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In der Blase  —   Süd nach Südost

#22 – Angebot an italienische Mütter

Es war keine Wolke am Himmel, es blieb keine Wahl: Am allerletzten Spätnachmittag unseres Meeres-Kur-Aufenthalts musste Venedig erobert werden.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Fähre hielt zwischen dem Ufer des Lido und dem von San Marco nur an der Station ‚Giardini‘, und auch das bloß, um mich zu demütigen. Ich sollte ein schlechtes Gewissen bekommen, dass ich aus all den Gründen, die aus den vorherigen Seiten hervorgehen oder nicht, verabsäumt hatte, la Biennale di Venezia beguckt zu haben. Damit auch ja alles etwas kostet, ist der ganze breite Strand des Lido zur Straße hin abgezäunt. Man kann also nur mit im Hotel erhältlichem Passierschein durch einen der Eingänge ins gebührenpflichtige Badeparadies gelangen. An einem Nachmittag wurde jedem, der den Eingang als Ausgang benutzte, ein stabiles Faltblatt in die Hände gedrückt. Ich sah es mir erst im Hotel an. Es war der Prospekt der Biennale. Wie immer dachte ich zweierlei. Erstens ist für solch ein Blatt die Zielgruppe – nämlich badende Mütter und Kinder bei ganz geringem Ausländeranteil – verkehrt gewählt, und zweitens muss es da ganz schön leer aussehen, wenn die Veranstalter zu solchen Mitteln greifen.

Foto: Privatarchiv H. R.

In doppelter Briefmarkengröße waren auf dem Zettel, wohl als Appetitanreger, einige Exponate abgedruckt. Das Auffälligste waren eine Dame und ein Herr, in blau-weißer Foto-Technik gemalt, er fingerte in ihrer Vagina, sie masturbierte seinen halb erigierten Penis. Ob das wohl die italienischen Mütter veranlasst haben mag, auf ihrem Weg vom Lido nach Mestre in Giardini auszusteigen, um ihre Kinder mit zeitgenössischer Kunst vertraut zu machen?

Meine Freundin Dorothee ist hochbetagt, aber vor allem ist sie kunstsinnig: nicht aus Neigung, sondern aus Pflichtgefühl. Sie war früher bei der ‚Deutschen Grammophon‘ für den deutschen Markt zuständig und wollte partout modern sein. Deshalb vergöttert sie unerträgliche Avantgarde-Komponisten und deren Machwerke. Wie es klingt, ist ihr völlig egal, Hauptsache, sie fühlt sich am Puls der Zeit, selbst, wenn es in Wirklichkeit das Arschloch ist, in das sie hineinlauscht. Trotzdem: Ich mag ihren entschlossenen Enthusiasmus, nur ernst nehmen darf man ihn nicht.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Als ich Dorothee gestern zu Hause in Berlin anrief und ihr auf ihre selbstverständliche Frage hin, welcher Pavillon mir am besten gefallen habe – vielleicht der australische? –, beichtete, der Biennale ferngeblieben zu sein, schrie sie gellend „Was?!“ in den Hörer: Entgeisterung, und ich kam mir vor wie zurückgekehrt von einer Bildungsreise nach Pisa, ohne den schiefen Turm gesehen zu haben. Im Kino gewesen und nach der Werbung rausgelaufen. Eingeladen bei Jogi Löw und nicht über Fußball gesprochen. In Oberammergau rumgejodelt und die Passion des Welterlösers verpasst. Ich Stück Dreck.

Foto: Privatarchiv H. R.

Jedenfalls fuhren Irene und ich durch bis San Zaccaria, was jetzt aber ‚San Marco‘ heißt, damit die Leute schon vor der Seufzerbrücke aussteigen und nicht erst bei ‚Harry’s Bar‘, um dann wieder zurückzulaufen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Irene war dringend an einer Apotheke gelegen, denn sie war noch mückenzerstochener als ich, weil sie sich mehr mit CHANEL und sparsamer als ich mit Autan eingesprüht hatte, und ich hatte kein Antijuckgel mitgenommen, obwohl der – im Grunde nichtsnutzige – Stift genau an der richtigen Stelle in der Hose ganz schön aufträgt. Tempi passati.

Foto: Volodymyr TVERDOKHLIB/Shutterstock

In der Gegend von San Zaccaria kenne ich mich auch in den engsten Gassen ziemlich gut aus und bin imstande, Touristenströmen einigermaßen zu entlaufen. Die erste Farmacia hatte geschlossen. Belebtere Gegenden. Leute, die auf der Straße an engen Tischen Pizza aßen. Man hätte ihnen die Fetzen im Vorbeischieben vom Teller schnappen können, und wenn ich hungrig und arm gewesen wäre, hätte ich es vielleicht getan. Nur bin ich reich und satt. Inzwischen.

Foto oben: Privatarchiv H. R. | Foto unten: Fusionstudio/Shutterstock

Foto: Privatarchiv H. R.

Die nächste Apotheke war auch geschlossen. Die Türen der Läden mit Glasgondeln und anderem Gräuel standen abschreckend weit offen, aber das Geschäft, das Strümpfe in allen Hosenfarben führt, so dass man nicht immer in Grau und Dunkelblau zwischen Schuh und Hosenbein rumlaufen muss, hatte ebenfalls dicht: Ferragosto – nur die Touristenfallen waren geöffnet.

Foto: Michael Belardo/Shutterstock

„Willst du auf die Rialto-Brücke?“, fragte ich Irene.
––„Nein“, sagte sie, „die kenn’ ich doch, und mit weniger Menschen.“
––Ich nötigte sie aber doch rauf, für irgendwas musste der Ausflug ja gut sein. Zwischen zwei japanischen Hinterköpfen hindurch erhaschten wir einen Blick auf den Canal Grande, vielleicht waren sie auch aus Korea. Wie soll man das so genau wissen, und dann noch von hinten.

Dann gingen wir zurück zu San Marco. Immerhin machte ich eifrig digitale Tonaufnahmen, die sehr venezianisch klangen und für ’78 und die weiteren zwölf Filme gut geeignet sind. Mischt man etwas Autolärm dazu, lassen sie sich auch für Manhattan verwenden.

Foto: Privatarchiv H. R.

Da es mir ja nun verwehrt geblieben war, Geld auszugeben für Juckreizstillendes oder Strümpfe und mein Portemonnaie auch nicht gestohlen worden war (ich benestelte es fortwährend in meiner Hosentasche), sah ich keinen Grund, warum wir uns nicht zu ‚Quadri‘ setzen sollten. Die Kapelle spielte ‚An der schönen, blauen Donau‘, die Mütter trugen gestreifte Bermudashorts, die Väter kleine Kinder, der Campanile schlug sieben.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Cookie Studio (schockierte Frau), Anthony Constantine (Apothekenschild)

35 Kommentare zu “#22 – Angebot an italienische Mütter

  1. Ich war auch bereits zwei Mal zur Biennale in Venedig. Was man zu sehen bekommt ist bei der Masse an Kunst natürlich qualitativ sehr unterschiedlich. Ich finde alles in allem hat es sich aber trotzdem immer gelohnt.

    1. Die Biennale hätte ich auch nicht verpassen mögen. Zum Dreckstück wird man aber auch beim Verzicht nicht. Jeder hat halt seine eigenen Vorlieben.

      1. Zum Dreckstück wird man in den Augen der anderen, wenn man im physischen oder geistigen Modder rumplanscht. In den eigene Augen wird man es, wenn man zu seinen Vorlieben nicht steht oder den Begriff als Kompliment auffasst.

      2. Geistiger Modder ist witzig. Ich las während der Isolationszeit man sollte nicht nur auf die körperliche Hygiene achten, sondern auch auf die mentale Hygiene. Ähnlicher Gedanke.

      1. Man könnte die Biennale alternativ auch direkt am Strand des Lido abhalten. Kurze Wege, Kunst und Spaß mit einem Schlag.

  2. Ich war einmal in einem Hotel in den italienischen Bergen, da gab es abends Mückenspray an der Salatbar. Die Menge an Mücken war dort aber auch wirklich horrorfilmreif.

      1. Nicht unbedingt der typische Venedig-Tourist, aber ich hätte auch nichts dagegen den Herrn am Lido-Strand zu treffen.

      1. Man muss sich ja noch steigern können 😉 Erst einmal 80/90 und irgendwann dann die ganze.

  3. „Er fingerte in ihrer Vagina, sie masturbierte seinen halb erigierten Penis. Ob das wohl die italienischen Mütter veranlasst haben mag, auf ihrem Weg vom Lido nach Mestre in Giardini auszusteigen, um ihre Kinder mit zeitgenössischer Kunst vertraut zu machen?“ LOL

  4. Wer will denn schon mit Jogi über Fussball reden? Das weiss man doch eh alles schon aus den Nachrichten. Andere Themen wären sicher viel spannender.

    1. Och man kann doch mit ihm über andere aktuelle Themen sprechen: George Floyd, Trump und die kommende Wahl, Merkel und Corona, Drosten gegen Bild, von mir aus seine Einschätzung wie der Fussball in 25 Jahren aussehen könnte. Muss ja nicht gleich Schopenhauer oder die Mona Lisa sein.

      1. Mich interessiert Fussball ja grundsätzlich recht wenig, von daher würde ich mich dem Small Talk anschließen. Aber vielleicht kann man ja auch gleich jemand anderes treffen. Oder alleine über die Biennale laufen. Natürlich erst 2022 wenn Corona hoffentlich vollends überstanden ist.

    1. Lieber es geht jemand aus Pflichtgefühl in eine Ausstellung oder ins Theater und entdeckt dort etwas Neues, als dass niemand mehr dort auftaucht. Wer sich natürlich jedesmal durch das Erlebnis quälen muss, bei dem ist das wohl sinnlos.

      1. Ja, man muss wohl schon mit einer gewissen Erwartung hingehen. Zugang zu Kunst findet man nicht wie zehn Cent auf der Straße. Und auch das ‚Damaskuserlebnis‘ hat ja aktuell einen Beigeschmack, der nichts mit Erweckung zu tun hat.

      2. Bildung impliziert ja bereits, dass sich da erstmal etwas bilden muss. Man kann also ruhig schon mal jemand widerwillig mitschleppen 😉

      3. Sehr richtig. Kindheit, in der die lieben Kleinen alles dürfen, sind ein Frevel der Eltern, keine Vorbereitung auf das zukünftige Leben. Ohne Zwang wäre aus mir nichts geworden. Kein Abitur, kein Studium: Mir 60 aus dem Kinderzimmer ins Altersheim.

  5. Hahaha, ich mag auch den ein oder anderen unerträglichen Avantgarde-Komponisten 😉 Zum Glück hören und lieben wir nicht alle dasselbe.

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