Es begann damit, dass es nicht anfing: Das Restaurant in Brescia, in dem ich 1984 mit Roland und seiner Mutter gewesen war, hatte montags geschlossen, und für Sirmione erschien mir die Lösung des Parkproblems zu knifflig.

Brescia, 1984

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Sirmione, 1982

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Außerdem war Sirmione schon abgefeiert (‚Europa im Kopf‚ #7.1 – Hilfreiche Überwachung‘), hatte also keinen Anspruch mehr auf Wiederholung. Was dann? Ein Ort, in etwa auf halber Strecke, pittoresk; ein Lokal, das Erwartungen weckt, malerisch; ein Essen, das dem Gaumen schmeichelt, lukullisch. So kam mein Laptop auf Lazise und die ‚Taverna da Oreste‘. Auf Internetbildern scheint immer die Sonne, manchmal auch der Mond.

Rafał fuhr, so nah es ging, an den See, den Gardasee. Die Promenade war gut besucht, das Wetter war schlecht und die Stühle unter schützenden Markisen waren besetzt. Wir waren eine halbe Stunde zu früh, durften also – meinen schrägen Etiketten gemäß – unser Restaurant noch nicht betreten. So quetschten wir uns zunächst in einem Café zwischen Bier oder Espresso trinkende Urlauber. Rafał trank Bier, Silke trank Espresso, mir stand nach dem beschwerlichen Weg ein Negroni zu.

Foto oben: Privatarchiv H. R. | Foto unten: VRITTI/Pexels

Fotos oben (3): Privatarchiv H. R.

Um 13:00 Uhr gingen wir zwei Häuser weiter und standen vor Orests Taverne. Draußen saßen Menschen und tranken Bier oder Espresso. Wir wurden wegen unserer Vorbestellung nach drinnen komplimentiert. Nachdem wir durch den ersten Raum, von dem aus man noch die draußen Sitzenden und die Gehenden sehen konnte, geleitet worden waren, erreichten wir einen abgeschiedenen Saal. Wir betraten ihn. In dem Raum befanden sich drei Menschen: Silke, Rafał und ich. Von Zeit zu Zeit noch ein Kellner, der uns brachte, was wir bestellt hatten. Viel exklusiver geht’s nicht. Der Koch tat mir fast genauso leid, wie wir mir leidtaten. Alleinsein ist nun mal nicht immer ein Luxus. Davon abgesehen gab es keinen Grund zur Klage. Die Hauptmahlzeit war ohnehin für den Abend geplant, spätestens ab jetzt. Die Erinnyen, die man in der Nähe von Orest ja vermuten konnte, ließen uns in Ruhe, so dass wir Mailand ohne Schwierigkeiten am späteren Nachmittag erreichten.

Foto oben: Privatarchiv H. R. | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Ich hatte ein Hotel ausgesucht, das etwas außerhalb der City liegt und im Preis innerhalb des Budgets. Natürlich musste ich die Taxekosten dazurechnen. Aber ich tat es nicht. Von der Fassade her sah das ‚Grand Visconti Palace‘ etwas abgeblättert aus, doch innen hatte es sich die Grandhotel-Atmosphäre bewahrt. Mein Zimmer entsprach der verschlissenen Pracht der Halle; der Blick aus dem Fenster war deprimierend, aber es gab ja Gardinen.

Um sieben trafen wir uns in der ‚Bar‘, eigentlich bloß eine Ausbuchtung der Halle. Wir verbrachten Zeit miteinander, bis eine Stunde vergangen war und wir das nahe ‚Acqua e Sale‘ ansteuern konnten. Es war dort genauso betriebsam wie während unseres einsamen Mittagessens, aber als wir beim Nachtisch waren, kam noch wer.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Am Dienstag konnte sich Mailands Innenstadt auf uns freuen. Rafał und Silke, sie waren (natürlich) beide schon in Mailand gewesen, aber (auch natürlich) nicht so oft wie ich. Seit 1966 hatte ich – zunächst als Student und später beruflich – immer wieder Zeit dort zugebracht. Am Stück nicht so lange wie in Rom, Florenz und Venedig, aber häufiger. In Mailand bin ich mit dem Auto, mit dem Zug und meistens mit dem Flugzeug eingetroffen und abgereist bin ich auch auf der Autobahn, auf den Schienen und auf dem Luftweg. Diese überflüssigen Mitteilungen dienen dazu, auf die Hauptstadt der Lombardei einzustimmen. Zusätzlich ist hier noch ein Stück Film mit Roland und Harald aus dem Jahr 1977 zu besichtigen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Taxe hielt. Silke zahlte. Vor uns dehnte sich der Platz, an dessen anderem Ende der Dom stand. Er ist der umfangreichste Marmorbau, den es gibt, und nach dem Petersdom und der Kathedrale von Sevilla die drittgrößte Kirche der Welt. Merken konnte man das schon von außen: In der Schlange vor dem Eingang standen so viele Menschen, wie ich das früher nur vor dem Lenin-Grabmal auf dem Roten Platz gesehen hatte. Wenn alle diese Menschen ihre Sünden würden loswerden wollen, dann käme der Padre vor nächster Woche nicht aus dem Beichtstuhl.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Früher bin ich oft kurz vor meinem Abflug problemlos durch eines der fünf Portale geschritten und habe Kerzen für Roland und für meine Eltern angezündet. Ich wusste, das nutzte nichts. Aber schaden konnte es auch nicht. Jetzt erfährt man im Internet: ‚Direkt das Ticket aufs Handy. Smartphone Tickets. Tickets sofort erhalten. Ohne Anstehen. Sofortige Buchung.‘ Die Kirche weiß, was schon Vespasian wusste, als er die Latrinensteuer erhob: pecunia non olet.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ich hätte mir den Domgang sowieso nicht zugemutet, aber Silke und Rafał zeigten auch kein Interesse. So steuerten wir schnurstracks die erste und berühmteste Galleria der Welt an. Sie zu durchmessen ist immer noch ein Erlebnis: die Säkularisierung der Kathedrale, gleich nebenan auf der Piazza, ins Kommerzielle – ein kapitalistischer Tempel. La Galleria Vittorio Emanuele II. In der linken Passage war noch Platz.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Nach einem Espresso drängte es Silke zu den Schaufenstern, Rafał nicht. Er blieb bei mir sitzen, was mir gefiel. Silke lief nur ganz leicht verstört allein los. Nach einer Weile kam sie wieder. Rafał wollte immer noch nicht mit; ich saß schon beim nächsten Campari. Als Silke von ihrer zweiten Tour zurück war, wurde es auch Zeit, eine Taxe anzusteuern. Wir fuhren an der Scala vorbei. Bei der Premiere zur ‚Nozze di Figaro‘ hatte ich einen schokoladenfarbenen Samtanzug mit gleichfarbiger, ausladender Fliege getragen. 1973. Damals hatte ich auch Schaufenster gemocht, ganz besonders die von Delikatess- und von Modegeschäften. Jetzt laufe ich, jedenfalls zu Hause, in grellen Jogginganzügen rum: rot, türkis, pink, lila, und ich bestelle Wildlachs und Serrano-Schinken bei Gourmondo. Wenn es die Schreibprogramme und das Internet nicht gäbe, säße ich jetzt beschäftigungslos im Altersheim und läse vor den Abendbrotstullen noch ein bisschen Fontane.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zum Restaurant ‚Al Conte Ugolino da Marino‘ musste man wie üblich das letzte Stück gehen. Das Lokal war nobel mit stilisierten Fresken an den Wänden und – voll! Keine Touristen, sondern gut gekleidete Geschäftsleute. Beides empfand ich als willkommene Abwechslung, und Silke sah das natürlich genauso. Unsere Plätze waren gut, unser Essen war gut.

Foto: Privatarchiv H. R.

Am Nachmittag gehörte es sich für Silke und Rafał, dass sie ohne mich Klotz am Bein italienische Eleganz betrachteten und bekosteten. Mich treibt die Aussicht auf Muße meistens ins Bett: Da les ich, schlaf ich oder denk ich so vor mich hin. Auch dieses Mal nutze ich dabei die Pause für einen Einschub. Während Silke und Rafał also Gegenwart scheffeln, schaufle ich im Haufen der Vergangenheit herum: Da finde ich den Ausschnitt aus meinen Aufzeichnungen vom Juni 1991. Damals war ich noch Leiter des Marketings und hatte die freie Mittagszeit, in der ich mir diese Notizen machte, von meinem Geschäftspensum abgezwackt. Mailand, unbeaufsichtigt: …

Foto: GeoTrinity, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Viorel Sima (Mann im Anzug), Tero Vesalainen (Hand mit Onlineticket) | Zwischengrafik Mailand mit Bildmaterial von Shutterstock: Plateresca (Ölzweige), pcruciatti (Dom in Mailand), k_samurkas (Friedensbogen)

30 Kommentare zu “#31B – Orest

      1. Das ist doch ähnlich wie bei Einladungen zu einer Party. Man möchte da dann auch nicht kommen, während das Buffet noch aufgebaut wird.

      2. Nun ja, das Restaurant ist ja in der Regel schon eine Weile geöffnet bevor man seinen Tisch hat. So ganz dasselbe ist es ja nun nicht. Wahrscheinlich möchte man einfach keine Umstände machen, falls der Tisch noch nicht frei ist? Hmm…

  1. Ich bin ja immer wieder aufs Neue erstaunt, dass es von all diesen Hotels Imagefilme auf Youtube zu sehen gibt. Das ist für mich eine Rinke-Entdeckung. Ich habe mich bisher immer nur auf Website und Bewertungsportale verlassen.

  2. Nach Mailand habe ich es bisher nur ein einziges Mal geschafft. Aber an den überfüllten Dom erinnere ich mich auch noch bestens.

  3. So ganz privat im Nebenzimmer essen, da tun sie mir im Nachhinein auch ein kleines bisschen Leid 😉 Aber Scherz beiseite, im Restaurant will man doch meistens auch unter Menschen sein. In Asien gibt es diese Séparées ja auch häufig. Nicht mein Fall.

      1. Ich habe neulich auch Fotos von Kellnern mit Plastik-Schutzschildmasken und Gummihandschuhen gesehen. Niemand soll sich anstecken, aber vielleicht bleibt man dann einfach gleich zuhause.

  4. E-Tickets können ja toll sein, wenn sie das Leben einfacher machen. Aber manchmal ist ja genau das Gegenteil der Fall. Da kommt man dann ohne so ein Ticket nämlich gar nicht mehr rein. Oder man kann zumindest spontan keine Tickets kaufen. Auch schon erlebt.

    1. In Zeiten von Corona ist die Voranmeldung sicherlich praktisch. Ansonsten gehe ich auch lieber spontan. Pläne mache ich eher im groben Abluaf, nicht in den Details.

  5. Wofür genau sind eigentlich diese Tellerständer gedacht? Nur damit das Brot noch im Körbchen darunter passt? Ich finde die Dinger meistens eher umständlich als hilfreich.

      1. Ja das kann durchaus beides seinen Charme haben. Was mir bei dem ein oder anderen modernen Restaurant gefällt ist, wenn trotz generellem Minimalismus viel Wert auf handgemachtes Geschirr und schönes Besteck gelegt wird.

  6. Die Ausgelassenheit im 77er Video ist ganz wunderbar. So etwas ist natürlich viel typischer für die Jugend- oder jungen Erwachsenenjahre. Ich habe ähnliche Erinnerungen an verschiedene Urlaube in Spanien.

  7. Ohne Schreibprogramm und Internet im Altersheim? So ganz kann ich das nicht glauben. Trotzdem frage ich mich wie die Situation und die Standards in heutigen Heimen so sind. Wenn die Bewohner dort die Möglichkeit haben ins Internet zu gehen würde das möglicherweise ja auch sehr viel zum Positiven ändern.

    1. Vielleicht haben Sie recht. Ich wäre lieber zu Hause. Aber es wäre mühsam. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, und ich bin nicht so bescheuert, mich dafür zu schämen, statt es zu genießen.

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