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In der Blase  —   Süd nach Südost

#19 – Wüstensommer

Am nächsten Morgen ist um zehn Uhr festzustellen: Wir sind auf dem Lido, wir haben es knapp durch die Tür geschafft, bevor der Frühstückssalon geschlossen wurde, und Silke ist noch nicht angekommen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich hasse Frühstück. Pali zitiert mich, ich hätte gesagt, ‚weil das die einzige Mahlzeit ohne Alkohol’ sei. Klingt nach mir, stimmt aber wohl nicht. Ich glaube, ich kann Frühstück nicht ausstehen, weil es die einzige Mahlzeit ist, die man sich nicht verdient hat. Auf das Mittagessen hat man doch hingeschuftet: Da hatte ich in den Kindergarten, in die Schule oder sonntags mit meinen Eltern in den Wald gemusst. Am Nachmittag hatte man um den Lohn des Abendbrotes willen Vokabeln gepaukt, Sitzungen geleitet oder so vorsichtig onaniert, dass sich die Sünde nicht ergoss und man es also nicht zu beichten brauchen würde. Die Nacht dagegen belohnte schon mit Träumen, da stand einem nicht auch noch eine Marmeladenstulle zu.

Bild (Ungemachtes Bett – Adolph von Menzel): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Nur bei ‚Mabapa‘ liebe ich das Frühstücksbüfett: ein Horrorkabinett voller gekörnter Scheußlichkeiten und verdorbener Milch in allen Dicklichkeitsformen. Das völlig geschmacklose, breiige Rührei hat es mir angetan. Drunter nehme ich eine dünne Scheibe gekochten Schinken, aufdringlich angeräuchert, und noch darunter eine auch sehr dünne Scheibe Toast, die von der höchst interessant walzenden Röstmaschine mal nur leicht angetrocknet und mal verkohlt geliefert wird. Ob diese hellgelbe Masse wirklich Rührei ist, wäre die Habilitationsschrift eines Lebensmittelchemikers wert, aber ich streue mir Salz und Mühlenpfeffer drauf und bin glücklich. Irene isst das Gleiche, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass ihr etwas nicht schmecken könnte, was ich zu mir nehme.

Foto: Vladimir-Adrian/Pixabay

Dann stehen wir auf und gehen weg, während alle anderen verbissen daran arbeiten, durch Konsumieren von Obst, Salami, Bel Paese und Hülsenfrüchten das im Hotelpreis inbegriffene Frühstück als Rechtfertigung für die überteuerte Nachtruhe wegschlucken zu können.

Foto: Privatarchiv H. R.

Es herrschen 35 Grad, sie ‚herrschten‘ wirklich über den Tag, und Silke war immer noch nicht da, als wir uns kurz vor elf gegen das Weiterwarten und für den Strand entschieden. Ich meinte zu meinen, dass Silke ihren frühen Abflugtermin beklagt und ich sie getröstet hatte: „Dafür kannst du dann schon den ganzen Tag am Lido genießen.“ Aber – wie lange weiß ich noch, was ich mal zur Beschwichtigung gesagt habe?

Fotos (10): Privatarchiv H. R.

Der Portier gab mir meinen Begrüßungszettel für Silke wieder, als wir gegen halb drei vom Strand zurückkamen. Nun waren es vierzig Grad. Eine Maschine aus Frankfurt war vor Kurzem eingetroffen, wusste der Hotelcomputer.

Ich ging zum Steg, und ich sah ein Wasser-Taxi ankommen, ich grinste schon, dann drehte es ab in Richtung Santa Elisabetta. Nun waren es nur noch 37 Grad.

Foto: Privatarchiv H. R.

Der letzte Flug aus Frankfurt erreichte Venedig um 17:30 Uhr. Ich stand wie Iphigenie am Gestade von Tauris, bloß dass mein Blick in der entgegengesetzten Richtung suchte, nämlich im Osten, wo der Flugplatz Marco Polo liegt, während Agamemnons Tochter das Land der Griechen westlich wusste. (Das Wissen hatte sich damals noch nicht träumen lassen, je zu verschwinden, es hatte kürzlich erst eingesetzt.)

Bild (Iphigenie – Anselm Feuerbach, 1862): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Die Temperatur sank auf 36 Grad. Dann kam der Augenblick, in dem auch die Sonne sank und mir dämmerte: Es würde mehr Geld fürs Spenden bleiben. Die Fensterplätze bei ‚Da Fiore‘ waren abzusagen, ‚Excelsior‘, ‚Danieli‘, ‚Cipriani‘ und ‚Harry’s Bar‘ würden nicht stattfinden, meine Sakkos würden geschont nach Meran zurücktransportiert werden, und ich konnte mich auf einen geruhsamen Urlaub mit meiner Mutter einstellen: Ende der Vorstellung. Ende der Verstellung?

In der Nacht blieb es bei 35 Grad, und der Portier sagte am nächsten Morgen, er habe mit seiner Familie am Strand geschlafen. An den gingen wir wieder erst gegen elf, beide, Irene und ich, nachdenklich. Um nicht in Mitleid oder Selbstmitleid zu verfallen, sah ich von Wiesbaden, Witwen und Venedig ab und widmete mich wieder Menasses Thesen zum schwindenden Wissen, die ich zur Ablenkung mit an den Strand genommen hatte, weil die am Kiosk mit den Riemensandalen mitgekaufte ‚Bild‘-Zeitung bereits von meiner Mutter okkupiert war. Dort stand, auch für uns ganz aktuell:

‚W Ü S T E N S O M M E R!‘

über die halbe Vorderseite gedruckt.

Bei Menasse stand:

‚Was ist das Einzelne in seiner wahren Form? Ein stoffliches Produkt der vermittelten Totalität. Zum Beispiel: ein Rock. Schon dieser Rock wird dem absoluten Wissen fadenscheinig, in dessen zugeknöpfter Erscheinung es gleich dessen Wertform erblickt, in der konkreten Arbeit des Schneiders sofort auch ihr Gegenteil, nämlich abstrakt menschliche Arbeit. Und so wie mancher Mensch innerhalb eines Rockes mehr bedeutet als außerhalb desselben, bekommt der Rock noch mehr Bedeutung im Verhältnis zu anderen Waren, lässt sich doch daraus die Organisationsform der gesellschaftlichen Arbeit ableiten, wodurch dem Rock schließlich nichts weniger entschlüpft ist als die nackte Wahrheit der Totalität menschlicher Lebensentäußerungen […]‘1 und so weiter.

Ich dachte darüber nach, ob sich der Text besser begreifen ließe, wenn man bei dem Wort ‚Rock‘ nicht an Silkes Kleidung, sondern an ihre Pop-Zeit dächte, und ersetzte versuchsweise das Wort ‚Rock‘ durch den Begriff ‚ey, Baby!‘. Dann ging ich ins Wasser.

1 Quelle: Robert Menasse: ‚Phänomenologie der Entgeisterung. Geschichte des verschwindenden Wissens‘, Suhrkamp

Foto: Privatarchiv H. R.

Nachts kühlt es fast immer auf 35 Grad ab, tagsüber besteht es auf über vierzig. Nur das Wasser hat frische 31 zu bieten.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Ich, dem von meinem verschiedenen Freund Pali – Gott hab’ ihn selig! – eine gewisse Scheu vor der Körperpflege nachgesagt wurde, salbe stundenlang an mir herum: Die carpaccioartigen Stellen wie Stirnglatze und Schultern werden mit Glibber bestrichen; für die normale Krebshaut belasse ich es bei Dopo-Sole-Solution. Wenn ich mich unterm Sonnenschirm vortraue, habe ich eine Spraydose mit astronomischem Sonnenfaktor über mir leergesprüht, aber die ganzen ultraviolett-abweisenden Astronautenduschen richten ja nichts aus gegen den Boden unter den Füßen, auf dem man sich wie Schneewittchens Stiefmutter vorkommt, die, Grimms zufolge, in glühenden ‚Krupp‘-Pumps tanzen musste.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Gegen die Abschürfungen an Zehen und Fußspann, hervorgerufen durch zwar Ästheten blind machende, jedoch unerlässliche und deshalb am Strand überteuert erhältliche Pantinen, deren Riemen sich mit dem Sand zu feinster Schmirgelware vermählen, helfen dann wieder andere Wundsalben, die aber ständig neu überpflastert werden müssen (bei mir derzeit drei pro Fuß), damit man sich ohne Rollstuhl zu Lidos Ku’damm bewegen kann. Fast möchte man Aschenputtels Stiefschwestern beneiden, die ja ihrer Zehen und Hacken um weit größerer Versprechungen willen verlustig gingen. Kein Mensch passt noch in seine Schuhe. Die Tauben kommen vor lauter ‚Ruckediku‘-Gegurre gar nicht mehr dazu, den Müßig-Gängern auf die Köpfe zu kacken, bevor sie ihnen zur Cocktailstunde an der Viale Santa Elisabetta knapp zwischen Nase und Negroni hindurch in die Erdnüsse sausen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Irene macht nach ihrem zimperlichen Aufbruch alles heroisch mit. Sie habe den ersten Sonnenbrand ihres Lebens, sagt sie und wundert sich auch sonst über so einiges: Welcher Wochentag heute wohl ist, dass mein Zimmerschlüssel nicht in ihre Tür passt, wo sich ihr Badeanzug befindet (in ihrer linken Hand) und warum die Touristen nicht eleganter angezogen sind.

Fotos (6): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: puhhha, ADragan, photo-lime, ponsulak

33 Kommentare zu “#19 – Wüstensommer

      1. Den Moment wenn der Frühstückssaal schon langsam leer wird und man dort noch ganz ruhig 15 Minuten sitzen und Kaffee trinken kann mag ich auch. Wenn die Stühle hochgestellt und der Staubsauger angeschaltet werden, kehrt sich die Stimmung aber auch schnell wieder um.

    1. Ich kenne es eher so, dass die Stimmung schon mindestens eine viertel Stunde vor Ende des Frühstücks kippt. Aber wahrscheinlich ist der Zeitplan des Personals so eng, dass man denen auch kaum einen Vorwurf machen kann.

      1. Es gibt halt auch einen Unterschied ob man verschläft und unten nachfragt ob man vielleicht noch einen Kaffee bekommen könnte, oder ob man mit Absicht 2min vor Schließung eintrudelt und sich dann die Teller is zur Kante voll knallt.

  1. Frühstücksbuffets in Italien sind prädestiniert für die verschiedensten Scheußlichkeiten. Und das in einem Land, wo es sonst die leckersten Leckereien gibt.

    1. ICh habe in einem privaten Bed & Breakfast in Venedig mal unglaublich gutes Frühstück bekommen. Die Eigentümerin war Köchin und hat jeden Morgen für mich in der Küche gestanden.

      1. Zu jeder Ausnahme gibt es mindestens eine Regel. Das ungenießbare, schlaffe Brötchen mit ranziger Butter während der 60er Jahre in Italien kann sich jedenfalls kein Hotel mit Gästen von jenseits der Alpen mehr leisten.

  2. Das stundenlange herumgesalbe kann ich total gut nachvollziehen. Das Bedürfnis habe ich eigentlich auch wenn ich in den Spiegel schaue, trotzdem bin ich oft zu faul dazu. Selber schuld.

      1. Hmmm, vielleicht, dass die Grenzen wieder geöffnet sind und dass es grundsätzlich wieder möglich sein wird unbekümmert zu reisen. Und dass man manches Business-Meeting trotzdem über Zoom abhält anstatt schnell für einen Nachmittag von Hamburg nach München zu fliegen.

  3. Ach Essen muss man sich doch nicht verdienen. Ich mag das Frühstück eigentlich sehr, weil man damit den Tag so sanft beginnen kann. Eine Tasse Kaffee, die Tageszeitung, dazu ein Brötchen mit Ei, lecker.

    1. Unverdientes lässt sich natürlich wie geklaute Äpfel erst recht genießen. Manchen macht es auch besonderen Spaß, fremdes Geld auszugeben. Wahrscheinlich sind so die Steuern entstanden.

      1. Der Reiseführer in der Hand wäre ja schon einmal besser als sich im All-Inclusive-Hotel zu betrinken.

    1. „Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.“ 😉

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