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2. Berlin-Reise / 2000

#2.17 | Eine pädagogische Unterbrechung

Wem es jetzt schon reicht, der kann den folgenden Text auslassen und am Freitag weiterlesen. Wem Kultur liegt, der oder die kann heute die Rede studieren, die ich 1997 zur Namensweihe der Leonard-Bernstein-Schule gehalten habe.

Liebe Heranwachsende, liebe Erwachsene!

Die Straße, in der ich – hier in Berlin – die ersten beiden Jahre meines Lebens verbrachte, mündete in einen Platz, der Reichskanzlerplatz hieß. Zehn Jahre vorher hatte der Platz noch Adolf-Hitler-Platz geheißen und sechzehn Jahre später hieß er dann Theodor-Heuss-Platz. So heißt er noch heute.
Als meine Eltern später mit mir nach Hamburg zogen und ich von einer Berliner in eine Hamburger Schule kam, hieß die Brücke zwischen Außen- und Binnenalster ‚Neue Lombardsbrücke‘. Zehn Jahre später nannte man sie Kennedybrücke.
Solche Umbenennungen haben häufig einen Anlass, immer etwas Ehrenvolles, aber auch manchmal etwas Beliebiges. Nicht notgedrungen fragen wir uns, wer denn dieser Friedrich war, an dessen Straße seit einiger Zeit wieder so emsig gebaut wird, und wir suchen auch nicht nach preußischen Schutzmännern mit Pickelhaube, wenn wir auf dem Platz stehen, der jetzt wieder ‚Gendarmenmarkt‘ heißt. Wir finden nur, dass jemand, nach dem etwas benannt wird, eigentlich tot zu sein hat, jedenfalls in unseren Demokratien denken wir so. Es gibt im österreichischen Dorf Anif, nahe Salzburg, eine Straße, die hieß schon Herbert-von-Karajan-Straße, als der Namensgeber dort noch wohnte, aber das kommt uns doch eher protzig oder allzu untertänig vor.
Straßennamen werden eher willkürlich vergeben, so jedenfalls scheint es einem, wenn man nicht beruflich damit zu tun hat, sondern nur Leser von Straßenschildern ist. – Bei einem Gebäude, einem Institut, einer Institution ist das anders. Wenn ich durch ein Eingangstor gehe, erwarte ich einen gewissen Bezug zum Namen, der über ihm steht. Ich frage mich: Wer war der Namensgeber? Ich möchte etwas über ihn wissen.
In den folgenden Minuten will ich deshalb nicht darüber reden, wie schön Bernstein dirigiert hat, oder darüber, dass ‚Somewhere‘ und ‚America‘ eingängige Melodien sind – sondern ich möchte darüber sprechen, warum ich es für sinnvoll, ja sogar für verpflichtend halte, dass eine Berliner Schule ab heute Bernsteins Namen trägt.
Zunächst mal zu ‚Berlin‘. Also zugegeben, Bernstein und Berlin, das liegt nicht so ganz auf der Hand wie Steven Spielberg und Hollywood oder Evita Perón und Buenos Aires. In der internationalen Musikwelt bedeutete Berlin immer: die Philharmonie, die Berliner Philharmoniker und ihr eben schon erwähnter Chefdirigent Herbert von Karajan. Karajan und Bernstein waren zweifellos Gegenpole: Hier der distanzierte mitteleuropäische Maestro, zu dem man prächtig ehrfurchtsvoll aufblicken konnte, wenn man gerne ehrfurchtsvoll aufblickte, dort der menschenfreundliche Amerikaner zum Anfassen – der Unterschied von Frack und Jeans, bildlich gesprochen. In Wirklichkeit trug Bernstein viel häufiger Frack als Karajan.
Bernstein landete mit seiner ‚West Side Story‘ einen Welterfolg als Komponist und er bekam Titelfotos, wenn er in New Yorker Nachtklubs mit Jacky Onassis tanzte. Beides war für Karajan undenkbar. Er konnte weder komponieren noch Disco tanzen. Ich will nicht von Neid sprechen, aber doch von Reserviertheit. Gesteigert wurde diese Distanz natürlich durch die Medien, die mit Rivalitäten unter Stars ihre Zeilen und ihre Kassen füllen. So wurde durch die Presse die Verschiedenartigkeit der beiden immer noch prominentesten Dirigenten unserer Zeit damals zu einem sportlichen Wettkampf hochgekocht, als handle es sich um Agassi und Pete Sampras. Bernstein wollte dem aus dem Wege gehen. Deshalb kam er nur selten nach Salzburg und nur selten nach Berlin. Ein einziges Mal bloß, als Karajan weit, weit weg war, hat Bernstein die Berliner Philharmoniker dirigiert, 1979, ein bejubeltes Konzert von Gustav Mahlers 9. Sinfonie, das Interpretationsgeschichte gemacht hat. Ein Jahr später ging Karajan übrigens mit demselben Werk, seinen Berliner Philharmonikern und Bernsteins Eintragungen in den Noten auf Tournee nach Amerika: also vielleicht doch ein bisschen Agassi und Sampras.
Die übrigen Male, die Bernstein in Berlin war, gastierte er mit anderen Orchestern. Schon 1959 war er mit dem New York Philharmonic Orchestra, dessen musikalischer Direktor er damals war, zum ersten Mal in Berlin, und er kam wieder mit den New Yorkern 1960, 1968 und dann 1976 mit einem rein amerikanischen Programm. 1978 gastierte er hier mit dem Israel Philharmonic Orchestra. Das war auch als ein Zeichen gemeint: ein Zeichen der Aussöhnung und eine Anregung zum Nachdenken.
Von da an – 1984 mit den Wiener Philharmonikern, 1987 mit dem Concertgebouworkest aus Amsterdam und im Sommer 1989 mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchestra – dirigierte Bernstein jeweils in der Hauptstadt der DDR und in Westberlin. Es war ihm wichtig, in beiden Teilen der Stadt zu musizieren. Und der Eindruck, den er bei diesen Gelegenheiten im Schauspielhaus im Bezirk Mitte vom Publikum gewann, war ein durchaus positiverer als der ein paar Kilometer weiter westlich in der Philharmonie. Ich war dabei. Im Osten wurde Bernstein am 24. Oktober 1984 eben als Sendbote von Freiheiten verstanden, im Westen am 25. Oktober galt er als Karajans amerikanischer Konkurrent. Aber Leonard Bernstein registrierte auch sehr genau die Ängstlichkeit der östlichen Musikbeamten, vor allem, als das Publikum außer Kontrolle zu geraten schien – und er registrierte genauso die glatte Routiniertheit der westlichen Klassik-Agenten, die sich um keine Kontrolle zu scheren brauchten.
Das Konzert im Schauspielhaus begann mit einer Verspätung von über einer halben Stunde, weil die Funktionäre mit den reservierten Karten sich nicht so schnell durch die Masse derer, die keine Karten bekommen hatten und auf der langen Freitreppe protestierten, hindurchkämpfen konnten. Natürlich waren nicht alle SED-Oberen musikbegeistert, und so waren eine ganze Reihe von Plätzen leer geblieben. Das berichteten wir Bernstein, und Bernstein erklärt dem völlig verstörten Intendanten, er würde nicht eher beginnen, bis fünfzig von denen, die draußen warteten, hereingelassen würden. Es sei unerträglich, dass drinnen Plätze frei blieben und draußen Menschen Schlange stünden. Häufigen Besuchern der DDR war das von den Restaurants her ein vertrautes Bild: Drinnen gelangweilte Kellner vor leeren Tischen, draußen Essenswillige, die nicht eingelassen wurden – aber Bernstein hatte es nicht nötig, das zu akzeptieren. Der Intendant wand sich, aber Bernstein sagte ihm ganz ruhig, er würde gleich auf die Bühne gehen und dem Publikum erklären, warum das Konzert nicht anfinge. Der Intendant gab nach, wie das in Nicht-Demokratien nun mal so ist, alles, was eigentlich nicht geht, geht dann eben doch. Ich selbst ging auf Anweisung runter, ließ etwas mehr als fünfzig Wartende durch die Tür, die Plätze wurden eingenommen und das Konzert konnte beginnen. So etwas wäre in der Philharmonie undenkbar gewesen, allerdings waren da ja auch die Karten im freien Handel verkauft worden.

Bernstein war einfach schrankenlos, er lebte so unbegrenzt – physisch und psychisch – wie ein Mensch nur leben kann, und ob die Freiheit, die er vermittelte, Offenheit, geistiger Wert, Reisefreudigkeit, Dollars oder musikalisches Abenteuer war (oder sogar etwas von all dem) – das fand im Kopf des einzelnen Zuhörers am jeweiligen Schauplatz statt. Bernstein selbst jedenfalls riskierte immer alles, also auch die Kritik derer, die manchmal unangemessen fanden, was er tat und wie er es tat. So geschah Leonard Bernsteins spektakulärster Berlin-Besuch im Dezember 1989, als er unmittelbar nach Öffnung der Mauer im Schauspielhaus Beethovens 9. Sinfonie mit einem Orchester aus Ost und West dirigierte und den Chor nicht ‚Freude schöner Götterfunken‘, sondern ‚Freiheit schöner Götterfunken‘ singen ließ. Damals herrschte Begeisterung. Inzwischen denken ja viele, dass das Wort ‚Freude‘ den damaligen Zustand, Ende 1989, realistischer beschrieb als das Wort ‚Freiheit‘, denn die Vereinigung brachte nicht nur Mallorca und D-Mark, sondern auch Arbeitslosigkeit und Unsicherheit mit sich. Puristen rümpften schon damals ihre Nasen. Aber dass Beethoven oder Schiller Anstalten machten, sich in ihren Gräbern umzudrehen, bezweifle ich. Beider Werk zeigt deutlich, dass ihnen ‚Freiheit‘ wichtiger war als ‚Freude‘ – das trifft sicherlich nicht auf alle Mitglieder unserer heutigen Fun-Gesellschaft zu.
Aus heutiger Sicht scheint manchen der damalige Überschwang kurzsichtig, na ja, das ist Überschwang immer, das ist ja das Schöne an ihm. Sicher, was wir uns damals so unter ‚Freiheit‘ vorgestellt haben, hat nicht zu blühenden Landschaften geführt, sondern sich eher als blühende Fantasie erwiesen. Aber gerade diese bernsteinsche Begeisterungsfähigkeit, dieses Ungestüm, ist vielleicht das, was uns allen heute ein bisschen fehlt, ganz egal, in welchem System wir aufgewachsen sind.
Bernstein war immer wach für seine Umwelt und hat, wann immer es ihm wichtig war, überall auf der Welt Stellung bezogen. Er war gut bekannt mit Politikern und Medien-Größen in aller Welt, besonders in Wien und in Israel, er war befreundet mit vielen Repräsentanten der Demokraten in Amerika, und er hat immer wieder Leo Kirch in München und Axel Springer hier in Berlin getroffen. Nie hatte er Berührungsängste mit umstrittenen Männern und Frauen. Er bildete sich sein eigenes Urteil über sie.
In der ‚New York Times‘ stand ein berühmt gewordener Artikel über Leonard Bernstein, in dem der Begriff ‚Radical Chic‘ auf ihn geprägt wurde, weil Bernstein die Führer der radikalen Schwarzen-Bewegung, die Black Panthers, zu sich nach Hause eingeladen hatte. Ihm wurden gewissermaßen Unkenntnis und Salon-Bolschewismus vorgeworfen. Aber er hat sich auch für Amnesty International engagiert und während der Salzburger Festspiele 1985 blaue Armbinden verteilen lassen, als Zeichen der Solidarität mit der Friedensbewegung. Zeichen zu setzen, das war bei Leonard Bernstein nie Geste, sondern immer Glaube.
Zweifellos gehört zu jedem großen Künstler ein gewisses Maß an Enthusiasmus und auch ein gewisses Maß an Naivität. Das ist nichts Negatives, denn was haben uns die abgebrühten Zyniker, entschlackt von Liebe, Glaube, Hoffnung, zu sagen, das lohnender wäre anzuhören, als dem Ansporn eines Mannes zu folgen, der nicht blind glaubte, aber alles offenen Auges gutwillig betrachtete? Sind es nicht gerade solche Menschen, die uns überall auf der Welt fehlen?
Leonard Bernstein suchte Schauplätze auf, er lebte an diesen Schauplätzen, traf die Menschen dort, sprach deren Sprache – entweder wirklich oder zumindest im übertragenen Sinne – und er machte Musik. Dieses Musikmachen war zwar Anlass für seine Anwesenheit, aber Bernstein wollte immer mehr: Der Aufenthalt sollte Ereignis sein, für ihn und für die anderen. So ließ er Städte und Stätten auf sich wirken und zog Schlussfolgerungen. Er begegnete Menschen, hörte ihnen zu und sprach mit ihnen. Erfahrungen sammeln und weitergeben – das war es, was Bernstein immer ausgemacht hat: den Musiker, den Lehrer, den Schriftsteller, den Menschen. Und dieser Wesenszug ist es, der ihn als Namensträger für eine Schule so vorbildlich macht.
Wer ihm gegenübertrat, spürte sein uneingeschränktes Interesse und fühlte sich in seine Anteilnahme einbezogen. Wer außerdem noch Einblick in seine Arbeitsweise hatte, der weiß, dass Bernstein sich nicht nur für die Partitur interessierte, die er gerade studierte, sondern im selben Maße für die Lebensentwicklung des Komponisten, für die sozialen Verhältnisse zu dessen Zeit, für die geistigen Strömungen, die ihn beeinflussten und – vor allem – für den Bezug des Werkes zur jetzigen Zeit, zum heutigen Publikum.
Ich erinnere mich deutlich an die Vorbereitungszeit zu Puccinis ‚La Bohème‘. Es ist die Oper junger, bettelarmer Menschen in bewegter Zeit. Stundenlang konnte Bernstein während der Einstudierungsphase über die geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe der Zeit philosophieren, in der ‚La Bohème‘ spielt, das Paris der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Jede musikalische Phrase, jede Idee, die hinter einer Instrumentierung stecken könnte, fesselte ihn – aber, und das ist eben typisch für Bernstein – ihn faszinierte daneben auch das, was weder in den Noten noch im Libretto steht: Ist Mimi wirklich das nette Mädchen von nebenan oder ist sie die kleinbürgerliche Version der Traviata? Wo kommt sie plötzlich her, eine nie zuvor gesehene Nachbarin? In welchem Zeitraum spielt die Oper: drei Monate, mehr als ein Jahr, noch länger? Und vor allem: Was war damals los in Paris? In der Kunst? In der Politik? In der Gesellschaft? Und was können wir heute für uns erfahren? Denn Musik soll nicht nur klingen, sie soll auch etwas bewirken.
Leonard Bernstein glaubte an das Gute, daran, dass das Bessere möglich ist, aber – und das ist das Entscheidende – er kannte genauso alle Gründe, die es gibt, um nicht gut zu sein, auch die Abgründe. Diese Lebensauffassung, die mehr von Hoffnung als von Optimismus getragen ist, prägte Bernsteins Interpretationen und gab seinem Musizieren eine Qualität, die weit über den Notentext hinausreichte: ein Musik-Erlebnis, das von vornherein als Mittel der Kommunikation angelegt war, Wechselwirkung von Bühne und Auditorium. Musik zu vermitteln, Menschen, gerade jungen Menschen, große Musik nahezubringen, das war Bernstein von jeher besonders wichtig, und so spielte er nicht nur in Konzerthäusern, sondern war einer der ersten, die auch im Freien spielten, für Tausende von Menschen, von denen manche die als steif empfundene Umgebung eines Musiksaals gescheut hätten, aber auf dem Rasen eines Parks oder auf den Steintreppen einer antiken Arena sitzend, Bernstein willig in die Welt der Töne folgten.
Bernsteins Fernsehserie ‚The Young People’s Concerts‘ ist berühmt und unerreicht. Und damit komme ich zum für mich wichtigsten Punkt: Bernstein war niemals schulmeisterhaft, sondern er war erstens wissbegierig, neugierig, und zweitens lag ihm daran, das, was er herausgefunden, was er erkannt hatte, weiterzuvermitteln – und er hatte das Talent, es so zu tun, dass man ihm atemlos folgte.

Ich hatte nicht nur das Glück, dass ich über zehn Jahre lang Bernsteins Produzent sein durfte, ich hatte auch vorher schon Glück beim Lernen fürs Leben. Das Schulsystem war damals ein anderes, als ich Abitur machte, und ich hatte damals schon Lehrer, die an mehr dachten als an ihren Unterrichtsstoff. Wir lernten parallel: Wenn in Religion die Stoa der Römer und das frühe Christentum dran waren, wurden in Latein Seneca-Texte und Paulus-Briefe gelesen. In Kunsterziehung befassten wir uns mit Pompeji. Als wir zur Romantik kamen, lasen wir in Englisch Byron, in Deutsch Heine und Eichendorff, in Geschichte behandelten wir das frühe 19. Jahrhundert und in Kunsterziehung ging es um Caspar David Friedrich, Goya und William Turner. Diese Komplexität ist es, die ich meine. Sie ist mir Rüstzeug geworden, und ich fand sie in allem Denken und Wollen Bernsteins wieder. Wer so systematisch, mit dem Blick aufs Ganze unterrichtet wird, wer auf diese Weise etwas erfährt über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lebens, über Triumphe und Niederlagen der Wissenschaft und der Geschichte, dem wird viel eher klar, dass die Schule kein Paukbetrieb sein darf, sondern der Ort, an dem einem die Hilfsmittel zuwachsen sollen, um zu verstehen.
Nur wenn ich genügend erfahren habe über das, was untergegangen ist und was Bestand hat, weiß ich genug, um mir ein eigenes Urteil zu bilden, um nicht schlicht glauben zu müssen, was von allen Seiten an Information – die mich entweder bloß unterhalten oder für ihre Zwecke beeinflussen will – ständig sintflutartig auf mich einströmt. Nur so kann ich mir die Sprache erarbeiten, um möglichst missverständnislos mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren.
Zu wissen, was man mit Abstand belächeln muss, um nicht zu verschleißen, und zu wissen, wo man energisch einschreiten muss, selbst wenn es einen verschleißt – all das sind für mich Dinge, die man während der Schulzeit anfangen sollte zu erlernen – und für die Bernstein der beste Lehrmeister war, den ich je kennengelernt habe.
So betrachtet, müsste man in den frühen Klassen ein Grundgerüst bekommen, um von da an ein Mosaiksteinchen nach dem anderen einfügen zu können, bis sich das Bild immer mehr vervollständigt. Oder ein anderes Beispiel: Immer mehr technische Einzelteile müssen zugeliefert und nutzbar gemacht werden, bis man alle Bestandteile so weit zusammengeschweißt hat, dass man schon mal anfangen kann, mit der Maschine zu arbeiten und sein Leben selbst zu gestalten. Aber natürlich geht es immer weiter, die Maschine muss ständig perfektioniert werden. Das fängt mühsam an und das bleibt mühsam, aber es lohnt sich. Und wer erst mal, wie Bernstein, süchtig danach geworden ist, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen, der hat an ihrem Genuss noch mehr Spaß als an Flippern oder an Tic-Tac-Toe. Und er versteht das Fernsehen besser, schon deshalb, weil er präzise unterscheiden kann, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht ist: Ich spreche über Qualität, nicht über Moral.
Bernsteins Anspruch war immer beides. Deshalb folgten ihm die Orchestermusiker, die Solisten, die Sänger so willig. Er überzeugte ihr Gefühl und verführte ihren Intellekt. Und das übertrug sich auf das Publikum; Bernstein war dabei auch ein Vermittler zwischen Pop und Klassik. Denn Musik war für ihn eben nicht bloß ein System von Klängen, sondern, wie schon gesagt, vor allem ein Kommunikationsmittel. In diesem Willen zur Verständigung wurde er von einer – und da alles andere als naiven – Menschenliebe geleitet: kein ‚Alles ist gut‘, nicht ein ‚Alles wird gut‘, aber ein nachdenkliches ‚Manches könnte besser werden‘. Zweifel, Leidenschaften, Ausbrüche, anhaltende Niedergeschlagenheit gehörten zu Bernsteins Denken und Fühlen wie seine Neugier, wie sein Wunsch nach lustvollem Leben: Das Leben sollte ernsthaft sein, aber es sollte Spaß machen. Das Leben sollte Spaß machen, aber es sollte ernsthaft sein. Nicht nur die ‚West Side Story‘, alle seine Werke unterstreichen diesen Standpunkt. Sie zeigen Abgründe auf, aber sie unterhalten, und im Mittelpunkt steht – auch bei seinen orchestralen Werken – immer der Mensch. Deshalb bin ich mir sicher, dass es das ist, was sich Leonard Bernstein von einer Schule wünscht, die seinen Namen trägt: Das Nachdenken, das Forschen, das Vermitteln von Wissen soll auf höchstem Niveau Mittel zum Zweck sein, aber im Mittelpunkt stehe der Mensch!
Ich möchte nicht wieder zur Schule gehen, bestimmt nicht, aber ich wäre gern auf eine Schule gegangen, die diesen Namen trägt. Denn wo immer auf der Welt ich sagen könnte, ich war auf der ‚Leonard-Bernstein-Schule‘, steht der Name für jemanden, der eine Idee verkörpert hat, und für etwas, auf das man stolz sein kann.

Danke, dass Sie mir zugehört haben!

Jetzt, 25 Jahre später, im Mai 2022, will ich, nachdem ich meinen Einweihungstext von damals durchgelesen habe, doch mal sehen, wie es heute um die Schule steht. Ich google und stelle fest: Inzwischen ist die Leonard-Bernstein-Schule mit einer anderen Schule zusammengelegt worden und heißt am selben Ort Melanchthon-Gymnasium. Ach! Also, über Melanchthon schreibe ich jetzt aber nichts. Es hat mich auch keiner drum gebeten.

Titelgrafik mit Material von: Ivan Rohovchenko/Unsplash (Philharmonie, Berlin), Samuel Svec/Unsplash (Konzerthaus Berlin), Mercedes Fittipaldi/Shutterstock (Musiknote)

Hanno Rinke Rundbrief

36 Kommentare zu “#2.17 | Eine pädagogische Unterbrechung

  1. „Das Nachdenken, das Forschen, das Vermitteln von Wissen soll auf höchstem Niveau Mittel zum Zweck sein, aber im Mittelpunkt stehe der Mensch!“
    Das müssten sich viel mehr Schulen (und Lehrer) auf die Fahnen schreiben.

      1. Ich lese immer, dass Frontalunterricht verpönt sei. Was da in den Schulen passiert, kann ich mir nicht so recht vorstellen. Als Schüler wäre ich mit meinem heutigen Wissen und Denken jederfalls nicht gerade ein Lehrer-Labsal.

      2. Trotzdem wird aber oft einfach nur Wissen vermittelt. Egal ob jetzt frontal oder im gemeinschaftlichen Arbeiten. Ich finde es fehlt im Unterricht meiner Kinder öfters die Frage was man mit dem Wissen machen soll. Wie man es anwenden kann um weiterzukommen.

      3. Ich glaube das variiert von Schule zu Schule wahnsinnig. Meine Tochter war eigentlich ziemlich zufrieden mit ihrer Ausbildung.

      4. Ist ‚Weiterkommen‘ beruflich-finanziell gemeint oder geistig-seelisch? Wichtig ist, (sich) zu erklären, was Bildung leisten soll.

      5. Eines von beidem ist schon mal ein guter Anfang. Viel Unterricht aus meiner eigenen Schulzeit hat weder das eine noch das andere zum Ziel gehabt, finde ich. Aber das ist zugegebenermaßen auch schon eine ganze Weile her.

  2. Leonard Bernstein ist natürlich ein toller Namensgeber für eine Schule. Ich erinnere mich ehrlich gesagt gar nicht mehr wer Namensgeber meines Gymnasiums war. Das ist schon etwas peinlich.

    1. Wach für seine Umwelt sein, Stellung beziehen, neugierig sein, hart für seinen Erfolg arbeiten … ein Vorbild ohne Frage.

  3. Oh wie interessant etwas über die Arbeitsweise eines Dirigenten und über die Vorbereitung zu so einer Aufführung zu erfahren. Was da alles hineinspielt ist ja in der Tat beeindruckend.

      1. Ja das glaube ich Ihnen. Es hat ja auch nicht jeder das Zeug ein Bernstein zu werden.

      2. Na und jeder hat doch bestimmt einen völlig eigenen Ansatz. Unter den Schauspielern ist ja auch nicht jeder ein Method Actor.

    1. Ich fand die Rede auch einen schönen Einblick. Die zeigt so viele verschiedene Facetten und gibt ja auch einen wirklich netten Einblick in Ihre Arbeit.

  4. Ein Wettkampf ist für die Presse natürlich immer ein gefundenes Fressen. Das muss von den beiden Dirigenten ja selbst gar nicht so anvisiert worden sein. Wie soll man auch bewerten oder vergleichen wie Musik interpretiert wird!? Klar, bei der Gabe ein großes Orchester zu leiten, da kann man schon unterschiedliche Qualitäten sehen. Aber das funktioniert doch dann eher beim Vergleich zwischen einem großen Dirigenten und einem Anfänger. Nicht zwischen Bernstein und Karajan.

      1. …und am Ende beißt einer der beiden angeblichen Kontrahenten doch an und schon ist die Fehde eine echte.

  5. „The Young People’s Concerts“ habe ich nie gesehen. Da muss ich mal etwas recherchieren. Das würde mich nämlich wirklich interessieren.

  6. Bei einer heutigen Rede müsste der Satz wohl heißen „Und wer erst mal, wie Bernstein, süchtig danach geworden ist, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen, der hat an ihrem Genuss noch mehr Spaß als an Twittern oder an Tik-Tok.“ 😂

      1. Bernstein hätte meiner Interpretation seines Charakerts (hoffentlich) zugestimmt. Als ich den Satz schrieb, war er allerdings seit sieben Jahren tot.

    1. ich hab mich ehrlich gesagt nie so wirklich mit bernstein beschäftigt. nicht mal während der schulzeit. es scheint, als hätte ich etwas verpasst.

      1. Das ist der große Vorteil unseres heutigen Lebens: alles bleibt abrufbar. Auch wenn das manchmal ärgerlich ist. Mehr dazu in meinem nächsten Sonntags-Rundbrief

      2. Ich wollte schon sagen. Das ist ja gleichzeitig großer Vorteil, wie großer Nachteil.

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