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2. Berlin-Reise / 2000

#2.34 | Verlorene Mitte

Dienstag, 18. Juli

Es muss endlich wieder mal etwas geschehen! Ich bin nicht nach Berlin gekommen, um selbstmitleidige Gedankenblasen an die Schlafzimmerdecke zu pusten und über Orte zu lesen, an denen ich nicht bin, abends aus meinem Bau zu kriechen und bei Dorothee mein Futter abzuholen.

Heute will ich die Ossis in ihre Schranken weisen. Sehen, was sie stehen gelassen und was sie angerichtet haben. Das ärmliche Berlin hat keine Altertümer außerhalb des Museums aufzuweisen. Gerade mal zwei Barock-Gebäude sind erhalten: das Zeughaus und das Ephraim-Palais, beide im Osten. Das Charlottenburger Schloss ist, streng betrachtet, schon Attrappe. Dafür macht Berlin um Verlorenes und Erhaltenes ein Gewese wie um Pompeji und Luxor zusammen. Es gibt Stadtführer, Bildbände, Videos, Filmvorführungen, als handele es sich um einen Ort, der mehr zu bieten hätte als das Flickwerk von 150 Jahren. Schlechte Stimmung. Schlechtes Wetter. Der Himmel ist verstopft wie meine Nase, und kein Spray, um ihn durchzupusten.

Manteltag. Man möchte den Kragen hochschlagen. Lohnt sich aber nicht. Mit zwanzig Schritten komme ich von meiner Haustür zu meinem U-Bahn-Schacht: Mitte. Die Wetterlosigkeit hier unten verbessert die Laune. Menschen auf und ab. Im Eck der Treppe, die hinabführt zur U6, sitzt ein Akkordeon-Spieler. Den dunklen Bahnsteig entlang saust die Aufbruchsstimmung eines Frühlingssturms: Vivaldi, ‚Die vier Jahreszeiten‘ – ‚La Primavera‘, virtuos auf Ziehharmonika übertragen, das ist gekonnt und färbt die Stimmung fröhlich ein. Eine Blumenwiese, der Zug fegt an, atemberaubend, ich trete nicht zurück, sondern schließe die Augen vor dem Fahrtwind. Auf hoher See: gewaltige Bewegung, lärmendes Rauschen. Stillstand, ich steige ein.
Der Vormittag ist keine Berufszeit. Hausfrauenzeit, Müßiggängerzeit. Fahren, nicht um des Geldverdienens willen. Berliner Menschen: Man muss nicht NPD-Fan sein, um Glatze zu tragen, sondern bloß jung und männlich. In Jeans, in Cord, im Jogging- oder Leinenanzug und ganz, ganz kurze Haare. Das sieht dicht auch immer noch besser aus als spärlich. Die, die keine Anzüge tragen, sind oft tätowiert, manche von oben bis unten, vermutet man. Auch Mädchen. Kleine Ringe, angefangen bei den Augenbrauen bis tief hinab. Alison erzählte mir von einem Bekannten aus New York, der sich einen Ring durch die Eichel hat legen lassen. Mit einem Lederband knotet er seinen Schwanz am rechten Oberschenkel fest. Das gibt ihm so ein Gefühl … Er ist schwul, Alison lesbisch. Verständigungsschwierigkeiten.
Michael sagte mir, dass diese Art, das Geschlechtsteil zu drapieren, in Berlin ebenfalls Freunde gefunden hat. Er findet die Idee auch sehr geil, hat sich allerdings zur Praxis noch nicht durchringen können. Wie viele Männer modemutiger sind als Michael, kann ich aus U-Bahn-Sicht leider nicht beurteilen. Das Mädel mit dem Ringlein in der Zunge reicht mir schon. Wie spricht es ‚Zwischeneiszeit‘ aus? – Wahrscheinlich sagt es ‚Interglazial‘, wie die Klimaforscher.
Es wird viel gegessen in Berlin. Auf der Straße, in der Bahn. Aus dem Papier zwischen den Fingern heraus ragen Blätterteigwaren und voluminöse Baguetteteile mit angefledderten Salatblättern. Köpfe neigen sich und versuchen die Fast-Food-Ungetüme mit Bissen kleinzukriegen. Wer keine Tätowierungen und Ringe hat, gehört zur Gruppe derer, die ein Handy haben. Ich behaupte, 90 Prozent aller Gespräche, die zwischen Parkgarage und Panoramaterrasse geführt werden, sind unnütz. Aber das ist miesepetrig von mir. Das Telefon dient ja längst nicht mehr nur dazu, ‚Komm schnell, deine Wohnung brennt, und ich hab’ keinen Schlüssel!‘ zu schreien, sondern ‚auf die symbolische Ebene verlagerte Bedürfnisse zu befriedigen‘. Wenn Telefonieren Spaß macht, hat es seinen Sinn erfüllt. ‚Ich steh’ hier gerade vorm Brandenburger Tor und möchte dich ein bisschen neidisch machen.‘ – ‚Ich sitz’ hier gerade bei Borchardt und möchte die Umgebung ein bisschen stören.‘ – Aufsehen kann man mit Handys schon lange nicht mehr erregen, aber sich selbst: das Stimulans, gebraucht zu werden, sich mitzuteilen. Es ist wichtig, wichtig zu sein. Wenn sie, die Ewigwichtigen, nachdem sie über Leichen gegangen sind, ins Gefängnis kämen und aufgrund strafverschärfender Umstände (wie Zurechnungsfähigkeit) ihr Handy mitnehmen müssten, und das Handy würde dann auch noch jedes Mal klingeln, wenn der Wärter vorbeikommt – sie würden nichts weiter vermissen und behaupten, dass sie sowieso nur zwei Dinge auf der Welt liebten: nein, nicht Handy und Anrufbeantworter, sondern Wasser und Brot, und was das anbeträfe, seien sie es längst leid, Perrier zu trinken und Ciabatta zu essen. Die Naturbelassenheit ihrer genmanipulierten Nahrung und Umgebung: von ihnen geprägt. Der Tempel, von ihnen in Brand gesetzt und gerettet. Natürlichkeit und die eigene Unentbehrlichkeit – diese unvereinbaren Größen sind ihr Ideal. Flammende Reden halten und Feuerwehr spielen. Olympischer Fackelträger und populistische Berieselungsanlage. Das ist Sport, das ist Pop, das ist Politik.

Am Rosa-Luxemburg-Platz stieg ich aus. Grauer Himmel, graue Häuser. Ein langer Gang durch nichts. Auf diesem öden Platz erschoss Mielke die beiden Polizisten, derentwegen er vor Gericht stand. Rechts das Liebknecht-Haus, PDS-Sitz. Nichts zu sehen bis auf ein Schild. Rein ins Scheunenviertel ohne Scheunen! Mulackstraße. Ich lese: ‚… gesäumt von Talmudbibliotheken und Betstuben … koschere Lebensmittel in den Läden … Lumpenhändler, die ihre Karren ziehen … Chassiden mit schwarzen Kaftanen und Schläfenlocken. Ich sehe: nichts. Eine Kneipe war Stammlokal der Nazis, die nächste Hochburg der Kommunisten. Beide: weg. Die ‚Mulackritze‘: schon während der Wilhelminischen Zeit Anlaufpunkt von ‚warmen Brüdern‘. In den Zwanzigerjahren kamen Künstler dazu, auch Brecht. Magnus Hirschfeld sowieso. Wenn der Wirt während der Nazi-Zeit Gestapo in Zivil im Lokal entdeckte, wurde zur Warnung Marschmusik aufgelegt. Juden bekamen neue Papiere. 1952 gelang den ostdeutschen Behörden, woran sogar die Nazis gescheitert waren: das Lokal zu schließen und das Gebäude abzureißen. Die Stelle ist immer noch leer.
Das Haus, in dem Fontane (auch mal) gewohnt hat; das, in dem Horst Wessel erschossen wurde. Das, in dem Kafka seine Verlobte besuchte. Moses Mendelssohn, Franz Biberkopf. Nichts, nichts, nichts. Brandmauern, Lücken, Plattenbauten. Die Banalität des Bösen und die Abwesenheit des Guten. Der ‚berühmte‘ Berliner Garnisonsfriedhof: ein paar Grabsteine unter tief hängenden Zweigen. Der größte Teil ist umgepflügt und mit Wohnkästen zugestellt. Sie kesseln den erhaltenen Flecken ein mit ihrer unerschütterlichen Ausdruckslosigkeit. Atmosphäre: null. Ich werde von einer langweiligen Traurigkeit berieselt, die nicht mal lähmt, sondern nur verlangsamt. Ein Zeitlupengefühl ausgelöschter Vergangenheit, gegenwartslos. Die Schilder an den Grundstücken, die Heftchen am Friedhofsportal: bedeutungslos. Das kann ich mir alles besser im Bett aus einem bebilderten Geschichtsband erlesen.
Entmutigt ging ich in die Apotheke im Rosenthaler Platz, verrichtete im Gebüsch des Volksparks meine Notdurft, benutzte das neu erworbene Nasenspray beim Abtauchen in den Untergrund und verließ die weggebleichte Stätte deutschen Werdens und Vergehens in Richtung Berlin-Alexanderplatz.

Titelbild mit Material von Brandsen/Wikimedia Commons, gemeinfrei

20 Kommentare zu “#2.34 | Verlorene Mitte

  1. Aufsehen kann man mit Handys zwar nicht mehr erregen, aber die Umgebung nerven, das geht nach wie vor 😉

      1. Am schlimmsten sind die Dinge, denen man nicht entgehen kann. Zurzeit lärmt mich hier im Garten dröhnende Popmusik von der Kurpromenade zu. Da lobe ich mir Hass-Tweets, die ich nicht zu lesen brauche.

      2. Mich beruhigt ja schon, dass die Menschen mittlerweile bessere Kopfhörer haben. Da wird man wenigstens in der Bahn nicht mehr so beschallt.

      3. Oder man schaltet die eigenen Noise reduction Headphones an und ignoriert einfach alles was um einen herum geschieht. Ja ja, die Technik hat ohne Frage ihre guten Seiten.

  2. 90% aller Gespräche sind wohl „unnütz“. Da ist es bestimmt egal ob man ein Handy benutzt oder live miteinander redet. Aber die meisten Gespräche finden auch nicht statt um einem Nutzen zu dienen. Jedenfalls nicht die interessanten.

    1. Es gibt ja keine Regeln wer was in Berlin macht oder machen muss. Nicht jeder stürzt sich ins Nachtleben.

      1. Das sicher nicht. Aber wer einen Erholungsurlaub plant, der fährt eher ans Meer oder in die Berge. Eine Städtereise ist von Natur aus ja eher aktiv.

      2. Stadtereisen dauern oft nur ein Wochenende lang. Bei über einem Monat Aufenthalt darf man schon mal verschwenderisch mit seiner Zeit umgehen.

      3. Vor allem tut man doch eh gut daran einfach das zu tun worauf man Lust hat. Wer müde ist und sich trotzdem durch die Stadt quält, hat selten Freude.

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