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In der Blase  —   Süd nach Südost

#5 – Andacht im Dom

Weiter im Tagebuch:

Freitagvormittag in Bologna. Heißer Himmel. Wir schlenderten. „Ich find’ ja Bologna ganz toll“, sagte Rüdiger, ohne das näher zu begründen. Giuseppe führte seine sanftmütigen Augen aus, und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, ob man aus dieser Art Blick heraus eigentlich sehen kann, also ob er lichtdurchlässig ist.

Wir gingen in die Basilika San Petronio und verloren uns in der menschenerfüllten Tiefe kerzendunklen Raumes – und auch einander. Mich überkam in der sakralen Dämmerung eine merkwürdige Hingezogenheit zu jemandem. Blasphemischerweise war es aber nicht Gott, zu dem ich mir früher manchmal ein sexuelles Verlangen ausmalte, sogar zu seinem Sohn, obwohl ich Jüngere ja sonst gar nicht so mag. Die Dreifaltigen müssen schon ziemlich erfinderisch sein, dass sie mich so geschaffen haben, wie ich bin, aber das ist deren Sache und geht mich nichts an, zumal ich Perversionen gegenüber recht liberal bin.

Als ich dem Nichtgott schon einige Straßen weit nachgestiegen war, fiel mir ein, dass es Rüdiger und Giuseppe vielleicht schwerfallen würde, mir zu folgen – emotional und vor allem physisch. Ich kehrte um. Da standen sie auf der obersten Stufe vor dem mächtigen Tor zur allein seligmachenden Kirche und konnten mich partout nicht entdecken, so sehr ich auch die Arme schwenkte wie ein im Urwald Verunglückter, der Hubschrauber sieht.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Zu dritt zu reisen hat etwas Besonderes. Ein Spannungsverhältnis, eine gegenseitige Beflügelung, die, wenn es gut geht, befreiender sein kann als ausgelaugte Pärchen-Wirtschaft. Inniger war es mit Roland allein, in Dänemark, aber die anschließende Griechenland-Reise, dann mit Harald, hatte ihren eigenen Überschwang.

Foto: Privatarchiv H. R.

Eine Dreierkonstellation bietet den Vorteil der Gemeinsamkeit, ohne das Angebundensein einer Zweierunternehmung. Einer von dreien kann ruhig mal ausscheren. Einer von zweien begeht gleich einen Seitensprung, auch dann, wenn der Sprung kein sexueller ist.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Durch die dunkelgrüne Romagna, durch die schilfgrüne Toscana, erste Zypressen vor ockerfarbenen Villen, staubrote Schindeldächer, Mittagessen am Buchenholztisch, Lärm der Fernfahrerkneipe, Prosciutto, Agnello, Formaggio – ein Ritual. Der Einzug ins goldene Florenz von den Hügeln Fiesoles her. Inzwischen findet Giuseppe den Weg zu unserem ewigen Hotel ‚Minerva‘ schon wie im Halbschlaf, der nach unserem Weingenuss auch verständlich ist: Er verfährt sich von Mal zu Mal weniger, obwohl ich schwören könnte, dass die Einbahnstraßen unablässig wechseln – ganz Florenz ist eine Morgens-so-Abends-so-Straße.

Foto: readingpics/Pixabay

Ich hatte ja schon häufiger mit Giuseppe geschlafen, und so bekam Rüdiger den zweiten Platz im Doppelbett, ich nahm mit dem aufgeklappten Sofa im Vorraum vorlieb. So wurde bei unseren Urlaubsreisen zu dritt immer das Haraldchen gebettet, aber jeder Dritte im Bunde, der nicht rechtzeitig stirbt, wird eben mal zum Haraldchen. Rüdiger und Giuseppe gingen roland-hannohaft auf die Straße, und ich machte meinen haraldartigen Mittagsschlaf. Für zwanzig Uhr waren wir auf der Piazza della Repubblica verabredet. Dort erschien ich pünktlich mit Paolo, der mich gegen sieben im Hotel abgeholt hatte. Warum Paolo Rüdiger so gut gefiel, ist mir nicht ganz klar, denn er hat weder einen kurzen Hals noch ist er ausladend, beides Attribute, die Rüdiger schätzt, ich nicht. Das Geheimnis konnte auch nicht weiter ergründet werden, denn nachdem Paolo seinen Espresso weggeschluckt hatte, musste er zum Bahnhof, um nach Rom zurückzufahren.

Wer neugierig ist und erfahren möchte, wie ich Paolo kennengelernt habe, der kann seinen Wissensdurst bei ‚Frühling in Florenz: #2.6 – Exzessive Nähe‘ stillen.

Wir gingen die bekannten Wege. Hohe Mauern, kantige Türme, Auslagen in den Schaufenstern exklusiver Geschäfte, Auslagen auf den bunten Tüchern fliegender Händler – Gucci hinter Gittern, Geflochtenes zum Greifen. Teures zum Bestaunen, Billiges zum Niederknien. Rüdiger war mitgenommen, nicht nur von uns beiden Altflorentinern an die wichtigsten Show-Plätze, sondern mehr noch vom Event: Bologna und Ferrara hatten an ihm gezehrt.

Foto: Songquan Deng/Shutterstock

Wir aßen auf einem winzigen Platz jenseits des Ponte Vecchio unter Schirmen, im Schutz von Hecken, die aus Blumenkästen wuchsen. Nächtliches Summen und Licht durch halb geöffnete Fensterläden. Der Kellner signalisierte bereits Einverständnis, als er die Karaffe brachte. Als wir gingen, waren die Tücher der anderen Tische schon eingesammelt worden.

Gemächlich schlenderten wir zurück zur ‚Minerva‘ zwecks Kleidungstausches. Rüdiger war zu erschöpft, um sich Giuseppe und mir anzuschließen, so schlüpften nur wir in die Jeans, Rüdiger schlüpfte in den Schlafanzug und – nach Reinigung von Leib und Zähnen – ins Ehebett auf die ihm zustehende Seite.

Foto: liliy2025/Pixabay

Mich drängte es mehr nach Beschmutzung, und Giuseppe findet ja auch immer seinen Gefallen an den Umständen. Vor ihm war ich dennoch in den unteren Gemächern sicher – da wäre ich mir bei Rüdiger nicht so sicher gewesen. Das Unaussprechliche, das Unausweichliche, das Unfindbare – warum suche ich es ausgerechnet hier?

Collage aus Bildmaterial von Shutterstock: VladOrlov, Evannovostro und Andrij Vatsyk

Das Gute, das Böse? Es gibt das Gute nicht, es wäre allenfalls ein Leugnen des Bösen. Und was ist das Böse? Diese elementaren Sex-Erlebnisse? Das Böse ist nur eine Erfindung von mir, um mir Spaß zu verschaffen. Ein Bad im Leben – ein Bad im Tod. Das ‚Crisco‘ war wieder überwältigend schön.

Foto: Maksym Fesenko/Shutterstock

Das Wetter am nächsten Tag auch. Rüdiger und Giuseppe liefen durch Florenz, ich hatte sie in Verdacht, hinter meinem Rücken ein paar kühlfromme Basiliken abzuklappern, während ich mich dem schon herbstlich gemäßigten Feuer der Septembersonne aussetzte, in Badehose auf dem Dachgarten des Hotels. Wenn ich mich aufrichtete und die Augen öffnete, hatte ich den Blick auf Florenz und die milden Berge. Ich drehte etliche Runden, nicht deshalb, weil ich Badebecken so liebe, sondern weil ich es herrlich fand, oberhalb von Florenz zu schwimmen, im Freien, chagallhaft, das Raunen und Grummeln der Stadt unter mir.

Giuseppe und Rüdiger beobachteten mich hasenfüßig, vom Poolrand aus, was mein Bewusstsein von Sportlichkeit noch verstärkte. Drei Tage lang hatte ich in Bologna bewiesen, dass ich nicht mehr der ungeschickte Verteidiger unserer pubertären Fußballspiele war, sondern dass ich inzwischen gelernt habe, Tore zu schießen, privat sowieso, aber beruflich schien mir der Beweis auch genügend geglückt, um auszusteigen: als Sieger. Zumindest nicht als Verlierer.

Fotos (4): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Material von Shutterstock: Mariyana M (Weingläser) und BLACKDAY (Mann in Badehose)

33 Kommentare zu “#5 – Andacht im Dom

      1. Man lernt sich jedenfalls noch einmal ganz anders kennen, wenn man zwei Wochen Urlaub miteinander verbringt.

  1. Ich finde Kirchen faszinierend, obwohl ich wirklich nicht religiös bin. Aber die Mischung aus Architektur und Historie erwischt mich jedesmal.

  2. Blasphemischerweise würde ich vermuten, dass Jesus seine Anhängerschaft damals auch nicht nur aus rein ideologischen Gründen um sich scharte.

      1. Naja, in meinem „Judas“-Beitrag aus dem Blog. Für Authentizität kann ich ärgerlicherweise nicht garantieren. kann die Kirche für die Auferstehungsbehauptung allerdings auch nicht. Unter der Rubrik „Religion“ steht in meinem Blog unter der Überschrift „Hasenlos“ ziemlich alles, was ich zu Ostern zu sagen habe.

      2. Bei aller Feierei um bunte Eier und Schokoladenhasen fällt mir das Nachdenken über eine mögliche Auferstehung vom Tod tatsächlich etwas schwer.

      3. Genau wie bei Weihnachten mag ich an Ostern einfach, dass es ein Familienfest ist. Man hat Zeit und Gelegenheit zusammen zu sitzen. Jedenfalls wenn gerade nicht Corona ist.

  3. Moment, wäre das Gute denn nicht nur ein Leugnen des Bösen, wenn man grundsätzlich das Böse leugnet? Also bestehen nicht entweder beide Seiten oder gar keine?

    1. Wenn Gut und Böse nicht existiert, gibt es ja schon wieder eine Daseinsberechtigung weniger. Was macht man dann mit all der Energie, die man in den Kampf gegen Böses steckt?

    1. Also anders herum: Böses (wenn man das so kategorisiert) gibt es im Zusammenhang mit allem, inklusive Sex. Aber Sex ist generell gesehen natürlich ganz und gar nichts Böses.

      1. Angewandter Sex kann durchaus die Kriterien erfüllen, nach denen wir „Böse“ definieren: Einen Masochisten auszupeitschen ist etwas anderes als eine Frau zu vergewaltigen.

      1. Haha, das Motto gefällt mir. So ist es ja in der Tat. Man selbst sollte schon wissen was man warum tut und wie man durchs Leben geht. Was man davon mit anderen teilt, sieht man dann.

  4. Chagallhaft über Florenz schwimmen und die Sonne genießen … ach wie freue ich mich schon darauf wenn wir endlich wieder unbesorgt aus unseren Wohnungen dürfen!

      1. Wenn Sie mich fragen, ich glaube nicht, dass wir wieder reisen werden bevor ein Impfstoff auf dem Markt ist…

    1. Trost für ausgefallene Urlaubsreisen wahrscheinlich weniger, aber abgesehen davon bin ich gespannt darauf. Sizilien gehört zu meinen liebsten Ecken.

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