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In der Blase  —   Süd nach Südwest

#35A – Damals, mehrmals

Silke, Rafał und ich, wir ließen Mailand hinter uns und nahmen die Autobahn nach Genua. Wir durchfuhren die Stadt, ohne sie zu durchdringen, uninspiriert. Nicht Standort, nur Strecke. Wer etwas länger dort verweilen möchte, kann in meinem Blogbeitrag ‚Fast am Ziel‘ mehr lesen, und zwar im zweiten Teil des Kapitels ‚#89 – Nichts über Genua‘. Da geht es um ein folgenreiches Unglück, das meinen Eltern auf der Fahrt nach Genua nicht zugestoßen war, und, seltsam, sechs Wochen, nachdem Silke, Rafał und ich jetzt über diese Autobahn gefahren waren, stürzte die Morandi-Brücke ein. So ist uns allen im Abstand von 64 Jahren nichts passiert. Ein Omen? Vielleicht waren wir noch nicht so reif zu gehen, wie es die Protagonisten der ‚Brücke von San Luis Rey‘ waren, Thornton Wilders großartigem Roman über Bestimmung.

1967 machten Harald, Hans-Dieter und ich unsere erste lange Italien-Reise. Harald und Hans-Dieter hatten zum ‚Bund‘ gemusst, also zur Bundeswehr, ich wegen Doppelschlag meines Herzens (keine Allegorie) nicht. Wir hatten gemeinsam Abitur gemacht, jetzt studierte Harald Volkswirtschaft, Hans-Dieter Jura, ich, seit ich mich im Vorjahr exmatrikuliert hatte, gar nichts Akademisches mehr, nur noch Musik. Die erste Nacht hatten wir in Freiburg verbracht, auf Gummimatratzen, bei einem ehemaligen Klassenkameraden, dessen Vater in seinem Labor Hamburgs gesammeltes Blut untersuchte und der deshalb seinem Sohn für dessen Medizin-Studium eine fürstliche ‚Bude‘ spendieren konnte.

Am zweiten Abend erreichten wir Genua. Waren wir damals wirklich noch so unbeholfen oder war das Schillers berühmte ‚Verschwörung des Fiesco zu Genua‘, die gegen uns arbeitet? Wir fuhren im Dunkeln einen Berg nach oben und wieder halb nach unten, dachten wohl so etwas Ähnliches wie ‚Scheiß drauf!‘, gingen in ein Lokal am Wegesrand und aßen die beste Zuppa di pesce meines Lebens. Es war auch meine erste, vielleicht war sie deshalb so ausgezeichnet. Danach fuhren wir notgedrungen weiter bergab und landeten gegen drei Uhr auf einem Campingplatz. Dort gewährte man uns eine feuchte, aber dennoch wasserlose Kammer mit zwei Doppelbetten. Eine unwirtliche Stadt und eine gastfreundliche Speisewirtschaft lagen hinter uns, und so blieben am nächsten Morgen gemischte Gefühle von ‚ausgezeichnet‘ bis ‚grauenhaft‘.

Meine ‚Hochzeitsreise‘ mit Pali nach Capri. 1972. Erste Nacht: Auto-Reisezug bis Basel. Dann mit Palis Spider durch den Gotthardtunnel (Pali bei Dunkelheit in milder Panik) von Graubünden ins Tessin. Auch wir schafften es bis nach Genua und fanden sofort ein Hotel. Habe ich in den fünf Jahren seit dem Campingschlafplatz etwas dazugelernt? Gewiss. Ich führte ein völlig anderes Leben als damals. In Hamburg hatte mir Pali zwei Sakkos für die Reise gekauft. In Genua stellte ich fest, dass ich sie zu Hause vergessen hatte, in Rom schenkte er mir zwei neue. Es hat mir nie etwas ausgemacht, mich aushalten zu lassen, und Pali wusste auch, warum: „Deine Eltern haben dich zu knapp gehalten. Deshalb bist du käuflich.“ Eigenartige Interpretation. So richtig war ich nicht bereit, Guntram und Irene meinen schlechten Charakter in die Schuhe zu schieben, obwohl es natürlich bequem gewesen wäre.

Die rote Hilde, Hanno, Pali

Foto: Privatarchiv H. R.

Im Hintergrund Hanno und Bundespräsident Scheel

Foto: Privatarchiv H. R.

Mit Roland und Harald verschifften wir uns und unseren grünen VW 1977 von Barcelona nach Genua. Roland machte sich über den ‚unfähigen‘ Zoll lustig, während wir aus dem Schiffsbauch zuckelten. Wieso eigentlich? Er sollte seine Erfahrung machen, und Harald und ich mit ihm. Die Zöllner winkten uns an die Seite, inspizierten das Auto und alles Gepäck gründlichst. Spürhunde suchten die Polster ab. Rolands voraussehbarer Wutanfall beschleunigte unsere Weiterfahrt kein bisschen. Wir sahen wohl nach vier Wochen Andalusien so aus, wie sich rechtschaffene Beamte Drogendealer ausmalen. Anschließend war Genua für Roland ein No-Go. Weg vom Meer! Weg von dieser Scheißstadt!!! Mit meinen seriösen Eltern wäre mir das nicht passiert.

Foto oben: Privatarchiv H. R.

Fotos (8): Zeichnungen: Harald/Privatarchiv H. R.

Egal, auch als Silke, Rafal und ich eintrafen, lag das Meer auf der einen Seite, Genua auf der anderen. Wir ließen es dort liegen, erst links von uns dann hinter uns. Lieber fuhren wir weiter nach Rapallo. Bei der Reiseplanung hatte ich mir gedacht: „Zwei Tage lang möchte ich es mal so richtig altmodisch mondän haben.“ So gesehen war meine Wahl dann auch wirklich richtig gewesen. Die Bezeichnung ‚Hotel Excelsior Palace‘ war kein Etikettenschwindel, sondern sie machte ihrem Namen Ehre. Halle, Zimmer, Blick. Ich hatte einfach keine Lust, mich dafür zu schämen, obwohl mir bewusst war, wie unanständig ich uns verhielt. Prof. Dr. Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger zum Beispiel ist der Meinung: ‚Luxus hat den penetranten Beigeschmack von materialisierter Schamlosigkeit.‘1 Auch Augustinus befand bereits im vierten Jahrhundert sozialistisch: ‚Fremdes Eigentum ist, wenn man Überflüssiges besitzt. Der Überfluss gehört den Armen.‘2 Vorher hatte er allerdings selber ganz schön auf die Pauke gehauen. Auch Carl Hilty, der 1909, hoffentlich unversklavt, starb, wusste: ‚Der Luxus macht den einzelnen Menschen, der sich ihm ergibt, zum Sklaven, und er ist für Völker der größte Feind der Freiheit.‘3 Flauberts Einsicht leuchtet mir mehr ein: ‚Nur dem im Überfluss Geborenen steht der Luxus gut. Wer sich ein Vermögen verdient hat, weiß fast nie, wie er davon leben soll.‘4 Mein Vater blieb bis zu seinem Lebensende sparsam. Ich habe mir die Sparsamkeit mühsam abgewöhnt. Wie wir hier sahen: mit Erfolg.

1Quelle: Quadbeck-Seeger, Im Labyrinth der Gedanken: Aphorismen und Definitionen, Books on Demand 2006/gefunden bei aphorismen.de
2Quelle: Augustinus Aurelius/gefunden bei aphorismen.de
3Quelle: Carl Hilty/gefunden bei aphorismen.de
4Quelle: Gustave Flaubert/gefunden bei aphorismen.de

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Eine kleine Eintrübung gab es allerdings. Zwischen Hotel und Meer kündete ein riesiger Kran davon, dass es noch etwas anderes gibt als weltfernen Genuss. Im Frühjahr hatte ein wilder Sturm die ganze Küste verwüstet. Nun war alles wiederhergestellt, fast alles. Den Rest hatte der Kran zu besorgen.

Fotos (5): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Material von Shutterstock: Vinicius Tupinamba (Geldscheine), Dmitry Kalinovsky (Polizist)

31 Kommentare zu “#35A – Damals, mehrmals

    1. Das passiert mir sogar wenn ich selbst koche. Der erste Versuch eines neuen Gerichts endet ab und zu im rgoßen Jubl über das Entdecken eines neuen Lieblingsessens und die zweite Runde in kleiner Ernüchterung.

  1. Gerade eben habe ich gelesen, dass „altmodisch mondän“ genauso von der Coronakrise betroffen ist, wie jung und hipp. Das Berliner Fünf-Sterne-Hotel Sofitel ist anscheinend pleite.

  2. Tja, wer sich ein Vermögen verdient hat, weiß fast nie, wie er davon leben soll. Wahrscheinlich fordern deshalb diese 83 Millionäre höhere Steuern für Superreiche.

      1. Das muss doch auch gar nicht verteilt werden. Wer hart für sein Geld arbeitet oder aus der Familie erbt, der soll auch mehr haben als andere. Alles andere wäre ja komisch. Aber minimal höhere Steuern um den Kampf gegen COVID bzw. den Wiederaufbau der Wirtschaft zu unterstützen, das klingt ebenfalls logisch.

      1. Laut Marie von Ebner-Eschenbach sind „die glücklichen Sklaven (…) die erbittertsten Feinde der Freiheit“. Da müsste man jetzt also erst einmal überlegen ob man sich als Sklave des Geldes sieht.

  3. Meine letzte Erinnerung an einen Campingschlafplatz (Spanien, nicht Italien) ist ein undichtes Zelt im Regen. Es soll ja Menschen geben, die für solche abenteuerlichen Reisen bestens ausgestattet sind. Ich gehöre wohl nicht dazu.

  4. Thornton Wilder gehört ja zu den Schriftstellern, die ich bis heute nie gelesen habe. Vielleicht muss ich das auch einmal nachholen.

      1. Super Kritik von Time Out 😂 „Why do good actors pop up in bad movies? More perplexingly, why do so many good actors end up in the same bad movie?“

  5. Random thought, aber irgendwie wird mir bei diesem Beitrag bewusst, dass sie wahrscheinlich social media star gewesen wären, hätte es Instagram in den 80ern schon gegeben 😉

      1. Finde ich auch. Und es gibt in der genügend Tat Leute, die Social Media sogar ziemlich schlau zu nutzen wissen.

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