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2. Berlin-Reise / 2000

#2.53 | Welttheater

Samstag, 29. Juli

Sonnabends darf man immer ein bisschen länger im Bett bleiben. Da reißt es einen nicht schon um elf aus den Federn, sondern erst um zwölf, vor allem dann, wenn der sommerbunte SAT.1-Ballon sich gegen den November-Himmel stemmt, einen Himmel, so schwer und grau wie ein Elefant, der den ohnehin mitgenommenen Porzellanladen Berlin in Grund und Boden trampeln will. Man rekelt sich auf faltigen Laken, zerwühlt von schicksalsschwangeren Träumen, und sinnt nach. Dabei fallen einem Reime in den Schoß wie der über Wachsen und Schrumpfen:

Das erigierte Fickorgan
schießt vorschnell ab im Größenwahn.
So endet mancher schnelle Sex
im Minderwertigkeitskomplex.

Berlin? Derartige Pubertätsausläufer führen dann doch an den Rasierapparat, in die Badewanne, die Kleidung und, nicht notgedrungen, aber zielstrebig, in die Apotheke. Wozu sich länger belügen? Der Ananassaft war eben doch reichlich mit Bacardi gestreckt gewesen, und so waren meiner Einschätzung nach etwa zwei Aspirin-Brausetabletten vonnöten, um das mir von einem höheren Ich verordnete Kulturprogramm mit der angemessenen Aufmerksamkeit durchzustehen.
Bekannt sein ist schön, ich mag es. Dann braucht man auch keine Tempel anzuzünden. Der Kellner, der mich beim Namen nennt, während er meinen Stuhl an den Tisch rückt, der Weinhändler ‚Am Teich‘, der mich wissen lässt: ‚Diesen Soave hatten Sie neulich schon mal, der hat Ihnen geschmeckt. Soll ich den Karton zu Ihrem Wagen bringen?‘, und der Apotheker in Mitte, der sich gleich nach meinem Fuß und meinem Magen erkundigt. Wer kann sich bei solch großer Popularität noch einsam fühlen? Natürlich würde ich nun nicht mehr zu diesem teilnahmsvollen Pharmazeuten gehen, wenn mir ein Arzt Viagra verschrieben hätte oder ich etwas gegen Filzläuse bräuchte: Auch das nicht erigierte Fickorgan liebt ‚Anonym‘ und Pseudonym.

Dorothee hatte, wie von ihr nicht anders zu erwarten, für Mirella, ihren Mann, sich und mich Karten für ‚Die Liebe zu den drei Orangen‘ bekommen. Ich ging zu ‚Dressler‘ und reservierte den Filet-Tisch am Fenster, der klarstellte, dass auch ich mein Handwerk verstehe. Dann aber ging ich die Friedrichstraße zum ersten Mal in diesem Jahr nicht nach Norden, sondern vom ‚Madison‘ aus nach Süden. Bekümmert stellte ich fest, dass Ursula Lingens Freund Jonathan sein Lokal Ende Juni geschlossen hatte. Die Idee einer Art Bistro, die das ‚große, gute Häppchen‘ ins Yuppiehafte übersetzt, war sicher richtig. Der Ort war eigentlich auch nicht verkehrt, aber der Zeitpunkt. Jetzt sind die Bürohäuser und Versicherungen zwischen Mauerstraße und Friedrichstraße fast fertig und ich fürchte, Jonathan fast pleite. Immer wieder beschäftigt mich die Frage, was aus Mozart, Himmler und Verona Feldbusch zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort geworden wäre. Es klingt blödsinnig, aber manchmal komme ich tatsächlich zu Schlussfolgerungen: Schrott setzt sich durch.

Ich erreichte den Checkpoint Charly. Bo, Ingrid und Giuseppe hatten sich das Museum angesehen, während ich das Bett gehütet hatte. Ich war nicht wild auf diese Ausstellung, aber auch nicht abgeneigt, mich wieder einmal dem Ost-West-Grusel auszusetzen. Vor allem wollte ich eine leere Videokassette kaufen, um am Abend ‚Väter und Söhne‘ aufnehmen zu können. Den vorigen Teil hatte ich am vergangenen Samstag in Hamburg festgehalten. Ich bin süchtig nach Epen. Und nach Festhalten. In einem Eckladen, der Andenken und Zeitschriften führte, verwies man mich auf das Elektrogeschäft nebenan, direkt gegenüber dem Museum. Ich wollte die Kassette nicht mit mir herumschleppen und stattete also zunächst diesem, na ja, ‚Museum‘ einen Besuch ab, ein ziemlich hochgegriffenes Wort, wenn man schon mal in den Uffizien und der Eremitage war, denn zu diesen Institutionen verhält es sich wie eine Pissbude zu den Caracalla-Thermen. Dennoch: Der Andrang war gewaltig. Bereits der Eingang hatte mehr was von Jahrmarktsbude, und als ich mich mit all den wissbegierigen Japanern und Amerikanern ins Innere quetschte, wurde es noch schlimmer. Hauptattraktion war ein umgebauter Trabi, in dessen Sitz sich, wie die Ausstellung belegte, zumindest eine Schaufensterpuppe verstecken konnte. Ich wurde in einen Vortragssaal geschwemmt, in dem ein NVA-Offizier eine Rede darüber hielt, wie überzeugt er vom Sinn der Mauer war, weil er wie seine (und meine) ganze Generation belogen und betrogen worden sei. Dann kam es zum Eklat. Ein junger Mann tuschelte seinem Nachbarn etwas zu. Sie saßen in einer der vorderen Reihen, und der Offizier, in seinen Fremd- und Selbstbezichtigungen gestört, bellte: „Was reden Sie da!“
Der junge Mann, eingeschüchtert, sagte bloß: „Entschuldigung“.
„Das lasse ich mir nicht gefallen!“, wütete der abgehalfterte Offizier. „Ich breche ab. Sie haben kein bisschen geschichtliches Verständnis. Schluss!“
Gemurmel.
„Nein! Schluss!“
Ich ging weiter. Alles war so trostlos wie die Kontrollbaracken, durch die man vor dem Interzonen-Abkommen hindurchgemusst hatte, wenn man von oder nach Berlin wollte. Es war gar keine Linie, kein Konzept in dem Sammelsurium zu erkennen. Nicht Fleisch, nicht Fisch, bloß Sättigungsbeilage: nicht geordneter als die ‚Sieben Hügel‘ im Gropius-Bau, bloß volkstümlicher, also noch besser besucht.
Eine einzige Konstellation faszinierte mich. Neben einem Eckfenster sah man den Blick aus derselben Perspektive, die man als Beobachter hatte, auf drei Tafeln. 1945: Ruinen – 1961: Mauerbau – 1975: hermetische Abriegelung, Wachtürme, Befestigungen. Und dazu unten, jenseits des Fensters: die Wirklichkeit jetzt. Kneipen mit Tischen dort, wo bis 1990 die Mauer die Fahrbahn vom Gehweg getrennt hatte. Da verschmolzen Geschichte und Kulisse zu Welttheater.
Der Offizier redete sich inzwischen wieder die Wende vom Leibe.

20 Kommentare zu “#2.53 | Welttheater

    1. Mittlerweile schaue ich so viel Netflix und Prime, dass ich echt überlegen muss wann ich zuletzt den Fernseher eingeschaltet habe.

  1. Das Museum am Checkpoint Charlie hab ich mir immer gespart. Diese ganze Ecke erinnert mich immer an Disneyland. Man sollte es natürlich, aber man kann es nicht so richtig ernst nehmen.

      1. Genau das Gefühl bekommt man. Dass das Publikum so ist wie es ist wundert mich bei dem Museum nicht. Was mich wundert ist eher, dass die Stadt das Museum so ausgelegt hat. Es ist ja doch kein ganz unwichtiges historisches Thema für Berlin.

      1. Aber Herr Rinke! Der 6€-Rum von Aldi ist doch nicht das gleiche wie ein vorsichtig gereifter Rum aus Jamaica.

      2. Hahaha, wohl wahr. Der Rum-Kater ist immerhin nicht ganz so schlimm wie der Tequila-Kater.

      1. Oha! Davon hatte ich noch nicht gehört. Aber der Titel des Podcasts ist gekonnt.

  2. Ich schaffe es ja nie am Wochenende lange zu schlafen. Tagsüber schlafen kann ich höchstens wenn ich die ganze Nacht unterwegs war. Ansonsten wach ich spätestens nach ein paar Stunden auf wenn es hell ist.

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