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2. Berlin-Reise / 2000

#2.41 | Canapés

Ich strebe die Voß entlang zur Friedrichstraße. Zwischen ‚Planet Hollywood‘ und Lafayette fällt mein Blick auf eine Tafel, die für ein Ärztezentrum wirbt: ‚Neun Zehntel unseres Glücks beruhen allein auf der Gesundheit. Mit ihr wird alles eine Quelle des Genusses, hingegen ist ohne sie kein äußeres Gut, welcher Art es auch sei, genießbar.‘ Schopenhauer. – Ist das eine Feststellung oder eine Aufforderung? Zweifellos ist es die Aufforderung, die Dienste des Ärztezentrums in Anspruch zu nehmen. Aber wie hat Schopenhauer das gemeint? Als Aussage ist es banal, aber man kann zwei unterschiedliche Konsequenzen daraus ziehen. Geht’s dir gut? Dann lebe! Steig auf mit dem SAT.1-Ballon und rattere mit der U-Bahn in die Tiefe! Verschwende dich jetzt, denn später wirst du unweigerlich verschwendet werden. Renn, solange du noch keine Krücken brauchst!
Einen Kilometer von hier entfernt hat Schopenhauer gelebt: die Welt als Wille und Vorstellung. ‚Auf höherer Stufe durchschaut sich der Wille und wird dadurch fähig, sich selbst zu verneinen.‘ Camus: ‚Das Geschlechtsleben wurde dem Menschen geschenkt, um ihn von seinem eigentlichen Weg abzulenken.‘ – Geht’s dir gut? Dann sei auf der Hut! Schone dich! Lass alles weg, was dir Schaden zufügen könnte; denn die Gesundheit ist dein kostbarstes Gut, also erhalte sie dir!
Der Großstadtmensch beschäftigt sich täglich mit der Kombination von beidem: Er joggt durch die Auspuffgase, schlingt zwischen zwei Terminen Vollwertkost runter und entspannt, während auf dem Bildschirm jemand durchdreht. Das Fitness-Center, der Tempel aller Scheinheiligen: Lebe dich hemmungslos aus und werde dadurch immer gesünder! Bewahrt das vor der Einsicht: Gesundheit wie auch Krankheit enden unter dem Grabstein? Und wehe dem, der dann nichts vorzuweisen hat als Faltenlosigkeit! Wenn aber – fuck Grabstein! – der Weg das Ziel ist, dann möchte man ihn lieber rüstig als gebrechlich zurücklegen. Und selbst da ist mancher Sprinter mit Sehnenscheidenentzündung von einem munteren Querschnittsgelähmten im Rollstuhl überholt worden. Das Ganze führt ins Uferlose, es gibt kein Rezept. Der Apotheker hat keine Pillen, weder der Erkenntnis noch der Jugendfrische, er kann als Trostpflaster nur den Unterhaltungsroman ‚Sieben Wege, sein Leben zu verpfuschen‘ ins Tütchen mit den Vitaminkapseln beipacken und sich als Nebenwirkung erhoffen, dass man wiederkommt. Geht’s dir aber schlecht, na ja, dann weißt du ja: Das sind jetzt die verkehrten neun Zehntel. Wohl dem, der denen auch noch ein wenig Glück abzuringen vermag!

Ich stand inzwischen vor dem Fischstand bei Lafayette, was beweist, dass ich gleichzeitig hinken und denken kann, aber beides fällt kaum noch auf. Es gab keinen roten Kaviar, also nahm ich Heilbutt. Es gab auch keine Kräcker, wie ich sie wollte, zumindest griff ich die verkehrten; das merkte ich aber erst, als ich das Paket in meinem Kocherker öffnete. Sie waren doppelt so lang, wie es mir vorgeschwebt hatte. Mir blieb nichts weiter übrig, als sie an der Stelle durchzubrechen, die ich für die Mitte hielt. Die Bruchstelle verlief über die Fläche der Kräcker, meinetwegen auch ‚Cracker‘, hinweg ganz und gar unbefriedigend. Es entstanden paläontologisch anmutende Bröselgebilde, die nicht im Entferntesten an Rechtecke erinnerten. Wenigstens waren, da ich noch nicht gebuttert hatte, meine Daumen fettfrei geblieben. Aus dem Kreativitätstraining, das mir die Deutsche Grammophon Gesellschaft in meiner Frühzeit hat angedeihen lassen, weiß ich, dass Kreativität vor allem eines bedeutet: sich nicht entmutigen zu lassen. Aufgeben gilt als unprofessionell, daher die vielen Bankrotte. Ich schnitt also mit der Schere den Lachs, der schon im Kaufhaus meinen Vorstellungen entsprochen hatte, und den Heilbutt in Quadrate. Mit dem roten Kaviar wäre mir das nicht gelungen. Nun butterte ich doch, bekam fettige Daumen und bedeckte die Trümmer des finnischen Roggen-Snacks so geschickt mit den Fischfladen, dass die Häppchen viereckig wirkten. Kleine Abweichungen glich ich auf der Platte durch Dillzweige und Zitronenschnipsel aus: Wer das richtige Handwerkszeug hat, der kann auch Bäume ausreißen und führt die Braut heim. Gib mir Fondor, ägyptische Erde und Rhinospray – und die Welt ist mein!

Es klingelte. Man kann den Hörer abnehmen und sagen, was man will. Wer unten steht, hört das auch und kann antworten, zum Beispiel, wer er sei. Was schön wäre, nämlich, dass der Knopf, der sich mühelos drücken lässt, nicht nur einen lauten Summton erzeugen, sondern auch die Tür öffnen würde – das geht nicht. Als ich unlängst die junge Frau an der Rezeption über diese Diskrepanz zwischen Laut und Wirkung aufklären wollte, enttäuschte sie mich mit einem „Ich weiß“.
„Und?“, fragte ich erwartungsvoll.
Sie nahm die Hände von der Tastatur ihres PCs und widmete mir nun ihre ganze Aufmerksamkeit: „Anderen Gästen ist das auch schon aufgefallen.“

Marina ging auf meinen Vorschlag Cuba Libre ein, so wurde ich meine Rum- und Cola-Reste los. Florian nahm Wein, der auch schon eine Woche lang entkorkt gewartet hatte. Sie luden mich für kommenden Montag zu sich ein. Marinas Schwester Dagi wollte ihre Tochter Valerie, die eine Ausbildung im ‚Four Seasons‘ macht, vom Portugal-Urlaub zurückbringen. Ich beklagte, dass ich bei der besonders gelungenen Festlichkeit meines Onkels die Lammkeule wegen eigener Unpässlichkeit hatte schießen lassen müssen, aber Marina tröstete mich salopp: „Sei bloß froh, die war zäh und trocken.“ Meine Cousine tat mir damit keinen Dienst. In meiner Erinnerung war es doch viel schöner gewesen, die köstlichste Lammkeule meines Lebens versäumt zu haben, als einem zähen Bocksbein entronnen zu sein.
Es klingelte wieder, diesmal waren es Hanno und Christine; Grund genug, meine letzten Alkoholika auszuschenken und die Fischplatte aus dem Kühlschrank zu holen. Ich hatte einen Tisch für fünf Personen bei ‚Langhans‘ ausgesucht, weil ich den vier Westlern meine Mitte zeigen wollte. So war es fast kränkend, als Marina meine Eröffnung mit der Bemerkung quittierte: „Ach, da sind wir letztes Mal auch zusammen gewesen.“ Führe einen Vertrauten auf verschlungenen Pfaden zu deiner endlich entdeckten Trauminsel, und er sagt dir: „Ach, hier bin ich geboren. Hat sich kaum verändert.“ Berlin ist doch Berlin.
Im Rausgehen fiel mir auf, dass die Astern bei der indirekten Flurbeleuchtung künstlich aussahen.

Wir hatten es schön. Florian suchte den Wein aus, ich brachte das nicht über mich. Es gab dekoratives Essen in dekorativer Umgebung, und selbst auf der Rechnung steht nicht ‚Kuchen als Nachtisch‘, sondern: ‚ofenfrisch‘. Apfeltorte.
Christine möchte noch mal was auf die Beine stellen, dabei hat sie sich eine Saft-Bar in den Kopf gesetzt. Das große, gute Häppchen hat abgewirtschaftet. Sicher ist das kleine, gesunde Schlückchen gefragter. Ich überschlage die Kosten für Obst, Gemüse, Bedienung und Lage und frage mich, ob jemand wohl gerne sechzehn Mark für einen Sellerie-Shake mit Nieswurzschaum ausgeben möchte, um sich wohltuend von der Cola-Dose für ’ne Mark nebenan abzuheben. „Es rechnet sich nicht“, gibt Christine zu, „es muss noch was Wertigeres dazu.“ Sie ist so sympathisch und zielstrebig. Ich denke nach. Etwas zu essen? Kartoffelpuffer passen gut, sind aber auch zu billig. Kartoffelpuffer mit rotem Kaviar. Das gibt’s nicht mal bei Lafayette. Und dazu Chablis oder Dom Pérignon. Ich sehe ein, dass sich das Problem nicht bei einem Tischgespräch wird lösen lassen. Ich bin sowieso zerknirscht. Meine Gäste können über alles reden. Die wissen, was im Theater läuft und an der Börse. Sie kennen die Schwierigkeiten, den Ball von Abschlag 3 in fünf Schlägen ins Loch zu bekommen und für ihre Kinder einen Studienplatz mit Lebensqualität zu finden. Sie waren schon vor mir bei ‚Langhans‘ und werden noch nach mir zu ‚Langhans‘ gehen, wenn ich bloß wieder Muskat in den Kartoffelbrei aus der Tüte reibe. Dann werden sie dem Kritiker des ‚Tagesspiegels‘ zustimmen, vielleicht auch nicht; ihre Aktien werden gestiegen sein oder gefallen, sie haben die Golfpartie gewonnen oder gewinnen die nächste und ihre Kinder machen Examen. Sie genießen das Zehntel ihres Glücks und sehen zu, sich die anderen neun möglichst lange zu erhalten. Wie ich auch. Darum habe ich ja den ganzen Abend lang Mineralwasser gesüffelt.
Erst kürzlich habe ich gelesen, dass Beethoven, wohl vom Weintrinken, an Leberzirrhose gestorben war. Da war er nur ein paar Jahre älter als ich. Allerdings hatte er auch schon ein paar mehr Symphonien geschrieben.

28 Kommentare zu “#2.41 | Canapés

  1. Ich denke Sie haben Schoppenhauer ganz richtig verstanden, nur find ich das Zitat von der Ärzteschaft etwas misgünstig verwendet. Nur in Gesundheit kann man das Leben in vollen Zügen genießen. Wohl weißlich, dass man im kranken Zustand eher weniger philosophisch sein mag und lieber seinen Fokus auf die Freuden im gesunden Kontext legen mag. Krankheit lenkt schließich vom Schönen ab.

      1. Meditation soll helfen 😉 Aber mal im Ernst, wer sein Leben über leiden muss … Mensch, mit dem will man nicht tauschen müssen.

  2. Ein desaströses Cracker-Erlebnis hatte ich auch mal, und war ebenso unzufrieden mit dem Ergebnis. Ich entschied mich die Brösel den Tauben zu schenken und stattdessen mit meinen Freunden auswärts zu essen.

    1. Vielleicht bin ich nicht Gourmet genug, aber sich Sorgen machen wegen Crackern? Solange der Braten im Ofen kein Feuer fängt, genieße ich zur Vorspeise auch Brösel auf Frühstücks-Quark.

      1. Die Sorgen macht man sich ja nicht per se wegen der Cracker, sondern weil man den Freunden einen möglichst schönen Abend machen will.

      2. Wer immer alles richtig machen will, ärgert sich über fehleingeschlagene Bomben genauso wie über abgelaufenen Frückstücks-Quark.

  3. Ich habe weder übermäßig Alkohol getrunken, noch angefangen irgendeine Art von Symphonie zu schreiben; dennoch habe ich eine chronische Lebererkrankung bekommen. Ich glaub man hat die Gesundheit gepachtet oder sie rächt sich anderswo.

  4. Der eine trinkt und stirbt an Leberzirrhose, der andere trinkt und wird mehr oder weniger gesund 95 Jahre alt. Das Risiko nimmt man wohl in Kauf um nicht auf alles, was Freude bringt, zu verzichten.

  5. Hahaha, über die Frau an der Rezeption kann man nur schmunzeln. Aufregen geht in dem Fall natürlich auch, nur nützt es meistens wenig. Ähnliche Situationen habe ich aber auch schon zu Genüge erlebt.

      1. Kundenfreundlichkeit gehört doch wohl einfach dazu. Wer will denn schon in einem Hotel übernachten, wo man sich mit dem Personal ärgert!?

  6. Es gibt ja auch noch die Theorie, dass der Konsum bleiverseuchter Flussfische zu seinen Leberschäden geführt hat. Zugegebenermaßen eine weniger eindrucksvolle Variante als der billige, süße Wein.

  7. Bezüglich Schopenhauer gibt es ja vielleicht noch mal einen Denkfehler bzw. eine Ergänzung meinerseits – sich zu schonen macht einen ja nicht unbedingt gesund. Oft sogar im Gegenteil. Der Körper braucht ja Bewegung und Herausforderungen um kräftiger zu werden. Oder um zu heilen. Das Immunsystem entwickelt sich auch weiter, wenn es neuen ‚Bedrohungen‘ begegnet. Usw.

    1. Ja klar. Aber der Unterschied liegt dann trotzdem noch darin ob man rücksichtslos mit sich selbst umgeht oder auf seine Gesundheit achtet.

      1. Der eine sagt, man soll sich nicht überfordern, die andere sagt, man muss bis an seine Grenzen gehen, der/die Dritte weiß: Das Leben beginnt erst da, wo du über deine Grenzen hinausgehst! – Und alle drei schreiben sie Ratgeber, die Bestseller werden.

      2. Tja, und wem man dann am Besten nacheifert ist wahrscheinlich auch einfach Typfrage.

      3. Das große Erweckungserlebnis, das Einstellung und Handlung drastisch ändert, kommt seit Paulus auch eher in der Fiktion vor als in der Realität.

      4. Es gibt so etwas sicher ab und zu. Aber das sind ja ohne Frage isolierte, einmalige Erlebnisse. Große Ausnahmen, die wenig mit dem alltäglichen Erleben zu tun haben.

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