollte man? –, warum verlangten dann aber Achtundsechziger wie die politisch sperrangelweit offene Dorothee, dass die geschundene Kriegsgeneration ihrer Wahrheit ins Auge sehen sollte, und wie kommt ein eitler Selbstdarsteller wie Fritz J. Raddatz dazu, die Bundesrepublik als ‚Globke-Staat‘ zu diffamieren?!
Die Rosinensoße war nicht mehr zu dünn. Dorothee hatte sie fachkundig eingekocht, nun war sie nur noch knapp. – Adenauer im Ranking vor Goethe, Bach und Marx, aber das will Dorothee bestimmt auch nicht wissen.

Und meine Leser(innen) wollen bestimmt nicht wissen, was im November sonst noch alles nicht geschah, sondern sie wollen endlich erfahren, wie es im Jahr 2000 mit mir in den ‚Madison Suites‘ weitergeht. Ich verspreche: Einen weiteren Einschub gibt es nicht. Jetzt bewegen wir uns (im Manuskript 100 Seiten lang) geradlinig auf das Ende zu.

25 Kommentare zu “#2.32 (F) | Die ewig treue Moderne

  1. Auch Helden haben ihre dunklen Seiten. Alles andere wäre eine riesige Überraschung und eine ebenso große Ausnahme.

      1. Die Helden? Es macht sicher Sinn sich ab und zu einzugestehen, dass auch die nur Menschen sind. Das erspart einem mitunter den Psychiater.

      2. Helden scheinen als Vorbilder gebraucht zu werden. Die ältesten Epen und die jüngsten ‚Likes‘ zeugen davon. Vorbilder, denen ich nacheifern konnte, spielten eine Rolle in meinem Leben. ‚Helden‘ habe ich nur gern auf ihrem Socker in einem hübschen Park.

      3. Jeder braucht doch solche Vorbilder. Allein schon um zu sehen, was im Leben alles möglich sein kann. Wenn Instagram wenigstens für so etwas nützlich sein kann, na dann gut.

  2. Ach, Partner „for show“ gibt es doch auch 2022 noch. Selbst im Zeitalter der Ehe für alle hat nicht jeder so einfach sein Coming Out.

    1. Dabei hat sich so vieles verändert. Aber ich gebe Ihnen recht, es ist immer noch erschreckend, wie schwer sich viele Jugendliche damit tun bzw. wie schwer es ihnen von ihrem Umfeld gemacht wird.

      1. Ehrlich gesagt, wenn ich die Tagesschau-Bilder vom Christopherday in Köln sehe, habe ich kein gutes Gefühl. Das vermittelt den meisten Menschen doch bloß das Gefühl: Was geht mich solcher Firlefanz in Zeiten wie diesen an?

      2. Mit dem CSD konnte ich mich noch nie so richtig identifizieren. Aber es geht wohl nach wie vor einfach darum Präsenz zu zeigen. Manche brauchen das mehr als andere. Normalität ist natürlich etwas ganz anderes.

      3. Das Bild, das da vermittelt wird, stört mich einfach. Es bedient – vor allem in seiner Darstellung in den Medien – Vorurteile und hilft niemandem. Schwule sind Hupfdohlen: Passt auf die abgehängte Dokumenta-Plakatwand des wohlgesinnten indonesischen Kollektivs.

      4. Ich bin da zweigeteilt: Einerseits finde ich auch, dass die Veranstaltung eher Vorurteile bestärkt als aufhebt, andererseits soll der Tag ja auch dazu da sein, dass diejenigen, die sonst eher nicht zu ihrer Sexualität stehen, unbesorgt mit Gleichgesinnten durch die Straßen ziehen können.

  3. Was ist denn nochmal mit diesen 30.000 Geheimakten passiert, die Trump zu Beginn seiner Amtszeit freigegeben hatte? Viel wissenswertes kam doch da gar nicht an die Öffentlichkeit oder?

    1. Kennedy? Es sind ja weiterhin ein Teil der Akten geschützt. Den Verschwörungstheoretikern wird das reichen um die offizielle Version der Geschehnisse anzuzweifeln.

      1. Ich bin nicht sehr empfänglich für Verschwörungstheorien, aber die Hintergründe des Kennedy-Mordes geben größere Rätsel auf als Trumps Mitschuld am Sturm auf das Capitol.

      2. Das ist wohl keine Frage. Und trotzdem interessiert und fasziniert mich Trump bzw. seine Machenschaften weiterhin. Die Anhörungen sind ja doch nochmal verblüffender als alles was man sich bereits ausmalen konnte.

      3. Faszinierend finde ich an Trump selbst wenig, das Phänomen seines Erfolgs schon. Ohne sie vergleichen zu wollen: Bei Hitler geht es mir genauso, aber, na gut, bei Britney Spears auch.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

neun + elf =