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In der Blase  —   Süd nach Südost

#7 – Leere und Fülle

Zurück in die Gegenwart – die Gegenwart unserer Reise nach Südost. Silke kannte Bologna nicht. Es ist die größte italienische Stadt, die keinen deutschen Namen verpasst bekommen hat, so wie es Mailand, Neapel, Rom, Venedig und Genua passiert ist. Die Italiener rächen sich mit ‚Amburgo‘, ‚Berlino‘, ‚Monaco‘, ‚Stoccarda‘. Wer damit angefangen hat, weiß ich nicht, nur, dass wir das mit anderen Ländern und ihren Städten nicht machen.

Unsere Besichtigungstour anschließend an das Einchecken im Hotel ‚Al Cappello Rosso‘ genoss ich mehr als Silke, obwohl ich das Terrain schon kannte, sie nicht. Na ja, Silke wurde von sengender Hitze gequält, ich wurde von munterem Rafał geschoben – das ist schon ein Unterschied, bei dem der Rollstuhl ausnahmsweise mal Spaß macht. Im Sitzen kann man völlig unbeschwert denken – man braucht ja nicht darauf zu achten, wohin man tritt.

Foto: Privatarchiv H. R.

Vor Alzheimer Angst zu haben, ist, im Gegensatz zur Pest, eine sehr moderne Phobie, die natürlich nur die haben können, die es noch nicht voll erwischt hat. Nicht mehr Zurechnungsfähige fallen für Geistesgesunde als (Gesprächs-)Partner aus. Wenn man sonst niemanden hat, vereinsamt man an ihnen. Wenn dagegen der Geist im Gehirn noch kann, der Körper im Alltäglichen aber nicht mehr – das ist zwar auch nicht beneidenswert, gilt aber allgemein als die geschmackvollere Variante. Trotzdem ist Pflegebedürftigkeit in jedem Fall eine Zumutung: für den Pflegenden wie für den Gepflegten. Das Leben ist voller Zumutungen. Dies ist nur eine von vielen. Also nicht denken – gucken! Von den Plätzen in die Gassen.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Unser Ausflug durch menschenleere Straßen bot ein de-Chirico-Bild nach dem andern.

Foto oben: picture alliance/Godong | Foto unten: picture-alliance/akg-images

Würde am Abend noch Edward Hopper dazukommen? Dann gute Nacht!

Fotos (2): picture alliance/akg-images

Nein, nein. Dass es so weit nicht kommen würde, dafür sorgte schon der Magistrat. Er hatte auf einer eigentlich ‚schön‘ gemeinten Piazza gleich bei unserem Hotel eine Riesen-Leinwand und eine unermessliche Tribüne genehmigt, damit es ab 19 Uhr richtig laut wurde. In unserem Ristorante ‚Al Pappagallo‘ störte das aber nicht weiter, und auf dem Rückweg war es der endgültige Beweis dafür, dass es in Bologna sogar Menschen gab, jedenfalls am Abend.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Am Morgen waren wir dann aber dort, wo ich uns vor der Weiterfahrt ans Meer hinlotste, wieder ganz unter uns. Rafał fuhr uns an schönen Villen vorbei in die potthässliche Vorstadt.

Foto oben: Banet/Shutterstock | Foto unten: llaszlo/Shutterstock

Mein Jugendtraum war es immer gewesen, mich zu den Klängen von Schubert in das untergegangene, verklärte, unwirkliche Reich der italientrunkenen Maler des 19. Jahrhunderts einzutauchen. Ich habe sogar ein Theaterstück dazu verfasst: ‚Nazarener‘.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Aber wenn ich heute – vom Idealisten zum Realisten gereift – an ein Leben ohne Strom, Narkose und WC denke, dann vergeht mir die Nostalgie und ich bejahe das Jetzt. Das hat ja viel, viel mehr zu bieten:

‚Dieser acht Hektar großen Halle im Gewerbegebiet Bologna-Ost irgendwo zwischen Baumarkt, Einkaufszentrum und Güterbahnhof sieht man von außen nicht an, dass sie ein neuer Wallfahrtsort der italienischen Esskultur ist.‘1 Wirklich nicht, da gebe ich der ‚Welt‘ völlig recht. Um in die anschließende Lobeshymne des Artikels einstimmen zu können, mussten wir uns die schroffe Gegend allerdings erst mal erlaufen: vom autoleeren Parkplatz hin zum menschenleeren Zweckbau.

‚Der Geschmack Italiens in einer Halle: Fico Eataly World bei Bologna ist der größte Food-Freizeitpark der Welt. Auf Rädern gleiten Besucher durch eine Mischung aus Viktualienmarkt und Disneyland‘,2 schwärmt der Rezensent. Aber so weit, dass wir Räder gebraucht hätten, tauchten wir dann doch nicht in die kulinarischen Untiefen ein. Es stimmt nicht, dass wir allein waren. Es gab wie im Zoo reichlich Lebewesen zu beobachten, bloß, dass das außer uns niemand tat. Da wurde gebrutzelt, gebacken, gegossen, zerteilt, zerstoßen, zerrieben. Es war alles sehr modern, sehr riesig, sehr hinter Glas. Ich glaube, sehr pädagogisch war es auch, denn man sah ja hundertfach dabei zu, wie ein Produkt entsteht und dann in die verglaste Vitrine zum Verkauf gelegt wird. Eine Manufaktur neben er anderen, endlos: vom Schwein zum Schinken, von der Kuh zum Käse, von der Ähre zum Brot (der Anschaulichkeit halber ein bisschen übertrieben). Ginge es nicht um Nahrung, sondern um Kleidung, dann hätte man noch die Näherinnen in den einstürzenden Fabriken von Bangladesch zeigen können, ohne anbauen zu müssen. Alles war enorm geschäftig und großzügig angelegt, dazu Grün über und über: Basilikum rechts, links ein Palmenhain in Kübeln. Das heißt ‚biodiversity‘. Es war beeindruckend und ein bisschen erschreckend. Diese Masse an allem – und nur für uns. Wahrscheinlich würde es gegen Mittag etwas voller werden, hofften wir und fuhren weiter: auf die Autostrada Richtung Südosten. Unser Ziel war der Ort, der früher das war, was jetzt Mallorca ist: Rimini.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Renata Sedmakova (Neptunbrunnen), Diana Taliun (Basilikum) und maryolyna (Brot)

32 Kommentare zu “#7 – Leere und Fülle

  1. Ja ja, wer sich vorstellt ohne Strom oder medizinische Versorgung leben zu müssen, dem vergeht die Sehnsucht nach der guten alten Zeit schnell.

  2. Sengende Hitze im Urlaub, ach ja, die einen genießen es ohne Limit, ich suche mir lieber immer ein kühles Plätchen im Schatten.

    1. Die Einheimischen machen ja in südlicheren Ändern ja nicht umsonst die Nacht zum Tage. Fürs Sightseeing eignet sich das natürlich nicht immer.

  3. Ach wie interessant, der Edward Hopper – Vergleich wird ja momentan ebenfalls sehr gerne herangezogen. Wenn man dieser Tage durch die doch ziemlich leeren Straßen läuft, macht das natürlich auch Sinn.

      1. Bei meinen Haaren habe ich auch die Hoffnung aufgegeben. Dass die Touris schnell wiederkommen, da bin ich mir hingegen sicher.

  4. Die Eataly-Restaurants kenne ich auch. Ich war zum ersten Mal erstaunlicherweise in NYC in einem dieser Dinger und dachte so etwas kann es in Italien doch gar nicht geben. Feinkost für die Massen. Ein bisschen Mall-Gefühl für die langen Touristentage.

    1. Ich denke jetzt viel daran und was daraus wird. Sehr viel leerer als wir es erlebt haben, kann es zwar kaum werden, aber wenn die Schinkenverkäuferinnen bei Wiedereröffnung Mundschutz zum weggesteckten Haar tragen, sehen sie sicher ein bisschen aus wie Musliminnen, die mit Schwein hantieren.

      1. Die schrittweisen Wiedereröffnungen werden noch sehr ungewohnt und absurd werden. Mit 1,5m Abstand in der Öffentlichkeit, also im Geschäft oder Kino wird dann fast trauriger wirken als alleine zuhause zu sein.

      2. Das Gefühl habe ich auch. Mir fällt es nicht schwer größtenteils in meiner Wohnung zu sein. Jedenfalls für eine absehbare Weile. Aber wenn man doch mal Freunde auf der Straße sieht und dann nur von weitem zuwinken darf … das ist ind er Tat komisch.

    1. Wer das Glück hat in Städten zu leben, in denen man auch während der Krise spazieren darf, erlebt manchmal solche Hopper-Orte. Keine Touristen, alles entschleunigt.

      1. Die Menschenleere der Plätze bei de Chirico und die Einsamkeit der Personen in einem Raum bei Hopper sind gleichermaßen erschreckend und werden wohl seit ihrem Entstehen als Sinnbild iher/unserer Zeit wahrgenommen.

      2. Grundsätzlich sicher erschreckend, einsam, traurig. Aber ich bleibe dabei – die momentane Leere, die ich so nie in einer großen Stadt erlebt habe, hat auch etwas gespenstisch Schönes.

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