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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#49 – An Rom vorbei

In Hamburg hatte ich mir angesehen, was ungefähr auf der Mitte zwischen Reggio und unserem nächsten Ziel liegt. So kam ich auf Caserta. Fünf Stunden sind genug. Wir fuhren an der zweiten Ausfahrt hinter Neapel ab. Unser Weg führte uns vorbei am grandiosen Park mit dem majestätischen Königsschloss. Blieb aber links liegen. Wir mussten weiter in ein Industriegebiet. Dort, umgeben von nüchternen Zweckbauten, stand unser ‚Grand Hotel Vanvitelli‘. Gleich hinter der Einfahrt wurde es hübscher. Die garstige Umgebung blieb hinter Mauern und Büschen versteckt. Das Gebäude selbst stellte mein Faible für Walt Disney auf eine harte Probe. Von außen sah das Haus ziemlich zeitlos gepflegt aus, aber gleich die Halle des kaschierten Neubaus spielte unverfroren Fin de Siècle.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ich erinnerte mich mahnend daran, dass ich aufgetakelten Fake im Allgemeinen ehrlicher Ärmlichkeit vorziehe, dann klappte es. Sicher hat der HolidayCheck-Kunde recht: ‚Sehr schlechte Lage mit keiner Anbindung an irgendetwas Interessantes.‘ War mir aber egal. Es gab aufgemotzt zu essen, genügend zu trinken, mein Zimmer war ruhig, das Bett nicht zu beanstanden, und am nächsten Morgen waren wir in fünf Minuten wieder auf der Autobahn.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

An Rom haltlos vorbeizufahren, einfach so, das hat ein bisschen was Snobistisches: ‚Kenn ich schon, fahr ich nicht mehr hin‘, aber als wir an die Ausfahrt ‚Orvieto‘ kamen, fand ich das einen unplanmäßigen Zwischenstopp wert: ‚Kenn ich noch, will ich gleich wieder hin.‘

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

1975 – mein erstes Filmjahr und das letzte Jahr unserer Vierer-Reisen: Silke, Esther, Harald, ich. Harald und ich, wir kamen von Sardinien. Da habe ich so überbelichtet, dass das Material nicht zu gebrauchen war. Dafür gibt es ja den langen Brief. Unsere erste Nacht zu viert verbrachten wir in Orvieto. Damals frühstückte ich noch; denn mit unserem gemeinsamen Frühstück beginnt der Filmausschnitt, den ich hier einfüge. Es ist gleichzeitig der letzte in diesem Reisebericht.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Aus damaliger Sicht hatte ich schon so viel erlebt und gesehen! Aus heutiger Sicht begann damals das, was jetzt mein Leben ist.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Orvieto kannte Rafał nicht. Gibt es das? Wir konnten sogar direkt vor dem Domplatz parken, im Café sitzen und gucken. Sonntag Mittag. Blauer Himmel, imposante Gebäude, wenige Menschen. Ein Teller mit Salsiccia und Formaggio, ein Schälchen mit Oliven, eine Karaffe mit Wein. Ruhe, dann Kirchenglocken, dann wieder Ruhe. So wünscht man es sich überall, wo es etwas zu sehen gibt. Vermessen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Rafał und Silke betraten und betrachteten die Kathedrale. Ich besaß den schattigen Caféhausstuhl und die Gelassenheit, nichts zu vermissen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: torange.biz/gemeinfrei

Im Laufe des Nachmittags erreichten wir Casole d’Elsa und dort unser Hotel ‚Terre di Casole‘. An solchen Reisetagen überlegt man auf den letzten Metern vor dem Ziel immer: ‚Was nehm ich mit, was lass ich im Wagen?‘ Die beiden brennenden Fragen ‚Mit welchem Outfit will ich die anderen Gäste beim Abendessen überraschen?‘ und ‚Was wird über Nacht gestohlen, wenn ich es faul im Wagen zurücklasse?‘ müssen gewissenhaft durchdacht werden. Ich schleppe zwar nicht mehr selbst, aber ich nehme regen Anteil an solchen Erwägungen. Wer unerheblich findet, welche Klamotten im Speisesaal an ihm runterhängen und wer nichts hat, was so begehrenswert ist, dass es einen Dieb lüstern machen könnte, wenn es, statt wohlbehütet im Zimmer zu liegen, verlockend auf dem Autorücksitz darauf lauert, von mutigen Einbrechern entwendet zu werden, wer so stumpf reist, der ist in seiner Schlichtheit selber nicht zu beneiden. Es sei denn, er ist unterwegs, um selbstlos Gutes zu tun, aber das ist ja die Ausnahme.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wenn man vom Empfang aus mit dem Fahrstuhl nach unten fahren muss, denkt man immer gleich: „Mein Gott, jetzt soll ich hier womöglich im Keller übernachten!“ Aber in Häusern, die am Hang liegen, hat man dann doch beruhigenderweise den Garten vor dem Fenster.

Fotos (7): Privatarchiv H. R.

Erst Pause. Dann Essen im Hotel. Drinnen – bequemer fürs Personal. ‚Das Essen ist für die Toskana eher durchschnittlich‘, findet ein TripAdvisor. Recht hat er. Wir sind nicht allein. Eine Englisch redende Frauentruppe – feist, froh, plump, laut – wird ebenfalls beköstigt. Stört nicht. Nichts tut weh. Alles in Ordnung.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Der letzte Tag der Reise. Besichtigung. San Gimignano liegt auch wieder genauso weit entfernt von unserem Hotel, wie wir das von unterlassenen Spritztouren auf Sardinien und Sizilien her gewohnt sind. Aber dieses Mal kommt Kneifen nicht infrage. Ein Phänomen ist es trotzdem: Entweder haben wir eine Stunde Anfahrt zu den Must-go-Sehenswürdigkeiten des Landstrichs oder das Hotel liegt mitten in der Fußgängerzone und ist selber Teil des Must-go. Für alles dazwischen muss man aufrichtig dankbar sein.

Fotos (4): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Andrey Burmakin (Hotelklingel)

35 Kommentare zu “#49 – An Rom vorbei

  1. „Aus heutiger Sicht begann damals das, was jetzt mein Leben ist.“ Es ist doch verrückt wie sich Erlebnisse relativieren, Dinge im Nachhinein aufschlüsseln oder Perspektiven mit der Zeit verändern, nicht?

      1. Das ist genau das, was ich an Ihren Berichten so gerne mag. Es wird nicht nur beobachtet, sondern gleichzeitig immer auch nach rechts und links, voraus- und zurückgeschaut.

  2. Ein kurzer Zwischenstop in Rom ist allerdings auch ambitioniert. Die Stadt ist ja so riesig, da wird ein kurzer Halt eher stressig als dass es sich wirklich lohnen würde. Außer natürlich man hat ein klares Ziel in der Stadt…

    1. Ich bin selten in Italien, aber wenn versuche ich immer ein paar Freunde in Rom zu besuchen. Stressig ist die Stadt mitunter trotzdem.

    2. Ich mag die kleineren Orte meist viel lieber als Rom. Aber klar, wenn man schon einmal vorbeifährt kann man auch einen kurzen Abstecher machen.

      1. Hahahaha! Ja genau, noch besser ein leckeren Pumpkin Spice Latte bei Starbucks 😉

      1. Es muss ja wirklich nicht alles echt sein, jedenfalls stört mich ein beeindruckender Nachbau auch nicht, aber etwas Geschmack hilft natürlich trotzdem.

  3. Also mein Gepäck lasse ich eigentlich nie im Auto. Ich habe allerdings auch lange keinen so langen ‚Roadtrip‘ gemacht, dass da außerhalb meines Koffers viel zu überlegen wäre.

    1. Mit Technik und Anzugsäcken ist es in den Städten schon eine Entscheidung, was man im Auto lässt. Früher haben wir immer „Verärmlichung“ gespielt: Über unser Gepäck haben wir eine extra dafür mitgenommene uralte, zerschlissene Decke gebreitet.

      1. die alte Decke hilft heutzutage auch nicht mehr. Bestenfalls eine schäbige Karre, aber will man damit, ohne jeden Komfort 1000ende Kilometer reisen ?
        Gejammer ist auf diesem Niveau doch auch nett.

  4. Es macht so viel Spaß sich für den Abend zurechtzumachen. Darum nehme ich meistens auch viel zu viel mit wenn ich verreise. Aber besser es gibt genügend Auswahl, als dass man sich ärgert etwas nicht mitgenommen zu haben 😉

    1. Man muss dem Ort seine Duftmarke aufdrücken – und die Durfmarke des Ortes in seinen Erinnerungen mitnehmen. Wer sich für ein vielversprechendes Lokal nicht hübsch macht, der/die geht auch in Jogginghose zur Premiere und im Nachthemd zur Beerdigung.

      1. Kleidung und Stil unterstreichen für mich auch einfach wer man ist oder wer man sein möchte. Mich nicht zurechtzumachen fühlt sich daher auch konkret wie ein „sich-gehen-lassen“ an.

      2. Einerseits denke ich immer: die jungen Menschen wollen sich seit meiner Generation nicht mehr zurecht machen. Alles soll bequem sein – Parka in der Oper, Jeans auf dem Standesamt. Andererseits haben Influenceninnen Millionen Followereusen, wenn sie über Wimperntusche referieren. Dass Ulrike Meinhoff das nicht mehr erleben kann!

      3. Oft steckt in diesen nicht unbedingt hübschen „Street Style“ Looks ja genau soviel Vorbereitung wie im Smoking. Nur sieht man leider nicht viel davon.

      4. Ja ja ein wahrer Hipster braucht genauso viel Zeit im Bad und beim Ankleiden um lässig auszusehen, wie jemand, der zum Opernball geht. Aber mal im Ernst, dieser Hype um ein paar neuveröffentlichte Turnschuhe (!) ist schon ziemlich absurd.

  5. Fünf Stunden Autofahrt sind aber wirklich genug. Bei all den Orts# und Erlebnisbeschreibungen vergisst man manchmal wohl wieviel Zeit Sie zwischendurch im Auto verbringen. Respekt.

      1. Meine längste Tour waren glaube ich ungefähr 8 Stunden. Das muss aber auch schon 7-8 Jahre her sein.

      2. Umso mehr beeindrucken mich Ihre Reisen. Ob da mal der Rollstuhl bei besonders aufwendigen Wegen zum Einsatz kommt, spielt doch dann auch keine große Rolle.

  6. Ich erinnere mich noch an die Fresken von Signorelli im Dom. Diese Verdammten sind schon verdammt eindrucksvoll.

    1. In der Tat. Das Böse ist natürlich faszinierender. Das sieht man ähnlich überzeugend wenn man sich mal anschaut welche Themen in den zahlreichen Netflix-Dokumentation dominieren.

      1. Und man ist doch auch immer wieder über eine neu entdeckte Facette überrascht. Ich bin das zumindest.

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