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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#37B – Erinnerungen an Erinnerungen

Sieben Jahre später liest sich das dann so:

Juni 1975

Mit Harald auf Sardinien

„Die hat was“, sagte mein Freund und nahm einen größeren Schluck Mineralwasser als sonst, „die riecht so nach Muschi.“
––Das meinte er nicht abfällig. Im Gegenteil. In seinem Ton lag die etwas dünnblütig-abstrakte – oder vielleicht besonders dickblütige – Geilheit, zu der er fähig war. Tatsächlich hatte die Serviererin eine starke weibliche Ausstrahlung, die auch ich wahrnahm, mit einem abgestumpften, überlagerten, unwirklichen Instinkt. Sie ging vorbei, drei Tische von uns entfernt, und selbst ihre niedergeschlagenen Augen, die scheinbar auf das überfüllte Tablett gerichtet waren, hatten etwa Herausforderndes. Hob sie dann den Blick, war es verschwunden.

Mir war das gleich. Mich beschäftigte eher der schmächtige Kellner, der uns hingebungsvoll den Fisch zerlegte. Eine Handlänge von mir entfernt mit leicht gekrümmtem Rücken und raschen, ein wenig hektischen Bewegungen. Die dunkle Brille, die er sich tief auf die Nase setzte, gab seinem Gesicht etwas Snobistisches, fast Gelangweiltes. Dem widersprachen die wache Aufmerksamkeit und die Umsicht, mit der er die Mittelgräte aus dem Fisch herauslöste und die beiden Hälften auf die bereitstehenden Teller balancierte.

Der Eifer und die playboyhafte Brille und dieses jugendliche Erwachsensein rührten mich, oder was sonst diese Empfindung sein mochte. Wenn ich mir seinen weichen und doch entschlossenen Mund ansah, üppig, aber straff, dann fühlte ich, dass mein Gefühl nicht selbstlos war.

Der Speisesaal war eintönig und schmucklos. Belebt wurde er nur von den Pensionsgästen, deren gedämpfte Stimmen und gedämpfte Kleidung genau dem entsprachen, was wir beide uns unter Pensionsgästen vorgestellt hatten.

Als wir vorgestern Abend hier angekommen waren, hatten wir uns ziemlich entmutigt gefühlt. Die nächtliche Überfahrt war zwar ruhig, aber fast schlaflos gewesen. Eine fensterlose Viererkabine, ein stickiges, polterlautes Gefängnis, aus dem uns der Steward um fünf Uhr morgens hochschreckte.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die anschließende Autofahrt kreuz und quer über die Insel hatte uns enttäuscht: Staub, Hitze, Einöde und hineingestreut hier und da ein überteuertes Luxushotel, bedeutungslos wie greller Lippenstift in einem ausgetrockneten Gesicht. Gegen Abend schließlich hatten wir an einer nahezu unwegsamen Schotterstraße dieses Hotel gefunden. Von vorn schien es heruntergekommen, unbewohnt.

Foto: gemeinfrei/publicdomainpictures

Aber im ausgedörrten, verwilderten Garten entdeckten wir ausgestreckte Urlauber. Wir waren bis zum Strand gegangen, und der hatte uns überwältigt: endlos weit, ein feiner, weißer Sand, gegen den ein türkisfarbenes Meer spülte wie flüssiges Glas. Die sanften Klippen, die die Bucht umrundeten und die höheren Berge zu beiden Seiten, auch im Hinterland. Das feurige Grün der Sträucher und Bäume, von der Sonne zu Leder gegerbt. Stachelig, würzig.

Foto: sublemo/Pixabay

Wir blieben.

Natürlich hatten wir uns lustig gemacht über das, was uns sicher erwarten würde: geregelte Mahlzeiten und Servietten, die man in eine Hülle steckt, auf der die Zimmernummer steht. Als wir dann aber wirklich das mit Klebestreifen an die Glastür geheftete Blatt Papier sahen, auf dem die Uhrzeiten standen, zu der die Mahlzeiten eingenommen werden mussten, als wir wirklich die blassblauen Stoffhüllen auf dem uns zugewiesenen Tisch vorfanden, die diskret-rücksichtslose Aufforderung, dieses ‚Mundtuch‘ solange zu benutzen, bis die ständige Tomatensoße der ewigen Pasta es völlig entstellt hatte – da fragten wir uns in der abweisenden Spärlichkeit dieses Speisesaals, ob das hier wirklich das Ziel unserer Urlaubsträume sei. Denn Urlaub war es. Die Herumstreunerei war nicht die des Suchenden, der sich durch das Leben tastet. Es war aufgesetzt, zumindest ein bisschen. Wir hatten recht gut bezahlte, nüchterne Berufe und nutzten die vier Wochen Ferien für ein heuchlerisches Weiterspinnen unserer Abituriententräume von Freiheit und Aufgeschlossenheit. Wir waren in dieselbe Klasse gegangen und beieinandergeblieben. Was uns aneinanderband, waren die Zeit und das Lachen, das uns immer gleichzeitig, bei denselben Anlässen schüttelte.

Fotos (3): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Evannovostro (Fähre), Telly (Strand in Sardinien)

34 Kommentare zu “#37B – Erinnerungen an Erinnerungen

  1. Ich bin ja immer wieder fasziniert wie viele Aufzeichnungen Sie selbst aus ihrer Jugendzeit haben. Ich bin leider ein zeimlich fauler Briefeschreiber. Immerhin schicke ich noch Karten wenn ich unterwegs bin. Nun ja…

    1. Ich habe während der Isolation tatsächlich wieder deutlich mehr geschrieben. Schon schön auf diese Art und Weise mit anderen verbunden zu sein.

  2. Sandstrände fand ich nie so spannend. Aber solche Buchten wie auf dem Foto, mit türkisgrünem Wasser und endloser Weite, das funktioneirt schon ganz gut.

  3. Hotelspeisesäle sind ja äußerst selten das Ziel der Urlaubsträume. Ich bin eigentlich sogar ganz gerne in Hotels, aber gerade im Urlaub freue ich mich viel mehr wenn ich rauskomme.

      1. Ich frage mich manchmal wie humorlose Menschen Freunde finden. Aber vielleicht funktioniert das auch einfach nach dem Prinzip „gleich und gleich gesellt sich gern“.

      2. Vielleicht sind die auch gar nicht humorlos, sondern der eigene Humor ist einfach so verschieden, dass es unmöglich ist miteinander zu lachen.

  4. Vielleicht wirkte der schmächtige Kellner mit seinem weichen aber entschlossenen Mund auch nur so hingebungsvoll weil das Ambiente so trostlos war?

    1. Auch wieder subjektiv. Für den Betrachter sieht das vielleicht so aus, aber die Gedämpften fühlen sich möglicherweise ganz wohl in ihrem Gedämpftsein.

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