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0409
In der Blase  —   Süd nach Südwest

#51 – Lehren ziehen

Neben Lokalen, entweder ganz weit ab vom Schuss oder mitten im Kraftfahrzeug-Sperrgebiet, foppt mich das Schicksal noch mit einer dritten Variante, um meine Pläne zu durchkreuzen: Ruhetag. Mal Sonntag, mal Dienstag, aber immer an dem Tag, den ich für unsere Mahlzeit ausgewählt habe. Die ‚Osteria Francescana ‘ in Modena – 2018 aufgenommen in den Kreis der fünfzig besten Restaurants der Welt – macht da keine Ausnahme. Aber so schnell entmutigen lasse ich mich immer noch nicht. Dann halt nicht Modena, sondern Mantua! Das Ristorante ‚Tiratappi‘ an der Piazza Leon Battista Alberti.

Foto: canadastock/Shutterstock

Modena wurde zu Anfang des 4. Jahrhunderts vor (!) dem Herrn von den keltischen Boiern erobert. Wer waren die? ‚Neben einer keltischen Bezeichnung für ‚Schläger‘ […] dürfte auch eine Deutung als ‚Rinderbesitzer‘ […] in Frage kommen‘1, belehrt Wikipedia.

Foto oben: Gerd Altmann/Shutterstock | Foto unten: Voilia/Pixabay

Da kann Mantua aber spielend mithalten. Bei Mantua wurde 2007 ein 6 000 Jahre altes menschliches Skelettpaar entdeckt – das ist doch wohl aufsehenerregender als ‚a singular interpretation of Fillet alla Rossini with foie gras and caviar‘ innerhalb eines winzig portionierten ‚tasting menu‘ zu 290 Euro plus 190 Euro für ‚wine pairing‘ bei der ‚Francescana‘. Geht’s noch? Das hatte ich bei der Planung gar nicht bemerkt, sondern mich ganz auf die mittagsrichtige Entfernung und auf die hübschen Bilder im Internet verlassen. Gut, dass heute nicht Dienstag war mit Hochbetrieb in der Küche. Beim Blick in die Speisekarte hätte ich konsterniert die Preise angestarrt. Vor jedem Bissen hätte ich mich gefürchtet: Würde der Gaumen dem Gekaue meiner Zähne wirklich die elf Euro fünfzig abschmecken, die ich gleich wegschlucken werde? Ich denke nicht bei allem, was ich mir in den Mund stecke, daran, dass im Südsudan auf jeden Einwohner ein Bruttoinlandsprodukt von gerade mal 228 Dollar pro Jahr2 kommt, wirklich nicht. Aber solch einen Aufwand finde ich selbst als Übertreibung zu übertrieben. Altmodisch, was? ‚Künstler‘ Ufo 361 rappt: „Warum redest du, wenn du kein Cash hast?“3, und erreicht damit Platz 1 der deutschen Charts.

2 Quelle: 228 USD/Einw. (nominell), Stand: 2017/Wikipedia
3Quelle: Auszug aus ‚Rich Rich‘, Text: Ufuk Bayraktar, David Wilke, Tim Kraft, Jeremias Daniel, Sonu Lal, © BMG Rights Management, Downtown Music Publishing, 2020/lyrics.com

Die häppchenweise Veröffentlichung im Blog erlaubt mir, unablässig Ergänzungen einzufügen, um meine Leserschaft zu bereichern und Karin, meine Lektorin, wahnsinnig zu machen: Im ‚SPIEGEL‘ Nr. 19, vom 2. Mai 2020 lese ich, dass Chef Massimo Bottura jetzt am Abend auf Instagram kocht. Bis zu 500 000 User sehen zu. Ohne Corona müssten sie alle in sein Lokal gehen. Aber Achtung: montags Ruhetag!

Mantua liegt an vier (künstlichen) Seen. Die Navi-Frau war überfordert – kennt man in Altstädten ja von ihr. Ich drängte Rafał zu einer Rückwärtsfahrt in eine schmale Lücke. Auf das Parkverbotsschild konnten wir keine Rücksicht nehmen. Ich fragte mich allerdings, wie gut es mir wohl schmecken würde, wenn ich während der ganzen Mahlzeit darüber nachdächte, mit welchen Tricks wir nachher unseren kostenpflichtig abgeschleppten Wagen auf dem riesigen Polizeihof ausfindig machen könnten. Jedenfalls war mein Instinkt so weit intakt, dass ich meinen Krückstock die Straße in der richtigen Richtung entlangschob. Wir kamen auf einen eher kleinen Platz. An dessen anderem Ende unser Lokal: ‚Tiratappi‘ in gut lesbarer Schrift und davor sechs Parkplätze. Sträucher in Kübeln, vor dem Haus eine Terrasse auf Holzbohlen, weiße Tischdecken, Korbstühle, ruhige Gespräche, Schatten unter der Markise. Rafał holte das Auto, ich nannte meinen Namen, wir setzten uns auf die reservierten Plätze.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Die Speisekarte verhieß: ‚LA SEMPLICITÀ È LA STRADA PER IL GUSTO‘. Ob wirklich die Einfachheit der Weg zum Geschmack ist, scheint mir fraglich. Schon gute Zutaten zu finden ist kompliziert, und ich erinnere mich an die Aussage des 2016 gestorbenen Restaurant-Kritikers Wolfram Siebeck: Nichts würde unzubereitet gut schmecken. Für Obst gilt das nicht ganz, aber sonst hat er wohl recht. Trotz der propagierten Einfachheit waren Speisen und Preise so gesalzen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein stimmungsvoller Abschied. Zwei Stunden später waren wir zu Hause. Meran.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Südtirol ist Italiens (italienisches?) Aushängeschild. Zum letzten Mal Walter Mayr:

In Südtirol herrscht praktisch Vollbeschäftigung. „Der Kern unserer Erfolgsgeschichte ist die Selbstverwaltung“, sagt Arno Kompatscher. „Sizilien zum Beispiel ist auch selbstverwaltet, macht aber wenig daraus. Nicht weil wir Südtiroler bessere Menschen wären als die Sizilianer, sondern weil wir eine andere Einstellung zur res publica haben, zum Gemeinwohl.“4

Unglaublich, ein viertel Jahr noch bis zur nächsten Abreise. Vorher kommt einem das sehr lange vor, hinterher nicht mehr. War das schon immer so? Nein. Aber damals habe ich auch in vier Wochen so viel erlebt wie heute im ganzen Jahr. Ein paar Tage nach unserer Rückkehr von Süditalien in die Alpenheimat hatte ich Geburtstag. Ich versuche, mir weiszumachen, dass ich erst mit 75 alt würde, nur so als Witz. Ich weiß ja, wie unwichtig das ist, sogar für mich selbst. In Lebensmittelgeschäften wurde ich von den Verkäuferinnen oft ‚junger Mann‘ genannt. Mit zwölf war ich geschmeichelt. Erst ab fünfzig fragte ich mich, ob das inzwischen ironisch gemeint sein könnte.

Foto: Privatarchiv H. R.

Im Juli hatte Rafał Geburtstag, im August Silke, im September Roland. Dessen Ehrentag übergehen wir dann schon in Hamburg.

Foto: Privatarchiv H. R.

Rafał ist viel unterwegs, auch nachts.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Silke ist nur tagsüber im Ort und gut bekannt in den Lebensmittel- und Textilgeschäften. Fernet Branca kauft sie nur für mich. Schinken isst sie mit.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Erst hatten wir Helga ‚zu Besuch‘. Sie ist, wie schon im vorigen Reisebericht geschrieben, versierte Physiotherapeutin, was mein maroder Leib sehr zu schätzen weiß.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Zu Silkes Geburtstag erschien Giuseppe, um zu gratulieren.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Später kam Anette, die mein Geist sehr zu schätzen weiß (ihrer auch meinen).

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Ich komme überwiegend zu auswärtigen Mittagessen vor die Tür, aber manchmal schiebt Rafał mich zu einer Art Jugendtreff in verwilderten Anlagen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Strecke ist zunächst mal dieselbe, die ich 1997 abbremsend neben meinem Vater hergegangen war, verwundert darüber, dass er es mit 87 Jahren und Polyneuropathie schwer hatte, Schritt mit mir zu halten. Machtlos zu sein ist eine schlimme Erfahrung. Nun kenne ich sie. Aus unseren Erfahrungen müssen wir Lehren ziehen oder es zumindest versuchen. So schaffen wir uns Entscheidungshilfen: Ist die Macht für immer verloren oder ist sie zurückzugewinnen? Wann soll man sich fügen, wann muss man aufbegehren?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ich trinke zu viel, vom medizinischen Standpunkt her betrachtet, von meiner eigenen Anschauung aus sage ich wie alle Säufer: ‚Das habe ich im Griff.‘ Das stimmt wohl auch. Das Wichtigste am Rausch ist mir nicht der Rausch, sondern die vorübergehende Gewissheit: ‚Jetzt bin ich außer mir. Also gibt es mich.‘ Gut abgesichert bin ich auch. In emotionaler Hinsicht: ein zuverlässiger Freundeskreis; in psychologischer Hinsicht: die Möglichkeit, meine Gefühle zu formulieren, also aufzuschreiben; in physischer Hinsicht: kompetente Ärzte, Therapeuten, Trainingsprogramme und Tabletten; in materieller Hinsicht: Anlagen, Immobilien. Meine Blase ist also gut gepolstert.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Sehr gut gepolstert. Aber die Zeiten verlangen Tatkraft und Training.

Foto: Lopolo/Shutterstock

Der Bauch ist weg.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ehrenwort!

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Trotzdem lasse ich mich zu Hause ziemlich gehen. Unterwegs zwinge ich mich und meine Umgebung in ein Programm. Korsetts geben Halt, nicht nur der Hüfte, auch der Seele. Die Haltlosigkeit liebe ich mehr: als Zustand. Beim Schwingen, beim Trinken, beim Denken. Sogar beim Lenken. Meine Mutter sagte einmal, als ich zu einer Geburtstagsparty mehr ‚Leute‘ als sonst einladen wollte: „Aber es muss ja nicht gleich so ausufernd sein.“ Doch, Irene, es muss ausufern, das muss es! Ihr spieltet Doppelkopf mit Beckers und verreistet mit Erika und Werner Russ. Und wenn alle vier, fünf Jahre einmal mehr Leute kamen, dann kam das Büfett von Heimerdinger und ich ins Bett. Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem ich darauf achten muss, die Übertreibung nicht zu übertreiben. Eigentlich habe ich immer darauf geachtet. Vielleicht bin ich deshalb nie richtig frei geworden. Vielleicht bin ich deshalb nicht untergegangen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Rawpixel.com (Ballons), fotoinfot (Koch)

32 Kommentare zu “#51 – Lehren ziehen

      1. Nein nein, so kann man das ja nur sehen um die schlechte Laune nicht ganz Überhand nehmen zu lassen. Aber eigentlich will man das Geld doch ausgeben.

      2. Also 480€ für ein Essen mit Getränken kann man auch mit hochwertigen Zutaten und exquisiter Kochkunst nicht mehr rechtfertigen. Da würde ich in der Tat auch den Ruhetag vorziehen.

      3. Tja das kommt wohl davon, wenn man als „bester Koch der Welt“ ausgezeichnet wird. Da gibt es auch preislich kein zurück mehr.

      4. Das System von Angebot und Nachfrage ist zunächst einleuchtend, aber dann doch seltsam. Was für manches Restaurant-Essen, Kunstobjekt, Dabeisein gezahlt wird! Das ist dann gleichzeitig ein guter Maßstab dafür, wo Menschen das Glück suchen, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind.

    1. immer habe ich den Gästen im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten erklärt dass nicht das Stück Fleisch den hohen Preis macht, sondern die feinen Sitzmöbel, das Silberbesteck, die Damasttischdecke, die echten Perserteppiche und Ölgemälde an der Wand, vor allem aber auch das freundliche Lächeln wenn der Gast es garnicht verdient hat.
      Das weiss ein geschulter Diener mit seinem Sperberblick im Voraus.

      1. Nicht nur ihre. MIttlerweile liegen zwischen dem ‚Image‘ auf social media und der Realität doch meistens Welten.

  1. Na wie, man kann Bottura beim kochen zuschauen? Oder kocht er speziell für die Instagram-Zuschauer? Das muss ich mir gleich mal anschauen. Ich wollte immer mal in sein Restaurant in Modena.

  2. In der Tat, nichts würde unzubereitet so wirklich gut schmecken. Trotzdem ist mir etwas Einfaches, gut zubereitet, aus richtig guten Zutaten manchmal lieber als wenn man sich mit einem komplizierten Essenskonzept übernimmt.

      1. Und wenn dann das Werk nach stundenlanger Arbeit auf den Tisch kommt, sagt der Gastgeber*: (*männlich, weiblich, usw/ hetero, schwul/ schwarz, weiß) Ach, das hab ich eben grad so gezaubert! Aber der Gast* riecht den Braten.

      2. Man riecht den Braten und schmeckt mitunter die Anstrengung. Genau wie man ihn bei angestrengten Performern auf der Bühne sieht.

      3. Fast eine Kalenderweisheit: Die größe Anstrengung besteht darin, die Anstrengung nicht spüren zu lassen. Dem Lächeln der Eisläufer(innen) gelingt das nicht immer.

  3. Die Übertreibung übertreiben ist gefährlich, aber ausufern muss es schon manchmal. Das Gefühl kenne ich jedenfalls und es nützt meistens nichts, sich da auf Dauer zu beschränken.

    1. Auf dem Sterbebett liegen und wissen: Ich habe auf keinen einzigen Putz gehauen und keine einzige Sau rausgelassen – und gleich muss ich noch auf der Wolke Glückseligkeit blasen. Ewig. Das ist suicidegefährdend!

  4. Junger Mann bin ich schon lange nicht mehr genannt worden. Stört mich aber wirklich überhaupt nicht. So richtig alt fühle ich mich sowie nicht, und deswegen natürlich schon mal gar nicht.

  5. Man könnte auf den ersten Blick meinen die gut gepolsterte Blase fördert geradezu den regelmäßigen Rausch. Aber weitaus schlechter gepolsterte Leben scheinen diesen Drang ja ebenso zuzulassen. So einfach scheint das also nicht zu sein.

      1. Ist das so unwahrscheinlich? Ich finde unsere Blasen schon relativ gemütilch ausgepolstert. Sonst würden wir uns auch viel leichter aus ihnen heraus bewegen. So paradox das Bild auch sein mag.

  6. Ein viertel Jahr geht mitunter wahnsinnig schnell vorbei. Und ich habe fast das Gefühl mit zunehmendem Alter vergeht die Zeit noch schneller als so schon.

    1. Vor allem habe ich das Gefühl, dass jetzt, wo während Corona ein bisschen weniger gearbeitet wird, die Zeit auch nochmal schneller vergeht.

  7. So richtige Haltlosigkeit geht aber auch leichter wenn das nötige Korsett vorhanden ist um im Zweifelsfalle Halt zu geben. Da kann man sich unbeschwerter gehen lassen.

    1. Jedem das was er braucht 😉 So zieht jeder seine eigenen Lehren und sucht sich seinen Weg in den Rausch oder auch irgendwie anders durchs Leben.

    2. Ja! Die Wochenend-Haltlosen nutzen ihr Korsett: gesicherter Job oder reiche Eltern. Da kann man ausufern, ohne dass es zur Überschwemmung kommt. Denn dass einem alles außer dem Augenblick egal ist, das klappt dann besonders gut, wenn der Hinterkopf weiß: und morgen gibt es Aspirin und Andacht. Anders die Allzeit-Haltlosen: Sie können nicht anders, sie springen einfach. Von denen handelt mein nächstes Blog-Projekt, wenn diese Italien-Reise beendet ist:
      Sprünge von Türmen.

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