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In der Blase  —   Süd nach Südost

#4 – Und was ist bei Regen?

Inzwischen war es auch an der Zeit, die Villa, in der die Vorabend-Veranstaltung stattfinden sollte, zu besichtigen. Motto: ‚Die Musikwelt zu Gast bei Freunden‘, also bei mir. Aber alles andere als bei mir Zuhause. Als wir in die Autos stiegen, hatten Rüdiger, Volker und Pipo, denen zu fasten ein weniger perverses Bedürfnis ist als mir, schon so was Verdrossenes um den Mund, Giuseppe nicht, er war abgelenkt durch das Gewicht meiner Tasche.

Foto: Nanisimova/Shutterstock

Wir fuhren nun trotz wiederholten Anhaltens und Fragens mehrfach im Kreis, einschließlich eines abenteuerlichen Wendemanövers auf der gut besuchten Landstraße, bis Cavicchi endlich den Dreh gefunden hatte, in die richtige Nebenstraße nebenster Nebenordnung einzubiegen, die uns zu der von ihm reservierten Villa führen sollte. Ich dachte an die Busse mit unserer internationalen Gesellschaft auf dieser Strecke und versuchte, die immer industrieller werdende Landschaft mit ihren Augen zu sehen. Es war wie auf dem Weg von Wanne-Eickel nach Castrop-Rauxel. Ich kenne zwar keine der beiden Städte, aber von meiner Vorstellung her kommt es hin.

Dort, wo die Straße im Schnittpunkt zweier Autobahnen ihr natürliches Ende fand, stand ein zweistöckiges Haus. Man konnte es ‚Villa‘ nennen, aber dann spricht auch nichts dagegen, zu einer grauen Fünfzigerjahre-Kirche in Marzahn ‚Moschee‘ zu sagen.

Foto: KitiphongPho30/Shutterstock

Hinter dem Haus befand sich eine Art knapper Wiese (der Garten, in dem wir unser Mahl einnehmen sollten), die sich gegen einen ausladenden Tümpel hin senkte. Endlich gab es etwas zu essen! Aber nicht für uns, sondern uns für die Mücken. Volker machte mehrere Jauchewagen auf den angrenzenden Feldern aus, und wir bedachten, welche Kleinigkeiten manchmal ein ansonsten gut geplantes Fest ruinieren können.

Foto: Lisa-S/Shutterstock

Rüdiger verlangte nun kategorisch, die Ausweichmöglichkeit für Regen zu sehen. Von außen wirkte der Bau wie die Lehranstalt für Keine-Ahnung-was. Wir betraten – von Cavicchi geleitet – leicht skeptisch das Haus und kraxelten über eine schlichte Holztreppe aufwärts in einen bankbestückten Schulungsraum im zweiten Stock, zu ausstrahlungslos für eine Distrikttagung von Staubsaugervertretern. Multiplikatoren für Kleinodien abendländischer Kunst (also Schallplatten-Verkäufer) in dieser Belanglosigkeit zu begrüßen, erschien mir kontraproduktiv. Da musste viel mehr Glamour her.

Foto: Privatarchiv H. R.

Diese Stätte sei es nicht, erklärte ich Cavicchi. Dafür brauche man nicht von Oslo und Barcelona anzureisen. Ich wolle die Hügel der Romagna sehen und Fresken, gegen die ausgelassene Renaissance-Fürsten ihre abgelegten Konkubinen und ihre abgenagten Kapaune geschmissen haben.

Foto: Nejron Photo/Shutterstock

Cavicchi kratzte sich am Kopf, und es blieb unklar, ob aus Verlegenheit oder wegen eines Mückenstichs. Ja, dann gäbe es nur eine Möglichkeit – den Palazzo Albergati, aber der sei viel teurer. Das half ja nun alles nichts, flugs stiegen wir in die Autos und fuhren ans entgegengesetzte Ende von Bologna, und zwar das, wie Cavicchi beruhigend erwähnte, an dem auch der Flugplatz lag, von dem aus wir in anderthalb Stunden Italien wieder verlassen sollten. Inzwischen war unser Durst so stark geworden, dass wir den Hunger kaum noch spürten.

Foto: Privatarchiv H. R.

Der Palazzo Albergati war genau das, was mir vorgeschwebt hatte, und es gelang mir sogar, den Preis auf Kosten des Menüs zu drücken. Die Schauplätze in Bologna und Ferrara trugen wesentlich zum Gelingen der letzten Veranstaltung der ‚Deutschen Grammophon Gesellschaft‘ unter meiner Leitung bei; Rüdiger und Karin zeigten noch einmal ihre ganze Kunst. Gerührter Abschied von Giuseppe, etwas weniger gerührter Abschied von Cavicchi und gänzlich ungerührter Abschied von der – ansonsten bildhübschen – Dolmetscherin.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Maschine war pünktlich, vermutlich nur, damit wir am Boden nichts mehr trinken konnten, das holten wir dann über den Alpen und in der Münchner ‚Frequent Traveller Lounge‘ reichlich nach.

Rüdiger nahm mir meine entsprechende Karte weg, steckte sie verstohlen Volker zu und schob seine Pipo hin, nachdem Rüdiger und ich unsere Bordkarten bekommen hatten. Die Stewardess am Eingang der Lounge, die verständlicherweise keine Freude daran hatte, für blöd verkauft zu werden, sagte: „Die beiden Karten habe ich schon gesehen. Außerdem können Sie jeweils einen Gast mitbringen.“

Foto: Olena Yakobchuk/Shutterstock

Schummeln macht Spaß, erwischt zu werden ist peinlich. Aber Ende gut – alles gut, wir kamen pünktlich und wohlbehalten in Hamburg an, selbst mein weit gereister Koffer rollte mir, treu wie ein eckiges Haustier, auf dem Fließband entgegen.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: WeStudio/Shutterstock

Einmal noch musste ich nach Bologna, allein. Weil ich danach in Mailand zu tun hatte, nahm ich den Zug. Es war grau und windig. Auf dem Weg zum Bahnsteig kam ich an der Tafel mit Namen vorbei: Am 2. August 1980 war fünf vor halb elf eine Bombe hochgegangen. Terror. 85 Menschen wurden getötet, mehr als 200 verletzt. Ein weiterer Anlass nachzudenken – Tod oder Bestimmung. Mich schauderte.

Von der Veranstaltung selbst, fünf Monate später, habe ich ein Video erbastelt. Wie immer. Das erspart mir jetzt überflüssiges Geschreibe. Also nur so viel: Alles lief perfekt, der Palazzo war herrschaftlich genug, nur Giuseppe hatte in der Aufregung sein Jackett zu Hause vergessen und fuhr in der Nacht vier Stunden lang die 180 Kilometer hin und wieder zurück, um am nächsten Tag angemessen aufzutreten. Was ist teurer: Stoff oder Treibstoff? Zumindest war seine Fahrt in der Septembernacht sorglos. Ein Jahr zuvor waren wir dieselbe Strecke im März gefahren bei üblichem Po-Ebenen-Nebel. Giuseppe hatte damals die Strecke mit der Erzählung gewürzt, dass bei solchem Wetter einer der beiden Söhne von Helmut Kohl auf der Autostrada fast zu Tode gekommen wäre und dass Hannelore Kohl mit der Luftwaffe eingeflogen sei, um die Deutschen daran zu erinnern, dass sie nicht nur Kanzlergattin, sondern auch Mutter war.

Von all solchen Misslichkeiten ist in dem Film, den ich von unserer Veranstaltung schnitt und in alle Welt schickte, natürlich nichts zu sehen. Ein bisschen boshaft ist er trotzdem. Während der ganzen Präsentation huschten die lokalen Ehrengäste dauernd abwechselnd in den Nachbarsaal, um ihre von Rüdiger mit Bedacht verteilten Sitzplatzkarten zu vertauschen, ganz heimlich. Ich fand das eher unheimlich. Aber man muss es so sehen: Du isst, was auf den Tisch kommt, klar! Nur: Sage mir, neben wem du sitzt, und ich sage dir, wer du bist.

27 Kommentare zu “#4 – Und was ist bei Regen?

  1. Ich mag es ja immer wenn der Blog durch Ihre Videos ergänzt wird 🙂 Interessante Einblicke und ich bekomme Lust nach Italien zu reisen.

      1. Ich bin eh gespannt wie sich unser Verhalten nach der Pandemie verändern wird. Bzw. ob es sich verändern wird.

      2. Ich glaube nicht so richtig daran, dass sich wirklich etwas ändert. Der Mensch ist doch viel zu behäbig und gemütlich um auf einmal sein ganzes Leben umzukrempeln.

      3. Was soll sich denn ändern? Weniger Ausländerfeindlichkeit? Mehr Umweltschutz? Keine Massentierhaltung? Fair Trade?
        Die Einsichtigen werden weiter einsichtig sein und die „Behäbigen“ werden weiter „gemütlich“ bleiben.

      4. Es gibt ja Theorien, die das Ende des Kapitalismus herbeireden. Oder die Rückbesinnung auf ein freundlicheres Miteinander inkl. mehr Sorge um die Umwelt. Ich gebe Ihnen aber vollkommen recht mit der Prognose.

      5. Ach was, den Kapitalismus gibt es seit Ewigkeiten. Klimaprobleme auch. Nur wegen ein paar Wochen/Monaten Hausarrest ändert sich die Gesellschaft nicht von Grund auf.

  2. Ich wollte gerade schreiben wie hässlich die Skulptur unten ist. Aber bei einem Mahnmal für einen Bombenanschlag darf man so etwas natürlich doch nicht sagen.

  3. Tja was passiert bei Regen? Jetzt wo man die meiste zeit zu Hause sitzt, freue ich mich umso mehr wenn wenigstens die Sonne ins Zimmer scheint.

    1. Schon irre, sonst sucht man den Plan B für den Fall dass es regent, heute macht Corona den ganzen Sommerfestivals, Konzerttourneen etc einen Strich durch die Rechnung.

  4. Das Sitzplatzkarten tauschen verstehe ich gut. Denn abgesehen von der Außenwirkung, ein gelungener Abend entscheidet sich doch hauptsächlich daran, mit wem man ihn verbringt.

  5. Zu Anfang der Karriere sind Geschäftsreisen immer wahnsinnig aufregend, neu, anders. Nach einer Weile werden sie zum notwendigen Übel. Ging es Ihnen auch so?

    1. Wenn man auf der Reise ein wenig Zeit für sich und die Stadt hat, geht das ganz gut. Wenn man wirklich nur vom Flieger zum Termin und wieder zurück hetzt wird es schnell nervig.

    1. Das ist heutzutage eh das Problem. In den meisten Flughäfen sind in den Lounges genauso viele Menschen wie draussen auf dem Gang.

      1. Das Rumstehen vor angesagten Clubs habe ich nie verstanden. Nur für den Triumph, nachher drinnen zu sein. Auch an Buffets stehe ich nie an. Wenn überhaupt gehe ich erst ganz zum Schluss zu den Schüsseln. Aber jetzt gibt es Schlangen vor Edeka wie in der DDR, wenn Apfelsinen eingetroffen waren. Ich bin alt und lahm und weiß das nur aus Erzählungen – ich lasse mich bedienen. Ich habe es gut, aber lieber wäre ich jung und fit und stünde an. Ob das Traumwetter Trost oder Hohn ist, weiß ich auch nicht so genau.

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