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0805
In der Blase  —   Süd nach Südost

#13A – Wo überall mir Tattoos fehlen

Als Reiseführer bemühe ich mich, nicht allzu weihevoll zu sein, weil ich salbungsvolles Getue auch bei anderen Menschen schwer aushalte. Dennoch fühle ich mich dafür verantwortlich, die tägliche Langeweile zwischen Lobby und Liegestuhl so gering zu halten, dass nicht der Sinn der ganzen Reise unvermittelt auf dem Prüfstand steht.

Deshalb: ein Ausflug aus der Emilia-Romagna in die Marche. Guntram, Irene und ich, September 1998. Noch etwas eher, nämlich im 6. Jahrhundert, in der Zeit der Gotenkriege also, wurde Urbino zu einer wichtigen strategischen Festung. Obwohl Pippin, den wir ja schon aus Rimini kennen, Urbino an den Papst verkaufte (wie geht das?), strebte die Stadt weiter nach Unabhängigkeit, lese ich heraus aus Wikipedias Beitrag.1 Unabhängig sein zu wollen, finde ich nicht besonders bemerkenswert, will doch jeder – und von einem ‚Pippin‘ (für dumm) verkauft zu werden, das hätte ich mir auch nicht gern gefallen lassen, zumal Pippins Beiname ‚der Kurze‘ nicht von besonderer Ehrerbietung zeugt.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Wir überspringen siebenhundert Jahre, um gleich zu Federico da Montefeltro zu kommen. Seine Regierungszeit reichte von 1444 bis 1482. Laut Wikipedia war er ‚ein vorsichtiger Diplomat und ein Förderer von Kunst und Literatur‘2. Ich kenne ihn schon lange und seine Frau auch. Ihre beiden Porträts hat jeder schon mal gesehen, der nicht in der Gotik stehen geblieben ist oder den frühen Picasso für einen Alten Meister hält.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Ich parkte oberhalb des Zentrums, so nah wie möglich am Hauptweg, der Fußgängern vorbehalten war. Wir mussten eine sehr lange, ziemlich steile Treppe heruntergehen. Irene und ich, wir erschlossen uns die Stadt: Weltkulturerbe. Guntram blieb zunächst vor seinem Aperitif sitzen, aber dann kam er doch mit zum Dom, musste also anschließend die ganze Strecke bis zum Auto wieder zurücklaufen. Ich merkte, wie stolz er war, diesen Ausflug gemeistert zu haben, ermessen konnte ich es damals nicht.

2018. Rafał parkte auf der gegenüberliegenden Seite. Ich taperte mal von ihm, mal von Silke geleitet die Stufen hinab. Ich sah abwechselnd auf den von Luciano Laurana gebauten Palazzo Ducale und auf die unsicheren Füße unter mir. Weltkulturerbe. Erst ein Drink mit Aussicht im Schatten, dann in den ersten Stock eines Bürgerhauses: ‚Antica Osteria da la Stella‘. Gut gegoogelt, fanden wir. Den Gästen sah man an, dass sie mehr Federico da Montefeltro zugeneigt waren als dem stabilimento balneare (Teutonengrill). Nicht voll, nicht leer. Nicht heiß, nicht kalt. Unaufdringlich, aber nicht unpersönlich. Gutes Essen, gute Gesellschaft, guter Eindruck.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Der Weg zurück. Hitze, Stille. Guntram hätte in dem Alter, in dem ich jetzt bin, diese Strecke spielend mit der ihm eigenen Rastlosigkeit zurückgelegt. Und selbst damals, vor zwanzig Jahren, mit achtundachtzig, hat er sich geschickter angestellt, als ich es heute tue. So kommt es mir jedenfalls vor. Ich leiste Abbitte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Zurück ans Meer und zurück zum ‚Club Nautico‘. Nun wieder mit Silke. Am liebsten würde ich morgen nochmal hierherkommen. Aber für Silkes Geburtstag hatte ich natürlich schon in Hamburg etwas Außerordentlicheres vorgesehen. Gern hätte ich meinen eigenen Plan revidiert. Publikum, Kellner, Speisen – schöner als hier könnten wir es doch gar nicht haben. Aber Silke und Rafał waren erlebnisdurstiger als ich, und so gab ich nach und es blieb bei der Wahl, die ich vor über drei Monaten selber getroffen hatte.

Fotos (15): Privatarchiv H. R.

Der nächste Tag überraschte nicht: Es war so heiß wie zu erwarten, und Silke hatte Geburtstag, das wusste ich auch schon seit 42 Jahren. Sonst lag tagsüber nichts an – eine ganz besondere Herausforderung, denn meine akribische Planung ist der Gegenpol zu meinen mutwilligen Auftritten und Austritten. Doch nicht alles an meinem Verhalten ist unangenehm. Ich mache gern Überraschungen, sie werden auch von mir erwartet, deshalb ist es immer die größte Überraschung, wenn ich mal keine Überraschung auf der Pfanne habe.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zutaten brauche ich wenige. Ich ritze mich nicht: weder aus Selbsthass noch um mich zu spüren – notfalls eben im Schmerz. Ich spüre mich mehr als genug. Ich trage keine Ringe, weder im Ohr, noch in der Nase, noch in einer meiner Lippen, noch in der Zunge, noch in einer oder beiden Brustwarzen, nicht mal im schrumpeligen Sack oder gar in des Schwanzes Endglied. Tattoos habe ich auch nirgendwo, obwohl ich mit denen sprachlos zur Schau stellen könnte, wer ich bin oder als was ich mich sehe. Sprachlosigkeit ist aber ja sowieso nicht so meins. Darum schreibe ich.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Beschreiben muss ich aber von diesem 3. August erst den Nachmittag.

Der Wagen wurde so geparkt, dass Hoffnung bestand, ihn bei unserer Rückkehr unabgeschleppt wieder vorzufinden. In der Zeit dazwischen sollte und wollte ich einen halbwegs umfassenden Eindruck von Riminis gegenwärtigem Zustand bekommen. Downtown auf Italienisch. Fußgängerzonen sind nicht gewachsen wie die Städte um sie herum, sondern es sind ausgedachte Zonen, armselig, selbst mit teuren Läden.

Dann fuhren wir erneut ein ziemliches Stück weg vom Meer ins Inland. Wichtig ist es, sich niemals zu fragen, ob sich eine Mühe, die man sich macht, lohnt, denn sonst lohnt sich bald gar nichts mehr: Einkaufen, Zubereiten, Abwaschen – dauert alles viel länger als das Kauen und Schlucken. Sich aufbrezeln, losziehen, anbandeln, Komplimente machen, einladen, Sektflasche öffnen, rumknutschen dauert alles viel länger als der Orgasmus. Immer muss der Weg das Ziel sein – besonders krass beim Schreiben und Filmen gegenüber dem Hören und Sehen. Erst recht zwischen jahrelangem Training und dem einen Moment auf dem Siegertreppchen – Geduld allein ist da zu wenig. Talent, Fleiß, Zufall braucht es auch. Glück hat, wer für etwas brennt und nachher aus der Asche noch den Erfolg herausliest. Die Fahrt bot hinlänglich Zeit, solche und andere Gedanken kreisen zu lassen. Silke und Rafał redeten kaum, waren aber nicht beunruhigend ruhig. Links die Hügel, rechts die Ebene. Wie gut muss es nachher schmecken, um dafür eine so lange Strecke zurückzulegen? Hilfreich ist es, solche Fragen zurückzulegen in die Schublade der unerwünschten Gedanken.

Foto: Privatarchiv H. R.

Trotz knapper Beschilderung war es nicht schwer, ‚Il Chiosco di Bacco‘ in der Ortschaft Poggio Torriana aufzuspüren: ‚Nel mezzo del nulla‘, heißt das auf Italienisch. Wir betraten einen gut gepflegten Schrebergarten. Interessant war die Anzahl der Gäste – nulla. Wir machten es uns auf komfortablem Gestühl bequem und bekamen zu trinken, was wir bestellt hatten, dazu Appetitanreger, die wir nicht bestellt hatten, aber – zumindest mit Blicken – würdigten.

Foto: Privatarchiv H. R.

Als wir schon an dem uns zugedachten Esstisch saßen, kamen doch noch ein paar Leute. Das mag ich immer sehr: Da weiß man doch gleich, dass man unterwegs ist und nicht zu Hause. Die Mahlzeit war wirklich ausgesprochen gut. Für Menschen mit Appetit lohnte sich der Weg. Rafał konnte wegen seiner Fahrdienst-Bereitschaft wenig Wein trinken. Silkes Weinkonsum war der übliche: nulla. So blieb wieder alles an mir hängen. Dass ich einen unförmigen Bauch habe, liegt weiß Gott nicht am Essen. Aber am Trinken. Wen juckt’s?

Foto: Privatarchiv H. R.

Es half alles nichts. Ich kam nicht herum um das Eingeständnis: Lieber hätte ich den Abend am selben Ort wie gestern und vorgestern verbracht. Publikum, Kellner, Speisen. Auf Publikum und Speisen hätte ich zur Not verzichten können. Aber ich sagte nichts: Das ist die erfolgversprechendste Methode, um nicht missverstanden zu werden.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Claudio Giovanni Colombo (Kathedrale in Urbino), FXQuadro (Mann mit Tattoos)

31 Kommentare zu “#13A – Wo überall mir Tattoos fehlen

  1. Ein Glück, dass nicht alles an Ihrem Verhalten unangenehm ist 😉 Sonst hätten wir wahrscheinlich auch weniger angenehmes zu lesen.

  2. Auch wieder so ein Spruch, den man sich direkt hinter die Ohren schreiben sollte: Wichtig ist es, sich niemals zu fragen, ob sich eine Mühe, die man sich macht, lohnt!

    1. Manchmal ist der Weg aber auch genauso erfüllend wie das Ziel. Was wäre eine Reise ohne Vorfreude, was wäre ein Orgasmus ohne Vorspiel? Je kürzer die Belohnungsphase, desto wichtiger der Built-up, wenn Sie mich fragen.

      1. Mainstream sicherlich. Aber spießig bestimmt nicht. Außerdem wird man doch nicht durchs Tattoo cool. Da muss schon die ganze Attitude stimmen.

      1. Das stimmt. Und doch unterscheiden sich auch die teureren Ecken immer weniger vom Rest. Die Luxus-Malls, die ich von einigen Geschäftsreisen in China kenne, sehen nämlich auch nicht viel anders aus, als jede andere Standard-Shoppingmall.

      2. Ein bisschen alte Bausubstanz von Andrea Palladio oder Albert Speer zwischendurch hilft der Fußgänger-Zone natürlich mehr als alles einheitlich aus der Xi Jinping-Periode. Etwas Ming-Dynastie müsste schon sein.

    1. Ein Nebeneffekt der Globalisierung ist jedenfalls, dass die Fußgängerzone in Rimini sich nicht mehr so richtig von der in Münster unterscheidet. Jedenfalls tun Douglas und H&M ihr Bestes.

  3. Tja, wer gerne und häufig Überraschungen macht, von dem erwartet man sie irgendwann fast selbstverständlich. Welch absurde Situation.

    1. Ist doch auch interessant, wie unterschiedlich die Perspektiven sind. Auf der einen Seite die freudige Überraschung, auf der anderen Seite drei Monate Planung. Aber wie es im Text steht, über die ‚Mühe‘ muss man sich am Besten gar keine Gedanken machen.

  4. Ich würde behaupten, nichts sagen kann manchmal genauso zu Missverständnissen führen, wie etwas falsches zu sagen. Das Foto von Ihnen beiden ist übrigens sehr hübsch.

    1. Unerfüllbare Wünsche zu verschweigen, kann nichts schaden. Bei Anschuldigungen stumm zu bleiben, schon.
      Auf dem Foto mache ich – wie so oft – die Habsburger Lippe. Schlechte Angewohnheit.

  5. Was ist denn eigentlich dieser ’neue‘ Tattoo-Trend? Es kann ja nicht sein, dass sich die jüngere Generation so viel mehr spüren muss, als wir es früher getan haben!?

    1. Als alter Knacker sage ich: der Drang zur Selbstoptimierung, zur Selbstdarstellung , zur Preisgabe seines Innersten (falls da was ist) unter Jungmenschen war noch nie so groß. Ob mein Blog nicht ähnliche Absichen verfolgt, lass ich mal offen.

      1. Ich frage mich allerdings schon, wie viele der Spontanstecher die Entscheidung im Nachhinein bereuen.

  6. Die These, dass jeder unabhängig sein will, halte ich für gewagt. Als Idee vielleicht. Aber eigentlich will die Mehrheit der Menschen doch durch ihr Leben geführt werden.

    1. Die meisten scheinen jedenfalls aufzuschreien, sobald ihre Persönlichkeitsrechte, Datenschutz, etc. verletzt werden. Sich über Politiker und andere „Führer“ aufzuregen ist leicht, selber die Sachen in die Hand nehmen deutlich schwerer.

      1. Deshalb finde ich es umso bemerkenswerter, dass die nächste Generation politisch wieder viel aktiver wird. Die „Fridays for Future“ (Klimawandel) und der „March for our Lives“ (Waffengewalt) machen doch erst einmal Hoffnung.

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