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2. Berlin-Reise / 2000

#2.30 | Abhilfe

Mittwoch, 12. Juli

O Gott, geht es mir schlecht! Könnte ich doch durchschlafen bis in den Tod hinein! Das kommt vom Sancerre und vom Whisky. Aber ich bereue nichts. Es war ein wunderbarer Abend. Ich will ja nichts weiter, als dass es dunkel bleibt, dass mein Ohropax mir nicht ständig aus den Ohren fällt und dass mein Nasenspray da ist, wo ich es hingestellt habe. Ich will ja nichts weiter als nichts. Ist das zu viel verlangt? Ich kacke und kotze mehr als ich esse. Ich leide mehr als ich lebe. Jetzt waren die eingeschränkten Freuden in Lübars, bei Marina und bei Dorothee wirklich umsonst. Durch die Trinkerei gestern Abend habe ich alles vermasselt. Ab jetzt werde ich nur noch Mineralwasser ohne Kohlensäure trinken. ‚Stilles Wasser‘ – klingt das nicht traut nach Friedhof? Neben meinem körperlichen Elend bleibt mir noch die Abwechslung von Trauer oder Angst. Das, was man gerade hat, ist das Schlimmere.

Wenn es einem arg geht, ruft man seinen Hausarzt an.
„Sie müssen Tegretal für die Nerven nehmen und morgens und abends Antra. Können Sie mal sehen, ob Sie das ‚Schweigen der Sirenen‘ in Berlin finden? In Hamburg kriege ich es nicht. Tschüs!“
Der Apotheker freute sich, mich wiederzusehen und mir das Verordnete auszuhändigen. Über die Dosis verständigte er sich telefonisch mit Roemmelt. Dieses Mal bekam ich zwei Packungen Tempo-Taschentücher als Aufmerksamkeit mit auf den Weg.
Anette hatte mir lehrerinnenhaft gemailt, dass sie meinen Alkoholkonsum zwar verstehen, aber nicht billigen könne und mir den Studienratschlag erteilt, lieber mit ihrer Tochter Anna zu joggen. Zweifelsfrei ist Anna die Vergrößerungsform für Anette, aber Joggen ist vielleicht nicht unbedingt die richtige Maßnahme für eine angeknackste Seele mit einem angeknacksten Fuß. Ansonsten entspräche es meinem Naturell, Berlin zu durchjoggen – aber nicht meiner Kondition. Noch bin ich nicht Joschka Fischer. Welchen anderen Trost gibt es? – Schreiben. Aufschreiben, was ich bisher erlebt habe. Aber wozu? Das war doch nichts und deshalb nicht der Rede, geschweige denn der Schreibe wert. Und wenn doch: Ergibt es mehr Sinn, spontan zu schreiben oder abgeklärt, ein paar Wochen später. Abgeklärt … Ich schreibe flüssig. Zu flüssig. Überflüssig? Nicht schreiben, lesen. Giuseppe hatte mir den Katalog zu der Ausstellung ‚Fragen an die deutsche Geschichte‘ von einem seiner Kurzausflüge während meiner Schlafenszeit mitgebracht. So fiel ich wieder ins Bett und beschäftigte mich in den folgenden Tagen 476 Seiten lang mit den Fragen an die deutsche Geschichte, als Ablenkungsmanöver gegen meine eigene.

‚Hanno Hubertus Rinke gibt sich die Ehre, anlässlich seiner neuen Wohnungseinweihung am Mittwoch, dem 12. Juli 2000, 19.00 Uhr, zu einer kleinen Abendgesellschaft zu sich zu bitten. Anzug. Kl. Schwarzes. Bitte keine Geschenke‘ stand auf der Einladungskarte, die ich Anfang Juni erhalten hatte. Der Einladende ist der Vater meines Cousins zweiten Grades, der Sohn des Bruders meines Großvaters. Er hatte, wie dieser ganze Zweig der Rinke-Familie, in Schwaben gelebt, war aber von seiner Frau, die zuvor gut geerbt hatte, als nicht mehr handhabbar zurückgeschickt worden nach Berlin, wo er und seine Geschwister ursprünglich herkamen und wo sein Sohn inzwischen wieder wohnte. Ein gerade fertiggestellter Seniorensitz wurde gefunden, und da kam der Ur-Hanno hin. Ich habe ihn nur auf zwei Geburtstagen und einer Beerdigung gesehen und hatte keine rechte Vorstellung von ihm. Etwas einfältig und sehr traditionsbewusst erschien er mir. Aber das von seiner Frau Erika in die Umwelt gesetzte Gerücht, er habe Alzheimer, parierte meine Mutter achselzuckend mit der Bemerkung: „Alzheimer? Der war schon immer so. Der hat mir noch Ende vierundvierzig was vom Endsieg erzählt.“ Für sie war Hitlerkult nie eine Ideologie, sondern eine Geisteskrankheit.

Marina, die ihn in Berlin ein paar Male mehr erlebt hatte, fasste in der für sie typischen Art die Begegnungen zusammen mit: „Der ist harmlos.“ Und auch diese freundliche Herablassung meint ja nicht: ‚Er sticht Wärter nie mit dem Messer nieder‘, sondern: ‚Sein Weltbild ist schlicht.‘
Gegen 17.30 Uhr – der Wiener Kongress hatte gerade am 15. Mai 1820 in seiner Schlussakte das monarchische Prinzip bekräftigt –, da klappte ich die deutsche Geschichte zu und widmete mich der Körperpflege: heißes Bad, eiskalte Dusche. Der Duschhebel stellte neben dem E-Mail-Anschluss das größte technische Problem des Appartements dar. Mit nassen Händen war es völlig ausgeschlossen, das Wasser in die gewünschte Richtung zu lenken. Da man im Allgemeinen, wenn man in der Wanne liegt, kein Handtuch greifbar und auch vergessen hat, sich eines zurechtzulegen, ist man gezwungen, den Badeläufer um den Hebel zu wickeln und dann nach Leibeskräften zu zerren. Bis auf den Zipfel, den man – gegen das Abgleiten der Finger von der Armatur – benutzt, rutscht das Frottee langsam, aber ohne dass man es verhindern könnte, ins Wasser, wo es sich gierig vollsaugt. Inzwischen strömt ein druckloses Rinnsal aus dem Duschkopf, mit dem man sich zu begnügen hat. Kaltes Wasser mit spärlichem Strahl ist genauso schlimm wie ein Pflaster, das an haariger Stelle ganz langsam abgerissen wird. Der Läufer fällt als klitschnasser Lappen auf die Fliesen und verursacht beim Drauftreten ein unangenehmes, weichlich kaltes Gefühl an den Fußsohlen, die man, auf dem Badewannenrand sitzend, trocknen muss, um danach im Grätschschritt über die volltrunkene Matte zu steigen.

Ich genehmigte mir einen Kleinen, weil man bei einem Essen ja auch essen können soll, zog mir das frisch gewaschene weiße Hemd an (Die Belehrung der Wäscherei auf dem Beipackzettel ‚Kragen stark verschmutzt‘ hatte ich als überflüssig empfunden; ich weiß selbst, dass ich ägyptische Erde benutze, aber die Wäscherei scheint nicht zu wissen, dass es ein Mangel an Professionalität ist, beim Kinn mit Pudern aufzuhören, den Hals zu vernachlässigen und die Kundschaft durch desavouierende Bemerkungen zu vergrätzen.) und bestieg den feierlichen dunklen Anzug, den ich um des heutigen Abends willen extra mitgeschleppt hatte – hätte ich ihn nicht amortisieren müssen, wäre ich womöglich im Bett geblieben.

Titelbild mit Material von ImageFlow/Shutterstock

Hanno Rinke Rundbrief

21 Kommentare zu “#2.30 | Abhilfe

      1. Ich habe es selbst mit Schlaftabletten nie geschafft, auch nur eine Nacht ‚durch’zuschlafen. Mit häufigem Aufwachen erreichte ich trotzdem immer meine acht Stunden.

      2. Ich wache auch regelmäßig auf. Das gehört mittlerweile selbst zu einer guten Nacht dazu.

      1. Ja, etwas abgenutzt ist der in der Tat. Aber es scheint mir trotzdem, dass er nach wie vor zu den beliebteren Babynamen gehört.

  1. Wenn man seinen Hausarzt anruft ist das immer noch besser als selbst nach möglichen Diagnosen zu googeln. Das machen zwei meiner Freunde zu gerne. Und es endet nie so gut.

  2. Tja spontan oder abgeklärt? Darf ich fragen… wie halten Sie es denn eigentlich? Überarbeiten Sie ggf. was im ersten Schwung flüssig runtergeschrieben wurde? Oder gilt das erste, nah am Erlebnis geschriebene Wort?

      1. Ja das kann ich mir sehr gut vorstellen. Der Blog macht ja nun wirklich nicht den Eindruck als wären die Texte ohne große Überlegungen online gestellt. Im Gegenteil: man merkt wie viel Aufmerksamkeit jedes Detail bekommt.

  3. Hahaha, die Wäscherei schrieb tatsächlich „Kragen stark verschmutzt“? Das war dann hoffentlich als Entschuldigung gemeint, falls etwas nicht 100%ig sauber geworden ist. NIcht als Vorwurf. Sowas hatte ich bei meiner Reinigung noch nie.

    1. Die müssen das bestimmt einfach schreiben um sich abzusichern. Sonst gibt es nachher ein paar meckrige Kunden, die eine Entschädigung für ein Hemd, das eh schon hinüber war, haben wollen.

      1. Der Kragen ist eine Stelle, an der man sich Unreinlichkeit am ehesten nachsagen lassen kann. Von der Weste abwärts wird es problematisch.

  4. Ideologien können ja leider grundsätzlich sehr schnell in eine Art Geisteskrankheit überschlagen. Da fehlt oft nicht viel vom einen zum anderen.

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