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0506
In der Blase  —   Süd nach Südost

#24 – Zusammenbruch

Der Brief fängt früher an und geht noch viel weiter, aber das war der (ohnehin gekürzte) Venedig-Teil. – Zurück zum Jetzt. Früher war das Leben lustiger: wie ein leichter Schwips. Nicht die Zeit war lustiger, nur wir. Oder zumindest waren wir alberner. Von denen, die nach wie vor leben, bin ich natürlich der Albernste: meine Form von Extremsport. In irgendeiner Disziplin möchte man doch der Beste sein, so schwer das auch ist. Die Wissenschaft macht Fortschritte, aber wir kommen kaum noch mit. Ein paar Experten, der Rest versteht die Welt nicht mehr. Kurzer Rede langer Sinn: Alles wird immer besser, nur wir nicht.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ich blieb auf dem Lido den Tag über meistens auf meiner Terrasse oder im Hotel-Garten, und ich gab mir dabei große Mühe, nichts zu tun.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Der Absatz über Zeitverschwendung in Yuval Noah Hararis ‚Lektionen für das 21. Jahrhundert‘ gefällt mir als Rechtfertigung für meine Anstrengungen besonders gut:

‚Man muss mit unproduktiven Wegen experimentieren, Sackgassen erkunden, Raum für Zweifel und Langeweile schaffen und zulassen, dass kleine Samen der Erkenntnis nur langsam gedeihen und blühen. Wer es sich nicht leisten kann, Zeit zu verschwenden, der wird die Wahrheit niemals finden.‘1

1< Quelle: Yuval Noah Harari – ‚Lektionen für das 21. Jahrhundert‘, C.H.Beck

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

In meiner erinnerungsgefüllten Blase lebe ich privilegiert vor mich hin. Schillernde Schaumblase. Wer wird sie zum Platzen bringen? Ein Gedanke? Ein Gefühl? Ein Mensch. Ein Stich: im Leben oder im Tod. Verschwende ich die Zeit oder verschwendet sie mich. ‚Die Wahrheit finden‘, das klingt nicht nur erstrebenswert, sondern auch furchteinflößend. Überhaupt: Viele Schriftsteller waren Trinker, aber noch viel mehr Trinker waren keine Schriftsteller. Nicht jeder, der Zeit verschwendet, findet seine oder gar die Wahrheit.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Es gibt keine Wahrheit, die ich nicht angezweifelt hätte. Es gibt keine Barrikade, auf die ich je gegangen wäre. Volksbeglückung ist Volksverdummung. Ist das so? Meine Reisebeschreibungen geben keine Auskunft darüber, wie die Menschen leben, deren Stätten ich besuche. Ich sehe Lokale, Kirchen, Passanten, und ich lebe weiter in meiner Blase. Tun wir das vielleicht alle? Freiwillig in Clubs, gezwungenermaßen in Gettos. Der Schoß der Kirche – eine Blase? Das Ärgerliche an der Blase ist, dass sie uns meistens erst bewusst wird, wenn sie platzt, also nachträglich: den Adligen in Frankreich 1791, den Börsen-Spekulanten 1929, 1931, 2008 und Herrn und Frau Honecker 1989, als die Mauer fiel.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei, nachträglich bearbeitet | Fotos unten (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Foto oben: picture-alliance/obs (Aufnahme aus ‚Das Politbüro privat – Teil 2‘, NDR/MDR) | Foton unten: Privatarchiv H. R.

Meine Blase ist zumindest eine Sprechblase, mein Hiersein der Comic dazu. Um den Kalauer bis auf die Spitze zu treiben: Diese Abschiedstournee durch Italien ist eine Reise, auf der ich mir keine Blasen an den Füßen laufen werde wie bei früheren Stadt- und Strandwanderungen, und es ist endlich wieder eine Reise, auf der ich nicht mehr ständig die Furcht habe, meine Blase wäre nur mithilfe eines Katheters zu entleeren. Diese Ausrede für erhöhten Alkoholkonsum fällt also eigentlich weg. Aber das weiß ja nur ich und ich hüte mich, es zu verraten.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Mahlzeiten nehmen wir gemeinsam ein. Meistens im Hotel, manchmal auch unterwegs, selten.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

‚Unterwegs‘ – irgendwo, einfach so – das gibt es für mich ja nicht mehr. Bloß noch anvisierte Ziele, spontan wie der Punkt am Satzende.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Aber es wäre unproduktiv, wenn nicht sogar öde, jetzt die von uns besuchten Speisewirtschaften aufzuzählen. Essen muss man essen. Oder als Neidstifter auf Instagram verschicken. Das erspare ich mir und euch und rassle hier nur rasch runter, was im wahren Leben unsere Highlights waren.

Foto: Privatarchiv H. R.

Mittagessen – am anderen Ende des Lido, in Malamocco, in der ‚Trattoria da Scarso‘ im Garten. Vor zwei Jahren hatte ich das Lokal im Internet entdeckt und so beschrieben:

Foto (Symbolbild): Chantal de Bruijne/Shutterstock

‚Helle Holzbänke, grüne Plastiktischdecken, weiße, klitzekleine Papierservietten, in einem Raum, dessen Wände Geschichten erzählen: vom Fischen, vom Trinken, vom Bewirten, vor langer, langer Zeit. Fellini war damals auch hier. Rafał und ich teilten uns eine Portion von allem Kleingetier, das die Adria zu bieten hat: Muscheln, Calamari, Sepien, Sardinen. Es sah sehr eigenwillig aus auf der Schale, der gelbe Wein aus der Karaffe machte Mut, die Zitrone würzte vor, die Zwiebeln würzten nach, und die lauwarmen Köstlichkeiten flutschten die Kehle runter. Ekel war gestern, heute wird gefeiert. Rafał, der mit solchen Genüssen weniger vertraut ist als ich, ließ sich trotz seines geringeren Weinkonsums – wegen Diesel – von Atmosphäre und Geschmack mitziehen. […]‘

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

‚[…] Die Italiener um uns her schienen alle Stammgäste zu sein. Erst kam für uns ein silbrig-grauer Fisch aus dem Ofen, dann ein beige-braunes Dolce aus dem Kühlschrank, und dann kam eine chinesische Familie. Die Globalisierung macht wohl vor gar nichts Halt.‘

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Dieses Mal waren neben Rafał auch Silke und Helga dabei, aber nur unter mir brach der Plastikstuhl zusammen, allerdings so moderat, dass ich selbst mir nichts brach. Platt lag ich trotzdem. Der Kellner eilte mir zu Hilfe, und ich machte mir Gedanken über mein Gewicht. So etwas passiert doch nur Witzfiguren. War ich etwa eine? Fett bin ich jedenfalls nicht, außer vielleicht am Bauch. Wir einigten uns darauf, dass ich mich nur zu ruckhaft nach dem Mann mit der riesigen Fischplatte umgedreht hatte. Beruhigt widmete ich mich wieder meinem Teller. Einen besseren Miesmuschelsud habe ich nie gegessen, Helga auch nicht, Silke mag keine Muscheln und Rafał war mehr nach Sardinen zumute. Der Ausflug wurde insgesamt als Erfolg verbucht. Mein unterbliebener Hals- und Beinbruch erst recht.

Fotos oben (2): Privatarchiv H. R. | Foto: gemeinfrei/pxhere

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Koldunova Anna (Mann mit Luftballon), 
Larisa Blinova (Muscheln in Schüssel)

31 Kommentare zu “#24 – Zusammenbruch

  1. Die Experten machen Fortschritte bis zum Abwinken, aber müssen wir das überhaupt alles verstehen um die Welt zu verstehen? Sind die grundlegenden Dinge nicht immer die selben?

    1. Nun ja, das Scrollen auf dem iPad oder das aktivieren der kabellosen Kopfhörer kriegen die meisten ja sogar noch hin. Aber die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel, Massenmigration und Flüchtlingsproblematik, oder den Rechten von Transsexuellen gab es eben vor 20 Jahren so auch noch nicht.

      1. Manchmal denke ich, wir müssten uns weniger auseinandersetzen und mehr zusammensetzen. Aber das klappt wohl nicht mal über Zoom oder Skype so richtig.

  2. Wenn wir alle feststellen würden, dass wir in unseren Blasen leben, wären wir schon einen großen Schritt weiter. Am Beispiel George Floyd wird das doch nur allzu deutlich. Das Problem wird nicht gelöst werden, solange die eine Seite nicht mal akzeptiert, dass es ein Problem gibt.

  3. Ruckhaftes Umdrehen sollte so ein Stuhl ja eigentlich aushalten. Aber wahrscheinlich muss man mindestens einmal in seinem Leben auf einem zusammenbrechenden Stuhl sitzen. Ich bin Anfang des Jahres in Spanien in einem wunderbaren alten Restaurant mit dem Stuhlbein in den Holzplanken versunken. Das war mir ähnlich peinlich. Obwohl das Loch im Boden anscheinend schon vor meinem Besuch da war.

      1. Nee das ist dann auch wieder traurig. Im Gegenteil, Scham kann ja mitunter sogar etwas sehr aufregendes sein.

  4. Der Schoß der Kirche, das ist eine von diesen wahnsinnig großen Blasen, die so schnell wohl nicht platzen werden. Aber eine Blase ist es, das kann man nicht anders sehen.

      1. Für viele ist die Blase längst geplatzt. Die Wände werden immer dünner, die Luft für Heilsversprecher wird es auch. Aber dann kommt der nächste Volksbeglücker.

      2. Wahrscheinlich platz man auch nur direkt in die nächste Blase rein. Oder raus. Wie eine Blasenmatroschka.

      3. Sonst wäre man wahrscheinlich auch allwissend, allmächtig. Vielleicht klappt das im Nirvana, sonst eher nciht.

  5. Warum soll die chinesische Familie in Italien auch etwas anderes Essen als die deutsche?!
    P.S. Ich hoffe, die chinesische Familie kam nicht wie das Dolce aus dem Kühlschrank.

    1. Die chinesische Familie soll in Shanghai essen und mir nicht meine Illusion zerstören, dass ich dort bin, wo kein Tourist je sein wird. Ob sie dabei aus dem Tiefkühlfach oder dem Elektrogrill kommt, bleibt ihrer Vorliebe überlassen.

  6. Essens-Neidstifter auf Instagram sind ja eher nervig. Wenn es wenigstens darum geht kleine Lokale zu unterstützen anstatt das eigene Ego, kann man das natürlich auch mal machen.

      1. Ob das auch für die Protestflut auf Instagram dieses Wochenende gilt? Nun ja, im Zweifelsfall unterstützt man besser aus dem falschen Grund als sich ganz rauszuhalten.

      2. Heute gab es ja auch deutschlandweit Straßenproteste. 20.000 in München, 15.000 in Berlin, 14.000 in Hamburg… Für ein hoffentlich besseres Zusammenleben. Es scheint also nicht nur ein Online-Ego-Trend zu sein.

      3. Momentan platzt den Amerikanern eine große Blase. Es sieht ja tatsächlich aus, als gäbe es die Chance, dass sich dort etwas ändert. Jedenfalls wollen die Demokraten in den nächsten Tagen ein Reformpaket im Haus vorstellen.

      4. Welches die Republikaner mit ihrer Mehrheit wohl erstmal abschmettern. Aber im November wird ja gewählt. Fingers crossed.

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