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0507
In der Blase  —   Süd nach Südwest

#32A – Nachdenklichkeiten beim Runterschlucken

Brief aus dem Jahr 1991:

Ist es das? Diese neugierige Traurigkeit, während geschäftiges Lachen rund um meinen Tisch gluckert. Bin ich wieder eine Insel, von gutmütigen Wellen bedürfnislos angetatscht? Früher war es eher traurige Neugier.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Allein esse ich nie. Wozu? Ich esse ja nicht, um zu essen, sondern, um zu reden, und für meine Selbstgespräche brauche ich keine Hirsegrütze und keine Hummerschwänze. Das ist ein bisschen gelogen. Ich esse auch Ambiente. Dann kann ich ruhig allein sein. So bin ich wieder gelandet in diesem fast unauffindbaren Restaurant, mit nachtwandlerischer Sicherheit. Ein Schild nur und eine Tür, aber dahinter Gewölbe, Labyrinthe und ein Garten, in dem ich seit gefühlten hundert Jahren sitze, genauer: seit 1972, da wurde es von mir ganz allein entdeckt. In der Galleria, von der ich gerade komme, hatte ich seit 1966 schon mit so vielen Menschen zusammengesessen, doch diesen Ort hier, mitten in Mailand, den habe ich mir selbst erfunden und später als geschäftiger Reiseführer allen aufgedrängt, mit denen ich in Mailand zu Besuch war, aber niemals war ich hier mit Kollegen. Immer war es ein dem Berufsleben abgetrotzter Aufenthalt. Privatsache. Unter diesem mächtigen Baum im Garten habe ich gesessen, ich möchte ihn Ulme nennen, ich habe aus dieser riesigen Karte bestellt, stolz, sie lesen zu können, und unfähig, irgendetwas anderes runterzuschlucken als meine eigene Aufgeregtheit, die mir den Magen füllte.

Foto: Privatarchiv H. R.

Nun sitzen hier diese vielen Leute um mich herum, wieder, und ich bin allein, wieder, und ich habe nicht darauf zu achten, dass es Irene eigentlich zu laut und Roland eigentlich zu heiß ist, ich brauche keinen guten Eindruck vor den Mitgebrachten zu machen, allenfalls vor den Vorhandenen, falls mir das ein Luxus ist, an den ich mich verschwenden möchte. Endlich beobachte ich nicht mehr die verdrossene Miene meines unzufriedenen Gegenübers, und das auch noch schuldbewusst, sondern ich bin wieder frei wie ganz zu Anfang, damals 1972. Die Menschen, die sich wie damals für mich gar nicht interessieren. – Und ich? Interessiere ich mich für sie?

Foto: Privatarchiv H. R.

Pali würde sagen, ich wolle Menschen bloß ausschlachten, ich taste sie nur nach Verwertbarem ab. Aber wofür? Damit ich dann etwas über sie schreibe, was im Sarg meiner Schreibtischschublade ruht? Ich will doch bloß etwas begreifen. Der Vorwurf, ich forme alles um, ich zwinge allen meine Sicht auf – er beleidigt mich. Wahrscheinlich macht er mich sogar mutlos. Oder stolz? Ich lebe wirklich nicht so gern. Und wenn ich mich dann auch noch zurücknehmen soll, dann lasse ich es lieber bleiben. –

Ich schreibe gern, während es so wimmelt, aber allmählich ebbt der Zustrom ab, einige Tische sind schon leer.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ich kann nicht glauben, dass es Roland nicht mehr gibt, ich kann es nicht glauben. Immer sehe ich ihn aufbrausen, oder so kläglich, wie er ganz zuletzt war. Es ist leicht, ihn sich auf diesem verwaisten Platz gegenüber vorzustellen, jede Geste und jeden Gesichtsausdruck zu empfinden und gleich nicht mehr so ganz allein zu sein auf der Welt. Der Stuhl auf der anderen Seite des kleinen Tisches steht so eng an die weiße Baumwolldecke gerückt, als hätte er Angst.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wie er noch so durch Bamberg gehumpelt ist, tapfer, geduckt, auf der Strecke von Rothenburg nach Bayreuth, jeder von uns wusste, er tat dem andern einen Gefallen. Ich bin durch Regen und Baustellen gefahren, er saß neben mir, und ohne dieses Glück will ich nicht mehr leben. Muss ich?

Foto: Privatarchiv H. R.

Es kann doch nicht sein, es kann doch nicht sein! Ich habe doch alles entdeckt, was es zu entdecken gab, ich habe es ihm sogar gezeigt, und er hat mir anderes gezeigt, was niemand anderes mir gezeigt hat – warum darf ich denn nicht da sein, wo er ist, sondern muss hier sitzen in diesem quirligen Lokal, das allmählich die Gäste verliert wie ein müdes Haupt die Haare? Weil ich noch etwas zu tun, zu erleben, zu sagen habe? Unter all diesen Menschen, von all diesen Menschen, für all diese Menschen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ist es das? Ach, ich bin ein Krake ohne Arme, meine Saugnäpfe liegen am Meeresgrund, aber der Rumpf, der gleichzeitig Kopf und Körper ist, tut seinen geschäftigen Dienst und spielt die abgehackten Greifer so intelligent wie ein sechzigjähriger Profi den jungen Hamlet. Na ja, dann fange ich euch eben mit dem Kopf statt mit den Armen, ihr Armen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Auf unserem letzten Spaziergang im Oktober vorigen Jahres, wir waren gerade auf dem Rückweg kurz vor unserem Haus, da sagte Roland: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich hierher eines Tages nicht mehr zurückkommen werde“, und dieser Satz und diese Vorstellung verfolgen mich. Wir haben so vieles gesagt und immer wieder gesagt, Lächerliches und Komisches als Bausteine unserer Architektur. Die Witze, die Albernheiten sind nicht mehr dieselben und werden nie mehr dieselben sein. Über so viel Verstecktes, Unausgesprochenes, eigentlich Belangloses müsste ich jetzt allein lachen, wenn mir danach wäre. Natürlich ist mir nicht danach, und ich sehe das verwaiste Lachen, das nicht stattfindet, an derselben Stelle stehen wie immer auf meiner Fahrt in den ausgefahrenen Gleisen, eine Ruine aus kreisendem Zug betrachtet, und das Stichwort wird nicht gegeben, der Satz wird nicht gesagt, die Bühne bleibt leer.

Foto: Privatarchiv H. R.

Immer habe ich darauf geachtet, dass alles gleichzeitig persönlich gehalten und allgemeingültig war. Dabei habe ich mein Leben sicherheitshalber mit Bleistift geschrieben: bei Bedarf wegzuradieren und neu formulierbar. So zog ich durch die Welt, und alles, was ich unten vielleicht auf Knien gesehen hatte, das sah ich bald darauf wieder von oben: aus dem Flugzeug. Keine Fliege am Fenster, keinen Virus im Körper. Nur Wolken und die Anfrage, was ich gern trinken möchte. Dumme Frage. Das Leben natürlich! Gut gekühlt, aber ohne Eisstückchen im Glas. Hitzigkeit soll man nicht verwässern, sondern genießen.

27.06.1991

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Damals, als ich noch einen richtigen Beruf hatte, lag ich auch schon gern zu Hause auf dem Bett und fragte mich genüsslich: Diese letzten drei Reisen – sind das wirklich nur zehn Tage gewesen? Israel – London/Paris/Amsterdam – Berlin/München – das müssen doch mindestens vier Wochen gewesen sein. Und dann taten mir – ganz überheblich – die Menschen leid, die das ganze Jahr über in Israel, London, Paris, Amsterdam, Berlin oder München leben mussten, ohne wegzukommen. Damals wollte ich mir kein anderes Leben vorstellen. Heute ist mir das unvorstellbar.

Foto: Privatarchiv H. R.

Neben der Rekapitulation von Gewesenem war mir aber die Ausmalung von Unmöglichem immer eine genauso bewegende Herzensangelegenheit. Meine Erfindung von weltumkrempelnden Gespensterbahnen statt der Befolgung von verordnetem Mittagsschlaf in Riccione hatte ich schon am Ende des Beitrags ‚#8A – Vom Städtebund zum Seebad‘ angedeutet.

Wie zu erwarten wurde mit der Zeit meine Verstiegenheit immer grotesker und meine Zunge immer gesprächiger. Wenn sie schwatzselig mit gezielten Worten einzelne Personen in einzelne Etagen meiner abstrusen Gedankengebäude lockte, indem sie über deren Innenräume offen auf mein Gegenüber einredete, dann waren die Reaktionen unterschiedlich. Silke murmelt höchstens mal: „Blödmann!“

Foto: Privatarchiv H. R.

Roland machte zärtlich-ironisch: „Püppchennn …“

Foto: Privatarchiv H. R.

Irene, die ich eine Zeitlang – warum auch immer – gern ‚Lobetal‘ nannte, konterte erst spontan, dann routiniert mit ‚Quatschemaul‘.

Foto: Privatarchiv H. R.

Harald reagierte: „Ja, weißt du, das ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Genauso wie mit der Zahnlücke oben rechts zwischen meinem zweiten und meinem vierten Backenzahn. Sie beträgt unendlich viele Lichtjahre – und dann noch eins dazu. Aber ob das nun viel ist, also das ist nun wirklich bloß eine Frage der Verhältnismäßigkeit!“

Foto oben: kalhh/Pixabay | Foto unten: gemeinfrei/Pxhere

Guntram vermutete: „Dich ham se wohl mit ’m Klammerbeutel gepudert!“ – Eine Redewendung, die auch Kurt Tucholsky gefiel.

Pali ging etwas weiter: „Dir ham se wohl ins Hirn geschissen?!“

Sagt die Wortwahl etwas über den Charakter aus? Ich finde, ja. Zumindest in Sprachen, die man gut genug beherrscht, um Klammerbeutel von Scheiße unterscheiden zu können.

Foto (Symbolfoto): mihas/Shutterstock

Die ‚Osteria il Gran Burrone‘ lag vom Hotel ‚Visconti‘ aus gleich in der ersten Seitenstraße. ‚Burrone‘ heißt im Deutschen ‚Schlucht‘. Silke, Rafał und ich, wir waren wieder mal die Einzigen, die hineinfielen. Die Besprechungen im Netz waren sehr gut, unser Essen auch. Wie kann ein Lokal so leer überleben? Ich war bekümmert.

Foto oben: Privatarchiv H. R.

33 Kommentare zu “#32A – Nachdenklichkeiten beim Runterschlucken

  1. Ich hatte auch eine Phase in der ich wahnsinnig viel reisen musste. Irgendwann lässt dieser Wunsch nach immer Neuem aber natürlich auch nach.

    1. Vor allem, wenn aus dem Immer-Neuen das Immer-Alte wird. Nicht reisen ist in Corona-Zeiten sinnvoll. Wer bloß Selfies und All-inclusive-Buffets schätzt, gehört gleich in die Heimat-Quarantäne. Aber fremde Menschen, Schauplätze, Lebensweisen nicht mehr wahrzunehmen, birgt die Gefahr in sich zu verspießern oder – schlimmer noch! – sich für das Maß alles Dinge zu halten.

      1. Tja wer beruflich immer sehr viel unterwegs ist, der sehnt sich auch mal nach seinem Zuhause. Wer dagegen nie wegkommt, der hat sicher leichter Fernweh.

      1. So, ist geändern. Die Hausfrau im Bild hat ja sogar den Klammerbeutel umgebunden und hängt Laken auf. Heute sind Bekloppte höchstens noch im Wäschetrockter geschleudert.

  2. „Ich esse ja nicht, um zu essen, sondern, um zu reden“ ist wieder so eine überraschende Rinke-Wahrheit. Klar, es geht uns am Ende doch um Gesellschaft, Nahrungsaufnahme ist nötig, aber nicht das, was uns glcüklich macht.

  3. Die Zeit mag zwar alle Wunden heilen, jedenfalls behauptet das das Sprichwort, aber die Dinge werden trotzdem nie mehr dieselben sein wenn man jemanden einmal verloren hat.

    1. Das Leben kann genauso grausam wie wunderbar sein. Als mein Bruder überraschend verstorben ist dachte ich, dass es nie wieder glückliche Zeiten geben wird. Das hat sich mittlerweile zwar relativiert, aber so unbeschwert wie früher wird es (werde ich) natürlich nie wieder sein.

    1. Es ist doch sogar ganz interessant wie unterschiedlich wir alle sprechen bzw. schreiben. Genau wie verschiedene Schreibstile bei Autoren gibt es natürlich auch verschiedene Sprach- oder Sprechstile im Alltag.

  4. Danke für diesen Brief Herr Rinke. Die Gefühle kann ich sehr gut nachempfinden. Wer schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, der kennt diese Fragen.

    1. diese Angst des Verlieren, lieber Hanno, plagt mich schon in vielen langen Nächten. Musstest Du dass so genau uns vor die Augen halten ?! Oh schmerz.

      1. Hmmm, kann man nicht auch wieder Neues und Gutes finden? Ich meine das natürlich nicht als Ersatz für Verlorenes, sondern quasi parallel dazu.

      2. Richtig. Wer ständig versucht das Verlorene zu ersetzen wird scheitern. Wer aber offen für Neues ist, wird sicher auch wieder kleine Freuden finden können.

  5. Da ist ein interessanter Gedanke versteckt: „Wenn ich mich dann auch noch zurücknehmen soll, dann lasse ich es lieber bleiben“. Das heisst doch eigentlich, wenn man sein Leben und sich selbst nicht wirklich lebt, dann lebt man auch gar nicht richtig.

    1. Das klingt ja auch völlig schlüssig. Es gibt ja nicht umsonst unzählige Selbstfindungsangebote für all die, die gar nicht so richtig wissen wer sie selbst sind und trotzdem richtig leben wollen 😉

      1. Das wäre auch überhaupt nicht meins. Meistens sind das doch wirklich recht dünne Seminare. Aber gut, es geht ja am Ende darum Menschen zu helfen. Also wem es hilft…

  6. Palis hypothetisches Urteil (ihre Um-Menschen werden nur nach Verwertbarem abgetastet) ist ja ein äußerst hartes. Als Opportunist erscheinen sie, zumindest in ihrer Selbstbeschreibung, nun wirklich nicht.

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