Teilen:

0605
In der Blase  —   Süd nach Südost

#12B – Apfelbäumchen oder Sintflut?

Kaum liegt man, schon drängen sich neue Fragen ins Hirn, und wenn man es nicht schafft, sie zurückzudrängen, schaffen sie es, einen wach zu halten. Die Reise, das Leben, der Tod. Soll ich morgen die weiße Hose anziehen? Ablenkung. Nein, die lass ich für Silkes Geburtstag übermorgen. Wenn der überhaupt stattfindet – als Datum sicher, aber als Feier? Mein ständiges Schwanken zwischen der Zuversicht, am Tag vor dem Weltuntergang das berühmte Apfelbäumchen zu pflanzen, und der Wurschtigkeit, nach mir die Sintflut gleichgültig in Kauf zu nehmen, ist ausgesprochen abwechslungsreich; denn so bin ich mal Luther und mal die Pompadour, und irgendwo, mittendrin oder dazwischen, muss ja wohl ich selber sein: meiner Umgebung geläufig und mir selbst ein Rätsel.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Am Morgen meldete sich Silke, als ich sie anrief, am Telefon, und so wurde beschlossen, den Ausflug nach Urbino wie geplant anzutreten. Die gewisse Verkniffenheit der ersten halben Stunde mündete in einen Krach, der zwar nur verbal ausgetragen wurde, aber trotzdem einem heftigen Gewitter gleichkam. Ausnahmsweise war ich dabei nicht der Anlass, sondern der Regenschirm. Na ja, eigentlich war ich natürlich doch der Anlass. Blitz und Donner bei wolkenlosem Himmel. Das Wortgefecht endete damit, dass Silke erklärte, mein Hamburger Arzt habe sie am Telefon ausgefragt, aber ab jetzt würde sie nie mehr etwas sagen, nie wieder. Das fand ich eine vorzügliche Entscheidung, und so fuhren wir halbwegs besänftigt weiter. Beethovens Überschrift zum letzten Satz der ‚Pastorale‘ schwebte im Raum: ‚Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm‘. Die Sonne schaffte es allerdings nicht durchs Verdeck, daran hinderte sie die Dachbox für meinen im Hotel verbliebenen Rollstuhl.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Mein erster Urbino-Besuch fand im Sommer 1975 statt. Harald und ich nahmen für die Fahrt von Rom nach Venedig nicht wie sonst die bequeme Autostrada über Florenz, sondern wir quälten uns sportlich-neugierig durch die Abruzzen. Das war schon eher mühselig als erhellend. Doch dann die Strecke an der Adria aufwärts kam uns so monoton vor, dass wir einen Schlenker weg vom langweiligen Meer mit seinen immer gleichen Touristenfallen brauchten. Jetzt habe ich mir die Bilder von ein paar dieser Orte ergoogelt und fand sie eigentlich recht nett. Haben sie sich ‚gemausert‘? Bin ich genügsamer geworden, oder lässt sich auf Fotos alles hübscher machen, als es ist? Lügenbild schlägt Lügenpresse. Wahrheit ist das, was man für Wahrheit hält. Jedenfalls nahmen wir den Umweg über Urbino. Im Zusammenhang mit Raffael hatte ich einiges über die Stadt gelesen. Das war zwar kein Grund hinzufahren, für uns aber doch. Ich weiß noch, als wir vor der Stadtmauer eintrafen, war es Sonntagnachmittag, eine Zeit, die ich nie mochte, weil sie mir mit ihren Tortenböden, Kinderwägen und Lottofeen so spießig vorkam, dass ich sie nach Sonntagsbraten und Weingenuss (ab 18) am liebsten verschlief, um anschließend nach Abendbrot und Fernsehgenuss (ab 16) ins Bett zu verschwinden: selber spießig. Wir parkten – damals ging das noch – und wir sahen die Paare, die Familien ihre Jahr für Jahr gleiche Volte drehen, rechts die Einfriedung, links den Abhang, auf dem Rückweg umgekehrt, und dann wieder von vorn. Sehr, sehr beschaulich. Wir liefen ein Stück mit: ohne dazuzugehören, ohne fremd zu sein. Die unaufgeregte Stimmung passte zur sinkenden Sonne, wir fuhren den Hügel abwärts dem Meer entgegen, und die Welt bot keinen Anlass, sich zu fürchten. Dieser ganze Absatz war also überflüssig, aber das konnten Sie ja während des Lesens noch nicht wissen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

1998 war der Urbino-Ausflug schon gezielter. Stimmt: Raffaello Santi fand ich immer etwas weniger hinguckenswert als seine Zeitgenossen Michelangelo und Leonardo da Vinci. Allerdings: In der heutigen Pop-Kultur können Raffaels zwei etwas gelangweilten Engel unterhalb der Sixtinischen Madonna mit Michelangelos Erschaffung Adams und Leonardos Mona Lisa durchaus mithalten.

Fotos oben (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: osArt/Shutterstock

Foto: Argo Images/Pixabay

Diese Verhohnepipelungen bzw. Vergackeierungen sind das, was moderne Menschen heute noch von der Renaissance mitbekommen. Das sage ich nicht abwertend. Es wird halt so viel geschrieben, gemalt und komponiert, dass man sich seinen eigenen Kanon erschaffen muss. Ob der dann Kochrezepte, Fußballspieler oder Nobelpreisträger enthält, macht zwar einen Unterschied, aber der ist kaum noch objektiv zu werten. Tun wir natürlich trotzdem, weil wir Maßstäbe brauchen. Also suchen wir Gleichgesinnte, die uns recht geben und Gegner, an denen wir uns messen können, im Sport und im Leben. Das alles spricht nicht für Urbino, denn selbst flammende Verehrer pilgern nicht nach Tupelo (Mississippi) oder nach Marion (Indiana), weil dort Elvis Presley beziehungsweise James Dean geboren wurden. Hitlers Geburtshaus in Braunau steht zwar unter Denkmalschutz, kommt aber in der Touristenanlocke von Braunaus Internetpräsenz gar nicht erst vor, nur der kecke Slogan ‚Braunau. Inn. So sind wir!‘ Wo man auf die Welt gerät, das kann man sich ja nicht aussuchen. Sonst wäre die Côte d’Azur noch voller und die Sahelzone noch leerer. Auf den Ort, an dem man die allerletzte Ruhe findet, hat man eher Einfluss: im Schützengraben etwas weniger, bei Selbstmord in der Zelle etwas mehr. So sind Friedhöfe, auf denen man es hinter sich hat, oft aufschlussreicher als Entbindungsstätten, in denen man noch nicht weiß, was einem blüht. Gräber – da liegt wenigstens noch wer. Vielleicht.

Fotos (2): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Soloviova Liudmyla (Pilgerer) und Anton-Burakov (Ast mit Äpfeln)

26 Kommentare zu “#12B – Apfelbäumchen oder Sintflut?

    1. Aber auch nur wenn man Glück hat. Der große Teil an Flüchtlingen würde dem momentan nämlich nur halbwegs zustimmen.

    2. Und man sollte sich immer wieder bewusst machen, wie sehr die eigene Existenz vom Geburtsort geprägt wird. Wer in eine gut situierte Familie in Deutschland geboren wird, hat sicherlich nicht die selben Perspektiven wie jemand, der mitten in den syrischen Bürgerkrieg geboren wird.

  1. Das ist wirklich mal eine Einsicht: Kaum liegt man, schon drängen sich neue Fragen ins Hirn. Ich beneide immer Menschen, die in jeder Situation innerhlab weniger Minuten einschalfen können.

    1. Ich dachte mit Beginn des Corona-Zuhausebleibens würden die großen Fragen auf einmal rasant zunehmen. Ich sehe das Phänomen tatsächlich bei ein paar FB-Freunden, aber ich selbst bin nach vie vor erstaunlich gelassen? Naivität oder Optimismus?

      1. Die großen Corona-LebensFragen in den sozialen Netzwerken scheinen mir eher aus Angst und Unsicherheit heraus zu entstehen. Nicht aus bewusstem Nachdenken.

  2. Diese kleineren oder größeren Streitereien gehören wohl zu jeder Freundschaft dazu. Gut, dass man sich am Ende doch wieder zusammenrauft.

    1. Oh, nicht alle Streitigkeiten lassen sich auch wieder lösen. Man kann natürlich argumentieren, dass echte Freundschaften an einem Streit nicht kaputt gehen, aber man sollte sein Glück auch nicht überstrapazieren.

      1. Eine Freundschaft zwischen „Arbeitgeber“ und „Angestelltem“ ist ohnehin nicht ganz einfach. Und jeder, der über die Lebensmitte hinaus ist, wird wissen, dass Freundschaften auch ohne Bruch sanft entschlafen können. „Auseinandergelebt“ heißt das.

  3. Auf Fotos lässt sich selbstverständlich alles hübscher machen, als es ist. Da sind schon viele Reisende enttäuscht worden. Der eine nennt es Fake News, der andere gutes Marketing.

      1. Liebe ist immer ein großer Begriff: von den Liebesperlen aus Zucker bis zu den Liebestötern aus Wolle. Prospekte und Pornos zu lieben ist weniger umständlich, als sich an reale Seebäder oder Menschen zu wagen.

      2. Auch Menschen sind ja einfacher zu handhaben, solange es unverbindlich bleibt. Ernsthaftere Begegnungen sind natürlich nur etwas für Fortgeschrittene.

  4. Die Popkultur-Phänomene haben heute gar nicht mehr die Durchschlagskraft wie noch vor 20 Jahren. Dafür ist die Zeit einfach zu schnelllebig. Bevor sich etwas etablieren kann, gibt es schon wieder 10 neue Trends.

      1. Das ist aber gerade der Witz daran, früher waren die potentiellen Pop-Kultur-Anwärter ja eben nicht unbedingt besser. Es gab nur eine größere Erfolgschance.

  5. Die Tortenböden und Kinderwagen haben mich nie so sehr gestört. Ich mochte Sonntage trotzdem noch nie so richtig, weil man immer das Gefühl hat, dass Leben für einen Tag stehen bleibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

drei × fünf =