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In der Blase  —   Süd nach Südost

#21 – Herr Schwarz von Venedig

Manchmal, so beim Essen zu zweit, überkommt mich dieser übliche Ewigkeitsanspruch, und ich denke: „Mein Gott, was erzähl ich denn dieser Person zwischen Suppe und Salat meine Aufgewühltheiten, wenn die mir sowieso irgendwann wegstirbt?“ Aber dann beruhige ich mich wieder. Schließlich habe ich es ja selber auch ganz gern, dass vor meinem Tod schon mal jemand mit mir geredet hat. Also spreche ich weiter, mit zweifelhaftem Erfolg. Sie stimmt nie zu. Entweder widerspricht sie, oder sie schweigt.

Foto: Privatarchiv H. R.

„Es wäre gut, wenn sie bald stirbt“, denke ich, „damit ich endlich doch noch etwas aus meinem schütteren Rest-Leben machen kann.“ Aber dann werde ich misstrauisch, und ich schließe nicht aus, dass mir nach ihrem Tod die Erinnerung an diese Frau und an die Aufgabe, die sie für mich darstellte, jeden einzelnen Tag meines Rest-Lebens vergällen werden.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

So lege ich mich, gerührt über mich, gegen halb elf ins Bett, denke daran, dass ich ‚zwanzig Jahre früher‘ – Irenes tägliche Wendung – nie vor zwei Uhr nachts von Venedig zurückgekommen war, manchmal auch erst am nächsten Morgen. Und jetzt? Bald wird alles, alles vorbei sein, und ich lese, mir zur Stütze, in der Entgeisterung über das schwindende Wissen:

‚Da der Tod das Leben der Substanz erhält, darf aber der Tod der aus der Substanz Ausgegrenzten nirgendwoandershin eingehen als in das bloße Verschwinden. Dieses Verschwinden muss endgültig, der Tod so konsequent sein, dass nichts mehr bleibt, das ihn transzendieren, das weiterleben könnte als allgemeine Bedrohung, die die konkreten Tode überlebt. Der Tod Bestimmter darf kein bestimmtes Nichts sein, sondern nur ein leeres allgemeines Nichts. Dieses nimmt dem einzelnen Toten die Identität, sie verschwindet als unvorstellbar gewordenes Konkretum in der jeder Vorstellbarkeit entzogenen Quantität und Organisation der Massenvernichtung.‘1

Junge, Junge. Sei ehrlich, verstehst du das?

1 Quelle: Robert Menasse: ‚Phänomenologie der Entgeisterung. Geschichte des verschwindenden Wissens‘, Suhrkamp

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Am vorletzten Spätnachmittag wollte ich endlich nach Venedig, denn es erschien mir unschicklich, vom Lido abzureisen, ohne den Fuß auf die Piazza San Marco gesetzt zu haben. Irene hätte dieses Versäumnis weniger ausgemacht, aber mich allein nach Venedig kreuzen zu lassen, wäre ihr in einer Mischung aus Loyalität und Besitzanspruch auch nicht in den Sinn gekommen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Es wäre unpräzise ausgedrückt, wenn ich behauptete, dass die Unternehmung unter keinem guten Stern stand, denn nicht nur, dass die Sterne ja nicht lügen, wie Astrologen wissen – sie waren gar nicht erst zu sehen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wir lagen noch so am Strand, ausnahmsweise hatten wir im Pavillon Lasagne gegessen (bei 6,50 EUR für Selbstbedienung und Resopaltische relativieren sich auch 13,00 EUR für ein Vitello tonnato im Hotel – mit Stoffservietten), der Himmel war hell, als strahle er aus sich selbst heraus wie die Decke beim Zahnarzt, das Meer leuchtete blau, es gab keinen Grund, den Blick rückwärtszuwenden. Ich tat es aber trotzdem, und da hinten war es so schwarz wie die Ghanaer, denen niemand ihre nachgemachten Markenuhren abkaufte, so oft sie den Sand auch entlangwateten.

Foto: Privatarchiv H. R.

Scheinbar hatten alle anderen wie von ungefähr zur selben Zeit wie ich den Hals verdreht, jedenfalls, während die Männer aus Ghana noch von rechts nach links am Meer entlanggingen, strebten die Strandgäste wie auf Asterixens Aufruf zur Völkerwanderung hin ziemlich geschlossen, auch mit der disziplinierten Hast, mit der man im Film bei Bombenalarm Komparsen in die Luftschutzbunker strömen sieht, von vorne nach hinten. (Für Geo-Freaks: Die Schwarzen liefen von Osten nach Westen oder umgekehrt, die Weißen liefen von Süden nach Norden und nie andersrum.)

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Irene und ich brauchten ja bloß fünf Minuten bis ‚Mabapa‘ zu traben, viele mussten sicher bis Venedig, da sah es bereits so finster aus wie in herkömmlichen Inszenierungen die Bühne bei der Anfangsszene von ‚Otello‘ (Verdi, also ohne ‚h‘), der aber – Reste untergehenden Wissens, lieber Robert Menasse – nicht hier, sondern auf Zypern landete, im Übrigen Weißer war, der ‚Moro‘ nur hieß, denn er hätte im Staat Venedig keinesfalls als ‚Neger‘ seine Stellung bekleiden können, nicht mal Armbanduhren gab es damals zu verkaufen für ihn: Herr Schwarz war ein weißer Statthalter der venezianischen Kolonie Zypern, aber so, mit dem Mohren als Außenseiter kriegt die Angelegenheit zusammen mit dem Außenseiter Jago natürlich mehr Pfiff. Desdemona nutzt das nichts mehr, aber wir lernen von Shakespeare: Die Dramaturgie war der Wahrheit lange schon vor den fahnenschwingenden Lügen der Nazizeit überlegen gewesen.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Also offen gestanden: Irgendwie war das Spektakel dann enttäuschend. Es war bloß etwas windig, nicht orkanentfesselt. Manchmal blitzte es lasch und donnerte beleidigt. Der Regen reichte gerade eben dafür aus, um einem den Ausflug nach Venedig zu vermiesen und um das Personal unser Abendessen drinnen, also in viel bequemerer Nähe zur Küche, servieren zu lassen, aber es reichte nicht für Furcht oder Schlagzeilen.

Foto: mkos83/Shutterstock

Enttäuscht trug ich wenigstens endlich mal eines der mitgeschleppten Sakkos (die verzeih’ ich Silke nie, selbst im größten Suff nicht) und achtete darauf, dass es sich farblich ein wenig von den einzigen anderen Jackenträgern abhob: den Kellnern.

Foto: Privatarchiv H. R.

Klar, dass auf einen so unprofessionellen Gewitterputsch hin die Sonne am folgenden Morgen ihre Macht gestärkt übernahm. In der Frühe machte sie noch, kühl kalkulierend, scheindemokratische Zugeständnisse, am Mittag ließ sie ihr Volk bereits wieder im Vierzig-Grad-Gulag schmoren. Jede Macht lebt von Demonstrationen. Jede Widerstandsbewegung zwar auch, aber von denen singt im Zeitalter des Werbe-Totalitarismus Langnese zynisch-vergnügt, wie diese Gegner wegschmelzen: ‚Like Ice in the Sunshine‘ (schon seit 1986 ein in meinen Filmen als Soundtrack benutztes Phänomen der Entgeisterung).

Denn es ist doch so: Die Menschheit wird sich von den drei grässlichsten Geißeln, die ungerechte Götter über sie verhängt haben, nie befreien können. Und deshalb können wir allenfalls in glücklichen Zeiten dämpfen, mildern, ausgleichen. Die drei schlimmen Polarisierungen, die es in allen Mischformen gibt, heißen: Reicharm, Schönhässlich und Intelligentdumm. Ich wüsste keinen Konflikt in Liebe, Wirtschaft, Politik, der sich nicht auf diese Polarisierung zurückführen ließe. Gut und Böse sind nur eine Konstellation aus dem (häufig) unglückseligen Zusammenspiel jener Kräfte. Das kann entgeistern.

Foto: Privatarchiv H. R.

Und dann mag es doch eine schöne, reiche Erbin geben, die aus Eifersucht intelligent mordet. Also schön, ich bin nicht so gut wie Menasse, darum bin ich wohl auch nicht intelligent genug, um mich an seinen Gedanken zu bereichern.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: 5nikolas5 (Arm mit Uhren), chaiyapruek youprasert (Mann mit Regenschirm im Sturm)

26 Kommentare zu “#21 – Herr Schwarz von Venedig

  1. Ich musste wirklich mehrmals nachlesen. Ich dachte erst „Da der Tod die Substanz des Lebens enthält“. Hat für mich eigentlich auch Sinn ergeben.

    1. Ich e r halte ein gut e r haltenes Buch, es e n t hält Vorschriften zur E n t haltsamkeit. Vorsilben verändern das Wort und die Welt. Die Welt heute: sich einbringen, sich umbringen – und alle anderen gleich mit. Die Subtanz reicht für den Tanz auf dem Vulkan wie für den Totentanz. Entgeisterung eben.

  2. Reichtum und Macht sind dann wahrscheinlich die schlimmsten Übel, die unsere Welt bestimmen. Jedenfalls gab es weniger Kriege und Auseinandersetzung durch den Kamp Schön gegen Hässlich.

    1. Aus Liebe gab es hingegen doch wieder eine Menge an Auseinandersetzungen. Aber zählt das dann zur Kategorie Schönheit oder Macht?

      1. Der Trojanische Krieg, der Vater aller Kriege, wurde um ‚die schöne Helena‘ geführt. Schon da wird also Machtstreben im Mythos verbrämt mit dem verständlichen Wunsch, das hübsche Ding zurückzuholen.

      1. Da wäre dann die Frage ob man die Ewigkeit auf der Erde oder vielleicht doch im Paradies verbringen will.

      2. Die Ewigkeit findet ganz sicher nicht in diesem Universum in unserer Zeitrechnung statt. Ob da vorher die Dinosaurier, die Menschen oder die Pandas aussterben, ist unter solch einem Gesichtspunkt völlig egal. Aber uns Heutige wird die Erde ja wohl noch überstehen.

      3. Wenn man nicht an die Hölle glaubt, dann soll Ewigkeit ja Spaß machen. Größer ist aber sicherlich die Chance, dass man die „Ewigkeit“ eh nicht mehr mitbekommt.

  3. Von halbherzigen Wetterspektakeln bin ich auch immer enttäscuht. Da bricht man seine Pläne ab, bleibt irgendwo schön geschützt drinnen, und dann windet und tröpfelt es doch nur ein wenig vor sich hin.

      1. Beim Strandurlaub ohne Tsunami hört ja keiner mehr zu. Zynisch, aber nachvollziehbar. Erlebt man, um zu erzählen, oder erzählt man, weil man erlebt hat? Fragt sich keiner? Doch, ich mich.

      2. Ha und jetzt meine Wochenend-Theorie: Haben deshalb so viele Menschen mit der angeordneten isolation ein Problem? Weil es weniger zu erleben gibt, aber noch viel schlimmer, weil es eben niemanden in direkter Nähe gibt, dem man sein erlebtes (mit)teilen kann?

      3. Mitteilen geht auch schriftlich, wie ich beweise. Erleben wird auf Video-Konferenzen im Homeoffice auch immer virtueller.
        Unsere Generationen trinken ihr Bier noch gern all inclusive auf der Kreuzfahrt nach Singabebien. Spätestens unsere Urenkel wählen lieber Zuhause im VR-Anzug zwischen einem Gang durch die Uffizien oder Sex mit einer Vietnamesin.

  4. Ich erinnere mich, dass ich mit meinen Eltern mal ein tolles Stranderlebnis hatte, als es ein kleines Gewitter gab und sämtliche Urlauber nach Hause strömten. Ausser uns. Nass war man im Meer ja eh schon und das Toben im Wasser und dem gleichzeitigen Regen war als Kind unvergesslich.

  5. In Venedig werden Ghanaer wenigstens nicht grundlos ermordet. In den USA ist das ja durchaus anders. Das ist weder Witz noch Sarkasmus, sondern eine traurige Feststellung.

      1. Solche Kommentare, dass bornierte Liberale schlimmer seien als grundehrliche Faschisten, gibt es schon lange. „Ich habe nichts gegen Schwule“, ist bereits abfällig. Ja und? Beschönigende Biofleischer sind für zünftige Veganer schlimmer als aufrechte Gammelfleischverkäufer. Wahrscheinlich braucht man Grundsätze, um die Dinge zu verändern, aber schließlich ist auch Robespiere unter der Guillotine gelandet.

      2. Das Interessante an der aktuellen Aussage ist ja nur, dass sie von Van Jones kommt, einem liberalen Afro-Amerikaner. Es ging wohl vor allem um dieses viral gewordene Video aus dem Central Park von neulich, wo die entsprechende weiße Dame die Polizei rief, weil sie sich grundlos von einem afro-amerikanischen Mann bedroht fühlte.

  6. Menasse sagt ja selbst „Die Kreativität von Künstlern steht und fällt mit der Qualität des Weins“. Wahrscheinlich funktioniert das mit der Interpretation seiner Texte ähnlich.

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