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In der Blase  —   Süd nach Südost

#9 – Die Tücken des ‚Grand Hotels‘

Nach unserem Unbesuch 1967 gab es eine Pause von einunddreißig Jahren, bevor meine Füße wieder Rimini-Boden betraten: 1998. Davon gibt es wieder kein einziges Foto, aber mein Tagebuch. Das ist ja viel authentischer als alles, was ich mir jetzt nachträglich zusammenreimen könnte.

Während ich mir am fünften September morgens ausmalte, wie Rimini letzte Vorbereitungen zu unserem Empfang traf und Fellinis letztes Domizil für Guntram die deutsche Fahne hisste, galt es, in Meran bei strömendem Regen das Gepäck, das mehr nach sechs Monaten Australien als nach zwei Wochen Adria aussah, im Auto zu verstauen. Dann fuhren wir los. „Ich bin klitschnass!“, sagte Guntram. Was glaubte er denn, was ich war? Seinen Vorwurf machte Guntram aber, Gott sei Dank, weniger mir als Gott. Hinten rubbelte Irene still an sich herum. Unter dem schützenden Dach der ersten Tankstelle wechselten wir das Öl und die Kleidung, was innerhalb unserer Gepäckstücke eine gewisse Verwirrung stiftete. Guntram war sowieso beleidigt, weil ich sechs (betagte) Edel-Sakkos aus Palis Nachlass mithatte und er nur zwei günstig selbstgekaufte, aber ich sagte patzig: „Wo soll ich sie denn sonst tragen, wenn nicht da? Im Meraner ‚Forsterbräu‘?“

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Das Schöne an einer Reise mit dem Auto ist, dass man nicht alles in Koffer pressen muss wie bei Schiene oder Wolke. Diese Einsicht hatten wir wohl alle drei gehabt, so dass neben den umfänglichen Gepäckstücken nicht nur meine sechs Sakkos lose lagen, sondern auch Guntrams Schuheauswahl für Berg und Tal, für Sandstrand und Speisesaal; auch Irene wusste, dass man am Meer einen anderen Hut trägt als am Nachmittag und dass man bei Bewölkung etwas anderes auf dem Kopf haben muss als bei Nieselregen. Keine Frage, wir befanden uns auf großer Fahrt. Jedem, der einen Blick dafür hat, musste klar sein, dass wir von Sizilien aus übersetzen wollten nach Afrika und dass wir bis runter nach Kapstadt im jeweils ersten Haus am Platze abzusteigen gedachten.

Foto oben: Creative Lab/Shutterstock | Foto unten links: Venus Angel/Shutterstock | Foto unten rechts: Privatarchiv H. R.

Guntram drückten seine neuen ‚TOD’S‘-Schuhe noch mehr als seine Ängste vor Rimini. Schlechtes Wetter schlägt ihm immer schrecklich aufs Gemüt. Entweder würden wir in den weitläufigen marmornen Hallen des ‚Grand Hotels‘ zwei Wochen lang Skat spielen müssen oder morgen abreisen, und ich hätte sofort meine Kreditkarte zu sperren, damit sich das Hotel für unser Verschwinden nicht würde rächen können.

Foto oben links: Zubair Malik/Shutterstock | Foto oben rechts: Privatarchiv H. R. | Foto unten: Sonate/Shutterstock

Wenn Guntram beim Skat verlieren sollte, würde er krank, unausweichlich: Es fängt bei der ersten Runde mit Magenbeschwerden an und steigert sich, je nach Blatt, zu Herz-Sensationen oder Ziehen in der Leistengegend. Wenn ich verliere, trinke ich noch mehr als sonst – das ‚Sauf-nicht-so-viel!‘ meiner Mutter gießt da nur Öl ins Feuer – und immer schon bekam ich unkontrollierte Wutanfälle, die auch für Blumenarrangements und Vinylschallplatten zur Bedrohung werden können. Meist gewinnt sowieso Irene, weil sie die besten Karten hat, und sie streicht gemächlich, mit dem ständigen Satz auf den Lippen „Ich weiß gar nicht mehr, wie man das spielt, was ist Trumpf?“, einen Stich nach dem anderen ein.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Doch immer wieder bietet das Leben selbst da noch Steigerungen, wo man sie nicht mehr erwartet: Zwischen Trient und Verona wurde der Wolkenbruch so undurchdringlich, dass man die sprichwörtliche Hand vor Augen nicht sah, geschweige denn die realen Scheibenwischer.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Aber – so will man es haben: Die Po-Ebene war trocken wie mit Pampers gewindelt, und ab Bologna blendete die Sonne vom wolkenlosen Himmel beinahe noch störender, als vorher der Regenguss es vermocht hatte.

Das ‚Grand Hotel di Rimini‘ ist trotz Fellinis würdevollem Tod dort nicht direkt mit dem ‚Excelsior‘ auf dem Lido zu vergleichen. Eher drängen sich beim Betrachten der bröckelnden Fassade und erst recht beim Betreten der Halle unabweislich Assoziationen an das ‚Interhotel Sofia‘ auch dem Gast auf, der noch nie in seinem Leben in Bulgarien war.

Foto: pxhere (nachträglich koloriert)

Aber die Zimmer waren groß genug, die Minibar leidlich bestückt und die Bäder ansprechend gekachelt. Ich ließ mir nach der wechselbädrigen Fahrt gleich ein Wannenbad ein. Das Wasser war sehr braun, aber ich ging mal davon aus, dass das Rost war.

Wir hatten, von mir ausbedungen, Zimmer zum Meer, obwohl Irene gesagt hatte: „Das brauch ich nicht. Ich kann auch zum Parkplatz schlafen. Hauptsache, das Bad ist groß genug, damit ich meine Sachen unterbringen kann.“ Was sie ‚Sachen‘ nennt, sind diverse kosmetische Utensilien, vor allem aber Medikamente gegen alles, vom Wundstarrkrampf bis zur Lebertranallergie; Salben zum lichtlosen Bräunen wie gegen Sonnenbrand. Tinkturen gegen Sonnenstich, Bienenstich, Mückenstich. Dass Guntram dann vom Wind eine Irisreizung bekommt und Irene ausgerechnet die Okulartropfen in letzter Sekunde doch noch zu Hause gelassen hatte, um nicht zu viel mitzuschleppen, führt einem wieder mal die Vergeblichkeit menschlichen Mühens vor Augen. Dabei: Wenn Irene Noah gewesen wäre, hätte sie alle Tiere ersaufen lassen und stattdessen ein Paar Stützstrümpfe, ein Paar Wadenwickel (für Guntram); Psychopharmaka – ein Paar von jeder Sorte (für sich); ein paar Schmerztabletten (für alle Fälle) – und viele Paar Ohrringe mitgenommen. Unbarmherzig?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ich war zunächst entrüstet, ein Zimmer im ersten Stock zu haben. Das, was früher mal ‚Beletage‘ hieß, heißt doch jetzt nur noch: direkt überm Pool, direkt an der Straße, die ja heute fast überall auch bessere Hotels vom Strand trennt, um demokratischerweise der Allgemeinheit zu gestatten, die schnurgeraden Promenaden mit frisierten Motorrädern entlangzudonnern. Motto: Ich rauche Zigarre, wo ich will; du kannst dir die Nase zuhalten, wo du willst – das ist Freiheit.

Foto oben: Lakshman Jung Khadka/pexels | Foto unten: RestonImages/Shutterstock

Aber der Pool war kaumbesucht, die Straße wenigbefahren: Nachsaison. Vor meiner Balkontür dehnte sich jenseits des für mich seitlich abgeschirmten Gevierts eine riesige Terrasse mit wunderbarer Balustrade. Ich hatte alles für mich, niemand sonst ließ sich da blicken. Es gab ein Tischchen mit zwei Stühlen, einen Liegestuhl, Campari aus dem Kühlschrank, der Pool war aus meinem Winkel weder zu sehen noch zu hören, die Straße auch nicht. Oberhalb der jugendstiligen Balustrade gab es nur das Grün der Mimosenbäume und darüber das Blau des Himmels. Trat ich näher an den Rand der Terrasse, so konnte ich auch den Strand und die See zwischen den Mimosen hindurchschimmern sehen. Links nicht viel, rechts die Bucht, deren Bogen in eine Hügelkette anstieg. Über mir die beiden Balkone meiner Eltern, die auf diese Weise mündlich mit mir verkehren konnten, und was noch praktischer war: Sie hatten eine Verbindungstür zwischen ihren beiden Zimmern, so dass insgesamt für ausreichend Kommunikation gesorgt war. Daneben gab es natürlich auch noch Telefon im Zimmer.

Foto oben: lindasky76/Shutterstock | Foto unten: Galazveruga/Shutterstock

Die Tage verliefen geregelt. Ältere Leute wie wir schätzen das. Ein Aperitif in Riminis Fußgängerzone und ein Tagesausflug in Raffaello Santis Geburtsstadt Urbino bildeten die beiden Extravaganzen eines ansonsten eher überschaubaren Tagesablaufs: Sehr pünktlich ruft Guntram an bei mir: „Wir sind jetzt fertig. Wie weit bist du?“

Foto: hxdbzxy/Shutterstock

Ich sage: „Ich bin gleich unten“, verschweige, dass dies ein Weckruf war, vergewissere mich, dass mir mein Stündchen wirklich geschlagen hat: 9:15 Uhr, springe aus dem Bett in meine Kleider und bin über die Treppe etwas schneller in der Halle, als meine Eltern mit dem Fahrstuhl eintreffen. „Wie habt ihr geschlafen?“, fragt einer, und die beiden anderen antworteten „schlecht“, dann geht es zum Frühstücksraum.

Foto: JasminkaM/Shutterstock

Der Kellner grüßt scheinbar diensteifrig und zeigt auf einen Tisch, der viel zu dicht an der Tür, also im Durchgangsverkehr, liegt. Irene empfindet bereits den Vorschlag als Zumutung und wählt unbeirrt einen Tisch am Fenster, wo es erwartungsgemäß zieht, aber nachdem Irene – „Wirklich, mir macht das nichts aus!“ – mit Guntram die Plätze getauscht hat, kann das bestellt werden, was am Büfett nicht zu haben ist: Tee und Eier.

Foto: Kartashov Stas/Shutterstock

Der Tee war immer zu wenig, die Eier immer zu weich, egal wie viele Minuten man vorgab. Man hätte meinen können, das Küchenpersonal legte sie – je nach Wunsch – vier, fünf oder sechs Minuten ins kalte Wasser, aber so konnte es auch nicht sein, weil sich Guntram regelmäßig die Finger an seinem Ei verbrannte. Dann stach er mit dem Löffel in die Schale, und der Glibber lief über seinen ganzen Teller. So ging das bis zum letzten Tag. Irene war in der zweiten Woche auf Rührei umgestiegen, von dem sie glaubte, dass es mit Wasser verquirltes Pulver sei. In der Tat, kein Huhn der Welt hätte sich mit der kartoffelbreiartigen Masse identifiziert, die da mit scheinheiligem Lächeln vor sie hingestellt wurde. Dafür aß Irene, wenn Guntram sein zweites Brötchen verputzt hatte und zum Käse überging, meist noch ein Stück Torte: Mal Nuss, mal Aprikose – bei Süßem kann sie nicht so leicht Nein sagen wie sonst, wenn sie etwas gefragt oder gebeten wird.

Foto: Tei Sinthip/Shutterstock

Meistens wurde ich gehalten, noch eine Kanne Tee nachzubestellen. Deren Inhalt zwängten sich Guntram und Irene mit Mühe rein, weil sie nachbestellt war, und deshalb galt: Es wird getrunken, was auf den Tisch kommt! Das Wetter war fast immer gut, so dass höchstens Verdauungsprobleme einem Aufbruch zum Strand im Wege standen.

Foto: asifakbar/Shutterstock

Schon auf dem Weg zum Fahrstuhl äußert Irene gedankenverloren: „Es hat sich beinah ein Gefühl entwickelt, als ob ich Durchfall kriege.“ Ich mache dann ein teilnahmsvolles „Ach“. Guntram runzelt eher die Stirn, weil er – wie früher nie, jetzt aber so oft – mit Verstopfung rechnet. Sie sind beide eingekeilt in ihr eigenes Befinden, was traurig, aber nicht zu ändern ist und mir ausreichend Zeit lässt, mich zu rasieren, zu waschen, einzucremen und auf der Terrasse ein erstes Sonnenbad zu nehmen, bevor Guntram Julia-artig auf seinem Balkon über meinem erscheint und Bereitschaft signalisiert.

Foto oben: mk1one/Shutterstock

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: nikitabuida (Badekappe), Ljupco Smokovski (Liegestuhl mit Schirm), Vladimir Sazonov (‚Grand Hotel Rimini‘)

37 Kommentare zu “#9 – Die Tücken des ‚Grand Hotels‘

  1. Haha, Irene beim Skatspiel klingt sehr nach meinem Bruder. Ich weiss bis heute nicht, ob das eine Masche oder eine unendliche Glückssträhne war.

      1. Ob ich ein schlechter Verlierer war, weiß ich nicht. Aber ich war ein ziemlich wütender. Ich riss Blumen aus den Töpfen, zertrampelte Schallplatten und brüllte ohne Rücksicht auf meine Umgebung wie ein Stier.

  2. Urrrgh, Pulver-Rührei im Hotel gehört mit zum Fiesesten, was man auf Reisen vorgesetzt bekommt. Warum man das nicht frisch an den Tisch bringt, ich verstehe es nie.

      1. Die Sterne werden wohl mehr für Bettlaken und Klospülung vergeben als für die Gestaltung von Hühnerprodukten. In Florenz gibt es den Hotelstern seit 1334. Wie damals wohl die Eier schmeckten?

      2. Das stimmt wohl. Auch große teure Hotels haben manchmal sehr durchschnittliches Frühstück. Oft wird durch Masse wettgemacht was an Klasse fehlt. Dafür gibt es auch mal kleine Herbergen, die einen sehr überraschen.

  3. Ich denke auch immer, dass Empfangsvorbereitungen im Gange sind wenn ich irgendwo hinreise. Also so ein bisschen zumindest. Schöne Vorstellung, nicht?

      1. Im Hotel wie im eigenen Bad ist der Empfang am Mittag noch netter, wenn schon jemand (notfalls ich selber) die Spuren der abendlichen und morgendlichen Nutzung beseitigt hat.

      2. Das ist das schönste am Hotelleben … dass einem nonstop alles hinterhergeräumt und saubergemacht wird.

      3. Der Putzmann, der mir einmal die Woche die Wohnung sauber macht, ist die beste Investition meines Lebens

    1. Immer wieder spannend zu erleben, welche Filme (und überhaupt alle Kunstwerke) mit der Zeit eindrucksvoller werden und welche verblassen. Manches hat nur im Augenblick seine Berechtigung oder zumindest seinen Ankratz, manches bleibt und manches wird erst später in seiner Bedeutung erkannt. Die Gewissheit dieser Unwägbarkeit finde ich sehr ermutigend.

      1. Der Trost: ihr ungeliebter Göhte wird wohl trotz des Kassenerfolges nie in die Kategorie eindrucksvoller Werke fallen.

      1. Tja die großen Airlines werden noch ganz schön lange mit der Krise zu tun haben. Lufthansa kappt Germanwings, Alitalia sowie Air France / KLM bekommen ebenfalls Staatshilfen. Ob sich das überhaupt wieder einpegeln wird?

      2. Es warten immer noch alle darauf, dass wir wieder zur Normalität zurückkehren. Vielleicht muss man sich auch einfach damit abfinden, dass dies nicht passieren wird.

  4. Ja, Zuhause auch. Als mein Vater (Frühaufstehen) 70 war, also meine Mutter (Langschläferin) 60, fanden sie das bequemer. Und bei den ganz wenigen Reisen später leisteten sie sich das auch unterwegs. Nähe, wenn man „auf“ ist, und Ungestörtheit, wenn man schlafen will, das ist eine gute Kombination, die Sex nicht ausschließt. Die Beruhigung neben einem geliebten Menschen einzuschlafen und aufzuwachen hält selten lebenslänglich. Der Frust, neben Schnarchern wach zu liegen, ist beständiger.

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