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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#53 – Ausgestorbene Berufe

2030 werde ich vielleicht nicht mehr erleben. Obwohl: bei meinen Genen … Politik, Umwelt, Digitalisierung. Unterschied sich die Erde 2010 sehr von 2020? Aber vor 50 Jahren war die Welt ein anderer Planet, vor nochmal 50 Jahren erst recht. Dass es immer weitergeht, wenn wir tot sind, ist ausgesprochen kränkend. Gilt das für Menschen, die Eltern geworden sind, etwas weniger? Trösten Nachkommen? Fortgepflanzt: Soll erfüllt. Reicht das?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Man soll ‚man selbst‘ sein. Aha! Und wie ist das? Als ich noch in Berlin lebte, hatte ich eine Pistole mit Platzpatronen und ballerte als Cowboy heldenhaft in der Gegend rum. Ein Tomahawk hatte ich aber auch, um als Indianer die Bleichgesichter zu massakrieren. In Hamburg wechselte ich lieber mit meinen Nachbarinnen die Kleider ihrer Anziehpuppen oder kochte Schokoladenstückchen in deren Puppenküche zu Brei. War Humbert Hubert ganz er selbst, als er Lolita verfiel oder Jürgen Bartsch, als er Jungen vergewaltigte und zerstückelte? ‚Ganz ich sein‘, das ist eine Modeerscheinung, die dem westlichen Konsumenten nahegelegt wird, als Kaufanreiz. ‚I am what I am!‘ Die Werbung und die Popkultur schreien: ‚Yeah!‘ Ich bin da etwas vorsichtiger. Nicht jeder schlafende Hund sollte geweckt werden, denn wenn er dann bellt, beißt er vielleicht trotzdem. Das gilt auch für den Schweinehund in uns selbst. Am besten fasse ich das in einem kleinen Gedicht zusammen, einem platten. Banalitäten haben den Vorteil, dass ihnen niemand widersprechen wird:

Was wir lieben, was wir hassen,
was wir tun und was wir lassen,
was uns hilft, wir selbst zu sein,
ist mal nobel, mal gemein.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das kann ich so stehen lassen und alles andere auch: aufstehen, rumstehen, verstehen. Das Ziel, das ich mir gesteckt habe, ist erreicht. Italien habe ich gründlich abgearbeitet, mehrmals. Nur in einer Provinz war ich noch nie: Piemont. Dort habe ich die Möglichkeit, mich im nächsten Jahr von Turin aus ganz neue Wege, na ja, rollen zu lassen. Das ist so abenteuerlich wie eine Dampferfahrt auf dem Wannsee. Da kann ich gleich zu Hause bleiben und erkunden, in welchen Verteilerlisten für digitale Rundschreiben ich aufgenommen bin, um deren Geschäft zu beleben. Wundersam, welche sexuellen und kulinarischen Gelüste mir manche Algorithmen unterstellen. Eine Mail informiert: ‚Hemmungsloser Sex entfesselt und macht an.‘ Für mich ist das keine so neue Information. Auch andere wollen mir ungefragt Appetit machen: ‚In unserer Roulade Lachsforelle verbirgt sich ein würziger Kern – eine Jaipur-Curry-Garnele. Umwickelt mit Mangold ergibt sich nicht nur optisch ein schönes Duett, auch geschmacklich überzeugt sie von ihrer Eleganz.‘

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Diese Geschmäckelei ist dekadent – glaube ich. Und? Meine Mutter sagte: „In Aufbruchszeiten leben zu müssen, ist grässlich. Da wird gefordert, gekämpft, getötet. Im Abklingen einer Epoche zu leben, das ist viel angenehmer. Keiner nimmt es noch so genau. Man kann sich fallen lassen: in die Aussichtslosigkeit und ins Vergnügen.“

Bild (Andrea Mantegna – ‚Bacchanal with a Wine Vat‘): gemeinfrei/Pxhere

Die Jungen fordern jetzt wieder, besonders freitags, ‚Aufbruch‘. Das ist verständlich, nötig und unbequem. Die Welt zu retten ist immer ein humorloses Unterfangen. Meine Vorfahren und ich, wir gehen mit erstaunlicher Sicherheit voran, wenn es um Auflösung geht.

Foto: Privatarchiv H. R.

Offizier war mein Großvater. Das war der angesehenste Beruf im Deutschen Reich, als er heiratete. Nach dem Ersten Weltkrieg war das Militär desavouiert, und als mein Großvater Reinhold nach dem Zweiten Weltkrieg starb, war die Bewunderung für seinesgleichen endgültig dahin. Sein Beruf war fast ausgestorben, vorübergehend, wie sich zeigte.

Foto: Privatarchiv H. R.

Mein Vater verdiente sein Geld im Kohlenhandel. Den Ausstieg aus der Kohle musste er nicht mehr erleben. Es hätte ihn traurig gemacht.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich war Schallplatten-Produzent: für Klassik. Die Klassik wird immer mehr ein Randthema. In die Elbphilharmonie gehen die Leute wegen des Gebäudes, nicht wegen Beethoven. Schallplatten sind nahezu ausgestorben. Sicher, begeisterte Anhänger gibt es für alles in der Welt. So auch für die LP. Der riesige Rest hört objektlos digital, was das Netz hergibt, also alles. – Ein Niedergang in drei Generationen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Dekadenz war immer schon eine Möglichkeit, mein Leben zu definieren. Dem bin ich zunächst mit Furcht, dann mit Trotz und schließlich mit Gleichmut begegnet. Ich habe mich arrangiert, nicht durch eine plötzliche Entscheidung, sondern allmählich, fast unmerklich. Ob ich mir meine Blase selbst geschaffen habe oder sie mich ohne mein Zutun eingeschlossen hat? Da mache ich mir über mich selbst und über jeden von uns so meine Gedanken. Und manchmal mache ich mich einfach bloß lustig. Wir alle machen es uns so lustig, wie es geht – auf der Seiser Alm zum Beispiel: mit Pferdekutsche und Tafelspitz-Carpaccio.

Fotos (8): Privatarchiv H. R.

Mein Geheimnis, dass ich ‚andersrum‘ bin, hatte ich erst mir und dann auch Gott ganz, ganz feierlich versprochen, mit ins Grab zu nehmen. Dass die mit mir Gleichrumen anfingen, selbst in den Nachrichten ganz offiziell ‚Schwule‘ zu heißen und im Bewusstsein vieler aufhörten, Verbrecher zu sein, bewog mich dazu, mein Geheimnis doch auch anderen preiszugeben. Spätestens direkt nach dem gemeinsamen Abspritzen. Gott sei Dank stehe ich seither dennoch nicht völlig entblößt da. Mein Grab muss sich eben stattdessen auf andere Verschwiegenheiten gefasst machen. So ein bisschen schäme ich mich ja immer noch für meine Veranlagung. Man schämt sich eben auch für solche Makel, für die man nichts kann: peinliche Eltern oder hässliche Warzen zum Beispiel. Das Gewissen agiert merkwürdig.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Eigentlich glaube ich ja nicht mehr an höhere Mächte, aber immer noch kann ich mich nicht davon befreien, jedes meiner Missgeschicke als Strafe Gottes zu wähnen. Während ich das Gute unterlasse oder das Böse tue, rechne ich seit jeher mit Gottes Zorn. Wie mag es da erst Kopftuchmädchen gehen, die das Haupthaar zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit entblößen und sich nicht sicher sein können, wie Allah das wohl findet. Bei klarem Verstand weiß ich natürlich, dass Belohnung und Bestrafung im nächsten Leben nicht stattfinden werden. Aber es ist trotzdem richtig und wichtig, den Gläubigen das einzureden. So bleibt die Zuversicht gewahrt, dass, wenn schon nicht hier, dann doch zumindest im Jenseits jemand für Ordnung sorgt. Eine höhere Gerechtigkeit, die alle Gemeinheiten und Kränkungen ahnden wird. Wer’s glaubt, wird selig. Und wer’s nicht glaubt?

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Die Gegenwart als Anfang der Zukunft zu sehen, funktioniert nur da, wo es ein Leitmotiv gibt. Dort, wo Gott oder etwas Ähnliches nicht waltet, da gibt es nur noch den Rausch als Ausweg. Oder die Ärmlichkeit der Normalität. – Liegt nicht jedem. Dass alle Menschen Schwestern werden, leuchtet auch nicht jedem ein. Deshalb müssen die Skeptiker den Weg zwischen Idealismus und Sarkasmus beschreitbar machen, damit die Menschheit ihn betreten kann. Ob sie es weiterhin tun wird, ist ungewiss. Kann mir eigentlich schnurz sein: Glück und Pech des Alters. Was bleibt? Die Veränderung: das Schaffen von Neuem. Aber dann erliege ich doch immer wieder meiner Liebe zum Gewohnten. Hilfe? Habe ich. Gebe ich.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Hilfe kann man gewähren oder annehmen. Aber sie funktioniert auch nur bis zu einem gewissen Grade. Das von Zauderern erträumte Rundum-Wohlfühlpaket, den Befiehl-wir-folgen-dir-Führer gibt es nicht. Man kann ihn sich natürlich ausdenken und ‚Gott‘ nennen. Gleich gibt es ihn sogar schriftlich: ‚Bibel‘ oder ‚Koran‘ heißt er dann. Anleitungen – Gebrauchsanweisungen fürs Leben. Hilft das wirklich? Manchem ja. Dabei gilt: Ich kann dich beraten. Entscheiden musst du selber. Ich kann dich zum Zug bringen. Auf die Schienen springen musst du selber. Ich kann dich ficken. Den Orgasmus haben musst du selber.

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Nerthuz (altdeutscher Helm), donatas1205 (Schallplatte), pixel (Kohle), WAYHOME studio (Hand mit Beipackzettel)

34 Kommentare zu “#53 – Ausgestorbene Berufe

  1. 2020 fühlt sich in der Tat sehr viel anders an als 2010. Entweder es ist das fortschreitende Alter, oder die Welt verändert sich tatsächlich schneller.

      1. Die 70er und 60er kann ich nicht beurteilen, momentan könnte ich auch nicht solch einen großen Unterschied erkennen. Aber ich kategorisiere Ereignisse sowieso selten nach Jahren.

  2. Moment mal, der Orgasmus-Vergleich hinkt aber doch … es liegt doch eher am Partner ob man selbst zum Orgasmus kommt oder nicht. Ich persönlich wüsste zumindest nicht so richtig wie man das selbst steuert. Einfach „ficken“ reicht ja eben nicht.

    1. Ein diffiziles Thema. Wie wichtig ist mir mein eigener Höhepunkt und wie wichtig die Höhepünktin meiner Kontaktperson? Und erreichte die ihre Hurrastimmung, weil ich so versiert war oder weil deren Lusterwartungen sich so hochgeschaukelt hatten? Alte, weiße Männer erkundigten sich, als sie noch jung waren, gern: „Wie war ich?“ Die unbefriedigte Frau sagte:“Toll!“ und schlief ein.

      1. In der Tat kein einfaches Thema. Aber da würde ich Manuel recht geben. Ich kann vorab noch so aufgegeilt sein, wenn der Sex richtig schlecht ist, nützt auch das ficken nichts. Da wird es keinen Orgasmus geben.

    1. „Liebhaber“ sind wohl Eliten. Der augenblickliche Nummer-1-Hit in Deutschland „Fuckst mich nur ab“ von Bonez MC wird – von 2030 aus betrachtet – wohl weniger verkauft haben als dann J.S. Bachs „musica riservata“. An der Wahlurne bilden inzwischen die Fuckers aber natürlich die Mehrzahl. Und die Beethoven-Liebhaber waren 1933 von Hitler begeistert. Dünkel ist also unangebracht. Aber, naja, machmal hat man einfach Lust, was Besseres zu sein…

      1. An die Spitze der Charts schafft es halt der/diejenige mit dem breitesten Appeal. Ganz bestimmt nicht wer den bestgetexteten oder musikalisch anspruchsvollsten Song schreibt. Das war aber auch früher schon so. Heute weiss man wahrscheinlich nur besser, wie man da Kapital draus schlagen kann.

      2. Aufmachung war schon immer wichtig: extra gammelig, extra altmodisch, extra elegant, extra extra. Nur die Verbreitung klappt heute besser, was wiederum die Konkurrenz erhöht.

    1. Gott oder Karma – irgendwie müssen die Menschen ja in Schach gehalten werden. Gäbe es überhaupt keine Form der Rechtfertigung oder Bestrafung, dann hätten wir uns bzw. den Planeten wahrscheinlich schon viel früher ausgerottet. Das ist übrigens gar nicht so pessimistisch gemeint, eher realistisch. Die Menschen sind einfach unverbesserlich.

  3. „Man selbst sein“ soll ja in der Regel davor bewahren, dass man am Ende seines Lebens zurückblickt und auf einmal bereut Sachen getan oder eben nicht getan zu haben. Wer das auf anderem Wege schafft, der braucht das Prädikat „man selbst“ nicht unbedingt. Auch gut.

    1. Oder es soll eben doch nur der Ratgeber „Der Weg zum Selbst“ verkauft werden. Ob sich da wirklich jemand um meinen Lebensabend sorgt bezweifle ich.

  4. Aufbruch oder Abklang kann man sich ja leider nicht wirklich aussuchen. Am Ende passt man sich an die Zeit ind er man lebt an und macht daraus das Beste, wan man daraus machen kann.

    1. Im Idealfall macht man das Beste daraus. Die traurigere Option ist sich ein Leben lang gegen sein Umfeld und die Umstände zu wehren und unglücklich zu sein.

  5. Die von Lachsroulade und Mangold umwickelte Garnele macht mir ehrlich gesagt gar nicht so viel Appetit. Die Fotos von Ihren Ausflügen dann schon eher.

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