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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#39 – Bezahlen

Fortsetzung 1975:

Der Wagen bremste scharf und quietschend. So ist das in Italien. Wozu vorher abbremsen, das kostet höchstens Zeit, die man besser nutzen kann – zum Beispiel sich mit gelangweiltem Blick in eine gut sichtbare Ecke stellen. Wir stiegen aus. Es war ein rundes schlohweißes Gebäude. In der matten Nacht schimmerte es verheißungsvoll. Von drinnen brodelte Musik heraus.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wir gingen hinein, zahlten artig unsere 1.500 Lire und bekamen einen Verzehrbon. Im Innern war es dunkler als draußen. Die betäubende Mondnacht wurde im Lärm betäubt, ein künstlich zuckender Zustand zwischen Nacht und Nichts, wo Musik und Menschen rhythmische Signale geben, Gläser und Blicke klirren und die Raumaufteilung das Chaos der Durcheinanderlaufenden und -tanzenden zum Stilprinzip erhebt. Im Dampfen der Körper erkannte ich die Serviererin, die meinen Freund so gefesselt hatte. In T-Shirt und Hose, beides weiß, wirkte sie sehr anders, aber genauso elementar weiblich.

Es tat mir leid, dass er nicht da war, und so mir statt seiner etwas in den Schoß fiel, was mein Schoß nicht zu würdigen wusste.

Foto: geralt/pixabay

Marcello, der Kellner mit der getönten Brille, bahnte uns einen Weg und sicherte uns beiden einen Platz. Ich sollte sitzen bleiben, während er die Drinks von der umdrängten Bar holte. Aber ich folgte ihm, und das war gut so, denn die Verzehrbons reichten nicht aus. Ich legte 1.000 Lire dazu. Am Tisch wollte er mir seine 500 wiedergeben. Natürlich lehnte ich ab. Kann man jemandem nach einem solchen Freundschaftsbeweis später am Abreisetag ein Trinkgeld zustecken wie einem Lakaien?

Foto: fradellafra/pixabay

Neben mir saß ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen. Ich redete auf sie ein, und alles, was ich ihr durch die lärmende Musik hindurchschrie, versackte in der tauben Weichheit ihres lächelnden Gesichts. Als für mich feststand, dass das Geheimnisvolle ihres Ausdrucks nicht eine Frage der Persönlichkeit, sondern des Augenschnitts war, forderte ich sie auf, zu tanzen. Erst wollte sie nicht. Die Vorsicht italienischer Mädchen muss mehr Gleichgültigkeit als Scheu sein, und die schmalen Jungen umschwärmten sie halb blind wie Kater die Baldrianflasche. Sie sind eben alle genauso gut wie ihr Ruf.

Wir reckten uns auf der Tanzfläche in alle Richtungen. Es war ein großes Gemeinschaftsrucken, das kaum partnerbezogen war. Bald war ich so nass wie die anderen. Wir badeten.

Foto: Maurício Mascaro/pexels

Salvatore zuckte mich an, und ich zuckte zurück, und obwohl mir die Idee, mit Männern zu tanzen, immer noch seltsam vorkommt, ist es doch besser, als zur Masse der Wippenden und Schlenkernden zu gehören, die einander erst auffordern, und dann, wenn sie gemeinsam die Tanzfläche betreten haben, schließlich unentwegt aneinander vorbeisehen wie Tunten im Park, die sich befummeln, aber kein Gefühl einsetzen wollen.

Marcello tanzte mit der Fraulichen und zu mir hin und ich mit ihnen, mit ihm, und Rhythmus und Situation erfassten mich und wirbelten mich nass gegen ihn.

Foto: Rod Long/unsplash

Irgendwann setzten wir uns zum Trocknen in das Geschummere, wo Salvatores Freunde auf bequemen Hockern kauerten. Ich holte für Salvatore und mich einen Gin Tonic. Zu mehr reichte mein Geld nicht. Dass ich überhaupt welches mithatte, war Zufall. Mondschein am Strand gibt es ja meist kostenlos. Marcello redete handgreiflich auf die Frauliche ein, die sich überartig gab, und mir kam der Verdacht, dass sie wirklich überartig war.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ein Junge, Anfang zwanzig, saß traurig am Rande. Der Krach machte ihn hungrig. Er wollte aufgegabelt werden. Er sah mich an. Ich überließ ihn den anderen. Mit ihnen sollte er schlafen oder nicht, homo- oder heterosexuell sein – normal würde er nie werden, wenn ‚normal‘ bedeutet, die Dinge so zu sehen, zu nehmen, zu leben, wie die Mehrzahl der anderen es tut, und jede andere Bedeutung des Wortes wäre abwegig – anormal.

Ich hätte gern noch etwas getrunken oder sie zu etwas eingeladen. Sie ließen schon das Glas, das ich Salvatore gebracht hatte, reihum gehen. Aber ich hatte kein Geld mehr.

Foto (Symbolfoto): ginger_polina_bublik/shutterstock

Mein Freund Pali sagt: „Wer kein Geld hat, den pissen die Hunde an.“ Das hat er wohl von seinem sehr selbstbewussten Vater gelernt. Und obwohl es lächerlich ist, fürchte ich mich wohl auch davor, angepinkelt zu werden, von den Hunden. Das nutzt aber nichts. Ich nehme immer zu wenig Geld mit. Ich tue oft das Gegenteil von dem, was er richtig findet – aus Trotz und, wenn das eine Begründung ist, weil ich ihn liebe. Immerhin, Überfluss macht zwar sicherer, aber Beschränkung regt die Fantasie mehr an.

Foto: AveNa/shutterstock

Und sie holen mich wieder zum Tanzen, und sie stellen sich zur Schau, und wollen, dass ich mich zur Schau stelle. ‚Sich gemeinmachen‘ bedeutet, seinem Ruf zu schaden.

‚Sich gemeinmachen‘. Meine Eltern haben es mir, als ich Kind war, nie mit Worten verboten. Sie haben es mir infiltriert. So wie es ihnen infiltriert worden war. Aber ich mache mich gemein, mit wem ich will. Das ist eine meiner Freiheiten. Lieber soll mich der Kellner freundschaftlich duzen, wenn er mir die Spagetti bringt, als mich devot anzudienern. Und lieber soll mich der Kellner duzen als der Hotelbesitzer – es sei denn, ich war mit ihm in seinem Schlafzimmer.

Foto: gemeinfrei/piqsels (bearbeitet)

Ich trinke lieber das Wasser derer, die ich mag, als den Whisky derer, die ich brauche. Lieber lecke ich Marcello den Schweiß von der Stirn, als dass ich Speichel lecke bei einem Manager, der für meine Karriere wichtig ist. Lieber, viel lieber. Aber wenn es gar nicht anders geht, mach ich’s auch umgekehrt. Und es gibt gar keinen Grund, stolz darauf zu sein, dass mich irgendetwas – genauer: irgendeiner – draußen, jenseits des Fensters, von wichtigen Verhandlungen so ablenken kann, dass ich dem geschäftlichen Dialog nicht mehr folge.

Foto: Privatarchiv H. R.

Wir tanzten. Ich sah mich um. Ich fand es komisch, ich fand mich komisch. Ich fand die anderen komisch: Die Mädchen sind zurückhaltend, die Männer sind zudringlich, weil es das Rollenschema verlangt, und es fällt ihnen nicht ein, dass es anders sein könnte. Keiner schläft mit keinem, und sie kommen nicht mal in Gedanken auf die Konstellationen, die ich mir ausmale. Sie lachen und sie wollen wollen, und sie denken nichts Böses. Ich auch nicht, aber nur, weil ich nicht an das Böse glaube. Doch ich denke. Und schon das trennt.

Foto (Symbolfoto): Alexey Lesik/shutterstock

Dann zogen sie mich weg, ganz ohne Begründung, ein plötzliches Aufwallen von Erkenntnis und Überdruss. Zurück ins Auto. Ich saß hinten, diesmal. „Ti piacano le ragazze italiane?“, fragten sie mich, und ich antwortete: „O si, molto. Ma sono molto riservate.“
––Salvatore lachte: „Non è difficile.“ Er nahm die rechte Hand vom Steuer, griff nach hinten und schob sie mein Bein entlang „Fai cosi!“

Foto: Privatarchiv H. R.

Er zumindest machte es nie so, und die anderen Jungen, die jetzt mitlachten, auch nicht. Die Mädchen hätten es gar nicht zugelassen: Der Ruf ist noch wichtiger als die Unschuld.

Foto: Privatarchiv H. R.

Vielleicht ist das Paradies, jemanden auf der Straße anzusprechen, zu sagen „Ich will dich“ und mit ihr/ihm (Ladys first) ins Bett zu gehen. In ein Lokal gehen, alles essen, ohne satt zu werden, ohne bezahlen zu müssen. Aber im Bezahlenmüssen, in dieser Unabwendbarkeit, liegt es gerade. Darum pissen die Hunde aus gutem Grund.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich werde bezahlen müssen für das Glück, mit ihnen über die Landstraße zu fahren. Ich werde bezahlen müssen für die Lust, die es in mir erregt, bezahlen, weil diese Lust nicht gestillt wird. Ich werde bezahlen mit der härtesten und bittersten Währung, die es gibt: mit Entsagung, gegen die aller Kaufanreiz und Kompromisszwang machtlos sind. Das Leben – ich werde diese immer bitterer schmeckende Suppe auslöffeln müssen, und niemand wird am Tisch sitzen, um sie mit mir zu teilen.

Fotos (6): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: David Franklin (Tickets), LightField Studios (Mann mit Karohose), Kozlik (Mann mit Hut)

33 Kommentare zu “#39 – Bezahlen

  1. Ich fine mit Männern zu tanzen ist genauso komisch wie mit Frauen zu tanzen. In dem Fall, geht es für mich dann doch am besten alleine.

      1. Die berühmten Einzelgänger 😉 Es kommt wohl neben der persönlichen Vorliebe auch sehr darauf an in welchem Rahmen man tanzt.

  2. Man fragt sich ja ab und an ob so ein Paradies, wo einfach alles und immer geht, überhaupt glücklich machen würde. Braucht es nicht immer auch das Wissen ums Bezahlenmüssen um eine Freude so richtig groß zu machen?

    1. Schön ist ja eh wenn jeder sein eigenes Paradies finden kann. Die Vorstellung, dass wir alle immer zum selben streben müssen ist doch eh längst überholt.

      1. Auch wieder wahr. Man muss dann halt immer nur clever ventscheiden welcher Grusel die Euphorie noch wert ist.

  3. „Ich trinke lieber das Wasser derer, die ich mag, als den Whisky derer, die ich brauche.“ Immer funktioniert das ja leider nicht, aber als Prinzip kann ich das unterstreichen. Es geht ja nichts über die Gesellschaft in der man sein Leben verbringt.

  4. Das schönste tanzen ist ja immer wenn man sich nicht zur Schau stellen muss. Dann kann man sich auch mal so richtig gehen lassen ohne ein allzu schlechtes Gewissen zu haben.

    1. Dance as if no one is watching 😉 Der Spruch ist mittlerweile natürlich ziemlich unerträglich, aber klar, es steckt genügend Wahrheit drin. Wie in den meisten Kalendersprüchen.

      1. Na der Techno-Jünger, der nur Ekstase will, bzw. weiss, dass er eh zwischendurch mal eine Pause im Darkroom machen kann, der braucht auf der Tanzfläche niemanden zu beeindrucken. Der Gigolo, der auch ein bisschen tanzt um am Ende de s Abends jemandem mit nach Hause zu nehmen, schon eher.

  5. Mir imponiert Ihr Mut zum Abenteuer immer sehr. Da wird einem bewusst, dass man sich viel zu oft in seiner eigenen Gemütlichkeit bewegt.

  6. Die Gemütlichkeit ist ja auch viel gemütlicher. Abenteuer dagegen oft sehr anstrengend oder stressig. Aber am Ende wiegt die Belohnung das oft umso mehr auf 🙂

      1. Hmmm, so habe ich das noch nicht gesehen, aber das stimmt natürlich. Da wird solch eine Achterbahnfahrt allerdings sowohl weitaus rarer wie lebensbedrohlicher.

      1. Mein Literatur-Lehrer im Gymnasium hat immer behauptet, wer keine Phantasie hat wird Serienmörder. Größere Studien zudem Thema stehen aber wohl noch aus.

      2. Seiner These nach konnte man sich den ersten Mord am Nachbarn bereits so lebhaft vorstellen, dass die Durchführung nicht mehr unbedingt nötig war.

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