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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#48 – Das neue Kleid

2019

Unser ‚Ramo d’Aria Country Hotel‘ lag nicht unterhalb von Taormina, wie ich es in Hamburg vermutet hatte, aber es war auch nicht ganz so weit entfernt, wie unser sardisches Hotel von Cagliari gewesen war. Am Anfang meiner Planung hatte ich mit dem Gedanken geliebäugelt, uns im ‚Domenico‘ einzuquartieren, aber die Preise waren doch zu abschreckend gewesen. Dafür war die Anfahrt nun eben länger. Wie zu erwarten sah am Meer alles zugebauter aus als vor 45 Jahren. Die Strecke aufwärts war aber noch genauso schmal und kurvig wie damals. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto parkplatzloser wurde es. Der Straßenrand war total belegt, die Parkhäuser waren auch besetzt, und der Weg von dort zum Ort war für mich sowieso zu weit. „Da kommt noch was, da kommt noch was!“, feuerte ich Rafał an. Das tue ich immer, und meistens habe ich ja auch recht. Vor das Ziel haben die Götter im Allgemeinen einen letzten Parkplatz gesetzt: für Unschlüssige und Lahme. Aber wenn ich in bestem Glauben aus gegebenem Anlass meine stählernen Gewissheiten verkünde, widerspricht Silke manchmal, was ich hasse, weil dann meist sie recht hat, und das kränkt mich. Sicher, ich habe das Recht, rechthaberisch zu sein, aber das bedeutet nicht, dass ich wirklich recht habe, sondern bloß, dass ich vieles von dem, was ich denke, sagen darf, ohne dafür bestraft zu werden. Wissen all meine Mitbürger in den westlichen Demokratien dieses Privileg eigentlich genügend zu schätzen?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir fuhren, so dicht es ging, an das Tor zur Fußgänger-Glückseligkeit heran. Ich stieg kurz aus, sah mittelsehnsüchtig auf die schiebenden Passanten, Rafał kam auch kurz nach draußen, dann fuhren wir wieder nach unten. Mehr Taormina war nicht.

Gott (und mir) sei Dank stand uns ja noch ein Essen im ‚La Capinera‘ bevor, das ich, den Rezensionen vom TripAdvisor vertrauend, für das angesagteste Lokal an Siziliens Ostküste hielt. Für diesen Auftritt waren wir aber wegen des ausgefallenen Taormina-Besuchs anderthalb Stunden zu früh. So musste also am Meer ein Zwischenstopp eingelegt werden. Das, was am hübschesten aussah, war am leersten. Wir wurden freundlich empfangen und hatten freie Platzwahl. Links das Meer, rechts die Straße. Umgekehrt wäre es auch nicht viel anders gewesen. Für Aperitif- und Happy-Hour-Zeit war es zu spät, für ein glanzvolles Essen zu früh. Solche Riten muss man einhalten, wenn es sonst keine Liturgie gibt. Schön, wenn man dann engagiert oder vertraut genug ist, um die Stunden gewinnbringend zu nutzen. Rafał hat zu jedem, wirklich jedem Thema etwas zu sagen. Wenn es neben all dem, was er sagt, noch Dinge gäbe, die er verschweigt: nicht auszudenken!

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Etwas, das immer interessant bleibt, sind Situationen, in denen man trotz Navi sein Ziel nicht findet. Rafał rastet dann verhältnismäßig früh aus, bei Silke dauert es länger. Da ich das Ziel im Allgemeinen ausgesucht habe, steht es mir nicht zu, wütend zu werden. Am unbeweglichsten bin ich sowieso. Nach etwa einer halben Stunde fanden wir nach mehrfachem Parkplatzwechsel auf verbotenem Terrain die Treppe, die, wenn man um die Ecke bog, den Blick freigab auf ‚La Capinera‘.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir wurden freundlich empfangen und auf die Terrasse über dem Meer geleitet. Der letzte freie Tisch war für uns reserviert. Gut gekleidete Menschen mit gedämpften Stimmen. Silke trug, dem Anlass gemäß, ein nagelneues Kleid, das sich aber auf sehr viel wärmeres Wetter gefreut hatte: umsonst. Silke und das Kleid hielten es nicht aus. Wir mussten vor der Meeresbrise nach drinnen weichen. Da waren wir dann mal wieder die einzigen Gäste. Jetzt glaubte ich, dass es mir zustand, wütend zu werden. Mein Sakko wärmte ja ausreichend. Hätte ich gesagt: „Was musst du denn unbedingt heute dieses dämliche Kleid einweihen?“, hätte es der Stimmung nicht gutgetan, ohne die Situation zu verbessern. Silke wiederum glaubte, auf Sizilien im Juni Anspruch auf lauere Abende zu haben. Wir rissen uns zusammen. Alles verlief glimpflich. Am nächsten Tag verließen wir die Insel.

Foto: Privatarchiv H. R.

Von Messina erwarteten wir uns nichts, und dieses Versprechen wurde eingelöst. Immerhin fuhren wir die Seepromenade mehrfach rauf und runter, bevor wir die Einfahrt in den Hafen fanden. Die erste Fähre legte ab. Wir sahen die Schlange vor uns und dachten, die nächste kriegen wir auch nicht. Wir bekamen sie aber doch und fuhren die kurze Strecke zum Festland bei ruhigem Meer und blauem Himmel.

Diese Meerenge war einstmals verrufen. Da leb(t)en nämlich zwei Seeungeheuer. Schiffe, die in deren Sog gerieten, waren verloren. Nicht mal Poseidon konnte da noch helfen. Circe warnte Odysseus, als der nach zwanzig Jahren von ihr wegwollte, weil ihm wieder eingefallen war, dass ja seine Frau Penelope noch auf ihn wartete: „Bleib bloß weg von dieser gemeinen Charybdis!“ Odysseus nahm sich das zu Herzen, kam aber dadurch dem anderen Scheusal, Skylla, dermaßen nahe, dass das Biest sechs seiner Gefährten umlegte und auffraß. Odysseus selbst war schon raus aus dem Schlamassel, da wurde er – von einem Sturm oder von einer feministischen Göttin? – zurück in die Meerenge getrieben. Gleich saugte Charybdis das ohnehin schon kaputte Schiff ein. Aber Odysseus klammerte sich an einen Feigenbaum (keine Ahnung, wo der plötzlich herkam), solange, bis Charybdis ihn wieder ausspuckte (war er dank Circes Kochkunst unverdaulich fett geworden?). Auf seinen Händen ruderte Odysseus weg: zurück nach Griechenland zu Penelope. Ziemlich abenteuerlich, was?

Foto oben: FALKENSTEINFOTO/Alamy Stock Foto | Bild unten (Johann Heinrich Füssli – ‚Odysseus vor Scilla und Charybdis‘, etwa 1794/1796)/Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

‚Zwischen Skylla und Charybdis‘, das ist eine Redewendung. Sie bedeutet: die Wahl zwischen zwei schlimmen Übeln. Unbeschadet kommt da niemand raus. Odysseus aber doch. Athene verkleidete ihn als Bettler, ein Sauhirt half ihm, und so gelangte er unerkannt nach Hause. Da lungerte jede Menge Freier rum, die es auf Penelope abgesehen hatte. Sie muss wohl eine recht rüstige Oma gewesen sein. Odysseus hängte zunächst alle Nebenbuhler auf, bevor er zu Penelope ins Bett stieg: ein Happy End nach dem Geschmack der Antike. Wer es noch genauer wissen will, der oder dem empfehle ich Hanne Wieders Version von Friedrich Holländers ‚Circe‘.

Ich bin der Vorletzte, der noch all die alten Begriffe und Metaphern kennt, denke ich. Keiner weiß mehr, was es bedeutet, zwischen Skylla und Charybdis zu sein. Wozu auch? Der Stolz auf meine humanistische Bildung ist völlig unangemessen, aber verscheuchen möchte ich ihn auch nicht. Heute würde man vielleicht formulieren: die Wahl zwischen Aids und Corona, zwischen Durchfall und Verstopfung, zwischen Böllerschüssen und Blockflöte. – Zwischen zwei Übeln entscheiden zu müssen, wurde bereits in den antiken Tragödien als heillos eingestuft. Viel beliebter in der Politik, an der Börse und im Kino ist das Risiko: Wer Mut und Glück hat, der wendet alles zum Besseren. Der Mensch hat in der Kriegsplanung und in der Partnereinschätzung dann besonders viel erreicht, wenn er dachte: „Wo ein bisschen geht, geht auch ein bisschen mehr.“ ‚Den Bogen zu überspannen‘ ist ein Ausdruck für die Male, in denen es dann doch nicht geklappt hat. Von Hannibal bis Hitler gibt es auch dafür viele Beispiele. – Schon lange vor dem Brexit, am 3. Juni 1793, veröffentlichte James Gillray seine Karikatur Britannia between Scylla and Charybdis.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Na, weiter! Ab durch Kalabrien!

Nach ziemlich kurzer Zeit wurde uns bewusst: Jetzt kommt das Meer nie mehr! Jedenfalls nicht auf dieser Reise. Und Mittagszeit war es auch, nur kein annehmbares Restaurant in Sicht. Rafał fuhr die Landstraße auf und ab und ab und auf, und ich dachte: „Ach egal, die Hauptmahlzeit ist sowieso erst für heute Abend geplant!“, aber gerade da tauchte etwas auf an meinem Seitenfenster, das sah vielversprechend aus, und – es war herrlich. Auf genutzte Überraschungen kann man genauso stolz sein wie auf gelungene Planung.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Das Haus: direkt am Strand. Das Essen: gut, aber nicht vorlaut. Die Menschen: freundlich, aber unauffällig. Ein gelungener Abschied, ohne Trauer, ohne Tränen. Alles kommt ja wieder. Im nächsten Jahr, wer weiß? Die ‚Sucht‘ ist negativ besetzt, nur die Sehnsucht nicht.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Der nächste Ort hieß Scilla. In den Sechzigerjahren gab es die Pop-Sängerin Cilla Black. Hier mein Lieblingssong von ihr. So pathetisch, wie ich es liebte. Leider ohne das Verlogenheitsdivenformat wie das der glorious Shirley Bassey, aber – nicht jeder Stern ist eine Sonne. Nicht alles muss brennen, Strahlen ist doch auch recht nett.

Ignoranten könnten meinen, Scilla sei die Abkürzung von Santa Cilla. Gebildete wissen spätestens seit dem vorletzten Absatz: Skylla ist ein grässliches Ungeheuer. Bloß rasch weiter!

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Landschaft war unspektakulär angenehm, angenehm unspektakulär: Hügel, Felder, putzige Orte an Felsen. Dass hier die Mafia herrscht, schlimmer als Skylla und Charybdis, kann man sich auf dieser Fahrt über die gebührenfreie Autobahn (Mezzogiorno-Erschließung) kaum vorstellen. Deshalb zum Beweis für finstere Machenschaften hier drei Eindrücke, die Harald 1974 in Süditalien festgehalten hat.

Fotos (3): Privatarchiv H. R. | Titelillustration und Zwischengrafik 2. Rückreise und mit Bildmaterial von Shutterstock: Fabien Monteil (Fisch), indira's work (Kleid), VOJTa Herout (Boot), Aliaksandr Antanovich (Klosterheiligkirche Santa Maria dell Isola), ni_pal86 (Burg Le castella)

35 Kommentare zu “#48 – Das neue Kleid

      1. Ich habe mittlerweile schon ein wenig in durch ihre Aufnahmen gehört. Wirklich ein guter Geheimtip. Vielen lieben Dank.

    1. Man kann sich doch mal irren. Tun wir doch alle regelmäßig. Da ist eigentlich nichts dabei wofür man gekränkt sein müsste.

  1. Die griechische Mythologie ist so einfallsreich und fantasievoll, da könnte sich manch zeitgenössischer Roman eine Scheibe abschneiden.

  2. Neue Anziehsachen will man anziehen. Das kann ich nur zu gut verstehen. Da muss das Wetter halt einfach mitspielen. Ich hätte wahrscheinlich aber das Jackett akzeptiert und mich durch den Abend gequält. Für den Look.

  3. Bei diesem Lokal an der Landstraße merkt man wieder: ziemlich egal wo man in Italien anhält, man findet doch immer gutes (natürlich nicht immer herausragendes, aber doch gutes) Essen. Wenn das hier doch auch so wäre.

      1. Ungemein besser. Trotzdem merkt man in Italien immer, dass der grundsätzliche Standard einfach höher liegt. Aber klar, auch in Deutschland kann man mittlerweile sehr gut essen gehen.

    1. Genau so kenne ich diese Vorort-Restaurants auch. Und man wundert sich am Abend manchmal, wie gut besucht selbst die abgelegensten Ecken in Italien sind.

  4. Wer Skylla und Charybdis doch nicht kennt: Skylla (Szylla) und Charybdis sind Meeresungeheuer aus der griechischen Mythologie, die in der Straße von Messina lebten und jeweils eine Seite der Meerenge besetzten. Skylla hatte sechs Köpfe mit einer dreifachen Reihe Zähne in jedem Maul und fraß jeden, der in ihre Nähe kam. Charybdis sog dreimal am Tag das Meereswasser ein, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog gerieten, waren verloren.

  5. Gut, aber nicht vorlaut ist mir am liebsten. Damit meine ich keineswegs Mittelmaß, sondern einfach Bodenständigkeit und Zurückhaltung.

    1. Vornehme Zurückhaltung quasi 😉 Oft wird fehlende Qualität ja mit einer ordentlichen Portion Lautstärke übertönt. Oder man versucht das zumindest. In der Regel hält die Fassade aber ja dann nicht lange.

  6. Britannia between Scylla and Charybdis klingt durchaus wahr. Seit Corona die Schlagzeilen übernommen hat hört man ja richtig wenig über die Verhandlungen. Läuft langsam nicht schon die Zeit für Verhandlungen über einen geregelten Austritt aus?

    1. Ein Abkommen müsste wohl bis Oktober ratifiziert sein. Momentan laufen die Verhandlungen laut Barnier aber wohl eher rückwärts als vorwärts.

      1. Bei den Machtverhältnissen zwischen China und den USA, dem Ärger im Nahen Osten und mit Russland – dass da ein Land die ‚Festung‘ Europa aufgeben will , ich fasse es nicht. Queen Victoras Reich kommt nicht mehr zurück. Wie findet Queen Elisabeth II das wohl? Ihren Nachkommen traut sie so viel zu, dass sie mit 94 noch nicht abgedankt hat. ‚Ihr‘ Volk hält sie wahrscheinlich für ähnlich ungeeignet.

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