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1906
2. Berlin-Reise / 2000

#2.31 | Einweihung

Ich war früh dran, das Wetter war schlecht. So amortisierte ich außerdem meinen Regenmantel. U2 bis Wittenbergplatz, dann U1 bis Fehrbelliner Platz. Der schwedische Barbar hatte in seinem alternativen Berlin-Buch darauf aufmerksam gemacht, dass der Fehrbelliner Platz neben dem Flughafen Tempelhof die reinrassigste Nazi-Architektur sei – ein stimmungsgerechter Auftakt für den Abend also. Es war erst kurz nach halb sieben; ich umwanderte den Platz: der graue Stein, der graue Asphalt, der graue Himmel. Außerdem hatte man die angeblich reine Anlage mit zwei Sechzigerjahre-Kästen plombiert. Das einzig Bedeutsame war, jetzt in die richtige Richtung zu gehen. Das gelang auch. Viertel vor sieben erreichte ich den Emser Platz und den Seniorensitz. Weder wollte ich zu früh kommen noch weiter durch das Nieseln laufen. Eines von beidem ging nur, also ging ich rein.
Beim Durchqueren der Halle sah ich in einem anschließenden Raum mit Glasscheiben in den Türen viele alte Leute zusammenstehen. Bei alten Menschen kann man gar nicht zu früh kommen, sie sind immer schon bereit. Ob es die geahnte Nähe des Todes ist? Das Drängen, das Davonwollen. In der Familie meines Vaters kommt eine selbstzweckhafte Rastlosigkeit hinzu, bei all ihren mir bekannten Mitgliedern. Dagegen ist in den Genen meiner Mutter nichts von jüdischer Hast zu bemerken. Das mag daran liegen, dass sich Vorurteile nicht bei deren Opfern vererben.
Hanno sagte: „So, du bist Hanno, dich hätte ich nicht wiedererkannt.“ Er spricht tatterig und er verwackelt seine Bewegungen, aber geistig ist er wohl auf der Höhe, auf der er immer schon war.
Mir wurden die anderen Mittachtziger bekannt gemacht, mein Vetter Hanno führte mich durch die aufgeputzten Greise. Es herrschte gutes Benehmen und eine leicht peinliche Stimmungslosigkeit. Ich küsste Christine, ein bisschen Aufwallung muss sein, schließlich war sie jung, Familie und schon zweite Begegnung. Die Schwester von Annemarie Renger, der Star des Abends, bekam von mir die Hand geküsst. Dass ihre Schwester SPD-Mitglied war, wurde in diesen Kreisen aufgrund der Prominenz geduldet. Die Auswahl der zu wählenden Parteien war nach Hitlers Hinscheiden ja nicht mehr besonders groß: NPD zu rotzig, SPD zu sozialistisch, FDP zu liberal, Grüne zu bunt – PDS: zu schrecklich, dass die nicht verboten worden ist! Da kam als Bindeglied zum Kaiserreich nur die CDU infrage. Kohl war Provinz, aber das mit den Geldern, mein Gott, das machen doch alle. Die Merkel … Eigentlich kann man überhaupt nicht wählen. In diesem Klima ist gegen die Schwester von Annemarie Renger wenig einzuwenden.
Ich nahm freudlos Wasser statt Sekt. Dann kam Hanno, der Sohn eines guten Freundes von Hanno senior, der aber nicht nach ihm (nach wem dann: nach mir?) benannt sein soll. Nun wurden die vier Hannos gemeinsam fotografiert. Bis der Blitz endlich losging, war auch das allerletzte bisschen Normalität aus den Gesichtern der Anstrengung, natürlich zu wirken, gewichen. Marina und Florian erschienen Punkt sieben und waren damit Aufmerksamkeit heischend spät. Ich trank weiter Wasser, die anderen weiter Sekt. Die Anstaltsleiterin kam und wurde von den Insassen als Respektsperson begrüßt.
Hanno sagte: „Also, dass du der Sohn von dem Guntram bist …“
Ich überlegte, ob ich vielleicht zu viel ägyptische Erde aufgetragen hatte und aussah wie der Sohn von der Kleopatra.
„Ihr habt doch das Bild von dem einen Rinke. Von dem habe ich keine Kopie. Du hast mir versprochen, du würdest mir ein Foto schicken.“ Ich wusste von nichts. Allerdings hängt jemand neben dem Wohnzimmerschrank meiner Eltern, den mein Vater, je nach Stimmung, für seinen Großvater oder für den alten Böhm, also den Bruder seiner Großmutter, hält. Die Böhms hatten alle ein Rad ab. Tante Lorchen endete gar im Irrenhaus, während die Rinkes prosaisch waren. Mein Urgroßvater war Kreisphysikus in Oberschlesien, seine Söhne ergriffen alle die Offizierslaufbahn und später die Flucht vor ihren Frauen.

Es wurde zu Tisch gebeten.
Ich war etwas skeptisch, als wir in den Speisesaal einmarschierten, in dem bereits die Nichtgeladenen ihr Abendbrot verzehrten. Aber ich war an der langen Tafel hervorragend platziert: Links von mir saß zunächst niemand, rechts die Direktorin. Dann, am Kopfende Hanno, der Ältere, daneben die Schwester von Annemarie Renger, daneben ihr Gatte. Meine Magenblockade machte es erforderlich, den angebotenen Weißwein Hilfe suchend mit „Ja, bitte“ zu begrüßen. Dann kam, wie sich das für junge Leute gehört, total abgehetzt Christines beste Freundin und setzte sich weisungsgemäß neben mich. Sie war quirlig und Veranstalterin von Events für zahlende Kundschaft. Habe ich Anfang der Neunzigerjahre das Event-Marketing erfunden oder bilde ich mir das bloß ein? Ich denke sogar, das Wort stammt von mir, aber wahrscheinlich lag es in der aufgeheizten Luft. Nach dem Tanz auf der abrissfälligen Berliner Mauer durfte die Party nicht zu Ende sein, da mussten immer neue Anlässe gefunden werden, um zu feiern, zu motivieren und zu verkaufen. Jedenfalls hatten wir mehr Gemeinsames als mit unseren anderen Nachbarn. Wer ihr zur Linken saß, habe ich nicht wahrgenommen; mit der Direktorin tauschte ich mich über Altenpflege aus und erfuhr, dass sie in wenigen Wochen nach Bayern gehen würde. Karriere. Ältere, reichere oder mehr … Gäste, Patienten, wie sagt man?
„Wir sprechen von ‚Bewohnern‘“, erklärte sie mir den Sprachgebrauch.
Meine Nachbarin zur Linken fragte mich, ob ich verheiratet sei, und ich antwortete irrsinnig altmodisch mit einem nichtssagenden „Nein“.
Die Artischocke hatte ich mit Appetit und Sauce hollandaise gegessen. Die schwer verdauliche Sauce tartare mit hartem Ei mochte ich mir nicht zumuten, obwohl auch sie gereicht wurde.
Als die Lammkeule aufgeschnitten wurde, machten die Schotten dicht. Panik auf der Titanic. Wahrscheinlich war die Consommé zu salzig oder ich zu hysterisch. Es war, als stemmte sich eine Druckwelle vom Zwerchfell her gegen meinen Kopf. Ich klammerte mich ans Rotweinglas. Wenn ich das jetzt trinke, wird es noch schlimmer, oder es wird besser. Ich werde Marina bitten, dass ich bei ihnen übernachten kann. In ‚meinem‘ Mitte drehe ich durch. Muss ich nach einem Cognac oder nach einem Krankenwagen verlangen? Ich hörte mich Fragen beantworten und hatte das Gefühl, dass ich grammatisch einwandfrei sprach. Allmählich begann ich selbst wieder, meine Stimme zu dirigieren, während die Druckwelle in mein Zwerchfell zurückebbte. Als der unangetastete Teller vor mir weggenommen wurde, bekam ich fast schon ein Verlangen nach Lammkeule. Zu spät. Es kam zur Eisbombe.

Der Hanno, um den es ging, hatte sichtlich Freude an seiner Veranstaltung. Sein Sohn hielt eine knappe, angemessene Rede, und der Senior erwiderte ein paar Worte des Dankes und der Zuversicht. Dem Schicksal abgewinnen, was noch möglich ist: Lebensart. Als Kaffee angeboten wurde, kam ein Mann mit Baskenmütze und Akkordeon und begann, Musette-Walzer zu spielen. Hanno senior eröffnete den Tanz mit der Renger-Schwester, sein Sohn folgte mit Christine. Mir wurde bedeutet, dass der Gastgeber im Krieg einige Jahre in Frankreich zugebracht habe, und ich fragte nicht weiter nach. Allmählich begannen auch die anderen zu tanzen, der alte Lebemann und seine Altersgefährten mit wackeliger Inbrunst, die Jüngeren akkurater, aber nicht versierter. Ich hielt mich zurück, was meine Eventlerin sichtlich betrübte, aber als sie einer der Senioren aufforderte, wollte ich auch nicht so stocksteif dasitzen und bat Christine zum Tanz. Walzer ist Walzer. Davon habe ich eine andere Vorstellung, als gemächlich im Wiegeschritt von einem Bein aufs andere zu tappen. Da muss sich alles drehen, kreisen, Musette ist beschwingte Melancholie, Schwindel, Lüge, Ohnmacht, Weiterführen im Sog des machtvollen Kreises am Rande der Ohnmacht. Christine, Marina, dann endlich meine Nachbarin: auf der Hacke rennen, ohne sich von der Stelle zu bewegen; aufhören hieße stolpern, also weiter, endlos, anfangslos – Lebenstanz und Totentanz im Speisesaal dieses Altersheims, wo sich alle Katzen in sämtliche Schwänze beißen, weil sich Kindsein und Altsein im Taumel aus Walzer und Wein ineinander verwoben nach dem vorgegebenen Takt wiegen.
Dann war es eins, und das Personal drückte meinem Onkel eine Flasche Champagner in die Hand, die ich, ‚keine Geschenke‘ missachtend, in einer Lafayette-Tüte mitgebracht hatte, weil mir die Einkaufstüte des Supermarktes unangemessen erschienen war. Dies war zweifellos eine Art Aufbruchssignal. Aber Hanno senior war noch aufgekratzt. Ich musste mich neben seinen Sohn stellen, und er sagte: „Ihr seht euch gar nicht ähnlich.“ Er prüfte weiter und kam zu dem Schluss: „Du bist kein richtiger Rinke.“ Dazu hätte sich alles Mögliche sagen lassen, und so hoch ich mir anrechne, dass ich seine Feststellung nur höflich beschwieg, so sehr verbittert es mich doch, dass ich immer danach beurteilt werde, was ich alles sage, aber mich kein Mensch für das bewundert, was ich alles verschweige.

Hanno war glücklich. Sein Sohn hatte ihm mit Christine ein gelungenes Fest arrangiert, genauso, wie er es gewollt hatte: gehobene Stimmung, gutes Essen, gute Weine, angeregte Unterhaltung, Frohsinn und Tanz. Die Mentalität von Heriberts Familie unterscheidet sich deutlich von der Mentalität seines Bruders Reinhold, meines Großvaters. Ihnen ist Lebensfreude und der Wunsch, das Dasein, das Hiersein zu genießen, angeboren. Kein Wunder, dass man mit solcher Einstellung an einen Endsieg glaubt, einfach deshalb, weil das Gegenteil eine Niederlage wäre.
Ich umarmte meinen Onkel, fand in einer entfernten Nische meinen Mantel und trat hinaus in den Regen.
„Komisch“, sagte der Taxi-Fahrer, „vorm halben Jahr gab’s det noch nich.“

23 Kommentare zu “#2.31 | Einweihung

  1. Also da musste ich erstmal durchsteigen, dass es zwei Hannos bei den Rinkes gibt; ich dachte immer Sie seien ein Unikat!

  2. Warum wird man überhaupt noch gefragt, ob man verheiratet ist? Ist verheiratet sein noch Standard? Die meisten Ehen scheitern doch sowieso nach ein bis drei Jahren. Da kann man sich den Stress einer Hochzeit doch gerne sparen. Ich frag bei der nächsten Gelegenheit lieber: … und sind Sie bereits geschieden?

    1. Ach was. Menschen heiraten weiterhin weil sie an die Liebe glauben. Das kann man belächeln, aber daran wird sich nichts ändern.

      1. Das ist wohl zum Teil einfach wie mit vielen anderen Traditionen. Gebraucht werden die nicht unbedingt, aber lieb gewonnen oder zumindest daran gewöhnt hat man sich eben doch.

      2. Das ist in der Tat ein schöner Grund. Man darf sich dann nur nicht zu sehr davon stressen lassen, dass es auch wirklich der allerschönste Tag des Lebens werden muss. Das geht ja meistens in die Hose.

  3. Sind alte Menschen nicht auch immer früh dran, weil sie mit dem Stress, der sonst möglicherweise eintreten könnte, nicht mehr umgehen können oder wollen?

  4. „Eigentlich kann man überhaupt nicht wählen“ denke ich immer noch öfters. Machen muss man es ja trotzdem.

      1. Definitiv. So sehr ich mir wünsche, dass Scholz und seine Regierung endlich eine klarerer Linie verfolgen würden … einen Kanzler Laschet hätte ich während dieses Krieges auch nicht haben wollen.

    1. Das sagt man sich aus Trotz und dann passiert so etwas wie nun in Frankreich. Der Font National vervierzehnfacht seine Sitze im Parlament.

  5. Für das bewundert werden, was man verschweigt – oh wow, ja das ist ein recht schöner Gedanke. In der Tat geht es ja nicht nur um das was auf den ersten Blick offensichtlich ist.

      1. Das stimmt, aber was nützt es?! Die Wahrheit findet letztendlich ja doch immer ihren Weg.

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