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0706
In der Blase  —   Süd nach Südost

#25 – Riskante Wette

Cocktail-Time – auf der Terrasse des ‚Excelsior‘. Im ‚Excelsior‘ wohnt die Film-Prominenz während der Festspiele, und dort, wo er erfunden wurde, habe ich schon mit Pali, Irene, Guntram, Roland und Silke den waschechten Bellini getrunken. Einmal habe ich die zweite Runde empört zurückgehen lassen, weil die weißen Pfirsiche ausgegangen waren und man uns mit gelben abspeisen wollte. Gut, dass Silke dabei war, die den Unterschied nicht nur mit den Augen, sondern, wie alle gebildeten Menschen, auch mit dem Gaumen wahrnimmt. In einer Kaschemme muss man mit Dreck zufrieden sein. Bei siebzehn Euro für ein Gläschen hat man Anspruch auf Ansprüche. Aber ich weiß, man zahlt ja nicht für Prosecco mit Fruchtsaft, sondern für die Fixkosten, die bei diesem Ambiente erheblich sein müssen. So ein Luxus!

Helga trank pflichtschuldig ihren ersten Bellini, Rafał, schon geübt, seinen zweiten. Silke blieb bei Wasser (frizzante, non troppo fresco, un pezzo di limone). Ich bestellte mir einen Negroni. Er ist stärker, als er schmeckt. Helga hat ihren ersten bis dritten bei mir zu Hause in Hamburg 1989 als Erfrischungsgetränk konsumiert. Danach hat sie so gelitten, dass ihr dritter ihr letzter wurde.

Versonnen blicken wir von unseren Gläsern über den Strand aufs Meer, und nur Rafał redet. Das Wort ‚Negroni‘ löst in meinem Hirn mehr aus als das Getränk selbst in meinem Mund und in meinem Blut. Das Publikum um uns herum nehme ich wahr, aber denken tue ich dabei an ein sehr, sehr unhandliches Gerät.

Foto: Angelo Giampiccolo/Shutterstock

Mein Schulfreund Manfred Siekmann hat in der letzten Klasse angegeben (nicht im Sinne von ‚erklärt‘, sondern im Sinne von ‚sich gebrüstet‘), er könne drei Martinis trinken, ohne dass man ihm das anmerken würde. Das glaubte ich nicht. „Doch“, sagte er, „wetten, dass?“

Foto: Privatarchiv H. R.

Der Martini beruhte sowieso auf einem Missverständnis. Von meinen Eltern hatte ich erlauscht, dass ein Martini ‚Gin mit Wermut‘ sei. Meine Eltern waren verreist, und selbst, wenn sie es nicht gewesen wären, hätten sie mir keine Anweisungen gegeben, sondern Vorhaltungen gemacht. Mein Martini bestand deshalb aus einem Sud: Halb Gin, halb roter Wermut, der Hausbar meiner Eltern problemlos zu entnehmen, jedenfalls wenn sie irgendwo anders weilten als in Norddeutschland. Mir war die Mischung nicht so gut bekommen, kotzmäßig, und als ich das Manfred erzählte, fand er es wichtig, mir zu beweisen, dass ihn das nicht umhauen würde.

Foto: Privatarchiv H. R.

Na schön. Topp, die Wette gilt! (Damals gab es die Fernsehsendung ‚Wetten, dass..?‘ noch nicht. Für den Spruch kann ich also nicht Gottschalk, sondern nur Mephisto zitieren – mit Manfred in der Rolle eines weniger wissbegierigen als aufgeblasenen Faust. Thank ju Göhte!)

Foto: Privatarchiv H. R.

Um seine Zurechnungsfähigkeit zu beweisen, sollte Manfred nach drei Gläsern des Fake-Martinis unseren zwei Meter langen Apfelpflücker von meinem Zimmer im ersten Stock über die schmale Treppe bis in den Keller tragen, ohne an der Wand anzustoßen. Unsere damalige Haushaltshilfe Inge Delfs kam auch gerade von ihrem üblichen St.-Pauli-Bummel zurück und konnte als unparteiische – wenn auch nicht nüchterne – Schiedsrichterin herhalten.

Foto oben: Denise E/Shutterstock | Foto unten: Privatarchiv H. R.

Manfred stieß bereits an, bevor er das Parterre erreichte. Er schuldete mir nun eine Flasche Johannesbeerlikör ‚Schwarzer Kater‘. Schon beim Rauftragen des Apfelpflückers war ich gänzlich unbenebelt mehrfach angeeckt, aber ich durfte das ja. Für Manfred Siekmann erfand ich den Spitznamen Zwitterfred Siekzwitter, was bei meinen Freuden besser ankam als bei ihm selbst. Ich textete sogar einen Zungenbrecher für ihn um:

Zwischen zwei Zwetschgenzweigen zwitschern zwei Zwitterfred Siekzwitter. Zwei Zwitterfred Siekzwitter zwittern zwischen zwei Zwetschgenzweigen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Keiner konnte das fehlerfrei schneller sagen als ich: bis heute. Der Negroni ist meinem damaligen Martini ziemlich ähnlich: 1/3 Gin, 1/3 Vermouth rosso, 1/3 Campari. Inzwischen, nach sehr viel Übung, traue ich mir zu, von dieser noch stärkeren Mischung drei Wassergläser voll zu trinken und danach einen Apfelpflücker problemlos zu transportieren, aber dank meines Schlaganfalls brauch’ ich’s nicht zu beweisen.

Mehr über Inge: ‚Fast am Ziel, #98 – Die schlimme Inge‘

Mehr über Martinis: ‚Leben lernen, #40 – Martini im Grand Hotel‘

Mehr über die Bedeutung von Namen: hier.

Foto: Privatarchiv H. R.

Zwitter- oder Fraufred statt Man(n)fred ist natürlich nichts als eine Albernheit. Aber ‚Pippin der Kurze‘ klingt schon ziemlich despektierlich und ‚Karl-Marx-Stadt‘ statt ‚Chemnitz‘ ist bereits hochideologisch. Namen sind Schall und Rauch?* Keineswegs. Wie wir genannt werden – Finn, Emilia, Boss, Kröte – und welches Pseudonym wir uns verpassen – Markus Kerl oder Imperata Keyser oder Jesus Gott oder dolle Dolores –, so etwas begleitet uns und weckt bei denen, die den Namen zum ersten Mal hören, gewisse Erwartungen. Verantwortlich sind erst mal unsere Eltern, später oft wir selbst. Namen sind Ruhm und Schande. Natürlich auch Lockmittel. Film-Titel wie ‚Die Herrin auf Skenfrith Castle‘** oder ‚Wahnsinnssex auf Skenfrith Castle‘ oder ‚Die zermatschte Leiche auf Skenfrith Castle‘ locken jeweils ein ganz unterschiedliches Publikum ins Kino.

*Schon wieder Goethe! Und schon wieder ‚Faust‘!
**auf Walisisch: Castell Ynysgynwraidd

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Mein Dozent für außereuropäische Musik an der Hochschule, Herr Fritsch, schrieb als Zubrot zu seinem Lehrergehalt Unterhaltungsmusik für den Rundfunk. Von einem dieser Werke zeigte er mir die Noten. Das Stück hieß: ‚Kleiner Flirt im Grandhotel‘. Unterrichten tat er Jazz und afrikanische Pattern. Progressive Aktivisten schwenkten zur selben Zeit von den Beatles über zu den Rolling Stones. 1967. The Supremes sangen: ‚You Keep Me Hangin’ On‘. Herr Fritsch merkte, dass ich den Titel nicht mochte und sagte, überhaupt nicht verlegen: „’s Kind muss ’n Nam’n hab’n.“ Stimmt wohl, aber doch nicht unbedingt so einen. Harald und ich, wir dichteten das Musikstück – wie so vieles auf der Welt – um: ‚Rendezvous zweier Schmeißfliegen im Hühnerstall‘. Hätte ich mir lieber angehört.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: skynetphoto/Shutterstock

Die tertiären Felder meines auditiven Cortex’ erzeugen ziemlich unterschiedliche Assoziationen: Wenn das Wort ‚New York‘ fällt, liefert mein Hirn dem Bewusstsein andere Denkanstöße, als wenn das Wort ‚Neumünster‘ oben ankommt. Und wir waren inzwischen am Grund unserer Gläser angekommen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Sein Glas zum Mund zu führen – das muss man noch wollen und können. Schlucken geht normalerweise von allein, wie das meiste, was in uns arbeitet. Dass nicht nur Denken (als solches), sondern auch Atmen und Verdauen so ablaufen, dass man sich darum nicht willentlich kümmern muss, erleichtert das Leben genauso wie der Umstand, dass man in den Haaren und in den Fingernägeln keine Nerven hat. Sonst müsste man statt zum Friseur zum Chirurgen gehen und um Narkose bitten. Wir dagegen brauchten nur ein paar Schritte zu gehen und um die Karte zu bitten.

Foto: Olesya Baron/Shutterstock

Also wechselten wir von der Trinkterrasse zur Essterrasse. Das Diner im ‚Excelsior‘ war mein Geburtstagsgeschenk an Helga gewesen. Von Mai bis August: Mehr Vorfreude geht nicht.

Foto: Privatarchiv H. R.

Blick, Essen, Atmosphäre – das alles hatte die Aufgabe, unvergesslich zu sein, ohne mühsam beschrieben zu werden. Stattdessen füge ich hier ein, wie ich den Schauplatz 1986 erlebte:

Foto: Privatarchiv H. R.| Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Akura Yochi (Hände), popout (Negroni), Dmity Trush (Bellini)

34 Kommentare zu “#25 – Riskante Wette

  1. Übrigens auch interessant, dass das Bewusstsein zum Thema „New York“ (oder jedem anderen Thema) je nach Situation und Tageszeit immer wieder andere Assoziationen ausspuckt.

    1. Da wechselt es dann wohl zwischen unseren persönlichen wichtigen Erinnerungen und den Bildern, die am frischesten in unserem Gedächtnis sind. Die ersten bleiben in der Regel gleich, die zweiten wechseln ständig ab.

  2. „Rendezvous zweier Schmeißfliegen im Hühnerstall“ macht auf jeden Fall Lust auf’s Hören. Wobei mir immer Titel am liebsten sind, die abstrakter bleiben. Da hat mein Ohr mehr zu fantasieren.

  3. Halb Gin / halb roter Wermut klingt nach etwas, dass ich in meiner Jugendzeit auch hätte mixen können. Ich bin aber recht froh, dass ich sowas nicht mehr trinken muss.

      1. Ich dachte erst Corona sei die perfekte Gelegenheit für ein bisschen Heilfasten. So richtig funktioniert hat das gute Vorhaben dann doch nicht.

      2. Ich finde es eh erstaunlich wie schnell diese Home Office Zeit vorbei geht. Ich hatte mir so vieles vorgenommen, was ich durch die reduzierte Arbeitszeit nun endlich einmal erledigen oder zumindest angehen kann. Viel habe ich bisher nicht von der Liste streichen können.

      1. Auf alle Fälle. Ambiente, Service, Gesellschaft müssen passen. Deshalb ist es ja oft auch viel schöner sich in eine Bar zu setzen, als das Cocktail-Rezept zuhause zu studieren.

      2. Langsam öffnen die Bars auch wieder. Alleine trinken macht ja in der Tat selten Spaß. Ein wenig Gesellschaft braucht es schon.

  4. Zwitterfred Siekzwitter kann doch eigentlich stolz sein, dass er seinen eigenen Zungenbrecher bekommen hat 😉 Warum ist es denn nicht Zitterfred geworden? Zu naheliegend?

    1. Aus Manfred Siekmann Fraufred Siekfrau zu machen war mir zu naheliegend und zu genderkonform. Ein Zwitter ist da doch vielseitiger und kann obendrein im Hühnerstall mit sich selbst flirten.

  5. Das Hotel Excelsior sieht ja mehr als hübsch aus. Dass der Werbeclip mit seinen Strandbildern zur Weihnachtsmusik geschnitten ist, nun ja.

      1. Es soll ja mittlerweile Anwaltskanzleien geben, die den ganzen Tag nichts anderes tun als das Internet nach Urheberrechtsverletzungen zu durchsuchen. Ob’s stimmt?

    1. Nach drei Runden von diesen Halb und halb Martinis wollte bestimmt niemand mehr Likör trinken. Soviel Übelkeits-Risiko muss dann ja doch nicht sein.

      1. das risiko lag wahrscheinlich sogar eher darin den hausflur nicht komplett zu zerstören. jedenfalls hätte ich mit diesem 2m gerät wohl einige bilder abgeräumt.

      2. Es war gewagt. Jugend eben! Der Johannisbeerlikör „Schwarzer Kater“ wurde mit „Söhnlein Sekt“ aufgegossen. Später kauten wir mit Haschisch versetzten „Moritz Eisbonbon“. Meine Generation hat zwar nicht den Krieg überlebt, aber auch so Einiges.

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