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2. Berlin-Reise / 2000

#2.48 | Kennenlernen

Ich habe niemanden kennengelernt, hier in Berlin, und jetzt werde ich auch niemanden mehr kennenlernen. Doch: Freitag Dorothees beste Freundin aus Mailand, aber das meine ich genauso wenig wie ihre Marion oder meine angeheiratete Verwandtschaft. Ich hatte mich immer gleichzeitig mit Pennern, Punkern und Politikern hitzige Dialoge, die an der Seele schürfen, führen gesehen oder versponnen hier bei ‚Dressler‘ sitzen und mein Gemütsfass anzapfen nach einem Gebräu, das schäumt und brodelt, gleichzeitig. – Vertan. Die Menschen, von denen ich um gar keinen Preis lassen will, werde ich mir ausdenken müssen: für das Herzblut, für die Schreibwut, für den Mausklick.

Man kann in den Puff gehen, um eine Ejakulation im Beisein Fremder herbeizuführen. Kann man auch auf die Straße gehen, um anhand von Menschen das Dasein zu entdecken? Das Aufspritzen einer Energiequelle: Öl aus Fossilien. Nach denen schmeckte auch das Salatdressing. Beim Hauptgang war bei mir schon nach Tisch. Die Süßspeise rutschte wieder, Dolce Vita.
Zwischen den Gängen versuchte ich immer, im Bernstein-Manuskript weiterzukritzeln, aber meine Anmerkungen waren nach wie vor wesentlich länger als die Pausen, und da ich viel lieber etwas von mir geben wollte (mit dem Stift) als etwas zu mir nehmen (mit der Gabel), musste ich mich darauf hinausretten, dass von der Staffage her doch alles so war, wie ich es gewollt hatte: Stoffservietten, Rechenkästchen, Kellnerwesten, Prosecco-Trinker, Spaziergänger, Linden, Busse, Fassaden und der Himmel über Berlin. Lästig war nur ich. Schreiben muss ich ohne Brille, beobachten mit. Ist das nicht andersrum, wie andere ihre Hilfsmittel einsetzen? Die fortschreitenden Abnutzungserscheinungen des Körpers nehmen viel Zeit in Anspruch und viel Vergnügen weg. Der Geist schleift sich unmerklicher ab, wenn man ihn dazu bringen kann, die Ausfallerscheinungen seiner Systemsteuerung nicht anzuzeigen. Man klickt auf ‚O. K.‘ und die Verluste werden nicht gespeichert. Nur bei mir tauchen sie aus irgendeinem virtuellen Papierkorb wieder auf. ‚Wollen Sie das wirklich löschen?‘ erscheint auf dem Bildschirm, und in stolzer Trauer klicke ich auf ‚Abbrechen‘.

Als ich meine Mahlzeit auf ähnliche Weise beendet hatte, wurden alle Tische so eingedeckt, dass die Eltern mit Cola-Kindern gleich signalisiert bekamen: zu spät für Eis ohne Stil. Erste Herrschaften nahmen zum Abendessen Platz, und ich wünschte, dass es mir kein Bedürfnis gewesen wäre, ihnen zu sagen: „Weder geht es Sie etwas an, noch interessiert es Sie, Sie haben es genauso wenig bemerkt wie mich selbst, aber das Essen, das ich eben mehr bestellt als eingenommen habe, das war kein verfrühtes Abendessen, sondern meine einzige Tagesmahlzeit. Und dass ich Ihnen das sagen will, zeigt Ihnen, wie wichtig Sie mir sind, obwohl Sie mir genauso wenig bedeuten wie ich Ihnen. Es wurmt mich nur, dass ich schon losgespritzt habe, bevor der Puff seine Pforten geöffnet hat.“ Dann würde ich die Damen k. o. schlagen, die Herren vergewaltigen und gelassen wie ein Furz die Linden hinabschreiten in dem erleichternden Bewusstsein, endlich wahnsinnig zu sein, vielleicht sogar schlagzeilenwürdig.
Stattdessen ging ich die Linden herauf. Am Aushang der ‚Komischen Oper‘-Kasse wurde als Abschluss der Saison in Abänderung des Programms ‚Die Liebe zu den drei Orangen‘ angekündigt. Als ich vor zwei Jahren in Berlin gewesen war, hatte diese Prokofjew-Oper gerade Premiere gehabt, hochgelobt und völlig ausverkauft. Fiel mir jetzt, nach langem Warten, die ausgelutschte Frucht in den Schoß? Das war ganz sicher ein Fall für Dorothee. Ich bog ab in die Glinkastraße. Die erste Querstraße ist die Behrenstraße, dort befindet sich der Publikumseingang zur Komischen Oper. Auf der Straße war Trödelmarkt. Der ausrangierte Fundus wurde verhökert. Pappschwäne, Liebesbarken; Sommernachtsträume standen wohlfeil und ernüchternd schräg auf dem Pflaster. Kein Verkäufer und kein Käufer. Diebe hatten keine Chance: Wo alles frei zu haben ist, kann man nichts stehlen. Aber wenn man bereit ist zu zahlen, dann kommt die Müllabfuhr und stampft den Bühnenzauber ein.
Der Himmel war ergraut von Wolken und Abend. Ich zog mich in meine vierundzwanzig Wände zurück: von der Diele in die Toilette, ins Bad, in die Abstellkammer, ins Wohnzimmer und dann ins Bett, mein wahres Reich. Es war mein letzter verabredungsloser Abend in Berlin. Die letzte Möglichkeit, Punkern und Politikern vampirisch aufzulauern, sich sexuell lächerlich zu machen und tatenlos das Schicksal nicht bei der Glatze zu packen. Das letzte Rührstück, das letzte Rührei, das letzte Rühr-mich-nicht-an. In der Erfindung von Letztmaligkeiten bin ich unschlagbar, das habe ich geübt seit meinem letzten Abend im Mutterbauch.

Meine Kommentare zum Bernstein-Manuskript waren fertig, meine Fremdbücher durchgelesen. Das ‚Schweigen der Sirenen‘ wollte ich nicht hören, und die zu meinem fassungslosen Entzücken auf CD erschienene sensationelle Gitte-Aufnahme von 1967 hatte ich schon so oft eingelegt, dass ich befürchten musste, ich könne mir diese erinnerungsgesättigte Rarität aus Dussmanns Kulturkaufhaus überhören. Bereits der erste Satz der CD lässt aufhorchen:

‚Jeder Boy ist anders und das macht daher
auch für mich das Boy-Problem ziemlich schwer.‘1

Der besinnlichste Titel ‚Du hast mir alles mit Musik gesagt‘ schließt mit:

‚Was andere wagten, hast du selber ja nie gewagt,
nun ist der Traum vorbei und ich geh’,
mir sagt dein Lied: Adieu.‘2

Harald und mir kam beim Abhören immer der Verdacht, dass der Angesungene die verliebte Gitte nicht ganz so begehrte, wie wir es vorgaben zu tun.
Die für die Nachachtundsechziger vielleicht nicht mehr ganz so kühn erscheinenden Schlüsselzeilen des Liedes ‚Aber heimlich‘ lauten:

‚Die Gitte ist frech,
die steht da und sagt das, was sie denkt. […]
Das Kind ist ein Greuel,
das sagen die Tanten,
sie macht alles anders,
hält sie das für modern?‘3

Immerhin hatte Gitte 1983 ein riesiges Comeback, als sie sang: ‚Ich will alles, ich will alles und zwar sofort, eh’ der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt.‘
Wie hätte ich das bei ‚Dressler‘ nachvollziehbarer auf meine Rechenkästchen bannen sollen? Da lässt man doch weiser sein Essen stehen und zahlt die Rechnung. Ich ging mit meinem Liebsten ins Bett: dem Stadtplan. Es muss sehr kompliziert sein, so ein Meisterwerk zu drucken: all die vielen Farben, Namen, Linien. Die Anschlüsse, die Grafiken – dagegen kann ein Günther-Grass-Roman nicht mehr ausrichten als eine Thomas-Brussig-Hitparade gegen Gitte. Bei Thomas Gottschalks ‚Wetten dass‘ hat mal ein Berliner gewonnen, ursprünglich aus dem Osten, der zu jeder, aber auch jeder Berliner Straße die Anschlüsse sagen konnte, er wurde sogar Publikumssieger des Abends.
Ich war mit Steglitz wieder mal durch und nahm mir Dahlem erneut vor. Dort war Herr Graubrodt im Kulturausschuss erfolgreich gewesen: Das Egoneum sollte den Leistungsstandard bestimmen. Beglückt ließ er sich nach Hause fahren, um von der historischen Sitzung zu berichten. Gregor war spielen (Car-Cruising), aber Frau Graubrodt war da. Ihr Mann fand sie röchelnd im Löwenmäulchen-Beet. Ihr letztes Wort war: „Mist!“

1 Auszug aus ‚Jeder Boy ist anders‘, Text: Kurt Feltz | 2 Auszug aus ‚Du hast mir alles mit Musik gesagt‘, Text: Jonny Bartels | 3 Auszug aus ‚Aber heimlich‘, Text: Kurt Feltz

23 Kommentare zu “#2.48 | Kennenlernen

  1. Ich finde es auch gar nicht so einfach in einer fremden Stadt neue Leute kennenzulernen. Gerade wenn man viel mit Freunden unterwegs ist.

    1. Meistens besteht ja auch der Wunsch gar nicht. Und Urlaubsbekanntschaften vertragen den Transport oft genauso wenig die der süffige Wein aus der Lieblings-Trattoria.

      1. Das stimmt wohl. Freunde fürs Leben trifft man selten bei einem spontanen Bier.

      2. Die meisten meiner engsten Freunde habe ich auch über die Zeit kennen- und schätzen gelernt. Bei manchen hätte ich beim ersten Treffen nie gedacht, wie wichtig sie mir einmal sein würden. Menschenkenntnis oder Intuition reicht manchmal eben doch nicht aus.

  2. „Eh’ der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt“ kann ich gut nachvollziehen. Na aber Sofort muss es ja trotzdem nicht immer sein.

  3. Ich frage mich immer wer bei so einem Theaterfundus-Verkauf zuschlägt. Außer für die Karnevals- oder Halloweenfeier kann man mit den Sachen doch nichts anfangen.

      1. Das wird es wohl sein. Vielleicht kann die ein oder andere Drag Queen noch ein altes Kostüm wiederverwerten.

      2. Diese Fundusaktionen sind meiner Erfahrung nach äußerst beliebt. Vielleicht sind das auch einfach kleine unabhängige Theatergruppen, die sich bei den Großen was wegkaufen.

      3. Wäre lustig, wenn eine Inszenierung dann nicht um den Text, sondern um die vorhandene Requisite herum gestrickt würde. Inspiration kennt keine Vorurteile.

      4. Haha, wie war das: Not macht erfinderisch. Mich würde es nicht überraschen, wenn so etwas schon in der Art passiert wäre.

      1. ‚Der alte Mann und das Meer‘ und ‚Der mit dem Wolf tanzt‘ sind Gegenbeispiele. Jesus in der Wüste und Saulus, der zu Paulus wird, auch. Gerade die Abwesenheit von anderen Menschen führt manche zu höheren Einsichen. (Ich würde bloß Panik kriegen.)

      2. Ich möchte auch nicht allein sein müssen. Das Leben kann doch auch so schon schwer genug sein.

  4. Was braucht es eigentlich, damit sich der Geist nicht unmerklich abschleift? Ich meine natürlich nicht so etwas wie Alzheimer. Da hat man ja gar keinen großen Einfluss, aber wenn alles gut geht und man gesund bleibt. Wie bleibt der Geist da scharf?

      1. So ähnlich hätte ich das auch gesagt. Man darf seinen Geist genauso wenig vernachlässigen wie seinen Körper. Sonst rächt sich das.

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