Teilen:

1406
In der Blase  —   Süd nach Südost

#27B – In Teufels und Ferraris Küche

Als wir am späten Nachmittag nach Asolo fuhren, tat der Himmel schon wieder so, als sei nichts gewesen. Im Garten des Hotels ‚Cipriani‘ sitzt man wie auf Besuch im Paradies, und der Ober bringt zu den Getränken ungefragt all diese herrlichen Kleinigkeiten, von denen ich mich aus Furcht vor Appetitlosigkeit beim Abendessen nichts zu naschen traue. Na ja, zwei Oliven, drei Nüsse, ein Häppchen Lachs – der Negroni spült’s runter. Wer mehr über Asolo wissen will, kann sich in ‚Europa im Kopf‘ bei den letzten Absätzen des Beitrags #6.3 – ‚In richtig feiner Umgebung‘ informieren, ohne den Blog verlassen zu müssen. Genügsameren reichen schon die Bilder hier.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Der unerlässliche Drink auf der Piazza von Marostica. Fast schon Heimat. Fast schon Friedhof.

Fotos (7): Privatarchiv H. R.

Das Abendessen fand oberhalb des Schachbrett-Platzes statt, im ‚Ristorante Al Castello Superiore‘. So wie dieser Name klingt, genauso weihevoll ist die Burg auch. Seit ich 1983 das erste Mal mit Giuseppe da war, bin ich in unterschiedlicher Besetzung dort immer wieder gewesen. Das Essen war auch sehr unterschiedlich.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

1987, als Giuseppe uns ins ‚Castello‘ einlud, hatte Irene im Weggehen noch nach einem mittelgroßen Keramikteller gegriffen und ihn mit der Erläuterung „Das Essen war schlecht!“ in ihre geräumige Handtasche verschwinden lassen. Richtig, auch wenn andere die Zeche zahlen, soll man stets aufs Preis-Leistungs-Verhältnis achten. Der Teller hing noch bis 1999 bei meinen Eltern in der Loggia. Dann fiel er runter und zerbrach. „Siehste!“, dacht’ ich, „klauen lohnt sich eben doch nicht.“ Bei kleineren Sünden wartet der HERR gar nicht erst bis zum Jüngsten Gericht, sondern straft sofort – na ja, bald.

Wandschmuck und Personen in der Loggia, alles zwanzig Jahre eher.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Dieses Mal war das Essen gut. Eine filmische Zusammenfassung der Lokalitäten rund um Bassano habe ich auch parat. Schon ein paar Jahre alt, aber immer noch aktuell.

Foto (Symbolfoto): Tepikina Nastya/Shutterstock

Durchs Valsugana fuhren wir zu viert zurück in die Berge. Mich macht das immer etwas traurig: Aus der Weite in die Enge, aber – kaum ist man wieder mittendrin, ist es auch in Ordnung.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zwei unterschiedliche Ansätze: Karl V. wollte endlich Ruhe im Reich; der Papst wollte die Reformation verdammen. Das war Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, und so kam es in Trient achtzehn Jahre lang zum Konzil. Am Ende war Karl tot und die Kirche gespalten. Von da an hassten Katholiken und Protestanten einander ganz offiziell: nicht für das, was wirklich los war im Land, sondern für das, was ihnen angewöhnt wurde, in Hinblick auf später – im Rahmen der Ewigkeit – zu glauben. Ob den einfachen Bürgern die Unterschiede zwischen den Konfessionen überhaupt klar waren? So hassten sie sich wohl doch für das, was sie waren: beschränkt – ihre größte Gemeinsamkeit. Mit diesem niederschmetternden Ergebnis verließen die Kontrahenten den Schauplatz.

Fotos (3): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Berühmter ist Trient nie geworden. Dass dort meine allererste italienische Übernachtung im Juli 1954 stattfand, sorgte für weit weniger Beachtung. Meine streng katholische Großmutter erzählte beim Abendessen auf der Hotelterrasse etwas aus den Dreißigerjahren, wofür sie laut Zollbeamten ‚in Teufels Küche‘ hätte kommen können. Mein Großvater verstand nichts, weil er taub war, und ich verstand nichts, weil ich ungebildet war. Allerdings hat mich Teufels Küche seither immer sehr interessiert. Leider habe ich es bisher nur bis in sein Schlafzimmer geschafft.

Foto oben: karhuitsing/Unsplash | Foto unten: Vlad Kagoshima

Aber immerhin mit meinen Eltern im Mai 1989 wieder bis nach Trient. Da war ich nicht mehr katholisch und erst recht nicht protestantisch, sondern angepasst misstrauisch. Der Himmel war bedeckt – sonst wären wir ja auch im Garten geblieben –, aber unsere Gemüter waren sonnig.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Unbeweglich, wie ich bin, blieb ich dieses Mal gleich am Domplatz sitzen und sah aus der ersten Reihe heraus, was ging, was lief, was stehen blieb. Rafał smartphonte flink das Notwendigste und gesellte sich dann zu mir.

Fotos (8): Privatarchiv H. R.

Als auch unsere Reisebegleiterinnen zurückkamen, fuhren wir über die Etsch und dann bergauf, zunächst über ganz ordentliche Straßen, dann über einen Weg, der reinster Abenteuerurlaub war. Mehr Richtung Trampelpfad als Asphaltstraße. Wäre uns jemand entgegengekommen, hätten wir auswürfeln können, wer weiterfahren und wer sich den Abhang runterstürzen muss. Kam aber niemand. So trafen wir unbeschadet in der ‚Locanda Margon‘ ein. ‚Locanda‘ heißt zu Deutsch ‚Schenke‘. Diese Locanda war so sehr Schenke, wie ein Araberhengst ein Ackergaul ist.

Foto oben: M. Meyer/Pixabay | Foto unten: Joachim_Marian_Winkler

Foto (Symbolfoto): Filk/Shutterstock

Der Ober freute sich, mit uns Deutsch sprechen zu dürfen. Er sagte, das könne er besser als Italienisch, was mich bei seinem südländischen Aussehen etwas wunderte. Er war Bulgare und so unaufdringlich aufmerksam, wie man es bei Häusern dieses Niveaus erwartet. Der Aufstieg war zwar mühselig gewesen, zumindest für unsere Dieselkutsche, aber das Ziel war es wert.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Gastwirtschaft wurde von der Familie Ferrari betrieben, die nicht nur unter Feinschmeckern, sondern auch unter Sportwagen-Liebhabern einen guten Ruf hat. Für wenig Nahrung muss man bei Foodmagiern viel Geld hinblättern. In billigen Kaschemmen sind die Platten immer ‚brechend‘ voll. Zum Kotzen! Kenner meines Schreib- und Ess-Stils wissen, ich habe im Gasthof als Hauptgericht gern zwei winzige Scheiben Rehrücken in der Tellermitte und als Sättigungsbeilage zwei Rosenköhlchen daneben. Dass ich trotzdem nicht mehr so rank bin wie mit zwanzig, liegt an den fünfzig Jahren Bier-, Schnaps- und Weinkonsum. Obwohl ich abends beim Fernsehen auch schon mal ein halbes Pfund Konfekt verputzen kann, aber das interessiert meine Leserschaft nicht, und deshalb wechseln wir schnell Schauplatz und Thema.

Fotos oben (3): Privatarchiv H. R.

Am späten Nachmittag waren wir wieder zu Hause in Meran. Beschaulich. Man liegt im Liegestuhl und will genießen, aber irgendwer mäht ja immer irgendwo. Helga reiste nach ein paar Wochen zurück nach Hamburg. Im September kam Susi mit Mathias aus Pöseldorf zu uns und etwas später Anette mit Deutscher Bahn aus Osnabrück.

Fotos (9): Privatarchiv H. R.

In Meran habe ich Logierbesuch noch lieber als in Hamburg. In Meran bleiben die Gäste meist länger, da überlasse ich sie mit ziemlich gutem Gewissen sich selbst. Bei Kurzbesuchen in Hamburg denke ich immer, ich müsse permanent für Abwechslung, also Sinnhaftigkeit und Belustigung sorgen. Als Roland und ich noch in der alten Wohnung lebten, die aus einem großen Raum bestand, hatten wir häufig Übernachtungsbesuch von Freunden, die ein oder zwei Nächte auf einer Gummimatratze vor unserem Bett schliefen. Inzwischen haben meine Gäste eigene Zimmer und eigene Bäder. Es wäre wohlfeil zu behaupten: Und dennoch waren wir damals glücklicher als heute. Das traute Glück der Bedürfnislosigkeit! Jetzt ist es für alle Beteiligten bequemer – sonst nichts.

Fotos (8): Privatarchiv H. R. | Zwischengrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: unununius photo (Turm), Rawpixel.com (Hand mit Pizza) | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Dean Drobot (Hand mit Kreuz), WAYHOME studio (Frau), smash338 (Teller)

34 Kommentare zu “#27B – In Teufels und Ferraris Küche

    1. Weiße Möbel sind ja nie meins. Weder drinnen noch im Garten. Aber wenn man Foto Nummer 4 anschaut, da ist dann wirklich jedes Möbelstück egal.

      1. beim cipriani funktioniert das. die farbe weiss kann ja sehr schnell steril wirken, hier ist das aber ganz bestimmt nicht der fall.

  1. Teufels Schlafzimmer sieht auf dem Foto eher ungemütlich aus. Aber ich glaube im übertragenen Sinne waren wir da alle schon ein oder mehrere Male.

    1. Ich schließe mich Christoper Lund an. Schließlich kommt diese Nahrung in unseren Körper. Wenn man an irgendetwas nicht sparen sollte, dann daran.

      1. Man braucht meiner Meinung nach auch viel weniger gutes Essen um satt und zufrieden zu werden als das bei schlechtem der Fall ist.

    1. Der Wandschmuck ist unerheblich. Das Kleid ist 1970 das erste Maxi nach der Minimode. Mini hätte meiner langbeinigen Mutter zwar gestanden, aber Mädchen mit unerheblichen Figuren erreichten durch ihre Liebe zu Mini, dass ihre Proportionen erheblich unvorteilhafter wirkten als nötig.

      1. Trump macht es vor. Es werden halt gerne Vorurteile gefüttert und bestärkt wenn es dem eigenen Vorteil dient.

      2. Über jemanden Schlimmes zu erzählen, damit er gehasst wird, scheint immer wieder einfach zu sein. Liebe ist schwieriger. Unter Ungarn hieß es in den 70er Jahren: Welches sind die besseren Deutschen – die in der BDR oder die in der DDR? – Die in der BRD natürlich, die müssen wir wenigstens nicht lieben.

  2. Bei diesen Serpentinenstraßen wunder ich mich auch immer was da eigentlich bei Gegenverkehr passiert. Ich erinnere mich an eine Fahrt in Südfrankreich, wo ich ebenfalls gebetet habe, dass uns niemand entgegenkommt.

  3. Natürlich interessiert die Leserschaft auch der abendliche Konfektkonsum. Wir leben im Instagram-Zeitalter. Jegliche Information über die Nahrungsaufnahme wird folglich nicht nur respektiert sondern vielmehr erwartet.

  4. Locanda Margon sieht lecker aus. Aber diese Imagefilme sind auch irgendwie alle gleich. Man sieht im Video jedenfalls nicht so wirklich was dieses Lokal von jedem anderen hochwertigen Restaurant unterscheidet.

    1. Beim Werbefilm hätten die sich trotzdem ein bisschen mehr Mühe geben können. Aber es sieht auch nicht so aus, dass das Restaurant um Kunden kämpfen muss.

  5. Sich gegenseitig besuchen, also inklusive Übernachtung ist schon was tolles. Man lernt sich auch irgendwie noch einmal anders kennen als zuhause.

    1. Das letzte Mal als ein Freund ein paar Tage zu Besuch war hat mich sein Schnarchen aus dem Nebenzimmer(!) viele Stunden Schlaf gekostet. Die Freundschaft hat überlebt, aber ich war auch heilfroh als ichendlich wieder allein zuhause war.

      1. Eigentlich auch wieder genau wie beim Ozean. Da ist die Weite an der Oberfläche auch größer als unter Wasser. Jedenfalls die gefühlte Weite.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

dreizehn − sieben =