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In der Blase  —   Süd nach Südost

#28 – Ganz ausgeschlossen!

Am Dienstag, dem 16. Oktober, reisten wir zurück nach Deutschland. Drei Monate waren vergangen. Ist das viel – ist es wenig? Der Sommer war in ganz Europa heiß gewesen. Chemnitz geriet wegen rechtsextremer Hooligans in die Schlagzeilen, Jamal Khashoggi war in Istanbul ermordet und zerstückelt worden. Vor zwei Tagen hatte die CSU im Landtag ihre absolute Mehrheit verloren. Wir leisteten uns eine Abweichung vom üblichen Programm und verzichteten auf die Jause beim ‚Schneiderwirt‘ in Nußdorf. Stattdessen hatte mir der ‚Freisinger Hof‘ in München gut gefallen. Auf dem Bildschirm. In Wirklichkeit war er noch schöner. Wir saßen und aßen bei 25 Grad auf der Terrasse und ich dachte: „So, nun ist der Sommer zu Ende. Was für ein stimmungsvoller Abschied!“

Foto: picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo

Meran habe ich dieses Mal ja sehr kurz bis gar nicht behandelt. Deshalb füge ich hier zum Trost einen weiteren Aufbruch von Meran nach München ein: vom Juli 1992. Der Anfang dieser Reise hatte damals unter keinem guten Stern gestanden. Als ich in Meran eingetroffen war, merkte ich, dass meine Brieftasche weg war – gestohlen oder verbummelt, das konnte ich mir aussuchen. Ich tat das Unvernünftigste: gar nichts. Die ersten vierzig Seiten lasse ich weg und komme gleich zum Schluss:

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Der Rest ist rasch erzählt (sofern mir das liegt), weil alles wie immer bleibt. Irene geht jeden Morgen von unserer Wohnung die zwanzig Meter zum Haus, rauft sich mit den Handwerkern und die Haare, Guntram geht jeden Morgen zum Ort und kauft auf dem Rückweg beim Kiosk an der Ecke die ‚Bild‘-Zeitung. Manchmal kauft er seine ‚Bild‘-Zeitung schon im Ort, dann geht er einen anderen Weg zurück, damit der Zeitungsverkäufer im Kiosk an der Ecke nicht sieht: Mein Gott, der hat die ‚Bild‘ ja schon im Ort gekauft hat! – Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer: Das ist es, was meine Eltern mir immer beizubringen versucht haben.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Und ich? Ich koche, plane und denke weiter. Ich brauche einen Partner oder eine Familie, um ausbrechen zu können. Mein Alleinleben ist ein ständiger Einbruch in mich selbst. Ich muss für jemanden kochen, planen, denken, sonst sack’ ich zusammen. Vielleicht sollte ich mir doch einen Wellensittich anschaffen. Oder jemanden sehr Hilfloses.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Stattdessen verkriech’ ich mich ins Bett und wüte gegen meinen Körper. Als rein geistiges Wesen wäre ich vermutlich vernünftiger, aber natürlich auch ein bisschen abstrakter.

Foto: Steve Johnson/Pexels

Heute Abend werden wir im Kurswagen nach Hamburg zurückfahren, vierzehn Stunden lang zu dritt eingezwängt in ein winziges Abteil. Oder auch nicht. Guntram hat rausgekriegt, dass es preiswerter ist, dem Schaffner hundert Mark in die Hand zu drücken, damit er einem noch ein Schlafwagenabteil aufschließt, als gleich von Anfang an zwei zu nehmen. Wenn’s mal klappt.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Abreise verlief bis zur ersten Kreuzung hinter der Autobahn ohne Zwischenfall. Ich saß am Steuer und sah, umsichtig die Großstadt München ansteuernd, in den Rückspiegel. Die Kofferraumklappe war offen. Trotz absoluten Halteverbots stoppte ich kurz am Straßenrand, damit mir Guntram unter Einsatz seines langen Lebens den Blick für den nachfolgenden Verkehr freimachen konnte.

Foto: Fusionstudio/Shutterstock

Für den Rest der Strecke bis zum Ostbahnhof, auf dem der Wagen für die Fahrt nach Hamburg verladen werden sollte, beschäftigte uns das Thema, was wohl unterwegs alles herausgefallen sein mochte.

Foto: gemeinfrei/Pixnio

Eine Spitzenposition nahm dabei – zumindest in meinen Spekulationen – meine Reisetasche ein. Sie hatte in dem proppenvollen Kofferraum obenauf gelegen. Um mein Necessaire war es nicht besonders schade: Erstens wasche ich mich sowieso nicht und zweitens im Zug schon gar nicht. Auch dem Rest des Tascheninhalts trauerte ich nicht besonders nach, Gott sei Dank hatte ich ja die wichtigsten Dinge schon vor Antritt der Reise in Hamburg verloren. Das Einzige, worum es mir bange war, war dieser Brief, was, falls er jetzt gerade gelesen wird, eine überflüssige Sorge war.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Meine Mutter grübelte auch über das ein oder andere Stück nach, von dem sie sich nur ungern getrennt hätte, und so kann man vielleicht die straff gespannte Neugier nachvollziehen, die wir empfanden, als wir uns am Halteplatz für Hamburg-Reisende des Münchner Ostbahnhofs daranmachten, den Kofferraum zu öffnen. Dies gelang aus zwei Gründen nicht. Erstens war der Kofferraum verriegelt, zweitens passte der Kofferraumschlüssel nicht. Beides gab Rätsel auf. Wie konnte ein eben noch weit klaffender Kofferraumdeckel plötzlich, ohne abgeschlossen zu werden, verriegelt sein? Guntram räumte ein, dass der Wagen wegen Störungen in der Zentralverriegelung unmittelbar vor Antritt der Reise in der Werkstatt gewesen war. Wie konnte es sein, dass der Schlüssel das Problem nicht löste? Weil es der Zweitschlüssel war, gedacht für Werkstattpersonal und Chauffeure, denen durch einen anders als den Hauptschlüssel geformten Schlüssel wohl der Zugang zum Zündschloss, nicht aber der zum Kofferraum gewährt werden sollte: Lenkrad – ja, Leiche oder Schwarzgeld-Bündel – nein. Wo war der Hauptschlüssel? Weg.

Wikimedia Commons/gemeinfrei

Irene hat, verständlicherweise, ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, denn was passiert nicht alles heutzutage. So achtet sie streng darauf, dass alle Fenster und Türen fest verschlossen sind, wenn sie das Haus verlässt. Mit Recht. Nur wenn eine vermeintlich leere Wohnung Dieben noch verlockender erscheinen könnte als eine offene, werden die Fensterläden nicht heruntergelassen, weil das ja Abwesenheit signalisieren würde, zumindest unter Tag. Das Rauf oder Runter bedarf deshalb jedes Mal der Abwägung. Beliebt ist auch Winken: Irene winkt, bevor sie ins Auto steigt, dem leeren Fenster zu. Das tut sie, damit Räuber, die hinter dem Baum lauern, denken, Irenes Großmutter sei noch zu Hause und bewacht Service und Silber.

Foto oben: monreal312/Pixabay | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Guntram und ich kamen eines Tages mit der ‚Bild‘-Zeitung aus dem Ort, Irene raufte sich mit den Handwerkern. Guntrams Schlüssel war nicht imstande, sich ins Schloss zu zwängen: Irene hatte ihren von innen stecken lassen, als sie die Wohnung zu raschem Raufen in aller Hast verlassen hatte. Zwar wusste sie, dass sie keinen Schlüssel hatte und nicht wieder zurückkonnte, aber sie konnte sich ja auf Guntrams Umsicht, besonders in Schlüsselfragen, verlassen. Guntram ging zum Haus, um von Irene den Schlüssel zu erbitten, weil er gern reinwollte, mit der ‚Bild‘-Zeitung. Irene wartete schon ein wenig ungeduldig, abgeholt zu werden, weil die Rauferei beendet war und sie gern zurückwollte in die Wohnung. Auf dem Weg zur Wohnung und zu mir wurde ihnen bewusst, dass das nicht ging, weil sich nämlich – ich hatte das schon vorweggenommen – der andere Schlüssel nicht nur außerhalb von Irenes Gewahrsam, sondern auch in der Tür befand, allerdings von innen.

Foto: cocoparisienne/Pixabay

Nun war guter Rat teuer, weil Schlüsseldienste nun mal nicht billig sind. Von wo aus anrufen und unter welcher Nummer? Missmutig dachte ich an meinen Braten, der, um zart zu werden für Guntram, auf sehr kleiner Flamme schmorte. Wie ein Dieb bei Nacht schlich ich ums Haus, sah noch keinen Qualm aus dem fest verschlossenen Küchenfenster dringen und rüttelte reflexhaft an der fest verschlossenen Terrassentür.

Foto: Privatarchiv H. R.

Erst als ich das Gebäude fast umrundet hatte, gelangte ich an mein Schlafzimmerfenster: Es stand offen. Mein Bedürfnis nach Frische war größer gewesen als mein Ordnungssinn und mein Gehorsam. Das heißt, eigentlich befolge ich mit dem Öffnen des Fensters nur Irenes dringenden Wunsch, mein bisweilen etwas zoohaft riechendes Zimmer zu durchlüften, bloß vergesse ich dann meist, es wieder zuzumachen. Wie oft bin ich nicht abends in einem wie von Totenhand gewirkten Schlafanzug klappernd ins klamme Bett gestiegen! Diesmal stieg ich stattdessen klappernd über den Kellerschlund hinweg, nachdem ich bereits, textilienlassend die Dornenhecke überwunden hatte, ins klaffende Fenster; Sekunden später konnten meine Eltern in den Flur und meine Keule vom Herd.

Foto: istetiana/Shutterstock

„Siehst du“, sagte Irene, „ich wusste es doch. Man kann da einsteigen. Versprich mir, ich bitte dich inständig, dass du nie mehr dieses Fenster offenlässt, bevor du aus dem Haus gehst!“ Jaja, aus Fehlern muss man lernen, sonst sind sie überflüssig.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Luis Molinero (Frau mit Koffer), Elnur (Tasche), sirtravelalot (Auto)

33 Kommentare zu “#28 – Ganz ausgeschlossen!

    1. So etwas gibt es? Dass ein eigentlich doch identischer Schlüssel so gefertigt ist, dass er in das eine Schloss passt, aber in das andere nicht?

    1. Und Trump deckt Prinz Mohammed bin Salman um von Tochter Ivanka und deren Nutzung eines privaten Emailservers abzulenken. Es könnte in einer Soap Opera nicht banaler zugehen.

      1. Ich kann Bolton nicht ausstehen, aber was man im xten Enthüllungsbuch über Trumps täglichen Politikwahnsinn erfährt ist immer noch und immer wieder erschreckend.

      2. Ich kann Bolton nicht ausstehen, aber was man im xten Enthüllungsbuch über Trumps täglichen Politikwahnsinn erfährt ist immer noch und immer wieder erschreckend.

      3. So viel Aufmerksamkeit wie diese Veröffentlichung von Seiten des Weissen Hauses erhält, Trump scheint tatsächlich Angst zu haben.

      4. Es gab mittlerweile wirklich so viele von diesen Büchern und Skandalen, Donald Trump wird auch das nichts anhaben. Wenn überhaupt, dann kommt das Erwachen im November.

  1. Wer aus Fehlern nicht lernt, hat es schwerer im Leben. Aber wie am Beispiel Schlafzimmerfenster zu sehen, ein Fehler kann sich auch mal als großes Glück herausstellen.

      1. Mein letzter Schlüsseldienst hat zudem erst einmal versucht das Schloss so umständlich wie möglich zu öffnen. Um bei der Rechnung draufschlagen zu können. Gut, dass ich selbst weiss, wie man solche Schlösser öffnet 😉

      1. Solch ein größeres Essensprojekt muss ich auch mal wieder angehen. In letzter Zeit hab ich das viel zu sehr schleifen lassen. Vielleicht am Wochenende.

      2. Nach den Schlagzeilen um Corona in den deutschen Fleischbetrieben sollten Sie vielleicht noch ein paar Wochen länger warten 😉

      3. Der große Skandal ist da übrigens erst einmal nicht der Verzehr von Fleisch, sondern wie man mit Arbeitnehmern aus Mittel- und Osteuropa bei uns umgeht…

      4. Das Fleisch, das wir essen, wächst doch auf den Bäumen der Bio-Bauern, unsere Kleidung wird von gut bezahlten Fachkräften in Armanien geschneidert, und wir sind blauäugig.

      5. Solange genügend Fleisch und Spargel auf den Tisch kommt, kann man schon mal über ein paar Coronainfektionen hinweg sehen, nicht?

  2. Drei Monate unterwegs sein ist viel. Wobei auch das ja immer eine Frage der Perspektive ist. Vor allem frage ich mich ob bzw. wann so etwas überhaupt wieder möglich sein wird. Ich habe das Gefühl COVID-19 war nicht die letzte dieser Pandemien.

    1. Das stimmt auch wieder. Den Fotos nach zu schließen ist das übrigens ein sehr hübsche Zweithaushalt. Ihr Garten ist wirklich toll.

    1. Ich bin auch schon einmal über den Balkon in meine eigene Wohnung eingestiegen. An Einbrecher, die auf eine ähnliche Idee hätten kommen können, darf man einfach nicht denken.

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