2. Berlin-Reise / 2000

Zwei Jahre später wiederholte ich das Experiment. Berlin hatte sich weiter verändert, ich mich auch. Meine Schilderung wurde viermal so lang: Die Erzählung dehnte sich wie Wachs unter meinen Fingern. Sie wuchs und wuchs. Aber zäh finde ich sie trotzdem nicht.

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#2.58 | Die abgebrannte Kerze

Da waren also erst der Weg, dann das Haus und meine Eltern; Volker half mir bei der Wiedervereinigung meiner Wohnung mit meinen Habseligkeiten, und ich hämmerte mir ein: zu Hause.

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#2.57 | Besuchsprogramm

Montag, 31. Juli: Wahrlich, eine Zusammenfassung. Ab heute Nachmittag würde ich Volker Eckhoff zwanzig Stunden lang ein Berlin bieten wollen, das ihm nicht nur als Freundschaftsdienst, sondern auch als Erlebnis in Erinnerung bleibt.

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#2.56 | Einordnung

Sonntag, 30. Juli: Sonntags darf man noch ein bisschen länger im Bett bleiben als am Sonnabend. Der Pfarrer unserer Gemeinde nannte von der Kanzel herab das Zehn-Uhr-Dreißig-Hochamt ‚Langschläfer-Messe‘.

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#2.55 | Väter und Söhne

Das Telefon klingelte. In meinem ganzen Leben habe ich Dorothee noch nie so kreischen gehört. Unter den Linden war es nicht trockener gewesen als in Neukölln, nur waren Dorothee, Mirella und ihr Mann ohne Schirm aufgebrochen.

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#2.54 | Ein Betrug wird entdeckt

Fünf nach zwei stand ich wieder auf der Friedrichstraße. – Fünf Minuten zu spät. Der Elektroladen hatte geschlossen. Jenseits der Linden würde ich problemlos bis 16 Uhr eine Videokassette kaufen können, aber das war nicht meine Richtung. Ich hatte mir vorgenommen, die Wahrheit über die Sonnenallee in Augenschein zu nehmen ...

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#2.53 | Welttheater

Samstag, 29. Juli: Sonnabends darf man immer ein bisschen länger im Bett bleiben. Da reißt es einen nicht schon um elf aus den Federn, sondern erst um zwölf, vor allem dann, wenn der sommerbunte SAT.1-Ballon sich gegen den November-Himmel stemmt, einen Himmel, so schwer und grau wie ein Elefant, der den ohnehin mitgenommenen Porzellanladen Berlin in Grund und Boden trampeln will.

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#2.52 | Kurze Beschreibung eines langen Abends

Hanno und Christine leben fünfzig Schritte von Dorothee entfernt. Man hat also dasselbe Problem: S-Bahn Friedrichstraße bis Savignyplatz oder U-Bahn bis Wittenbergplatz und dann laufen oder auf Bus hoffen.

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#2.51 | Die Geschlechterrolle im 21. Jh.

Freitag, 28. Juli: Wenn es gar nichts mehr zu verträumen gibt, steht man eben auf. Gegen halb zwölf ist das kein Beinbruch: hochgehinkt! Der nächste Abend kommt bestimmt.

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#2.50 | Warum die Sowjetunion unterging

Jeder weiß, wie süß ich mit Menschen bin, aber wenn Leute pomadig auf der Rolltreppe rumstehen, weil es ja sowieso abwärtsgeht, dann kann ich wirklich rabiat werden. Solchen passiven Individuen würde ich sofort die Sozialhilfe streichen; dass sie selber Geld verdienen, halte ich für ausgeschlossen.

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#2.49 | Zoo

Donnerstag, 28. Juli: Ungeküsst wie immer verließ ich das Haus, aber nicht, um mich von irgendeiner dahergelaufenen Muse bezirzen zu lassen oder dem ‚Schweigen der Sirenen‘ zu lauschen, sondern um richtigen, waschechten Imperialismus zu erleben ...

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#2.48 | Kennenlernen

Ich habe niemanden kennengelernt, hier in Berlin, und jetzt werde ich auch niemanden mehr kennenlernen. Doch: Freitag Dorothees beste Freundin aus Mailand, aber das meine ich genauso wenig wie ihre Marion oder meine angeheiratete Verwandtschaft.

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#2.47 | Morgendlicher Spätnachmittag

Mittwoch, 26. Juli: Gegen zwölf wachte ich auf, zu einer Zeit also, von der ich vermute, dass rechtschaffenere Menschen als ich bereits an den Feierabend denken (Huren, Einbrecher und Souffleusen ausgenommen).

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#2.46 | Architektur der Stadt

Dienstag, 25. Juli: Ungefrühstückt wie immer verließ ich das Haus: um frühstücken zu gehen, bei ‚Möhring‘. Einst hatte das Möhringer Frühstück Tradition – da saß ich dann mit Roland am Ku’damm. Jetzt sitz’ ich mit Papier am Gendarmenmarkt.

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#2.45 | Den richtigen Zug nehmen

Klar, es gibt auch Positives: Zum Beispiel ist es immer schön, wenn es zu einem Bahnhof, zu dem man will, einen direkten Zug gibt von dem Bahnhof, auf dem man steht. So richtig zur Geltung kommt diese Annehmlichkeit dann, wenn man auf dem Bahnhof, auf dem man steht, in den richtigen Zug einsteigt ...

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#2.44 | Versuche, das Leben zu ertragen

Montag, 24. Juli: In fünf Monaten ist Weihnachten, und heute hat Herbert Geburtstag. Ich beglückwünsche seinen Anrufbeantworter und schlafe weiter. Nichtstun ist nun mal meine Lieblingsbeschäftigung.

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#2.43 | Abendmahl

Sonntag, 23. Juli: Die lieblose Aufzählung soll willkommene Leser meines Tagebuchs nicht täuschen: Wir bilden eine Einheit, mit Leibern und Seelen. Auch wenn Guntram sich in dem Stadium zu befinden scheint, in dem die DDR 1989 war. – Wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

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#2.42 | Pflichten wahrnehmen

Freitag, 21. Juli: Kopfschmerzen und Übelkeit. Ohne getrunken zu haben. Das ist wie Ausrutschen ohne Bananenschale. Man meißelt ‚WARUM?‘ in den Himmel und keinen schert’s. Wenn nichts anderes hilft, muss man eben gläubig werden oder zynisch; wandern, schreiben. Oder im Bett bleiben.

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#2.41 | Canapés

Ich strebe die Voß entlang zur Friedrichstraße. Zwischen ‚Planet Hollywood‘ und Lafayette fällt mein Blick auf eine Tafel, die für ein Ärztezentrum wirbt: ‚Neun Zehntel unseres Glücks beruhen allein auf der Gesundheit.

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#2.40 | Ein Saurier am Potsdamer Platz

Donnerstag, 20. Juli: Ein Tag, der so viel bewirken sollte und so wenig bewirkt hat, damals: 1944. Meine Eltern berichten, wie enttäuscht sie waren, und meine Mutter fügt im Allgemeinen noch hinzu, dass sie, wenn sie die Chance dazu gehabt hätte, weniger halbherzig vorgegangen wäre.

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#2.39 | Auf Augenhöhe

„Ich gehe oft hier spazieren“, sagt Marion. Auf der Grenze? Oder der Grenzenlosigkeit. Oder wegen des unverwalteten Grüns, Brauns und Graus, das den Straßen und Ampeln mitten in der Stadt Einhalt gebietet wie in Hamburg die Alster.

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#2.38 | Übersetzen

Bei Hugendubel, dem modernen Buchmarkt auf drei Etagen, frage ich nach dem ‚Schweigen der Sirenen‘. Erst mal bekam ich nur das Schweigen der Verkäuferin.

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#2.37 | Eine Unterbrechung

Mittwoch, 19. Juli: Es hätte sich gehört, heute dem Westen seine Grenzen zu zeigen. Das Egoneum, benannt nach der Pumpernickel, war die vornehmste Hilfsschule Dahlems, das Gymnasium für Zurückgebliebene aus gutem Hause an der Grenze zu Schwachsinn und Steglitz.

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#2.36 | Unheilbar

Am Bahnhofskiosk durchforstete ich das Angebot. Unter ‚BILD‘, ‚Tagesspiegel‘, ‚BZ‘ und ‚Morgenpost‘ fand ich tatsächlich ein einziges Exemplar des ‚Neuen Deutschlands‘, versteckt, fast unterm Ladentisch. Von der Decke hingen austauschbare Magazine. Allein ‚Das Busenwunder von Chemnitz‘ blieb an mir haften.

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#2.35 | Hinterlassenschaften

Ich wechselte in die Linie U5, die Dorothee so dringend zur Bernstein-Schule hatte nehmen wollen, verließ sie aber schon nach zwei Stationen: Strausberger Platz. Hier beginnt der denkmalgeschützte Teil der Karl-Marx-Allee, die seit 45 Jahren nicht mehr Stalin-Allee heißt und doch den Stempel Stalins, nicht den von Marx, trägt.

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#2.34 | Verlorene Mitte

Dienstag, 18. Juli: Es muss endlich wieder mal etwas geschehen! Ich bin nicht nach Berlin gekommen, um selbstmitleidige Gedankenblasen an die Schlafzimmerdecke zu pusten und über Orte zu lesen, an denen ich nicht bin, abends aus meinem Bau zu kriechen und bei Dorothee mein Futter abzuholen.

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#2.33 | Zwischenbilanz

Sonntag, 16. Juli 2000: Halbzeit. Und? Gut zwei Wochen Berlin: ohne besondere Vorkommnisse. Noch zwei Wochen und zwei Tage und nichts wird passieren, nichts. – Schlecht zwei Wochen Berlin. Die Hälfte vorbei, verpennt und verpulvert, und was bleibt, ist der bastelwillige Versuch, dem Gewesenen einen Sinn abzutrotzen.

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#2.32 (F) | Die ewig treue Moderne

„Wo habt ihr denn gestern Abend in der Philharmonie gesessen?“, fragte Dorothee, als wir schon wieder kurz vor ihrer Wohnung in der Bleibtreustraße waren. „Block C“, antwortete ich. „Was?“ Dorothee blieb stehen. Sie lachte fröhlich. „Ach, das freut mich aber. Da hab’ ich ja viel besser gesessen.“

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#2.32 (E) | Eigenartige Köpfe

Ich hatte mir zwei Garnituren für Berlin ausgedacht: eine grünlich-beige, die wahlweise mit Pullover oder – für den leicht gehobenen Anlass des gestrigen Mittagessens – mit Hemd und Krawatte zu tragen war, und eine dunkelblaue, die den festlicheren Begebenheiten wie Marinas Geburtstag vorbehalten blieb.

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#2.32 (D) | Harry, Max und Moritz

Harry wollte am Konzerttag schon frühzeitig in der Philharmonie sein, um hinter der Bühne noch stören zu können. Der Dunstkreis von Künstlern tut seinem Atem schon seit jeher gut. Ich kriege da eher Erstickungsanfälle, und Pali, der ungern eine Gehässigkeit ausließ, behauptete, dies sei darauf zurückzuführen, dass ich lieber selber Star sei, als einen um mich zu haben.

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#2.32 (C) | Telefongespräche zwischen Berlin und Hamburg über Sauerbraten

Dorothee: Ich hab’ noch nie Sauerbraten gemacht, ich weiß gar nicht, wie das geht. Ich: Dann lass es doch, mach doch was anderes! Dorothee: Nein, Harry hat sich so sehr etwas Deutsches gewünscht. Das kriegt er sonst nie. International isst er ja immer. Ich: Dann mach doch Kasseler!

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#2.32 (B) | Wie im Fieber

Wie so oft mache ich etwas, was nicht geht: Ich springe jetzt, genau zur Hälfte meiner Berlin-Reise, in die Zukunft. In dieser Zukunft wird mir ein Ausstellungsbesuch mit Dorothee wie ein Déjà-vu vorkommen, weil ich mich an den eben beschriebenen erinnern werde.

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#2.32 (A) | Därme aus Zinn

Donnerstag, 13. Juli: Gegen Viertel nach drei am Nachmittag wachte ich endgültig auf. Wie weit ich auch dachte: Ich hatte keine Verpflichtungen mehr. Meinem Körper ging es schlecht, aber ich war frei.

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#2.31 | Einweihung

Ich war früh dran, das Wetter war schlecht. So amortisierte ich außerdem meinen Regenmantel. U2 bis Wittenbergplatz, dann U1 bis Fehrbelliner Platz. Der schwedische Barbar hatte in seinem alternativen Berlin-Buch darauf aufmerksam gemacht, dass der Fehrbelliner Platz neben dem Flughafen Tempelhof die reinrassigste Nazi-Architektur sei – ein stimmungsgerechter Auftakt für den Abend also.

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#2.30 | Abhilfe

Mittwoch, 12. Juli: O Gott, geht es mir schlecht! Könnte ich doch durchschlafen bis in den Tod hinein! Das kommt vom Sancerre und vom Whisky. Aber ich bereue nichts. Es war ein wunderbarer Abend.

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#2.29 (C) | Weinprobe

Da es nichts mehr zu sagen gab, traf es sich gut, dass wir mit gewissem Nachdruck an die Tische gebeten wurden. Irene wollte neben dem prominenten Ivan Nagel und an Jeffs Tisch sitzen.

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#2.29 (B) | Unter Kennern

An dieser Stelle noch eine Delle. Ich füge hier wieder ein paar Seiten aus einem früheren Brief ein, der belegt, dass ich auch als Privatier – also nach meinen Zeiten von Aufnahmen in der Philharmonie und Nächten im ‚Kempinski‘ – weiterhin am gehobenen Kulturtreiben in Ku’damm-Nähe einen gewissen Anteil nahm, bevor ich jetzt in der ‚Bar jeder Vernunft‘ meiner eigentlichen Bestimmung nähertrat.

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#2.29 (A) | Ausgelassen

Kaum verlässt man die Achse Tauentzien–Ku’damm, wird es in den Seitengassen gleich beschaulich. Die Marburger entspricht der Größe Marburgs und verliert sich – geografisch eigenwillig – in die Augsburger. Dort liegt ein Platz, der (es wird immer kurioser) Los-Angeles-Platz heißt, eine offenbar recht neue Grünanlage vor dem langen Klotz des ‚Sheraton‘-Hotels.

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#2.28 | Sehen trotz Kontaktlinsen

Dienstag, 11. Juli: Ich war verblüfft. Prüfend schickte ich mein Bewusstsein in jede erdenkliche Körperzelle. – Kein Zweifel: Es ging mir gut – falls das den Zustand bezeichnet, in dem es einem nicht schlecht geht. Ich stand auf, kochte Wasser für den Teebeutel und beschmierte einen Zwieback mit Pflaumenmus.

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#2.27 | Gottesurteil

Montag, 10. Juli: Das Positivste an meinem Zustand war, dass ich nicht aufstehen musste. Aber sonst? Ich torkelte ins Wohnzimmer, sah den SAT.1-Ballon am grauen Himmel und torkelte gleich wieder zurück ins Bett. Da hatte ich nun Blumen und Obst, beides echt, die Stadt vor der Haustür, das Leben zu Füßen, das Alter im Nacken und wollte nichts als das Laken unter mir und die Decke über mir.

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#2.26 | Wohnen ohne eigene Möbel

Sonntag, 9. Juli: Giuseppe trank Tee, aß Zwieback mit Pflaumenmus, packte seinen Koffer und fuhr über Schöneberg die Potsdamer Straße nach Steglitz und Zehlendorf, dann auf die Autobahn nach Leipzig, München, Innsbruck, Trient und fuhr durch die Valsugana nach Bassano.

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#2.25 | Berühmt werden oder nicht

Menschen im Tiergarten: Loveparade. Giuseppe war total enttäuscht, echt. Diese riesigen Lastwagen, auf denen dreiviertel nackte Mädels verbissen rumzuckten. Diskant gellte in den Ohren, Bässe massierten das Gedärm. Ich sah mir die Köpfe der Massen an, die uns Richtung Siegessäule entgegenkamen, während unser Strom sich zum Brandenburger Tor durchwälzte: schrilles Haar, schlichte Ringe, überall zwischen Augenbraue und Unterlippe, viel Glitzerkram von der Stirn abwärts und – verbissene Gesichter, düsterer als der Himmel.

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#2.24 | Von den Göttern getrieben

Sonnabend, 8. Juli: Giuseppe eröffnete mir überraschend, dass er am Sonntag abreisen wolle. Zunächst hatte ich mich etwas gewundert, dass er so lange blieb, jetzt war mir etwas seltsam zumute, dass ich nun wirklich so allein sein würde, wie ich meinen Berlin-Aufenthalt geplant hatte.

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#2.23 | Wassermelone

Nach dem obligatorischen Nachmittagsschlaf banden wir uns Krawatten um den Hals und traten die Fahrt nach Zehlendorf an. Mir fiel ein, dass wir es verabsäumt hatten, ein Gastgeschenk zu kaufen.

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#2.22 | Kein Schloss, kein Wachtturm

Freitag, 7. Juli: Genug geostelt! Heute war wieder der Westen dran, genauer gesagt: der Nordwesten. Es ging mir besser. Gestern hatte ich, bevor wir die Demokratie-Ausstellung gesehen hatten, beim Apotheker vorbeigeschaut, um Prof. Büchsels Rezepte einzulösen. Er hatte gerade einer jungen Frau Aspirin für 7,50 DM verkauft. Bei mir durfte er zwei Nullen dranhängen.

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#2.21 | Unter- und überwegs

Donnerstag, 6. Juli: Gott, ging es mir dreckig! Nein, so ging es nicht weiter! Jetzt war Schluss mit Saufen! Noch wichtiger, als gute Vorsätze in die Tat umzusetzen, war es, Giuseppe durch den Tag zu lotsen und mich mit. Da halfen nur eiserne Disziplin und gnadenloses Kulturprogramm.

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#2.20 | Es ist an der Zeit

Giuseppe wünscht sich Pankow, weil er Pankow früher immer in der Zeitung gelesen hat, wie Bonn oder Washington: ‚Aus Bonner Kreisen verlautet …, dagegen hat Pankow schärfsten Protest eingelegt.‘ Nachrichten-Sprache, die kein sehr ergiebiges Ausflugsziel vermuten lässt.

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#2.19 | In- und auswendig

Mittwoch, 5. Juli: Wenn es mir schlecht geht, habe ich einen Widerwillen gegen alles, was mich an die Welt bindet: Telefongespräche, E-Mail-Schreiben, Termine vor Ort. Anderen dienen gerade solche Bindeglieder als Rettungsringe. Mein Anker ist mein Bett.

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#2.18 (B) | An etwas glauben

Jetzt begehe ich den nächsten meiner geplanten Stilbrüche und schiebe den Beitrag ein, den ich im Herbst 1977 zu Dorothees Weggang von der ‚Deutschen Grammophon‘ verfasst habe. Er beschreibt sie und unsere Not mit ihr ganz gut, und eine windelweiche Lobhudelei, wie sie in drei Sätzen von anderen Kollegen und Vorgesetzten verlegen abgesondert wurde, war von mir ja ohnehin nicht zu erwarten.

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#2.18 (A) | Königsberger Klopse

Die Schule ist als Bau das Gegenteil von Bernstein: nüchtern, fantasielos, plump. Dorothee begrüßt den Direktor überschwänglich, er erkennt mich, findet aber den Gast aus Italien exotischer als einen Wessi.

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#2.17 | Eine pädagogische Unterbrechung

Wem es jetzt schon reicht, der kann den folgenden Text auslassen und am Freitag weiterlesen. Wem Kultur liegt, der oder die kann heute die Rede studieren, die ich 1997 zur Namensweihe der Leonard-Bernstein-Schule gehalten habe.

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#2.16 | Erbarmungslos

Dienstag, 4. Juli: Seit ewigen Zeiten schlief wieder jemand neben mir im Bett. Im Aufwachen dachte ich jedes Mal, es sei Roland. Mein linker Fuß, mein Ost-Fuß also, schmerzte bei jeder Bewegung. Mit herannahender Ausnüchterung im Morgengrauen kamen die üblichen Beschwerden hinzu ...

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#2.15 | Irrwege ans Ziel

Der älteste Bruder meines Vaters, Achim, war nach seiner durch den Kriegsverlauf erzwungenen Rückkehr aus Paris, wo er sich als Verwalter des ‚Feindvermögens‘ Ehre erworben hatte, vom militärischen Dienst freigestellt worden ...

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#2.14 | Der Sprung ins Diesseits

Versonnen saßen wir auf der Holzbank und blickten, nicht minder versonnen, auf die Uferböschung der Pfaueninsel und auf die Fähre, deren Zwei-Mann-Besatzung sich offenbar eine längere Verschnaufpause gönnte.

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#2.13 | Mund-Diarrhö

Montag, 3. Juli: Giuseppes leeres Bett zwang mich unweigerlich zum Aufstehen. Als ich aus dem Bad kam, hatte Giuseppe schon den Zwieback für mich beschmiert: mit wenig Pflaumenmus und viel Idealismus.

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#2.12 | Am Nabel, drüber und drunter

Sonntag, 2. Juli: Heute setzt das Ausflugsprogramm ein. Wie immer zuerst in östlicher Richtung, und das bedeutet bei mir Köpenick. Zu irgendeinem Zeitpunkt hebe ich den Kopf. Wenn Giuseppes Feldbett leer ist, weiß ich, dass ich demnächst aufstehen sollte.

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#2.11 | So wild wie möglich

Die Linden sind nicht die Via Appia, dafür sind sie viel belebter und beliebter. Der brutal zugepflasterte Mittelstreifen ist wieder manierlich hergerichtet, mit Kies und Bänken. So wie es früher war, las ich. Heute weiß man ja nie: Was ist historisch, was ist postmodern, was ist Fake?

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#2.10 | Abfahrt und Neustart

Samstag, 1. Juli: Bo und Ingrids letzter Tag. Wochenend und Sonnenschein. Wie von den Comedian Harmonists. Nachmittags die Fähre ab Rostock. Wir fahren zu viert in Giuseppes Auto. Erst Unter den Linden entlang, durchs Brandenburger Tor, an der Siegessäule vorbei; ich leite Giuseppe scheinheilig zum Kurfürstendamm.

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#2.09 | Begleiter beschummeln

Nun, nach der Zäsur durch das Bett, sollte sich der alte Westen gegen den neuen Osten behaupten, und da Gediegenheit weder hier noch dort anzutreffen ist: Wo könnte der Westen besser zur Geltung kommen als in seinem Kaufhaus!

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#2.08 | Schutt und Masche

Wir verließen den Potsdamer Platz. Eine Steigerung war nur noch theoretisch möglich. Also bestiegen wir den nagellackroten Informationscontainer ‚Info-Box‘ auf dem noch nicht vorhandenen Leipziger Platz, um uns über die Zukunft zu unterrichten. Außerdem konnte man von dort oben aus nach allen vier Himmelsrichtungen blicken, ohne irgendetwas Bemerkenswertes zu sehen. Das war schon faszinierend. Ähnliches haben Rom oder Paris nicht zu bieten, da hätte man immer gleich in Bedeutendes geguckt.

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#2.07 | Im Kino

Giuseppe war etwas enttäuscht: Die sieben Hügel hatte er von Rom her anders in Erinnerung. Hier, in der Ausstellung ‚Sieben Hügel‘ im Gropius-Bau, waren sie ihm einfach zu flach. Ich fand den Bereich ‚Traum‘ am enttäuschendsten, weil ich von dem Thema etwas zu verstehen glaube.

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#2.06 | Bedienstete beschummeln

Freitag, 30. Juni: Ich hatte am Vortag so diszipliniert gesoffen und so früh das Hotelzimmer aufgesucht, dass ich mich imstande fühlte, Aurehls als Fremdenführer für Giuseppe abzulösen. Vorher hatte ich allerdings noch einige Erledigungen zu verrichten, die vielleicht besser unbeschrieben blieben, was jedoch meiner zu Anfang aufgestellten Grundregel widerspräche, über bisher ungesagte Wahrheiten zu berichten.

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#2.05 (G) | Muschel oder Filmschauspieler?

Montag Vormittag hatten Bo und Ingrid frei, um Andenken zu kaufen. Wir trafen uns aber zufällig beim Frühstück, ich konnte auf das morgendliche Rührei einfach nicht mehr verzichten und verstieg mich sogar auf ein Scheibchen Lachs dazu.

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#2.05 (F) | Schnapsleichen und Marzipanpflaster

Dann kam Werder. Schon aus der Ferne hatte das Riesenrad mich ein wenig argwöhnisch gemacht, aber ich war in keiner Weise vorbereitet auf das, was uns erwartete. Man muss vergessen, dass man das Wort ‚Rummel‘ kennt, man muss es einfach mal als Lautmalerei auf sich wirken lassen: mit hartem, brutalem ‚R‘, kurz geblöktem ‚U‘ und einer nicht enden wollenden Kette fest gepresster ‚M‘, die in dieses fiese Rattenschwänzchen ‚el‘ münden.

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#2.05 (E) | Sonntagsausflug

Für den Sonntag war das gute Wetter am wichtigsten – denn der Sonntag war unser Ausflugstag. Ich hatte schon telefonisch versucht, den Dampfer nach Werder zu buchen, aber dafür hätte ich die Karten entweder in Treptow, ganz im Osten, abholen müssen, oder ich musste mich darauf verlassen, dass das Schiff noch nicht ausgebucht war und wir an der Kasse am Wannsee noch drei Plätze ergattern würden.

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#2.05 (D) | Geld wegzaubern

Aufbruch, Aufbau, Ausbau erleben. Im Alter wird alles immer schlechter: Die Jugend hat kein Benehmen mehr, und die Hotelzimmer kosten das Dreifache von früher.

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#2.05 (C) | Empfehlung und eigene Entscheidung

Berlin war frühlingshaft warm und licht, zumindest von meinem Austritt aus, Bo und Ingrid kamen fünf Minuten verspätet zum Frühstück, diese Zeit würde jetzt vom gemütlichen Ku’damm-Bummel abgehen.

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#2.05 (B) | Spree/Havel – alles unter einem Hut

Na, nun war’n wir schon mal in der Friedrichstraße, nun konnten wir auch gleich den Bezirk Mitte abhaken. Die Friedrichstraße ist ja eine etwas längere Verkehrsader. Das Problem ist eigentlich nur der dem ‚Palast‘ recht nahe Bahnhof. Er ist als Christo-Nachwehe eingehüllt und ansonsten Baugrube.

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#2.05 (A) | Eine ungeheuerliche Abschweifung

Donnerstag, 29. Juni: Es gibt Menschen, die schlafen abends ein und wachen morgens auf. Dann fragen sie: ‚Was kost’ die Welt?‘ und ‚Wo bleibt das Frühstück?!‘ Sie halten nach der vierten Tasse Kaffee nach den Bäumen Ausschau, die sie ausreißen könnten; die Ärmel hatten sie schon hochgekrempelt, bevor sie sich angezogen haben.

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#2.04 | Mitte

Von der Straße auf die Autobahn. Es ist mir unmöglich, das Wetter nicht auf meinen Gemütszustand zu beziehen, aber wenn ich Italienisch spreche, muss ich mich konzentrieren. Das lenkt ab. Bo im Wagen hinter uns fährt sehr viel bedächtiger als Giuseppe. Von Zeit zu Zeit sieht Giuseppe in den Rückspiegel, schüttelt den Kopf und stößt ein paar Worte hervor.

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#2.03 | Aufbruch im Morgen-Grauen!

Mittwoch, 28. Juni: Jeder Morgen ist die Hölle, dieser ist keine Ausnahme, sondern nach den Weinmengen vom Vorabend eher der Höhepunkt der Regel. Ich flackere aus dem Bett wie eine Flamme in der Zugluft und schmeiße alles, was sich nicht wehrt, in den großen Koffer, den ich in der Abseite gefunden und gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt habe.

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#2.02 | Einstein

Ein willkürlicher Sprung. Heute ist mein letzter Tag in Berlin. Ich sitze noch einmal im Garten des ‚Einstein‘. Der Himmel ist stark bewölkt, so wie an fast jedem Tag seit meiner Ankunft. Kein Blau schimmert durch das wenig aufgelichtete Dunkel.

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#2.01 | Schiffstaufe

Darf das Schreiben eines Tagebuches doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen, wie es Tage beschreibt? – Ein Tagebuch darf alles! Innere Zustände, äußere Umstände. Wenn für die Ereignisjagd keine Löwen zur Verfügung stehen, dann darf das Tagebuch großspurig aus Mücken Elefanten machen, aber es darf auch, um nicht zu übertreiben, Elefanten zu Mücken herunterspielen.

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Haben Sie Freude an meiner Vergangenheitsbewältigung? Dann gefällt Ihnen womöglich auch, was mich in der Gegenwart beschäftigt. Zu der äußere ich mich sonntags. Am Sonntagabend stehen immer drei neue Beiträge von mir im Netz. Dieses literarische Kleeblatt kröne ich gern mit Aktuellem. Meinen Neubrief können Sie abonnieren. Er nennt sich: ‚Newsletter‘.


Hanno Rinke

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