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1904
In der Blase  —   Süd nach Südost

#8A – Vom Städtebund zum Seebad

In den Fünfzigerjahren war Rimini der Traum der Deutschen gewesen, und die Schilder an den Strandbuden hatten ‚Kaffe nach deutche Art‘ im Angebot. Es hat sich herumgesprochen, dass es auf Mallorca nicht nur den Ballermann, sondern auch herrliche, fast unberührte Gegenden gibt. Was würde es in Rimini geben? Als wir fünf Tage später wieder wegfuhren, wussten wir es, aber erst mal der Reise und Reihe nach – Geschichte und Geschichtchen, sie sind ja meine beiden Steckenpferde. Also, losgeritten!

Foto oben links: Wolfgang Sauber/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 | Foto oben rechts: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: Privatarchiv H. R.

‚Rimini ist eine sehr alte Stadt.‘1 Mit diesem eigentümlich unwissenschaftlichen Satz beginnt Wikipedia seinen langen Beitrag, fängt dann aber pflichtbewusst an, all die Zeiten abzuhandeln, die noch vor den Wirtschaftswunderurlaubern lagen.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Bereits im 6. Jahrhundert vor Jesus war Rimini Mitglied eines etruskischen Städtebundes. Archäologische Reste der Villanovakultur und Kelten weisen noch weiter zurück. Aber ich kürze ab und greife nur ein paar Einzelheiten heraus, die zu erwähnen mir Spaß macht.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Das Christentum kam früh. ‚So ist ein Bischof von Ariminum namens Stemnio bereits auf einem 313 n. Chr. abgehaltenen römischen Konzil bezeugt. Pippin der Jüngere nahm die Stadt 756 ein und übertrug sie durch die Pippinische Schenkung dem Papst […] Friedrich Barbarossa gewährte der Stadt 1157 […] das Recht eigener Münzprägung und Selbstverwaltung […].‘2 Von da an zankten sich der jeweilige Kaiser und der jeweilige Papst ständig darum, wer in der Stadt das Sagen haben sollte.

Von 1411 bis 1432 war Galeotto Roberto Malatesta Herr von Rimini. Danach schaffte es Pandolfo des Dritten zweiter illegitimer Sohn, Sigismondo Pandolfo Malatesta an die Spitze. Er war ‚die schillerndste Persönlichkeit seiner Sippe und der berühmteste Herr Riminis. […] Als Sigismondo Pandolfo Malatesta 1468 starb, folgten ihm seine dritte Gattin Isotta degli Atti […] und sein unehelicher Sohn Sallustio Malatesta […].‘3 Aber Pech! ‚[…] Roberto Malatesta […], ein weiterer illegitimer Sohn Sigismondos, bemächtigte sich 1469 Riminis.‘4 Nach dessen Tod ‚übernahm sein unehelicher Sohn Pandolfo IV. Malatesta […], zunächst unter Vormundschaft von Robertos Witwe (eine Tochter Federico da Montefeltros), die Herrschaft über Rimini.‘5 1500 musste Pandolfo vor dem Papstsohn Cesare Borgia aus Rimini fliehen. 1503 konnte er zwar ‚zurückkehren, verkaufte aber Rimini wegen seiner Unbeliebtheit bei dessen Einwohnern an die Venezianer. Dieses Arrangement missfiel Papst Julius II.‘ so sehr, dass er die ‚Liga von Cambrai anregte. 1509 wurde Venedig entscheidend besiegt und Rimini kam demzufolge an den Kirchenstaat‘6 – und so blieb es.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Das liest sich doch genauso, wie man sich die Renaissance in Italien vorstellt. Für den Einzelnen ist es wohl ziemlich egal, ob er sich vom Papst bedroht fühlt oder vom Iran, besonders wenn die Angelegenheit auf seine – oder auch ihre – Ermordung hinausläuft. Nachhaltigkeit war damals kein Thema, aber die Auslöschung der Menschheit auch nicht.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Rimini zum Seebad, zunächst nur für Italiener. Aber ‚1960 waren fünfzig Prozent der 560 000 Feriengäste […] Ausländer‘7, die meisten waren Deutsche: Der ‚Teutonengrill‘8 hatte seinen Höhepunkt erreicht. Seit den 2000er-Jahren kommen vor allem Russen. ‚Entlang der Küstenstraße arbeiten mindestens 2 500 Frauen als Prostituierte, darunter viele Minderjährige aus Osteuropa, immer mehr Prostituierte kommen auch aus Afrika.‘9 So weit meine Anleihen an Wikipedias Informationen.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: Elzbieta Sekowska/Shutterstock

Foto: FTiare/Shutterstock

Nun zu mir. Das Wirtschaftswunder habe ich nicht bewusst miterlebt. Meine Mutter erzählte später: „Nach der Währungsreform gab es von einem Tag auf den anderen plötzlich alles.“ Westberlin 1948. Da war ich zwei Jahre alt gewesen, also noch gedächtnislos. Und seit ich denken kann, umgab mich Wohlstand. Reichtum: nein, Sparsamkeit: ja, aber Mangel niemals. In meinem ganzen Leben nicht. Weil meine Eltern nicht kleinkariert waren und nachweislich nie faschistisch, fand bei mir auch Mitte der 60er-Jahre kein befreiender Ausbruch statt, ich hatte mich immer frei gefühlt und musste mir Mühe geben zu verstehen, was viele meiner Altersgenossen so in Rage brachte. Als angepasst empfand ich mich trotzdem nicht, sondern als kalkuliert aufmüpfig. Systemkritisch war ich sowieso nicht. Ich wollte so erfolgreich sein wie möglich – innerhalb des Systems, denn für meine Zwecke taugte Umsturz nicht. Also habe ich auch meine sexuelle Ausrichtung nur selten und erst spät als Provokation eingesetzt – zu feige? Als Gleitmittel auf dem Weg zum Erfolg aber nutzte ich sie, wo immer es ging. Das Pendant zur mannstollen Schlampe war im bürgerlichen Begriffsbuch immer der tolle Hecht. Ich machte für mich daraus den mannstollen Hecht.

Heute muss ich mir also eingestehen, dass mir mein eigenes Aufsteigen wichtiger war als die Rettung der Menschheit. Aussteigen kam für mich nicht infrage. Komisch, als die Weltverbesserer sich endlich linksliberal etabliert hatten, stieg ich doch aus, aber bloß beruflich und dabei abgesicherter, als ich es mir eingestand. Wahrscheinlich blieb/bleibe ich dennoch angepasst – ich weiß nur nicht, an was.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

‚Die 60er-Jahre waren ein solcher Aufbruch! Und die 70er erst recht!‘, plappern es im neuen Jahrtausend die Feuilletonisten all denen nach, die es damals zu wissen glaubten. Jeder Siebzigjährige kann behaupten, dass die Welt im Aufbruch war, als er seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, und sicher hat er recht. Dass der Aufbruch ein Einbruch war, behaupten dann erst die Urenkel. Wem es allerdings so wichtig ist, wie es mir war, klassische Musik zu hören und kunstgerecht zu komponieren (Was heißt ‚wichtig‘? Nicht bloß Aufgabe, nein, ein Gefühl von Bestimmung, das war es!), dem perlen womöglich alle Umsturzgedanken an seiner undurchlässigen Haut ab. Gewitter gegen Granit. Ziemlich aufmerksam verfolgte ich als Zeitzeuge die Pop-Szene und schrieb selbst meine Beiträge dazu, aber niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, all die netten oder bösen Hervorbringungen zwischen Woodstock und der ‚ZDF-Hitparade‘ in einem Atemzug zu nennen mit der Architektur der Sonatenform! – Wer misst eine Lehmhütte am Kölner Dom?!

1954: nach dem Umzug im Herbst zuvor – unser erstes volles Jahr in Hamburg. Meine Großeltern waren von Schmalkalden nach Berlin gezogen, in das Haus, in dem ich klein geblieben war. Meine Mutter setzte das durch, was ihr schon in Berlin gelungen war: mich vor der Pflichtgrenze einzuschulen. So kam ich trotz der Vorbehalte der zuständigen Direktorin in die zweite Klasse und wurde in Hamburg das, was ich auch schon in Berlin gewesen war: der Liebling meiner Lehrerin. In Berlin waren die Jungen, die mich ‚Weiberknecht‘ nannten, von meinem Freund Detlev zusammengeschlagen worden. In Hamburg gab es keine solchen Probleme, vielleicht auch niemanden, der sich für mich geprügelt hätte. Aber was man nicht braucht, vermisst man nicht. Hoffentlich wird das später nach dem Sterben auch so sein.

Foto oben: Privatarchiv H. R. | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei

In meinen großen Ferien fuhr mein Vater seine Frau, seinen Sohn und seine Eltern nach Italien. Meine Eltern vorn, Großeltern hinten, ich zwischen ihnen. In Dokumentationen will der deutsche Aufbruch an die Adria häufig 1960 zugeordnet. Wir waren schon acht Jahre früher da und kehrten erst wieder zurück, als die deutsche Welle abgeebbt war.

1954 gab es in Deutschland ein Stück Autobahn, in Italien nur Landstraße. Erste Übernachtung: Augsburg, zweite Übernachtung: Trient; am dritten Tag kamen wir in Rimini an (genauer gesagt in Riccione, aber das ist praktisch dasselbe und geht ineinander über). Im Februar war ich von der Schule befreit worden, um mit meinen Eltern Skiurlaub in der Schweiz zu machen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Deshalb konnte ich sehr wohl den Unterschied zwischen einem Grandhotel und der ‚Pensione Clara‘ erkennen. Ein Zimmer war für meine Eltern, eins für meine Großeltern und mich. Das Essen war ziemlich schrecklich, aber wenn es besser gewesen wäre, hätten sowieso nur die anderen profitiert, mir war es egal. Jeden Morgens lief ich zur Macelleria und kaufte Salami, um den Erwachsenen das karge Frühstück etwas schmackhafter zu machen. Einen italienischen Freund hatte ich auch schnell. Ein paar Wörter Italienisch werde ich wohl aufgeschnappt haben, aber eigentlich weiß ich gar nicht mehr, wie die Verständigung klappte. Es gab mehrere Sprachen, das wusste ich schon, nun hörte ich’s. Meist wurde ich zu einer Mittagsruhe genötigt. Dann hörte ich meine Großeltern schlafen und dachte mir Gespensterbahnen aus. Wenn ich nicht ruhen musste, legte ich Schellackplatten auf. Merkwürdig, an einige Melodien erinnere ich mich immer noch, besonders deutlich an ‚High Noon‘ und ‚Johnny Guitar‘. Natürlich kannte ich damals die Titel nicht, aber die Stücke werden immer noch gespielt, und wenn ich sie höre, denke ich nicht an den Wilden Westen, sondern an mein erstes Mal in Italien.

Woran erinnere ich mich außerdem? Mein neuer Freund und ich, wir haben leidenschaftlich Tischfußball gespielt. Näher bin ich dem Sport nie gekommen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Am Strand wurden zwei Sorten von Spießen verkauft. Den einen mochte ich sehr, den anderen gar nicht. Scampi und Calamari. Inzwischen mag ich beides. Auf dem Teller. Solche Spieße habe ich nie wieder gesehen.

Fotos (4): Foto: Privatarchiv H. R.

Auf unserer großen Italien-Tour im VW Käfer 1967 kamen Harald, Hans-Dieter und ich auf dem Weg von Florenz nach Venedig notgedrungen an Rimini vorbei und hatten für den Ort und seine Besucher nichts als Verachtung übrig. Da waren wir mittellose Studenten doch was Besseres! Dass wir diesen Schandfleck nicht fotografieren würden, war klar. Aber von der ganzen sechs Wochen langen Reise gibt es kein einziges Foto. Erleben war damals wichtiger als Erknipsen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Heute, im Digital-Zeitalter unvorstellbar. Nina Hagens Vorwurf von 1974 ist auch längst Geschichte.

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: bekirevren (Hecht) und New Africa (Mann im Liegestuhl) | Zwischengrafik Rimini: mit Bildmaterial von Shutterstock: ermess (Tor in Rimini Arch of Augustus), Veniamin Kraskov (Sonnenschirm) und Plateresca (Olivenbaumzweige)

35 Kommentare zu “#8A – Vom Städtebund zum Seebad

      1. Ob das stimmt? In Zukunft wird es sicher mehr Video-Konferenzen geben als Geschäftsreisen. Ob fremde Länder auf dem Bildschirm Appetit oder satt machen, wird die Touristik-Branche spätestens bei Verfügbarkeit eines Impfstoffes erfahren.

    1. Man traut im Wege ’78 Video ja seinen Augen kaum. Italien wäre das letzte Land, dem ich den Verkauf von „Richtigem Deutschen Kaffee“ zugetraut hätte.

      1. Ein Wiener Großer oder Kleiner Brauner wäre verständlicher. Aber wir Marianne Sägebrecht in „Out of Rosenheim“ den Amerikanern das Kaffeetrinken beibringt – da könnte sogar ein weltgewandter Connaisseur wir Donald T. noch etwas lernen.

      1. Jedenfalls ist sie vor einem Monat 65 Jahre alt geworden. Viele Artikel und Berichte gab es wohl. Was sie gerade macht, konnte ich aber auch nicht so wirklich ergoogeln.

  1. An meinen einzigen Rimini-Besuch, irgendwann in den 90ern, habe ich gar keine eindrücklichen Erinnerungen. Aber das muss natürlich auch nichts heißen.

      1. An Pizza wurstel e patatine erinnere ich mich auch. Ich glaube mein Erlebnis stammt aus San Marino, aber das ist ja sogar gleich um die Ecke.

  2. 1503 verkaufte Pandolfo Rimini wegen seiner Unbeliebtheit bei dessen Einwohnern an die Venezianer?! Wenigstens war da mal jemand einsichtig.

  3. Nicht gegen die eigenen Nazi-Eltern aufbegehren zu müssen muss zu der damaligen Zeit sicherlich ein wenig außernseiterisch gewesen sein. Heute geht es mir ähnlich wenn es um Woke Culture und Cancel Culture geht. Da fühlt man sich zwar im Grundsatz liberal / progressiv aber gehört trotzdem irgendwie nicht dazu.

  4. Den meisten Menschen ist das eigene Leben wichtiger als die Rettung der Menschheit. Ich glaube auch nicht, dass man jemanden deswegen einen Vorwurf machen kann. So ist einfach unsere Natur.

    1. Ich habe auch schon ein schlechtes Gewissen, weil ich mit der Isolation recht gut klar komme und keinen Überwachungsstaat-Phantasien nachgehe…

  5. Ach, dass es auch einen Song zu ‚High Noon‘ gab, daran erinnere ich mich gar nicht. Obwohl ich den Film doch bestimmt mehrfach gesehen habe.

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