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In der Blase  —   Süd nach Südost

#18 – Im Wartezimmer

Freitagnachmittag, 16 Uhr. Trotz der fortgerückten Stunde ging ich zum Empfang und schilderte – was blieb mir übrig? – mein Problem. Vor Montag würde ich wohl keine Chance haben? Der Mann hinter der Theke telefonierte, nannte mich einen ‚carissimo ospite‘ und sagte zu mir, doch, ich solle gleich kommen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Es waren nur zehn Minuten zu Fuß, immer am Ufer entlang, auf der einen Seite das entfernte Venedig, auf der anderen näherte sich die Zahnarztpraxis. Die war so chic, wie man sich die Empfangsräume eines Schweizer Schönheitschirurgen vorstellt. Alles war Glas, Sandelholz, gebürstetes Messing und indirekt beleuchtet.

Foto: pxhere/gemeinfrei

Also, wenn man so vom Gekreisch der Anlegestelle Santa Elisabetta gegenüber in diese kühlen Räume trat und von einer Empfangsdame begrüßt wurde, als wolle man sich die Tränensäcke liften lassen – das hatte schon was.

Foto: Smirnof/Shutterstock

Ich war zu hastig gelaufen, wie immer. Ich bekam einen gehörigen Schweißausbruch. Dies wäre mir womöglich vor den Mitwartenden genierlich gewesen, aber dazu waren die zu seltsam. Es handelte sich bei ihnen um drei Frauen und eine vierte. Bei den Dreien war es für einen Laien schwer zu unterscheiden, ob sie bloß debil waren oder doch schon imbezill. Sie hatten alle drei keinen Ausdruck in den Augen und nichts im Mund, das auf die Notwendigkeit eines Zahnarztbesuches hätte schließen lassen: Eher waren sie Glatzköpfe beim Friseur, genau umgekehrt wie ich also, der etwas im Mund hatte, dem man nicht ohne Weiteres anmerkte, wie haltlos es war. Die Vierte war offenbar bei Sinnen, wohl die Aufseherin, und die guckte mich die ganze Zeit über so bedrohlich-beschwörend an, als wolle sie mich daran hindern, entweder auszubrechen oder den Bekloppten in die zahnlosen Fressen zu hauen. Ich schwitzte derweil mein Hemd zu Kochwäsche und schlug das von mir ahnungsvoll mitgebrachte Buch von Menasse zum Thema ‚schwindendes Wissen‘ auf. Da stand:

‚Das eskapistische Individuum ist als ein denkendes Subjekt zwar frei, diese Freiheit ist allerdings gleichgültig gegen das wirkliche Dasein. Das ist aber nicht möglich. Der Rückzug auf eine innere Selbstidentität kann für ein verkörpertes Subjekt keine Freiheit mit sich bringen, denn diese muss in einer Lebensweise äußerlich zum Ausdruck kommen. Der Eskapismus widerspricht sich selber. Er stellt im privaten innerlichen Schein eine Freiheit dar, die in Wirklichkeit deren Negation, die Verdopplung der allgemeinen Unfreiheit und auch die Verdopplung des Scheins der allgemeinen Freiheit ist.‘1

1 Quelle: Robert Menasse: ‚Phänomenologie der Entgeisterung. Geschichte des verschwindenden Wissens‘, Suhrkamp

Collage: tommaso79/Shutterstock

Waren diese vier oder wenigstens drei dieser Frauen frei? Weil sie nichts zu begreifen brauchten oder, auf irgendeiner mir verschlossenen Ebene, alles besser verstanden als ich? Jeder Mensch, der sich Gedanken macht, ist, solange er das tut, Irrtümern ausgeliefert, selbst diese Wärterin, die vielleicht nur Angst hat, dass ich ihre Schützlinge anstarren würde und diese harmlosen Gemüter das bei all ihrer Geistlosigkeit merken könnten. Oder dass ich mich frage: „Wie kommen solche absurden Wesen ohne Hals und Kinn in eine Praxis, in der bereits die Empfangsdame aussieht, als hätte sie selber zwei Empfangsdamen?“

Fragen, Irrtümer, neue Fragen.

Eine sehr attraktive Assistentin erlöste mich von meinen Mutmaßungen und führte mich in einen Raum, der alle hochgesteckten Erwartungen des Vorraumes erfüllte, doch blieb sie stumm. Sie wusste wohl, dass ich Ausländer war und ging davon aus, dass ich den Mund nur öffnen könne, wenn man einen Bohrer hineinstopfen müsse. Dafür lobte ihr erst recht attraktiver Chef mein Italienisch, weniger begeisterte ihn das entfallene Brückenprovisorium meiner – auch sehr attraktiven – Hamburger Zahnärztin, so als sei das noch von 1846 oder zumindest von Mussolini.

Dieses Brückenprovisorium mag ja als Behelf wirklich nicht viel besser sein als die – wahnsinnig unpoetisch ‚Entlastungsstraße‘ benannte – Schneise, die zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor verläuft, aber zur Entlastung meiner Zahnärztin sei gesagt, dass ihr Kunstwerk meine Zunge dazu verführt, wenn ich kribbelig bin, also immer, in diese kleine Schlucht einzudringen. Das Überqueren der Schlucht macht einen Weg ja erst zur Brücke. Wenn ich dann die Zunge noch als Muskel nutze und so einen gewissen Druck ausübe, den Geheimdienstschergen vielleicht nicht kennen, der aber Physikern und Erotikern als ‚Saugkraft‘ ein Begriff ist, dann kann ich diesem dentistischen Brücken-Schlag vermutlich einen durch steten Tropfen steinhöhlenden, unvorhersehbaren Schaden zufügen und außerdem ein wirklich in jeder geordneten Situation unangebracht schnalzendes Geräusch erzeugen, das ekelt wie Fingernägelknabbern, und mich beim Pokern, ganz besonders in der Weltpolitik, auch mit höchstem Bruttosozialprodukt in der Hinterhand, schnell als Eigentümer von Nerven bloßstellen würde.
––Dann sagte der Zahnarzt: „Wir können auch Deutsch sprechen“, und war wirklich Schweizer: aus Basel.

Basel

Das Festkitten meiner Brücke ging viel schneller als in Hamburg und hat, obwohl ich seither nur während des Tiefschlafs nicht schnalze, gehalten. Bisher! Und dann nahm er nicht mal Geld dafür. „Das ist so“, sagte er, Betonung auf ‚so‘. ‚Umsonst‘ hätte auch komisch geklungen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Während ich also für die kommenden Tafelfreuden verarztet worden war, hatte Irene bei dem Bemühen, den Inhalt ihrer Koffer wegzuschichten, zwei überraschende Entdeckungen gemacht: Erstens – sie war nicht wie eine ostelbische Junkerin beim Einmarsch der ersten Russen in ihre Mägde ohne Habseligkeiten vom Gutshof geflüchtet (um aus Geschmacksgründen keine schlimmeren und ‚rasse‘-gerechteren Vergleiche zu bemühen), sondern hatte Kleidung, Schmuck und Kosmetika für sechs Wochen ‚Traumschiff‘ dabei. Zweitens – die Kleiderschränke bei ‚Mabapa‘ sind eher für einen Zen-Buddhisten auf der Durchreise konzipiert als für den Daueraufenthalt einer Transvestitentruppe.

Ich bekam aber am Empfang zehn zusätzliche Bügel, von denen ich vier selber brauchte – mit dem Rest konnte Irene zusehen, wie sie sie in ihren Spind pressen sollte.

Ich hatte mich notgedrungen schon ziemlich flott bei meinen St.-Vitus-Fläschchen bedient, die haben 43 Prozent Alkohol im Gebräu und werden bei ‚Aldi‘ um einiges billiger feilgeboten als bei ‚Spar‘ der Underberg. Alle Tage ist kein Fernet. Beschwingt rief ich bei Silke an, um ihr zu sagen: „Stell dir vor, heute Morgen noch wollte meine Mutter nicht weg aus Südtirol, und jetzt hab’ ich sogar Zähne im Mund!“

Foto: Pxhere/gemeinfrei

Das Abendessen draußen unter den hohen Bäumen. Die vertrauten Kellner, die vertrauten Umrisse Venedigs jenseits des sanft walzernden Wassers. Die abwechslungsarme Karte ist noch verlockend für uns Neu-Ankömmlinge und unser Blut für die Mücken erst recht. All die lieben Gespenster, die mit am Tisch sitzen …

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Der Pianist bietet alles auf, was keiner will. Wobei ich ‚Tea for Two’, ‚Funiculì, Funiculà’ und ‚Ja, so ist sie, die Dubarry‘ etwas trainierter wegstecke als Irene das Geklimper und die Garnelen. An denen ist nie was dran, das weiß man ja. Außerdem: Wenn der Teller zu voll kommt, ist es für sie noch empörender. Diesem Thema möchte ich ein wenig mehr Aufmerksamkeit widmen: später.

Foto oben: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Roman Samborskyi, Alena Gan, luanateutzi

Das Bewusstsein, da zu sein, hier zu sein und die Area Condizionata machten die Nacht erträglich.

33 Kommentare zu “#18 – Im Wartezimmer

      1. Noch schöner sind Touchpads, wo man beim Scrollen dann auch noch auf die entsprechenden Bilder fassen muss.

      1. stimmt. in dem falle ist es dann auch mal wieder ein glück, dass wir menschen eben nicht alle gleich sind.

  1. Die Geschichte des verschwindenden Wissens – seitdem Fakten nicht mehr so wertgeschätzt werden und es zu jedem Thema auch alternative Wahrheiten gibt, könnte der Buchtitel glatt wieder en vogue kommen.

    1. Seit das Wissen in Bunkern und bei wikipedia gespeichert ist, kann man den Kopf davon entlasten. Der Rechenaufgaben stellende Blogwart weiß übrigens nicht, dass es ‚gib‘ heißt, nicht ‚gebe‘. Imperativ! Muss man nicht wissen, kann man googlen.

      1. Man kann ja gemeinsam googeln und dann über das Gefundene Diskutieren. Scherz beiseite, man merkt ja in den Netzwerken ganz gut wie schwer es sich diskutieren lässt, wenn die grundlegenden Fakten nicht geteilt werden.

  2. Ach Gott, diese ganzen Schnäpse. Ich bin eigentlich ganz froh, dass mich diese Minibar-Fläschchen fast immer kalt lassen. Da muss schon ein sehr schlechter Tag her…

    1. Im oberen Fach gibt es auch warme Fläschchen: Cognac und Rotwein. Vermutlich nach viel Missbrauch findet man ja seit längerer Zeit nur noch Mineralwasser in der Minibar: mit Sprudel oder ohne. In guten wie in schlechten Tagen.

      1. Ich wollte gerade sagen, das letzte Mal wo ich Whisky oder Cognac in der Minibar hatte ist eine Weile her.

      2. Kommt drauf an aus welchem Grund man trinkt. Und ob man Gesellschaft genießt oder nur erträgt.

      3. Nee, aber man kann sich doch auch gut einen ordentlichen Drink an der Bar holen und gemütlich auf dem Zimmer trinken.

  3. So eindrucksvoll dieses Wartezimmer klingt, ich habe immer Angst auf Reisen zum Arzt zu müssen. Man weiss ja doch schwerer, ob es bei der Verständigung in einer fremden Sprache mal zu einem Missverständnis kommt.

    1. Meistens ist das Leiden für den Arzt ja offensichtlich: von den Wehen bis zum Seeigel im Zeh. Bei Leibschmerzen hilft oft Zeigen auf die Stelle. Bei Lebensmittel-Vergiftung ist ein Hotelwechsel in Betracht zu ziehen.

      1. Das Leiden ist in der Regel leicht vermittelt. Bei der Behandlung muss man hingegen relativ blind vertrauen.

      1. Oh, das klingt nach schlechtem Wetter. Ich hoffe, dass sich das schnell wieder einrenken lässt.

  4. Oh Menasse, der ist mir ja so sympathisch, weil er ganz leidenschaftlicher Europäer ist. „Die Hauptstadt“ war meiner Meinung nach ein ziemlich guter Roman.

  5. Es gibt diese Hotelkleiderschränke, die auch nach dem Auspacken meines Koffers leer aussehen, genau wie solche, die maximal ein Hemd zulassen. Manchmal passt nichtmal der Koffer so richtig ins Zimmer. Man fragt sich ja schon, wer solche Zimmer designed. Und mit welchem Ziel. Praktikabilität jedenfalls nicht unbedingt.

    1. Gerade bei Mittelliga-Hotels, die versuchen möglichst hip oder chic auszusehen, gibt es oft so viele Denkfehler in der Zimmergestaltung… Mich irritieren z.B. immer frisch renovierte Zimmer, mit nur einer einzigen Steckdose.

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