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2. Berlin-Reise / 2000

#2.36 | Unheilbar

Am Bahnhofskiosk durchforstete ich das Angebot. Unter ‚BILD‘, ‚Tagesspiegel‘, ‚BZ‘ und ‚Morgenpost‘ fand ich tatsächlich ein einziges Exemplar des ‚Neuen Deutschlands‘, versteckt, fast unterm Ladentisch. Von der Decke hingen austauschbare Magazine. Allein ‚Das Busenwunder von Chemnitz‘ blieb an mir haften.
Am Alexanderplatz kam ich mir fast schon ‚zurück‘ vor, aber ich fuhr statt nach Mitte zum Senefelderplatz, wo der Jüdische Friedhof bereits geschlossen war. Habe ich etwas versäumt, weil ich mich zu lange im Stasi-Hauptquartier aufgehalten habe? Missmutig begab ich mich wieder unter Tage. Nächste Station: Rosa-Luxemburg-Platz, früher Horst-Wessel-Platz, noch früher Bülowplatz, davor Babelsberger Platz und davor – war da gar kein Platz. Zwanzig Minuten später zerrte ich meinen Streckverband vom Fuß und versenkte mich in mein Bett.
Dorothee rief an. Ich war froh, dass sie mich zum Essen einlud, nicht nur, weil ich ihre ständige Frage ‚Was hast du gemacht?‘ so ausführlich beantworten können würde. Ich hatte Sehnsucht nach Fleisch und Blut. – Es gab Fisch und gedünstetes Gemüse.
Im Oberschrank neben den Gläsern, nicht zwischen den Gewürzen, fand ich einen kleinen Streuer Fondor. Jedes Mal, wenn Dorothee die Küche verließ, um etwas zu holen oder zu decken, schüttete ich heimlich etwas Würze in die Töpfe.

„Ist gut, nicht?“, fragte Dorothee später bei Tisch.
„Ja“, sagte ich, „sehr gut.“ Es schmeckte nach Zuhause.
Ich erzählte von meinem Besuch bei der Stasi, sicher, dass Dorothee ihn missbilligen würde. Und ich sprach darüber, was ich gerade las. „Im Deutschen heißt es ‚Ufer der Verlorenen‘, aber im Italienischen und im englischen Original heißt es anders, eben so wie die Uferstraße in Venedig wirklich heißt.“
Riva?“, fragte Dorothee.
„Nein“, sagte ich, „fondamenta, das ist wohl mehr der Kai, und dann irgendetwas wie ‚krank‘, ich komme nicht auf den Ausdruck, aber es fängt mit ‚in‘ an.“
Dorothee ließ die Gabel fallen und ging zum Bücherbord. Das macht sie immer. Sie schlägt Aussprüche im Zitatenband nach, Werke im Opus-Verzeichnis, Jahreszahlen, Todesdaten, Hauptstädte – sie will den Dingen auf den Grund gehen, sofort. Auch wenn dabei die Kartoffeln kalt werden.
Fondamento“, las Dorothee vor, „Grund, Grundmauer.“
„Das sind die Uferstraßen in Venedig, die Straßen im Inneren heißen calle.“
Callo“, Dorothee hatte es gefunden, „Hühnerauge, Schwiele.“
„Nein, calle“, sagte ich.
„Ach so, ja: Weg, Straße.“
Schade, in Berlin heißt wirklich alles Weg, Straße oder Allee; keine Sonderbezeichnungen wie in Venedig. In Wien gibt es wenigstens Gassen. Überall jenseits des Mains. In Berlin gibt es nicht mal mehr Gassenhauer.
Dorothee begann, sich auf die Vorsilbe ‚in‘ einzulassen, ein Unterfangen, das zum vollständigen Auskühlen der Mahlzeit führen konnte.
Inabile – ‚untauglich‘, inabissare – ‚in einen Abgrund versenken‘“
„Ich glaube, es war mit ‚c‘“, unterbrach ich sie.
Incadaverire – ‚leichenblass werden‘, incagliare – ‚stecken bleiben‘.“
„Darf ich mal?“, fragte ich fordernd.
Ich kenne Dorothee, sie gibt nicht auf. Ich blätterte an incignare – ‚zum ersten Mal anziehen‘ –, incimurrire – ‚die Druse bekommen (Tierheilk.)‘ – und incincignare – ‚abschnippeln‘ – vorbei.
Incurabile!“, rief ich erleichtert aus.
„Fondamenta degli incurabili – die Kaimauer der Unheilbaren.“
„‚Unheilbar‘ ist nicht dasselbe wie ‚verloren‘“, sagte Dorothee. Sie schöpft aus allem Hoffnung.

Ich ging ziemlich rasch die Bleibtreustraße in Richtung S-Bahnhof Savignyplatz herunter. Immer befürchte ich, ich könnte einen Zug verpassen. Ich hasse es, auf dem Bahnhof einzutreffen und die Türen knallen vor mir zu. Mangel an Fortune … – Ich weiß, dass das Unsinn ist. Wenn ich erst später auf dem Bahnhof bin, ist der Zug, den ich sonst knapp versäumt hatte, längst weg und der nächste fährt ein. Abgehärtete Paare saßen auf der Straße, eng an die Hauswände gedrückt bei Pizza und Pasta. Seit ein paar Tagen spähte ich im Vorbeieilen gezielt in die Gläser der Lokal-Besucher. Enthielten sie Wasser, betrachtete ich sie als Leidensgefährten. Es gab tröstlich viele Menschen, die keinen Wein tranken. Sehr beunruhigten mich Schnapsgläschen, vor allem leere. Ich nahm einen Mann, etwas älter als ich, vor einem Eingang wahr. Er trug einen Anzug, es war zu dunkel, um dessen Qualität einzuschätzen. Guter Kopf mit abgeschliffenem Gesicht: Kerben und Falten.
Als er bemerkte, dass ich ihn musterte, trat er auf mich zu. „Haben Sie etwas Geld für mich?“
Ich hielt wie ein Zug vor einem Signal. Überrumpelt. Ich wusste, ich hatte kaum noch Kleingeld. So zog ich mein Portemonnaie heraus, öffnete es und sagte: „Tut mir leid. Achtzig Pfennig.“
„Na ja!“, er wirkte gleichmütig. Ein leichtes Singen in der Stimme. Pole? Ich gab ihm das Fünfzig-Pfennig-Stück und die drei Groschen.
„Danke!“, sagte er.
Ich nickte. Bleibtreu – Reste fidele. Unbehagen.
Die Straßen von Venedig sind unübersichtlicher als die Straßen Berlins, aber schon viel poetischer erwandert worden. Großes Unbehagen. Ich hätte ihm einen Zehn-Mark-Schein geben können. Hatte ich einen? Ich sah nicht nach. Ich hätte sagen können: Lassen Sie uns ein Bier zusammen trinken und etwas essen! ‚Lassen Sie uns ein Mineralwasser zusammen trinken‘, sagt man nicht. Ich hatte ja auch schon gegessen … – Wie hätte er reagiert? Worauf hätte ich mich eingelassen? Vielleicht wäre das die einzig erzählenswerte Geschichte aus Berlin geworden. Oder eine bemühte Peinlichkeit. Etwas zu unterlassen hat genauso gravierende Konsequenzen wie etwas zu tun.
Als ich am Bahndamm ankam, war ich bereits so weit, mir nicht nur dieses Versäumnis, sondern mein ganzes Leben übelzunehmen. Das relativierte die Einzelteile wohltuend.
Jugendliche saßen an langen Tischen und tranken Bier aus hohen Gläsern. Daneben wieder ein ‚Italiener‘. Ich war schon auf dem Platz. Zu weit gegangen. Missmutig kehrte ich um. Während ich auf die sitzen gebliebenen Passanten hinabgeblickt hatte, hatte ich auf der anderen Seite den Eingang zum Bahnhof übersehen. Neben dem geschlossenen Zeitungsstand saß auf einem Klapphocker der Akkordeonspieler und fing gerade mit Vivaldis ‚Primavera‘ an. An kühlem Abend und als Wiederholung fand ich das unpassend, auch desillusionierend. Sein Paradestück eben. Immer dasselbe. Was hatte ihn von der Mitte hierher getrieben? Erschließung neuer Kundenkreise. Als ich oben ankam, klatschten die Zugtüren zu. Bahnsteig der Unheilbaren.

Titelbild mit Material von Danijel Durkovic/Unsplash

22 Kommentare zu “#2.36 | Unheilbar

  1. Ich freue mich immer wenn es mal nicht nach zuhause schmeckt. Ich bin aber auch wirklich kein sonderlich guter Koch.

    1. Da bestimmen die Erinnerungen eben auch das Geschmackserlebnis. Ich mag gerne wenn es hausgemacht schmeckt. Das muss nicht wie bei meiner Mutter sein, einfach mit Liebe und ohne viel Geschnörkel.

      1. Der Geschmack von Zuhause kann Majoran, Mangold oder Maggi sein. Ob man wehmütige oder unheilvolle Erinnerungen damit verbindet, liegt an den Assoziationen.

      1. Ah so macht das natürlich Sinn. Man darf eben nur nicht selbst verloren sein. So hatte ich das zuerst verstanden. Wie hoch wohl die Chancen sind sich selbst noch einmal wiederzufinden, wenn man einmal verloren ist?

      2. Aus einem Irrgarten findet man heraus, spätestens durch den Nachtwächter. Aus den Schluchten der eigenen Seele manchmal nicht: Picknicken und weiterwandern!

      3. Man braucht ähnlich viel Glück wie für die perfekt zubereiteten Zutaten weiter unten 😉

      1. Man kommt ja nicht drumherum sich einen Reim darauf zu machen. Ob es am Ende der Wahrheit auch nur nahe kommt, tja das weiß man wirklich nicht.

      1. Hahaha, ja ich stelle mir gerade ein amerikanisches Touristenpärchen vor, welches aufgrund der wunderschönen Klänge ganz hin und weg ist.

    1. Na ja, da ist Salz und Glutamat drin. Beides sind einfach Geschmacksverstärker. Man kann das mögen oder nicht, aber würzen tut es ohne Frage.

      1. Finde ich auch. Besser als fad. Noch besser (nicht ethisch, aber geschmacklich) ist Knorr Hühnerbrühe. Oder perfekte Zutaten, perfekt verarbeitet. Wer die Zeit und das Talent hat: viel Glück!

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