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In der Blase  —   Süd nach Südost

#12A – Doppelschlag

1967 auf unserer langen Studentenreise, auf der wir Rimini so genüsslich verachtet hatten, fuhren wir ins Inland, Richtung San Marino. Hans-Dieter saß am Steuer und huppelte im Dunkeln über etwas, das wir für eine fette Ratte hielten. Angeekelt steuerten wir die nächste Übernachtungsmöglichkeit an. Kultur hin, Landschaft her, dieser Moment, in dem es unter uns gescheppert hatte – er ist das Einzige, an das ich mich von damals erinnere.

Ja, 1967 waren wir alle drei Studenten. Hans-Dieter wurde ein angesehener Jurist, Harald Volkswirt bei der Hamburgischen Landesbank. Ich hatte mein Jura-Studium nicht fortgesetzt, sondern komponierte zur Freude meines Professors tagsüber Orchesterwerke (nie aufgeführt) und Schlager (nur von mir gesungen), nachts schrieb ich im Keller Novellen bei Schallplatten der Walker-Brothers (geräuschlos hätte ich auch oben dichten dürfen).

Doktor Hans-Dieter

Harald, der Banker

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Professor E. G. Klussmann

Scott Walker, jung und vergrübelt

Foto: Michael Putland/Getty Images

Alt und verbittert

Foto: Steve Pyke/Gettyimages

Wegen meines merkwürdigen Doppelschlags des Herzens (Sternzeichen: Zwilling) (Fachausdruck: Extrasystole) hatte ich nach dem Abitur nicht zu den Soldaten oder Verweigerern gebraucht. Ich wurde als ‚bedingt tauglich‘ eingestuft und war mir nicht sicher, ob mich das mit Scham (Waschlappen) oder mit Stolz (ätsch, davongekommen!) erfüllen sollte. Mädchenlose Klassen hatte ich schon im Gymnasium nicht gemocht und konnte mir nicht vorstellen, dass mir das in der Kaserne besser gefallen hätte, zumal ich zwar seit ein paar Monaten regelmäßig ins einschlägig männlich besuchte ‚Spundloch‘ ging, aber immer in ‚Damenbegleitung‘: mit Kathrin oder mit Gisela oder mit Birgit oder mit Tine.

Kathrin damals (heute: Katharina)

Foto: Privatarchiv H. R.

Gisela

Foto: Privatarchiv H. R.

‚Brisuppe“ (heute Birgit) und ich

Foto: Privatarchiv H. R.

Tine, zweimal von mir fotografiert

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Meine Auswahl an ‚bürgerlichen Scheinverhältnissen‘ war also groß, und außer meinen Eltern und mir wussten wahrscheinlich alle, dass ich schwul war. Trotzdem verunsicherte mich die Aussage mancher Halbfreunde, die mir sagten: „Lieber reiß ich die neun Monate beim Bund ab, als mit einem Herzfehler rumzulaufen.“ Das tat ich auch nicht sehr viel länger. Meine nachgewiesene Extrasystole war 1967 nachweislich weg. Fahnenflüchtigerweise ging ich aber nicht zum Kreiswehrersatzamt und sagte: „Herr Oberfeldwebel, melde gehorsamst: TAUGLICH!“. Ich hatte nicht mal den Mumm zu sagen: „Weder bin ich arisch noch heterosexuell, also auch nicht wehrwürdig.“ – Mein armer Großvater (Oberstleutnant!)! Na ja, das nächste Jahr nannte man später ‚achtundsechzig‘, da würden einige meiner Altersgenossen noch viel ungezogener werden.

Offizier

Foto: Privatarchiv H. R.

Enkel

Foto: Privatarchiv H. R.

Zeitgenossen

Harald und Hans-Dieter hatten die Zeit ‚beim Bund‘ wenig genossen. Revanchistische Reden am Offizierstisch, sagten sie, und Leerlauf im Dienst an der Waffe, fanden sie. Außerdem behaupteten sie, sie bekämen ‚Hängelin‘ ins Essen: als Vorbeugemaßnahme gegen Erektionen. Also, obwohl ich keine Kinder zeugen wollte und in jeder Zeit auch keine anderen Menschen zum Geschlechtsverkehr benutzte – das hätte mir doch nicht gefallen. Schon damals nicht. Heute lässt sich ja sowieso alles richten, auf und ab. Bei Wikipedia lese ich soeben, kaum zu glauben – da stehen tatsächlich ‚Hängolin‘ und als Synonyme: ‚Antibockin […], Schlapposan‘ […]1.

Ohne Worte

Apropos ‚soeben‘ – weiter in der Zeit! Von 1967 nach 1979. Da zeigte ich Roland zwischen Brenner und Bari den Ministaat San Marino, Harald natürlich auch, er saß sogar am Steuer.

Eine – aus heutiger Sicht – unbeschwerte Zeit. Was war ich damals gelenkig gewesen!

Foto: Privatarchiv H. R.

Aber ein so schönes Lokal mit so einem letzten freien Tisch, von dem aus man über das ganze Tal hinweg bis zum Meer sehen konnte, das war auch für mich neu, nicht nur für Rafał. Mindestens so überraschend war das Essen: Es war richtig gut, und das hier, wo ich nichts weiter erwartet hatte als eine Touristenabkoche mit Blick!

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Nach der Mahlzeit griff ich mir erst in die übliche Tasche, dann in Panik in alle nacheinander: Mein Portemonnaie war weg! Ich hatte es doch Rafał für den Parkschein gegeben. Er musste es haben. „Nein“, sagte er und wühlte zur Bestätigung seine Taschen durch. Nichts. Dann war das Portemonnaie doch im Wagen. Rafał rannte zum Auto. Für jemanden, der laufen kann, höchstens fünf Minuten. „Reg dich nicht auf!“, befahl ich mir. Aber ich gehorchte nicht. Die Situation war schlimmer als im Frühling in Florenz (‚#2.4. – Weg!‘). Dieses Mal war vom Geld über die Kreditkarten bis zum Ausweis wirklich alles dabei. Die Reise ginge nicht mehr weiter. Ich müsste zurück nach Hamburg, nicht Rafał. Und nicht um abstinent zu werden, sondern um zu verzweifeln. Ich sehnte mich nach etwas so Erträglichem wie einer toten Ratte. Gleichzeitig nahm ich mir meine Ängstlichkeit ausgesprochen übel. „Gleich kommt Rafał zurück, meine Börse triumphierend in der Hand …“

Foto: Privatarchiv H. R.

Rafał kam zurück. In der Hand hielt er – nichts. „Ich hab’ den ganzen Wagen abgesucht, auch unter den Sitzen.“ Der Super-GAU. Ich überlegte kurz, ob ich nun wahnsinnig würde oder es schon sei. Irgendwas redete ich wohl auch, keine Ahnung, was. Rafał setzte sich und sagte: „Steh mal auf!“ Das tat ich, ganz automatisch, und – o Wunder! – ich hatte auf meinem Geld gesessen. Der schlimmste und der schönste Augenblick der Reise, sie lagen unmittelbar nebeneinander. Weder Bolognas Neptunbrunnen zuvor noch Venedigs Dogenpalast später konnten mit diesem Grauen und mit dieser Wonne mithalten, selbst, wenn POLYGLOTT und Wikipedia etwas anderes behaupten.

Foto: Privatarchiv H. R.

Auf dem Rückweg zum Auto sah ich nicht nur bange auf meine Füße, sondern auch indigniert auf den Schund in den Schaufenstern. Mein Blick verhakte sich in etwas sehr Seltsamem. Es war – angelehnt an Dali – eine Schallplatte, die nach unten wegtropfte, so jedenfalls war das Plastik gestaltet. Der eigentümliche Gegenstand war eine Uhr. Die Ziffern fünf, sechs und sieben waren unten bereits in Auflösung begriffen, die beiden Zeiger auf dem Etikett taten ihren üblichen Dienst.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich hatte noch kein Geburtstagsgeschenk für Silke. Früher war ich gezielt durch die Städte gelaufen und hatte überall zwischen München und Manhattan Dinge aufgetrieben, die mich Geburtstagen und Weihnachten mit Gelassenheit entgegensehen ließen. Jetzt bestelle ich beinlahm bei Amazon, nur nicht für Silke, die meine E-Mails überwacht – nicht aus Neugier, sondern weil ich manches übersehe und manches verschwitze. Zu Silkes Karriere in der Schallplattenindustrie und dem Verrinnen der Zeit ließ sich fabelhaft ein Gedicht zimmern und ausdrucken. Helga erzählte mir neulich, dass Silke das Geschenk ganz grässlich gefunden habe, was allerdings zu erwarten gewesen war. Guten Geschmack zu definieren ist einfach: Was Silke akzeptiert, ist ordentlich, was Silke ablehnt, ist Dreck. Weitere Kriterien sind überflüssig.

Foto: Privatarchiv H. R.

Zurück im Hotel trafen wir Silke selbst nicht an, wohl aber ihre schriftliche Frage, ob wir für ein EKG von mir im Krankenhaus gewesen seien. Rafał antwortete patzig auf WhatsApp: ‚Ja, 100 Mal.‘

Wir hatten schon am Vortag im ‚Club Nautico‘ zu 20:00 Uhr reserviert und machten uns Gedanken darüber, ob Silke denn als Glamourgast erscheinen würde. Das Wahrscheinlichere trat ein. Sie kam nicht. Während des Essens lugte ich wie gestern im Hotel schon vom Teller zur Treppe und wieder zurück. Dabei blieb es und auch bei der Regel, dass ich immer nur den Nachtisch aufesse. Entweder gelingt mir das, weil ich weiß, dass mich kein nächster Gang mehr erschrecken wird, oder ich bin in der Kleinkindphase steckengeblieben (nein, nicht anal!), und deshalb liebe ich nur Süßes. Ohne das Bedürfnis, dieser Frage weiter nachzugehen, ging ich stattdessen ins Bett.

Fotos (8): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Material von Shutterstock: Dragosh Co (Soldaten) und Vladimir Gjorgiev (Hand mit Gurke)

32 Kommentare zu “#12A – Doppelschlag

    1. Bei dem Schallplatten-Kunst(?)-Geschenk kann man ihr das wohl nicht übel nehmen. Ich erinnere mich noch als diese Dinger überall auftauchten.

  1. Tine hat mich auf den ersten Blick an Maila Nurmi (Vampira) erinnert. Was für ein Erinnerungsflash! So ganz genau kommt es auf den zweiten Blick dann allerdings nicht hin.

    1. Vor allem ist er leider ziemlich genau vor einem Jahr verstorben. Spätestens jetzt wird er also nicht mehr verbittert sein.

      1. Aus Äußerungen, Interviews und Gesichtsausdruck spricht Verbitterung. Zu Lebzeiten. Aber, ich denke, er wird auch Gott eher Vorhaltungen machen als ihn lobpreisen.

  2. Mein Portemonnaie habe ich im Gegensatz zu Autoschlüsseln und dem Personalausweis noch nicht verloren. Die tote Ratte hatte ich hingegen erst letzte Woche vor meinen Füßen liegen. In diesen Alltagsproblemen gleichen sich dann doch alle unsere Leben.

      1. Ach was, man geht doch andauernd raus. Zum Einkaufen, zum Spazieren, zum Take-away abholen. Mein Portemonnaie habe ich aber trotzdem noch. Juchhu.

  3. Ich habe mir den Bund auch ersparen können. Ein angeborener Herzfehler (mein Arzt attestierte damals ich sei kerngesund) hat mich gerettet. Das dadurch gewonnene Jahr hat mir auf meinem Weg sicherlich mehr geholfen, als es der Wehrdienst getan hätte.

    1. Wenn man davon ausgehen muss, dass man bei der Bundeswehr tatsächlich Anti-Erektionsmittel ins Essen bekam, bin ich auch froh, dass ich mich für Wehrersatzdienst entschieden habe. Aber wahrscheinlich gab es das zu meiner Zeit eh nicht mehr.

  4. Immer toll, wenn wunderschöne Aussicht und wunderbares Essen zusammen kommen. Das passiert ja tatsächlich äußerst selten.

      1. In der Tat. Da trenne ich die beiden Komponenten notfalls lieber. Erst der Ausblick, dann ein gutes Essen in einer kleinen versteckten dunklen Seitenstraße. Oder wohin mich meine Nase auch führt.

  5. Wie gut, dass die Geschlechtertrennung in der Schule nicht mehr so verbreitet ist wie früher. Oder kommt mir das nur so vor? Man braucht doch nun wirklich nicht schon in der Schule die Gräben zwischen den Geschlechtern vertiefen.

    1. Die Idee dahinter: Wenn ein männliches Wesen ein weibliches sieht, wird es so hundsföttisch spitz und scharf, das es nichts anderes mehr denken kann als ‚Beischlaf!‘, ‚Beischlaf!!‘, ‚Beischlaf!!!‘ Die Moslems glauben, dass Allah das auch glaubt.

      1. Verbote helfen ja leider selten. Zumindest ist das meine Erfahrung. Aber ging es nicht auch mal darum, dass Jungen und Mädchen anscheinend so wahnsinnig unterschiedlich lernen, dass gemeinsame Schulen eh keinen Sinn machen?! Das ist hingegen weniger meine Erfahrung.

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