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2. Berlin-Reise / 2000

#2.25 | Berühmt werden oder nicht

Menschen im Tiergarten: Loveparade. Giuseppe war total enttäuscht, echt. Diese riesigen Lastwagen, auf denen dreiviertel nackte Mädels verbissen rumzuckten. Diskant gellte in den Ohren, Bässe massierten das Gedärm. Ich sah mir die Köpfe der Massen an, die uns Richtung Siegessäule entgegenkamen, während unser Strom sich zum Brandenburger Tor durchwälzte: schrilles Haar, schlichte Ringe, überall zwischen Augenbraue und Unterlippe, viel Glitzerkram von der Stirn abwärts und – verbissene Gesichter, düsterer als der Himmel. Kein Lachen, kein Jubeln. Verdrossenheit, dabei sein zu müssen. Ausnahmen, natürlich: vier Burschen, die oben an einem Laternenmast hingen und so verwegen wippten, dass es unbegreiflich war, wieso der Pfahl nicht abbrach. Gut drauf, keine Frage. Der Junge, der mir aus dem Nichts heraus plötzlich um den Hals fiel. Küsste mich und war verschwunden. Ein besoffener Engel? Einer schwenkte ein Riesenschild, Aufschrift: ‚FICKEN‘, doch davon konnte nicht die Rede sein. Nicht mal Küssen, allenfalls Bratwurst kauen und Typen gucken. Eine Schelmische spritzte die Vorbeischiebenden mit einer Wasserpistole nass. Ein Transparent: ‚God is a DJ‘. Und was sagt der Vatikan dazu? Der ganze Trauerzug oberkrampfig. Wo waren Ausgelassenheit, Übermut? Wenigstens Lebensfreude? Saufen, in die Büsche pissen, weitersaufen.
Sah ich das zu eng? ‚God is a DJ‘, aber weder höllisch gut noch himmlisch verrückt. Es wurde etwas lichter. Ich war der Einzige mit Sakko. Wieder mal hatte ich es geschafft, aus dem Rahmen zu fallen. Meine Amalia Pumpernickel schlug immer noch die lahme Flotte.
Im Schneckentempo trieben die New-Age-Jünger – Techno huldigend – uns zwei alte Monster vor sich her in die Höhe (des Sowjetischen Ehrenmals). Hinter ihnen keine geile Schleimspur, sondern Blech und Pappe, die die nächsten Schnecken niederwalzten. Gemeinschaftsgefühl? Individualitätsrausch? Wie viele von den Deutschen, die hier hoffnungslos gegen die Lautsprecher anbrüllten, würden noch lieber ein Ausländerheim abfackeln, zum Spaß, oder eine Kirche, um in die ‚Bild-Zeitung‘ zu kommen? Wie bringt man Tempel zum Brennen, und wie Herzen? Mit Ectasy und Phon-Stärke?
Giuseppe wies in die Sträucher. Ich wusste, er wollte nicht austreten, sondern weg.
Auf der Voßstraße waren unsere Gehörgänge wieder so weit abgeschwollen, dass ein Gespräch möglich wurde. „Die Gay-Pride-Parade in Rom ist sicher besser“, fasste Giuseppe zusammen. Da musste selbst die Gräfin Voß zustimmen. Zu spät, zu spät.

In unserem Wohnzimmer machte Giuseppe das Fernsehen an. SAT.1 und NDR 3 zeigten die Loveparade. Da war es endlich, das oberbrodelnde Vergnügen! Kenner sahen am schnellen Schnitt und dem grinsenden Gesicht, das immer dasselbe war: Die gute Laune fand nur bei der MAZ-Regie statt. Aber es war doch beruhigend, im Fernsehen zu erleben, wie toll es in zwei Kilometer Luftlinie von uns zugehen konnte, wenn man das Ereignis bei N3 oder, abgefahrener noch, weil auf heiße Höschen gezoomt, bei SAT.1 verfolgte. Beruhigt gingen wir nach nebenan: Pennen ist doch das Megageilste.
Giuseppe hatte sich zu fein gemacht. Ich sagte ihm das, und er zog sich auch gleich um. Ein Abendessen bei Dorothee ist keine Entschuldigung dafür, aus der Parade zu tanzen. Vor allem nicht, wenn man über den Bahnhof Friedrichstraße muss. Da war Ausnahmezustand. Es sah aus, als ginge gleich der letzte Zug, bevor die Erwachsenen einmarschierten. Ich quetschte mich durch die Wagentür und hielt mit der linken Hand Giuseppe fest, mit der rechten mein Portemonnaie. Weil wir ganz gegen die Tür gepresst waren, Gesicht zur Scheibe, konnten wir gleich nach der Station Tiergarten die aufgewühlten Massen auf der Straße des 17. Juni demonstrieren sehen: nicht für oder gegen etwas, sondern für sich. Übrigens, wenn der Lehrter Bahnhof am anderen Ufer läge, hätte man wieder zwei Brücken sparen können bis Bellevue, aber nur, wenn der Bahnhof Friedrichstraße dort bliebe, wo er jetzt ist. Am Zoo wurden wir rausgeschleudert. Da unten tobte es.
Wir erstanden ein Gebinde und strebten gen Dorothee. Unterhalb der Gedächtnis-Kirche saß ein ausgedörrter junger Mann, er hockte in dem Gewimmel und hielt eine Hungerkralle vor sich. Ich wusste, ich hatte kein Kleingeld, das letzte hatte ich im Blumenladen gelassen. Diese versteinerte Hand inmitten des Stroms Verkleideter, Verkiffter, Versoffener – es war herzabschnürend. Ich kann den Anblick nicht vergessen. Noch vor dem ‚Kempinski‘ drängte es mich, zurückzulaufen und ihm einen Schein zu geben. So, als hätte ich etwas versäumt, das nicht gutzumachen war, für uns beide nicht.
Höchst eigentümlich in den Strömen den Ku’damm rauf und runter: ein orthodoxer Jude gemessenen Schrittes, schwarzer, breitkrempiger Hut, Locken die Schläfen herab, Kaftan, rechts an der Hand zwei kleine Jungen mit Käppchen, der zweite hielt mit seiner rechten Hand die linke der Mutter. So liefen sie, eine lebendige Barriere, wie vor mehr als drei Jahrtausenden Moses durch das Rote Meer mit den Kindern Israels, und zu beiden Seiten teilte sich die wogende Menge.

An Dorothees Tor ward uns aufgetan: Alison. „Oh, du bist da“, sage ich und umarmte sie  – „Dorothee machte sich schon Sorgen.“
„Ich hab’ ihr gesagt, dass ich bis gestern Abend in einem kleinen Kaff“ – sie betonte das Wort, sie war stolz, es zu kennen – „im Vogtland war, wo eine Geigenbauschule ist. Ich konnte sie nicht anrufen.“ Alison zuckte die Achseln so, dass sie das ‚na ja, Dorothee‘ gar nicht auszusprechen brauchte. Ich machte Alison mit Giuseppe bekannt und wir gingen die drei Stockwerke rauf zu Dorothees Wohnung.
„Es gibt Fisch“, sagte Dorothee statt ‚Guten Tag‘. Dann freute sie sich über die Blumen. Als die Blumen in der Vase waren, wiederholte sie: „Es gibt Fisch, aber ich weiß nicht, wie man den macht. Giuseppe muss mir helfen. Aber kommt erst mal rein!“
Wir wurden sofort an den Esstisch gesetzt: Häkeldeckchen zwischen den Tellern, Silber, Porzellan – wie immer. Ich bekam San Pellegrino, die anderen tranken Weißwein. Dorothee kam sofort mit den Suppentassen. ‚Ihre‘ Suppe aus frischen Tomaten.
„Ich würde gerne um acht die ‚Tagesschau‘ sehen“, begann ich vorsichtig.
„Die wollen die Gay-Pride-Parade in Rom sehen“, erklärte Alison. Das hatte ich ihr anvertraut, während Dorothee in der Küche war. Ich kenne Alison, wie Köpenick, seit 1977. Ich war mit ihr viel zusammen, während sie in Hamburg lebte und noch oft, als sie wieder in New York war, aber manchmal hasse ich sie.
„Ich sehe nie fern“, sagte Dorothee so stolz, als hätte sie behauptet: „Ich uriniere nie in den Tiergarten.“ Alisons Bemerkung hatte sie – wie so vieles – gar nicht gehört. „Höchstens mal die ‚Tagesschau‘.“
„Die will ich ja sehen“, sage ich.
„Ja, mach doch an!“ Dorothee trug die Suppentassen in die Küche. Sie kam zurück. Im ersten Programm lief Werbung. „Schrecklich“, sagte Dorothee. „Giuseppe, hilfst du mir mit dem Fisch?“
„Certo“, Giuseppe sprang auf.
Alison erzählte vom Geigenbau in Boston, in Cremona und im Vogtland.
Dorothee kam mit einer Schüssel, stieß an den Türrahmen, die Kartoffeln fielen auf den Boden. „Das kommt immer, wenn ich so in Hetze bin“, stellte Dorothee sachlich fest.
Wir sammelten die Kartoffeln ein. „Du bist doch gar nicht in Hetze“, sagte ich. „Es ist noch nicht mal acht und wir sind schon gleich beim Hauptgang.“
„Ich selbst hetze mich“, Dorothee trug die Schüssel wieder in die Küche. Die ‚Tagesschau‘ fing an; Dorothee kam wieder zurück: „Die Nachrichten sind ganz schlecht geworden. Ganz schlecht.“ Sie verschwand in der Küche.
Giuseppe setzte sich auf seinen Platz. Ich hatte den Ton abgestellt. Nachrichten ohne Ton sind nicht sonderlich informativ. Beim Sport sagte Alison: „Jetzt kommt es nicht mehr.“ Beim Wetter gab ich recht.
„Muss der Fisch nicht raus?“, fragte Dorothee.
„Cinque minuti“, bat Giuseppe.
„Der Fisch ist genauso, wie Giuseppe ihn will“, sagte Dorothee. „Ich habe nichts daran gemacht.“
„Nooo“, wehrte Giuseppe ab.
Dorothee schenkte Wein nach. Ich stellte das Fernsehen ab. Alison fuhr sich durch das, was jetzt ihr Haar war: etwas fremdes Strohiggelbes, das zu dem zarten schminkelosen Gesicht passte wie ein Loveparade-Teilnehmer in die Antikensammlung. Selbsthass auf Amerikanisch. Die langen, new-england-blonden Haare 1977 standen ihr besser. Diese Frisur von jetzt hätte ihr damals auch besser gestanden.
Dorothee fuhr auf. „Jetzt ist es aber so weit!“ Giuseppe sprang hinterher. Sie kamen zurück, Giuseppe mit seiner Fürsorge, Dorothee mit seinem Fisch. „Er ist zu durch“, sagte sie, „nächstes Mal mach’ ich ihn wieder selber.“ – Schlechte Nachrichten.
Der Fisch war nicht zu durch, es sei denn, man mag warmes Sushi. Was mit den Kartoffeln in der Küche geschehen war, kann ich nicht beurteilen. Sie waren auch nicht zu durch, aber auch nicht nötig. Wir lobten den Fisch, und Dorothee sagte: „Ist gut, nicht?“ Als sie die Gräten raustrug, weihten wir Alison in unsere Kino-Pläne ein. „Der soll sehr gut sein“, sagte sie, „vielleicht komme ich mit.“
Dann unterhielten wir uns. Alison zuliebe in Deutsch. Italienisch hätte sie schlechter verstanden als Giuseppe Englisch. Aber wir konnten alle genug von allem, um aufeinander ein und aneinander vorbeizureden. Zwischendurch gab es Nachtisch und Grappa für die anderen. Gegen halb elf sagte ich: „Ja, also, wir waren heute so viel auf den Beinen, und Giuseppe muss morgen früh raus, er will durchfahren bis Mason.“
„Die wollen noch ins Kino“, sagte Alison.
Ich hätte sie umbringen mögen, aber Dorothee hantierte und verstand zuverlässig nicht, was Alison gepetzt hatte. Gegen zehn vor elf kamen wir weg. Ich verzieh Alison und verabredete mich mit ihr für Sonntagabend.

Es regnete nicht sehr. Die Kantstraße war brechend voll und teilweise vollgebrochen. Wir fingen an zu rennen, sehr weit, deshalb hoffte ich: in die richtige Richtung. In Berlin zählen die Hausnummern nicht: gerade rechts, ungerade links, sondern rechts rauf und links wieder runter. Meistens nach Blocks. Wir brauchten, wie wir verstohlen der Zeitungsanzeige entnommen hatten, Nummer 42. Kommen taten wir von 91, und viele Häuser machten sich wichtig mit 57a, -b, -c, -d. Dann ein Block lang frei mit Bauzaun. Nass von außen, nass von innen kamen wir Viertel nach elf im ‚Kant‘ an. Es lief noch die letzte Vorschau.
Der Film war es wert, gesehen zu werden. Vor allem begeisterte mich der Bezug. Gods and Monsters, und sogar eine Reliefkopie vom Pergamonaltar (Ausschnitt: Gott jagt Monster) in der Diele des Hauptdarstellers. So macht Kino Spaß: als Zusammenfassung eines Tages voller Monster. Nur – wer waren die Götter? Wir? Um halb zwei zogen die Horden immer noch durch die Straßen. Wir nahmen ein Taxi, das sich mühsam aus dem Stau kämpfte und einen Riesenbogen über Kreuzberg schlug.
„Komm schnell!“, rief Giuseppe, als ich mir die Zähne putzte. Ruf an! Ruf an? – Nein, da lief im Fernsehen Küssen, Knutschen und Tanzen – die Gay-Pride-Parade in Rom.

Hanno Rinke Rundbrief

23 Kommentare zu “#2.25 | Berühmt werden oder nicht

      1. Dazu gibt es ein schönes Mark Twain Zitat: “Bei den Hausnummern herrscht ein Chaos wie vor der Erschaffung der Welt. Unmöglich kann die weise Berliner Stadtregierung Derartiges geschaffen haben. Zuerst denkt man, dies sei die Tat eines Blödsinnigen; allein, so mannigfaltige Arten, Verwirrung und Unheil anzurichten, wäre ein Blödsinniger nicht imstande, sich auszudenken.“

      2. Mark Twain war mir früh ein Begriff. Meine Mutter gab ihr, kaum, dass ich lesen konnte Tom Sawyer. Von Karl May kenne ich keine Zeile (wenn auch alle Titel).

    1. Absurd ist ja vor allem, dass auf der Friedrichstraße rauf und runter nummeriert ist, Unter den Linden aber klassisch im Zickzack. Da ist das Chaos für den Besucher dann komplett.

  1. Lachen und Jubeln passt vielleicht auch eher zum Gay Pride. Die Loveparade war ja, wie viele andere Raves auch, eher introvertiert. Trotz der schrillen Haare.

      1. Naja und die Trance. Aber die ist ja auch eher egozentrisch als exzentrisch.

      2. Wie wichtig Kunst, Entertainment, Ablenkung in Krisenzeiten sind, hat man ja während Corona wieder deutlich gemerkt. Als Mittel gegen Putins Invasion hilft eine Loveparade aber natürlich nicht.

  2. Ich glaube die Loveparade war als Teilnehmer weitaus spannender als für unbeteiligte Zuschauer. Sie war doch nie wirklich darauf ausgelegt ein Publikum zu haben.

  3. Ein Freund sagte mir vor Jahren immer ich solle mir Gods and Monsters anschauen. Ich habe es aber tatsächlich immer noch nicht geschafft.

      1. Mich hat der Film beeindruckt, besonders nach dem Pergamon-Altar am Vormittag. Im Fernsehen hatte er ein paar Jahre später nicht mehr dieselbe Wirkung auf mich.

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