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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#54 – Abschiedsessen

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Auf der Rückreise nach Hamburg ließen wir uns wie üblich, ohne Experimente, mittags vom Biergarten des ‚Schneiderwirts‘ in Nußdorf überzeugen und abends vom ‚Zehntkeller‘ in Iphofen. Ein warmer Septemberabend. Ziemlich warm. Als wir ankamen, saßen und aßen die Besucher noch draußen. Wir blieben lieber gleich drinnen: Sind wir ja von Taormina her so gewohnt.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Den ‚Schneiderwirt‘ kenne ich seit 1969, den ‚Zehntkeller‘ sogar seit 1962. Alles schicker geworden – bis auf mich, älter als alle Köche, Kellner und Gäste. Ja, ab 75 werde ich mich ‚alt‘ nennen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Das Abschlussessen ist auch so ein Ritus: statt Letztem Abendmahl ein unspektakuläres Mittagessen. Problemlos könnten wir bis Hamburg durchfahren. Aber nein, da muss am Ende noch etwas Neues ausprobiert werden. Bis auf ein Mal Sachsen-Anhalt (Silke fand Magdeburg schrecklich) nehmen wir die letzte Mahlzeit im Niedersächsischen ein. So haben wir Hildesheim, Goslar, Salzhausen, Lüneburg beehrt. Nun war Göttingen dran: das ‚Kartoffelhaus‘. Einfach noch ein letztes Mal den Duft von ‚Unterwegs‘ einatmen, bevor der Stallgeruch des ‚Daheim‘ wieder die Räume und die Nase durchdringt. Ich fand es extrem einfallslos von mir, Kartoffelpuffer mit Graved Lachs zu bestellen, das gibt es in jedem mittelpreisigen Gasthof zwischen Uppsala und Hopsasa. Aber ‚Frische Bratkartoffeln ohne Schinkenspeck mit Zwiebeln, dazu Spiegeleier‘ als Vegetarierkost reizten mich auch nicht, zumal ich mir das an meinen Wochenenden, an denen ich immer ganz für mich allein bin, selber machen könnte, sogar jetzt noch, in meinem abgewrackten Zustand. Ich tu’s aber nicht. Ein Würstchen in den Topf mit Wasser zu werfen, das ist das Äußerste. Sonst gibt es mal gar nichts oder mal Schinken- oder Käsestulle. Vegan kommt in meiner Lebensplanung nicht vor: Wollpullover, Lederschuhe, Butterbrot vermeiden? Ich bin zu alt, um gut zu sein.

Ich schlafe lange, vorher habe ich bis zum Müdewerden gelesen, also meist bis halb zwei, davor habe ich lange auf meine große Leinwand gestarrt, also ferngesehen, und mich dabei andauernd gefragt: „Ist das Leben, an dem ich keinen Anteil mehr habe, wirklich so, wie Private und Öffentlich-Rechtliche es mir vorsetzen?“ Davor habe ich stundenlang am Glastisch gesessen und die Tastatur betätigt. Meine Gedanken in sinnvolle Zusammenhänge zu verweben, das ist meine Art von Computerspielerei. Was ich früher am Klavier auszudrücken versucht habe, bemühe ich mich jetzt, in Worte zu fassen. Da ist Erlebtes ein gefügiger Ansatz: schildern, bebildern. Lehren ziehen, weiterziehen. Und das nach dem altbekannten Schema: Meine neueste Hervorbringung ist auch meine letzte. Das war schon immer so und auch immer schon gut so. Immer! Von nun an würde mir ja bestimmt nie wieder etwas Interessantes einfallen. Nie. Und immer ist das, was ich gerade beendet habe, was Beste, was ich je erfand. Das wusste ich sofort. Immer! Sonst hätte ich ja gar nicht erst angefangen, aus meinen Hirngedanken Schreibtischtaten zu machen. Das wissend werkle ich halt weiter und lächle nachsichtig über meinen Selbstbetrug.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Unsere Reisen sind kilometermäßig länger als der Jakobsweg, aber weniger selbstfinderisch. Sehr privat? Vielleicht. Trotzdem hoffe ich, dass all die Beschreibungen mit ihren vielen Abwegen nicht nur Beschäftigungstherapie für mich sind, sondern auch Gewinn für meine Leserinnen (80 Prozent) und Leser (20 Prozent).

Foto links: gregorioa/Shutterstock | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

Jetzt, da ich am Ende der Durchsicht meines Reisetextes angekommen bin, steht die Welt still. Corona. ‚Schwarze Null‘, Fridays for Future, Flüchtlingskrise – nichts scheint weltweit mehr so wichtig wie das Virus und dessen Bekämpfung. Wenn dieser letzte Beitrag von ‚In der Blase‘ im Blog steht, ist es September geworden. Dann werden wir besser abschätzen können, ob wir in eine Rezession oder gar in eine Zeitenwende geraten sind. Was zählt noch? Wer zählt noch? Ich immer weniger. Nur noch von zehn bis null zähle ich, rückwärts. So lange, bis ich eingeschlafen bin.

Foto: lyeyee/Shutterstock

Mitleid kann ich nicht erwarten, natürlich nicht, wofür auch? Hilflos zu sein hat unschätzbare Vorteile. All das, was ich nie mehr erleben werde, kann ich mir jetzt einmaliger ausmalen, als es analog stattfinden würde, und den Ganzkörperanzug, in dem optisch, akustisch, haptisch alles fürs Gehirn so hingepolt wird, wie die Fantasie es gebiert, den gibt es bisher ja noch nicht über den regulären Handel zu beziehen. Erst wenn man dieses Teil bei ‚Amazon‘ kaufen kann, steht dem Erwerb des schrankenlosen Glücks nichts mehr im Wege. Wird es zukünftigen Diktatoren wirklich genügen, von einer willenlosen, fremdbestimmten Masse angehimmelt zu werden? Doch nur, wenn diese Herrscher selbst auch manipulierte Objekte sind. In all den unendlich vielen anderen parallelen Universen läuft es Gott (?) sei Dank völlig anders mit jedem von uns. Der Gedanke ist faszinierend und unheimlich. Diese potenzierte Unendlichkeit statt des stillen Nichts!

Foto: Piqsels/gemeinfrei

Seit ich denken kann, habe ich mir über das Lebenmüssen Gedanken gemacht. Schon immer habe ich es als einen schwer erträglichen Zwang empfunden, da sein zu sollen. Wenn ich mich Ende 1945, als meine Mutter im dritten Monat war, hätte verbal ausdrücken können, dann hätte ich sie inständig gebeten, mich – bitte, bitte – abzutreiben. Ihr sei sowieso immer schlecht gewesen während der Schwangerschaft, erzählte sie später. Im Sommer 1995, als ich sehr unglücklich war, brüllte ich sie auf der Terrasse an: „Du bist schuld an allem! Du hast mich auf die Welt gebracht.“ Diesen Ausbruch hat sie nur knapp überlebt. Sie ging in ihr Schlafzimmer und schluckte an Tabletten, was so da war. Umbringen wollte sie sich wohl nicht, aber ihre Ruhe wollte sie haben, zur Not auch die ewige. ‚Billigend in Kauf nehmen‘, nennt man das. Auf der Intensivstation habe ich ihr tagelang eindringlich zugeredet, wieder aufzuwachen, was sie dann auch tat. Guntram saß die ganze Zeit betreten daneben. Ich dachte darüber nach, mich in Zukunft besser zu beherrschen. Ich hoffte dabei auf die glättende Zeit und darauf, dass sie mich gelassener machen würde. Anerkennen will ich: Meine Voraussetzungen sind durchgehend gut gewesen. Ich habe Ehrgeiz, Talent und Wohlstand abbekommen. Ansehnlichkeit habe ich mir auch erarbeitet. Ich bin weder depressiv noch schizophren. Suizid wäre einfach unsportlich. Natürlich habe ich an Selbstmord gedacht, als Phänomen. In Erwägung gezogen habe ich ihn nie. Die Aufgabe, das Beste aus meinem Leben zu machen, habe ich ernst genommen. Dabei bleibt die Frage, ob die Erdenzeit möglichst bequem oder möglichst bedeutend sein solle, bis zum Schluss akut.

Bild (Tizian – ‚Allegorie der Besonnenheit‘): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Ich habe mein Leben genossen, so gut es ging, und gleichzeitig habe ich mit diesem Daseinszwang gehadert. Sich begreifen, sich bewähren. Die Nächsten mehr zu lieben als mich selbst und die Entferntesten nicht zu verachten, das fiel mir leicht. Aber immer sah ich, dass die Würde des Menschen überall angetastet wurde, und immer sah ich, dass Menschen ihre Würde selbst in den Dreck zogen. Nun, im Alter, bin ich wirklich dabei, meinen Frieden zu machen. Ich erwäge, mein Leben einem Nichtgelebthaben vorzuziehen. Die paar Räusche, die paar Triumphe, die gelösten Aufgaben, die gelösten Stunden, Schaffen, Dösen – das Wissen, Hilfe geleistet, Erfahrungen weitergegeben zu haben. Ja, ich nehme das Leben an. Es ist mir nicht geschenkt worden, aber es hat mich gut gerüstet, um zu überleben. Bis ich sterbe.

Hamburg, am 29. März 2020, 5 Uhr früh. Heute beginnt die Sommerzeit.

ENDE

Just Say Goodbye

Foto: thomas ullrich lobostudios hamburg | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: stable (Löffel mit Pillen), Triff (Galaxie)

32 Kommentare zu “#54 – Abschiedsessen

  1. „Ich bin zu alt, um gut zu sein“ finde ich ein gutes Motto. Passt in etwa zu etwas, was mein Freund immer sagte: „Wer ein ganzes Leben erlebt hat, der hat es verdient im Alter grantig zu sein“.

      1. Ich stimme zu. Grantig sein muss gar nicht immer heissen, dass man nonstop schlecht gelaunt ist. Darin kann auch eine ordentliche Prise Spaß liegen 😉

  2. Auf so einer Heimreise seine festen Stationen zu haben finde ich auch sehr angenehm. Ich habe ein paar ähnliche „Anker“ wenn ich unterwegs bin, allerdings bei weitem nicht seit den 60er Jahren.

    1. Solche Reisestationen habe ich nicht, aber es gibt in der Tat einige Restaurants und Cafes, die ich immer wieder aufsuche wenn ich in der jeweiligen Stadt bin. So etwas gibt doch auch ein Gefühl von Zuhause.

    1. Ich proste zurück. Sich das Lebenwollen erarbeitet zu haben, stelle ich über das von Kindheit an eingetricherte Gefühl, das Leben sei ein Gottesgeschenk. Die Kinder von Moria erleben diese Gabe wohl eher als ein Danaergeschenk.

    2. Was hätte ich alles nicht erlebt, wenn ich nicht gelebt hätte! Ich kann und will es mir gar nicht vorstellen! Und wache jeden Tag neu auf mit Erwartung, die auch immer – wie auch immer – erfüllt wird! Nichts missen wollen, können! Schwarz und weiß in allen Schattierungen.

  3. Das Privatfernsehen vermittelt uns, dass die Welt trashig und chaotisch ist, in den Sozialen Medien wehren wir uns als glattretuschierte Selbstdarsteller in einer heilen Welt. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen.

      1. Die Schaufenster, Kinos und Postes bieten zu 90% Trash. Die Welt ist ein Andenkenladen geworden, in dem die 10% Non-Trash unter dem Ladentisch vorgekramt werden müssen wie früher die Pornos. Reicht doch!

      2. Und ist der Trash heute nur von unter der Ladentheke hervorgeholt und selbstverständlicher und offensichtlicher ausgebreitet, oder gab es den früher so gar nicht?

      3. Trash und Kitsch kommen sofort, wenn die notwendigsten Triebe befriedigt sind. Erst will der Mensch bloß kacken, dann braucht er eine Häkel-Verkleidung für seine Klorolle.

  4. Corona dominiert alles, wer hätte damit zu Beginn des Jahres gerechnet? Selbst die Waldbrände und Flüchtlingskrise verblassen. Das ist schlimm, keine Frage. Aber was auf Dauer aus dieser Welt, an die wir uns trotz aller Probleme gewöhnt haben, wird… das bleibt weiter spannend.

    1. Auch Klima- und Flüchtlingskrise werden unsere Welt weiter verändern. Die nächsten Jahre werden sicher keine leichten werden. Weder für die Politik noch für unsere Gesellschaft.

      1. Wann war es jemals leicht? Vor genau 1000 Jahren zog der Papst von Rom nach Bamberg, um von Kaiser Heinrich II. Hilfe für die Aufständischen zu bekommen, die gegen die byzantinische Herrschaft in Unteritalien ankämpfen. Das war für die damaligen Zeitgenossen genauso bedeutsam und schwierig, wie es heute für uns ist, Europa als Wertegemeinschaft zu etablieren.

      2. Ja da haben Sie wahrscheinlich auch wieder recht. Solche einschneidenden Herausforderungen und Veränderungen gibt und gab es wohl immer.

  5. Über dieses „Lebenmüssen“ machen wir uns ja alle and und zu Gedanken. Mal schwermütiger, mal leichter. Zum Suizid werden zum Glcük die wenigsten von uns getrieben.

    1. Herr Rinke, Sie sind ja ebenfalls Wikipedia-Liebhaber. Dieses Mal findet man tatsächlich viel interessantes:
      „Die Suizidrate ist stark geschlechtsabhängig; die Rate ist bei Männern konsistent höher als bei Frauen. In wohlhabenden Ländern liegt der Anteil der Männer bei etwa 75 %, in ärmeren bei etwa 60 %. Bangladesch und China sind die einzigen Länder, in denen der Anteil der Frauen den der Männer übersteigt.

      Die höchste Suizidrate weltweit wird aus Sri Lanka gemeldet, mit 35,3 im Jahr 2015 (Männer 58,7; Frauen 13,6), die höchste Suizidrate unter Frauen aus Südkorea mit 16,4 im Jahr 2015 (Männer 40,4; Durchschnitt 28,3). Die höchste Suizidrate in Europa wurde in Litauen gemessen, mit 32,7 im Jahr 2015 (Männer 58,0, Frauen 11,2). Die niedrigsten Suizidraten in Europa wurden in Griechenland gemessen, mit 4,3 im Jahr 2015 (Männer 7,1, Frauen 1,7) und in Albanien, mit ebenfalls 4,3 im Jahr 2015 (Männer 5,9, Frauen 2,7).

      Die Suizidrate ist auch altersabhängig, allerdings variiert diese Abhängigkeit kulturell stark. Weltweit liegt sie bei Personen ab 70 Jahren am höchsten. In Südkorea steigt die Suizidrate mit zunehmendem Alter stetig an, nimmt dagegen in Norwegen und Neuseeland ab, während sie in Ländern mit niedriger Suizidrate wie Portugal, Griechenland oder Italien kaum eine Altersabhängigkeit aufweist.“

  6. Dieses Gefühl, dass das letzte Projekt immer das wichtigste und beste ist, haben ja viele. Ich höre ähnliche Äußerungen zumindest öfters mal. Ich selbst habe trotzdem immer meine Lieblingsdinge, die ändern sich auch nicht allzu sehr.

      1. Wenn man nicht an das glaubt woran man gerade arbeitet, dann wird diese Arbeit äußerst mühsam vonstatten gehen.

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