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2. Berlin-Reise / 2000

#2.22 | Kein Schloss, kein Wachtturm

Freitag, 7. Juli

Genug geostelt! Heute war wieder der Westen dran, genauer gesagt: der Nordwesten.
Es ging mir besser. Gestern hatte ich, bevor wir die Demokratie-Ausstellung gesehen hatten, beim Apotheker vorbeigeschaut, um Prof. Büchsels Rezepte einzulösen. Er hatte gerade einer jungen Frau Aspirin für 7,50 DM verkauft. Bei mir durfte er zwei Nullen dranhängen: 750 Mark kostete die Ware. Nicht zu teuer für Wohlbefinden, wenn man eine Scheckkarte hat und eine private Krankenversicherung.
Da kann man wie die Dame aus der Kosmetik-Werbung (nein, nicht die mit dem verreisten Gatten) sagen: ‚Weil ich es mir wert bin.‘ Vielleicht wäre es sich eine Schwarze aus Uganda auch wert, aber sie ist es nun mal der UNESCO nicht wert. Ungerechtigkeit kennt Grenzen.
Was mein Fuß mache, wurde ich gefragt. Dann bekam ich meinen Beleg und zwei Hustenbonbons.

Bevor wir zu unserer Tagestour aufbrachen, klingelte das Telefon. „Ist Alison eigentlich zuverlässig?“, fragte Dorothee.
Ich sagte: „Ja“, war mir aber nicht ganz sicher, zumindest tat Alison nicht wie Dorothee garantiert das Gegenteil dessen, was sie angekündigt hatte.
„Ich hab’ Alison eingeladen, bei mir zu wohnen, und jetzt hab’ ich nichts mehr von ihr gehört. Ich kenne sie ja kaum.“
„Wann soll sie denn kommen?“
„Morgen früh. Ich habe das Bett schon gemacht.“
Ich beruhigte Dorothee, ohne fundierte Argumente zu haben, und folgte Giuseppe auf den Flur. Da wir keinen drängenden Termin hatten, war der Straßenzug Friedrichstraße, Chausseestraße, Müllerstraße beinahe autofrei. Wir sausten an Brechts Grab und der abgetragenen Mauer vorbei in den Wedding. Müllerstraße klingt doch wirklich sehr ordinär, wenn keine Mühlen am Wegesrand stehen. Scharnweberstraße – was ist das denn für ein Beruf? Seidelstraße, und dann heißt die Verlängerung Berliner Straße. Das ist sowieso nicht sinnvoll in Berlin. Aber laut Stadtplan gibt es eine ‚Berliner Straße‘ in Hermsdorf, Pankow, Prenzlauer Berg, Blankenfelde, Buchholz, Tegel, Weißensee, Wilmersdorf und Zehlendorf. Das kann unmöglich immer dieselbe sein und ist unerhört. Hätte man davon nicht ein paar wieder nach Ulbricht, Pieck und Grotewohl benennen können?

Wir jedenfalls waren auf der Tegeler Ausfertigung und kurz darauf am Tegeler See. Das ist dieselbe Havel wie in Sacrow, nur hat sie sich inzwischen durch Spandau gequält. Der Tegeler See ist größer als der Wannsee, gilt aber weniger. Die Häuser, die da stehen, sind verkramt schrebergärtig, die Lokale sind von Topf bis Stuhl auf Rentner eingestellt und sonst gar nichts. Vom bescheidenen Hafen streift der Blick übers Wasser, am anderen Ufer ist alles grün. Kein Haus, kein Fabrikturm. Blauer Himmel, blaues Wasser. Schwäne. Wir gehen die Promenade rauf und wieder runter. 1977 war ich hier mit Roland; dieselbe Berlin-Reise, die uns auch neugierhalber nach Köpenick getrieben hatte. Mag sein, dass wieder 23 Jahre vergehen, bevor ich hier wieder herkomme. Dann bin ich selbst im hohen Rentenalter. Oder tot. In beiden Fällen wird mich das Kleinbürgerliche der Tegeler Szene nicht stören.
Das Tegeler Schloss war eine Riesenenttäuschung, es war nicht mal ein Feldschlösschen, sondern ein schlecht erhaltenes Wohnhaus. Die Humboldt-Grabstätte fanden wir nicht. Die versteckte sich angeblich im Schlosspark. Auch auf Frohnau verzichtete ich, obwohl ich dort gezeugt sein dürfte. Wir fuhren den Waidmannsluster Damm entlang nach Lübars.
Durch das Abtragen der Mauer hat Lübars seinen Reiz eingebüßt. Es ist ein richtiges märkisches Dorf, das – aus welchen historisch nachvollziehbaren Gründen auch immer – zu Berlin gehört. Da man jetzt ohne Schwierigkeit alle Dörfer Brandenburgs ansteuern kann, ist die Besonderheit von Lübars dahin. Dennoch: Einen solchen verträumten Kopfsteinpflasterplatz mit schönen alten Häusern, einem Friedhof mit Kirche und einem Gasthof mit Terrasse, umgeben von Bauernhäusern und Feldern, wird man, nahezu museal erhalten, in der Umgebung Berlins so schnell nicht wiederfinden.

1982 habe ich Roland am Grabstein eines 1882 gestorbenen Peter Rosentreter gefilmt. Den schwarzen Obelisken erkannte ich schon von Weitem. ‚Wenn ich die Schrift sehe, heule ich los‘, dachte ich. Und dann stand da in goldener Fraktur ‚Peter Rosentreter‘, und ich heulte nicht. Nahezu sorglos saßen wir auf der Terrasse und blickten auf den altertümlichen Platz. Ich quälte mich mit einem alkoholfreien Bier und einem Kalbsschnitzel ab, das mir durch eine Pilzrahmsoße verleidet wurde. In Lokalen kann man tatsächlich nur Sushi oder Tatar essen, alles andere wird so aufgemotzt, dass es für Gastrophoben nicht zu genießen ist. Davon abgesehen war es ein strahlender Julitag auf dem Lande. Innerhalb unserer Logenplätze dehnte sich die Bühne für eine Lortzing-Oper, und nun fing auch noch die Glocke an zu tönen. Ein Grab-Gefährte für Peter Rosentreter? – Nein, wie es sich für Lortzing gehört, eine Hochzeit. Nach und nach versammelten sich die Gäste vor dem Portal der Kirche. Der Bräutigam kam, sein Auto war geschmückt. Der Pastor kam auch. Der Platz füllte sich, mein Teller auch. Wenn man im Essen rumstochert, wird es immer mehr. Aber wo blieb die Braut? Spielten wir etwa Smetana und sie war verkauft?
Fünf nach drei, zehn nach drei. Der Bräutigam zupfte am Strauß und am Revers, gockelte unruhig durch die Grüppchen. Wir saßen schon anteilnehmend bei der Jogurt-Mousse – da erschien sie. Ich hatte keine Lust, so nachdenklich zu werden, wie mein grüblerisches Gemüt mir das bisweilen antut. Zukunftsträume, Zukunftsängste. Sie sollten ‚Ja‘ sagen und Schluss!
Giuseppe und ich machten noch einen Gang an den Roggenfeldern entlang. Ich zeigte ihm unerbittlich die Stellen, wo die Wachtürme gestanden hatten. Hühner gackerten, ein Traktor knatterte vorbei. Zehn Minuten später waren wir wieder im Osten und fuhren, von Blankenfelde mehr oder weniger geradeaus bis zum Alexanderplatz, drei Stadtplanseiten herunter.

Hanno Rinke Rundbrief

36 Kommentare zu “#2.22 | Kein Schloss, kein Wachtturm

    1. Medikamente können unglaublich teuer sein. Ich erinnere mich zum Beispiel ziemlich gut daran, was meine Mutter für ihre Allergie-Hyposensibilisierung ausgegeben hat. Unglaublich.

      1. Das zahlt aber doch bestimmt auch die Versicherung, oder? Selbst die gesetzliche…

  1. Wahrscheinlich hat die Braut den Bräutigam extra warten lassen. Der Auftritt war dann letztendlich ja bestimmt umso pompöser.

    1. Dass man den künftigen Mann mit Absicht warten lässt scheint mir ja eher weniger sinnvoll. Entweder man verärgert ihn oder macht ihn unnötig nervös. Was sollte das bringen?! Außerdem sind solche Hochzeiten in der Regel so angesetzt, dass da nicht endlos gewartet werden kann. Es gibt ja selten nur eine einzige Hochzeit an so einem Tag.

      1. Oh wow, wie lange habe ich den Ausdruck nicht gehört! Dabei ist das eigentlich ein wirklich schönes Wort!

      2. Ja, das Wort ist schöner als der Zustand des Wartenmüssens. Wenn meine Mutter noch an ihrer Frisur arbeitete und mein Vater schon im Auto saß, sagte sie in kurzen Abständen: „Dein Vater wird mich umbringen!“ Pure Koketterie. Nie hätte er die Hand gegen sie erhoben. Sonst wäre sie auch sofort weg gewesen.

      3. Ich mag entspannte Menschen, aber Trödler können mir ungemein auf die Nerven gehen. Die Grenze ist zugegebenermaßen recht schmal.

      4. Genau das ist auch meine Logik. Mein Partner macht da aber leider nicht immer mit. Laut ihm, ist es entspannter wenn man sich zuhause nicht hetzen muss. Dafür hetzt man sich dann später, weil man auf den letzten Drücker kommt.

  2. …dabei zieht es doch die halbe Stadt bei schönem Wetter an die Berliner Seen. Tegeler See eingeschlossen. Aber vielleicht kehren die Kreuzberger Hipster nicht unbedingt in den urigen Lokalen dort ein.

      1. Es gab doch in den letzten Jahren wieder so einen Schrebergarten-Boom. Jedenfalls höre ich immer, dass wieder vermehrt junge Leute in solche Gärten fahren um der Großstadt mal zu entkommen.

      2. In diesem Zusammenhang dart ich nochmal auf meinen Blog-Beitrag ‚Das Flammenschwert‘ unter ‚Kurze Prozesse‘ aufmerksam machen. Schreberunartiger geht es nicht.

      3. Oh Gott, an die Erzählung erinnere ich mich noch gut. Die hatte damals einen starken Eindruck hinterlassen.

  3. Wenn man keinen Hunger hat, hat man immer den Eindruck, das Essen auf dem Teller nimmt kein Ende. Andersherum ist etwas besonders leckeres viel zu schnell weg. Was kann man machen!?

    1. Naja, das ist ja ganz normal. Zum Glück muss man als Erwachsener ja selten den Teller aufessen, wenn man nicht will. Kinder haben es da schwerer.

      1. Also, wenn man privat eingeladen ist und den vollen Teller vorgesetzt bekommt, ist das schon ziemlich unangenehm. Mir dauernd mit den Vertretern unterwegs in Mittel-England passiert.

      2. Der Druck ist ohne Frage größer. So schnell sagt man bei Freunden nicht, dass es einem nicht so richtig schmeckt.

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