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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#47B – Mitbringsel

Mit 22 Jahren schlief und empfing ich noch in meinem schlauchartigen Kinderzimmer: Die Couch wurde nachts zum Bett. Ein Bücherregal und einen Beistelltisch mit meinem Tonbandgerät gab es auch.

Foto: Privatarchiv H. R.

Dass alles nach dem Zigarettenqualm meiner Besucher, überwiegend Harald und Kathrin, roch, das war damals so. Ich selbst war ja Nichtraucher, bisher sogar Nichtliebhaber, aber ich durfte ungefragt den perlgrauen Käfer meiner Mutter benutzen, ein konspirativ unauffälliges Fahrzeug für das erste Rendezvous. Mit welcher Ausrede ich wegfuhr, weiß ich nicht mehr. Einfach verschwinden, ohne zu sagen, wohin, das gab es bei uns nicht, und später mit Roland auch nicht. Mit dem Auto waren es nur fünf Minuten bis in die Lasterhöhle – zu meinem very first date: eine eher unpersönliche, sachlich gehaltene Vierzimmerwohnung in einer Siedlung für Betuchte. Er war Bankdirektor bei der Commerzbank und dort als Effektenberater für prominente Kunden zuständig. Wein und Sherry lehnte ich ab, die würden mich womöglich willenlos machen. Nun begann er über Bayreuth-Inszenierungen an mich ranzuplaudern. Nur weil ich komponierte, musste ich ja noch kein Wagner-Fan sein. Die Vorspiele mag ich. Wenn die Sänger anfangen, gegen das Orchester anzugrölen, ist Schluss bei mir. Das war also kein geeigneter Stoff, um mich zu gewinnen. Als mein Gastgeber sich allerdings am Stoff meiner Hose zu schaffen machte, war mir das erst recht recht unrecht. Brüsk stand ich auf und verschwand zum elterlichen Sonntagsbraten. Am Nachmittag rief ich bei ihm an, um ihm aus vollem Herzen zu verkünden, nun sei mir endgültig klargeworden, dass das nicht mein Weg sei. Es war aber doch mein Weg. Auch in Zukunft würden mir auf diesem Weg mehr die Operntrinen nachlaufen als die Lederkerle. Das kommt davon: Ich wirkte halt immer so kultiviert.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Mein Banker brachte mir aus New York etwas Besonderes mit: Filzläuse. Ausgerechnet meine Mutter kam darauf, als es mich bereits in den Achselhöhlen juckte. Sie wusste sogar, dass man sich dagegen früher mit ‚Cuprex‘ einrieb. In einer schlichten Pillendreherei, fern unserer Othmarscher Heimat, in deren Apotheken wir Stammkunden waren, bekam ich etwas anderes, weniger Radikales. Auch in diesem (Scham-)Bereich hatte sich die Pharmazie offenbar weiterentwickelt.

Von wem die Tiere stammten, war klar. Damals war ich noch eine Person mit niemals wechselndem Geschlechtsverkehr. Meine Eltern hätten einen Bankdirektor sehr gern als meinen Partner empfangen, vorausgesetzt, es hätte sich bei mir nicht um einen Sohn, sondern um eine Tochter gehandelt. So aber musste Kathrin als Spenderin des Ungeziefers herhalten. Auf die spannende Frage, wie ich an ‚so was‘ komme, murmelte ich ihren Namen. Guntram wunderte sich etwas über die Tochter unserer streng katholischen Nachbarn, aber er wusste, dass Kathrin sich – schon vor der Wette mit dem Apfelpflücker (siehe #25 ‚Riskante Wette‘) – von Zwickerfred Siekzwitter in meinem Partykeller hatte abknutschen lassen. Da ist es dann bis zur Filzlaus auch nicht mehr weit. In Guntrams Jugendsprache war ein Mädchen, das sich mit mehreren Jungen einließ, ein ‚Dreckbubi‘. Man genoss und verachtete.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Als etwas langlebigeres Geschenk gab mir der Banker eine Mina-Platte von 1966, die ihm jemand mitgebracht hatte. Mit ‚so was‘ konnte er nichts anfangen. Erst ließ ich den Abfall unbeachtet liegen, aber dann wurde ich zum Mina-Fan, der die Stufen ihrer Karriere teilnahmsvoll begleitete. ‚Se telefonando‘ war der eingängigste Titel. Komponiert hatte ihn der damals noch unbekannte Ennio Morricone. Erst in ‚unserem‘ hier gerade beschriebenen Jahr 1968 hatte sein und Sergio Leones ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ in Rom Premiere unter dem weniger reißerischen Originaltitel ‚C’era una volta il West‘. Ja, es gab mal den Wilden Westen. Unsere Südwestreise im Jahr 2019 war zahm dagegen. Wir waren keine Eroberer mehr, sondern herausgeputzte Spätlinge. Nicht nur wir. Wie meistens wurde auch bei Mina mit der Zeit die Aufmachung wichtiger als der Inhalt.

Foto oben: MARKA / Alamy Stock Foto

Von der musikalischen Vorliebe meiner ersten Eroberung profitierte ich später dann aber ebenfalls. Als ich nach Lehre und London meinen ersten richtigen Beruf bekam, sollte ich Querschnitte aus Wagner-Werken zur Veröffentlichung zusammenstellen. Das war für mich nicht viel erbaulicher als die Kontrollmechanismen der Eingangsrechnungsprüfstelle, denen ich mich als Teil meiner Ausbildung in der Fabrik hatte widmen müssen. Aber da half mir mein Opernfreund mit Begeisterung aus: erst die Unschuld und dann die Arbeit. Eins verloren, eins gewonnen. So bleibt Sex nachhaltig.

Foto oben: Celiafoto/Shutterstock | Bild unten: studiostoks/Shutterstock

Sogar ‚Se telefonando‘ blieb nachhaltig. Diese Version aus dem neuen Jahrtausend hatte schon 15 721 005 Views.

1968 waren meine Träume weitgehend unausgelebt geblieben, während sich die ganze westliche Welt im gesellschaftlichen Umbruch zu befinden schien. Aber meine Fantasie, sie war voll entwickelt. Gern versetzte ich mich in erfundene Personen, die ich niemals sein würde. Dafür habe ich hier drei musikalische Beispiele herausgesucht. Meine eigene Entwicklung? Die würde schon noch kommen.

Foto: zeno.org/gemeinfrei

‚DER ERBE‘ – aus CD ‚Sehr‘, Vol. 3

Foto: Elias de Carvalho/Pexels

‚DIE FRAU, DIE MAN VERWÖHNEN MUSS‘ – aus CD ‚Sehr‘, Vol. 2

Foto: vchal/Shutterstock | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: bluesnote (Hände mit Geschenkbox), Andrei Shumskiy (Opernglas), Sappasit (Laus)

‚INGRID‘ – aus CD ‚Sehr‘, Vol. 1

37 Kommentare zu “#47B – Mitbringsel

  1. Na war das denn wirklich nur das Hineinversetzen in erfundene Personen, oder waren / sind Sie doch ein klein wenig der Mann, den man verwöhnen muss?

    1. Na die Phantasie ist sicher auch immer zu einem gewissen Punkt mit dem eigenen Ich verbunden. Wir haben ja schließlich auch nicht alle dieselbe Phantasie.

      1. Aber das Bedürfnis, seine Phantasien in die Tat umzusetzen, ist Gott sei Dank nicht immer gegeben. Sonst gäbe es viel mehr ermordete Lehrer und gestalkte Filmstars.

      2. Nein danke. Man wundert sich ja auch so schon über die menschlichen Abgründe. Wer mal durch die Dokumentationsfilm-Rubrik auf Netflix scrollt, braucht im Anschluss ein großes Fläschchen Baldrian.

    2. Seit meinem Schlaganfall bin ich zumindest der Mann, der sich in vielem bedienen lassen muss. „Verwöhnen“ nennt es meine Therapeutin, wenn sie mir den Rücken massiert, statt mich zu Liegestützen zu zwingen.

      1. Das ist ohne Frage kein schöner Grund. Trotz allem ist es immer schön zu sehen, wie Sie im Gespann mit Rafal und Silke weiterhin unterwegs sind. Ich wünsche Ihnen noch viele weitere derartige Reisen.

      2. Danke. Im Corona-Sommer ist das vermummt in Hotel-Lobbys nur punktuell lustig, wie ich gerade eine Reisewoche lang durchleben durfte. Jetzt nehmen wir eine Auszeit von unseren Auszeiten.

  2. Ach nein! Diese Läuse in Großaufnahme sind wirklich fies. Mein Bruder hatte diese Dinger vor vielen vielen Jahren einmal. Ich selbst wurde zum Glück verschont.

  3. Na dass Morricone den Titel aus dem letzten Blogeintrag komponiert hat ist einerseits eine Überraschung, andererseits erklärt das auch, warum mir der Song gleich so eingängig vorkam. Interessant!

    1. Früher haben alle Komponisten neben Kompliziertem auch Eingängiges geschrieben, noch Schostakovitsch. Ab der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erst wurde man für erträgliche Musik von den Experten behandelt, als hätte man mit dem Hitler-Gruß Guten Tag gesagt.

      1. Das ist interessant. Und waren das dann eher Arbeiten, die Geld reinbringen sollten, oder wurden Eingängiges und Kompliziertes wirklich gleichwertig angesehen?

      2. Die meisten Künstler wollten nicht nur gut, sondern auch beliebt sein. Dass Beliebtheit verdächtig ist, fand früher niemand. Dass Menschen von Unerträglichkeit fasziniert sind, ist aber nicht neu.

  4. Zigarettenqualm in der Bude kenne ich von Früher, wer nicht?! Heute bin ich allerdings ganz froh, dass das nicht mehr so verbreitet ist.

    1. Ich war selbst lange Zeit Raucher und habe anderen Leuten die Wohnung vollgequalmt. Mittlerweile merke ich selber aber auch was für einen Unterschied es macht wenn es eben nicht durchgehend nach Zigaretten riecht.

      1. Wenn man selbst ein Omelette surprise aß und am Nebentisch rauchte jemand Zigarre, dann wollte man doch am liebsten das Restaurant wechseln. Tapetenwechsel war damals auch häufiger nötig.

      2. Man wundert sich heute darüber was damals als völlig normal angesehen wurde. Wahrscheinlich wird es ähnilch interessant sein zu sehen, wie man in 30 Jahren auf 2020 blickt.

      3. Wechselnde Moden gab es immer. Heute wird vieles schnell moralisch bewertet. Naja, Kleiderordungen gab es auch fast immer. Zarin Elisabeth ließ einer Gräfin die Zunge rausschneiden, weil sie auf einem Ball das gleiche Kleid trug wie die Herrscherin. Dagegen finde ich 150€ für Maskenmuffel sehr aufgeklärt.

      4. Würde es cancel culture schon seit 100 Jahren geben, sähe unsere Gesellschaft / Kulturlandschaft sicher sehr anders aus.

  5. Wagner ist nicht unbedingt die Musik, die zu jeder Gelegenheit passt. Aber es gibt schon einige Werke, die ich sehr gerne höre.

    1. Wagner besticht halt oft mit Kraft und Wucht anstelle von allzu viel Subtilität. Aber Isoldes Liebestod ist trotzdem ein starkes Stück Musikgeschichte.

      1. Stimmt auch wieder. Allerdings ist da Sex ja gleich Arbeit und eben nicht private Lust. Sexuelle Affären mit Arbeitskollegen können dagegen durchaus problematisch werden.

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