Teilen:

0708
In der Blase  —   Süd nach Südwest

#43 – Ein Finne auf der Fähre

Das Einschiffen von Sardinien nach Sizilien war nicht komplizierter, als es das in Civitavecchia gewesen war. Schlecht ausgeschilderte Wege, lange Wartezeiten, steile Treppen, muffige Kabinen – das muss man alles schon erlebt haben, um den glatten Ablauf hier so richtig genießen zu können. Meine Kabine hatte eine Besonderheit: Fenster links und Fenster geradeaus. Sehr ungewöhnlich für ein Schiff. Draußen, vor meiner Kajüte, musste es also um die Ecke gehen.

Collage: Privatarchiv H. R. (Foto Kabine) und Bild von Shutterstock: charnsitr (Handy)

Der Himmel war blau, die Sicht gut, die Passagiere erträglich und die Abfahrt pünktlich. Damit nicht alles so langweilig verlief wie am Schnürchen, kehrte die Fähre nach einer Stunde um und fuhr zurück nach Cagliari. Und das kam so:

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Als bekannt voraussetzen kann ich ja, dass wir nicht in den Speisesaal gehen, um uns den Magen vollzuschlagen, sondern um die Zeit totzuschlagen. Außer uns wollte das kaum jemand. Am Stand mit Esswaren war es brechend voll, Kauende auf Bänken, Koffern, Taschen, aber im Restaurant dahinter gähnte uns die Leere vornehm an. Die Kellner waren noch vornehmer. Sie standen leicht betreten beieinander, und es dauerte eine ganze Weile, bis einer von ihnen sich traute, uns die Karte zu bringen. Auch im weiteren Verlauf der Nahrungsaufnahme fühlte ich mich nachlässig behandelt und reagierte ungnädig dem Tellerbringer gegenüber. Silke fand das unpassend. Ausgerechnet Silke, die sich leicht mal schlecht bedient fühlt! Dann eilte eine resche Frau in Uniform an unserem Tisch vorbei zum Eingang des Raumes. Da rutschte gerade der einzige Gast außer uns vom Stuhl. Rafał fühlte sich gleich in seiner Funktion als Krankenpfleger gefordert und ging ebenfalls nach vorn. Dass mit dem Passagier etwas nicht stimmte, hatten wohl die aufmerksamen Ober schon gemeldet. Es wurde über Lautsprecher nach einem Arzt gefragt, aber das Einzige, was das Schiff zu bieten hatte, war Rafałs Engagement. Mit seiner Hilfe wurde die Person weggeschafft und, so gut es ging, betreut.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Als Silke schon beim Espresso war und ich beim Amaro Averna, kam Rafał zurück. Die Resche war die Kapiteuse (oder -tänin), der Zusammengebrochene war Finne, was man zwischen Cagliari und Palermo auch nicht sofort vermutet hätte. Er reiste allein, aber mit vielen Drogen, deren unterschiedliche Wirkungsweisen dem verwirrten Körper wohl zu viel geworden waren. Rafał hatte ihn immerhin so weit stabilisiert, dass kein Sarg an Bord musste. Die dankbare Kapisesse sagte, alles, was wir zu uns nähmen, gehe aufs Haus bzw. aufs Boot. Umkehren täte sie sicherheitshalber trotzdem, meldeten die Lautsprecher, und nur wir wussten, warum, und brauchten deshalb weder an Bomben noch an Erpresser zu denken. Auch ohne fesche Seeräuber begeisterte mich die Verzögerung. Statt am verschlafenen Morgen die Hafenanlage von Palermo zu durchqueren, würden wir erst am quirligen Vormittag eintreffen: viel besser. Vorher hatte ich mich ein bisschen geschämt. Der unbeholfene Kellner vom Vorabend schleppte – wie ein Handwerker gekleidet – die Bettdecken aus den Kajüten durch die Gänge. Man hatte den armen Mann abends einfach in eine Livree gesteckt, ihm aber nicht beigebracht, wie man sich darin zu benehmen hat.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Palermo erlebten wir mehr an der Peripherie.

Dass meine Eltern und ich von Neapel aus mit Erika, Opel Diplomat und Fähre nach Palermo aufgebrochen waren, ist jetzt mehr als 50 Jahre her. Fünfzig Jahre. Ein paarmal bin ich in Neapel am Bahnhof angekommen und mit Koffer, Tasche, Anzugsack weitergereist. Am Inselufer standen meine Eltern und winkten mir entgegen. Einmal bin ich von Neapel aus mit der Bahn einfach weitergefahren nach Kalabrien, weil ich nicht länger auf Harald warten mochte. Er hatte mich auf dem Rückweg am Festlandhafen abholen sollen. Nach einer halben Stunde war ich weg. Ziemlich ungeduldig, was?

Nachdem Harald und ich 1973 abweichlerisch in Griechenland gewesen waren, um die Obristen zu stürzen, machten wir uns 1974 wieder auf den Weg nach Italien. Die Strecke nahmen wir sportlich in unserem Rennwagen, dem ‚Käfer‘: Erste Übernachtung Bauernhof in Südtirol, zweite in Sala Consilina, tausend Kilometer weiter südlich, Fähre von Reggio Calabria nach Messina, Kurzaufenthalt Taormina, Übernachtung Siracusa, kurze Bestaunung der 3000-jährigen Stadtgeschichte, quer durch Sizilien nach Palermo, Abstecher Monreale, Übernachtung Cefalù, Fähre Messina–Reggio, rüber auf die Adriaseite, Übernachtung in Tarento – ja, schon wir waren flott in so was, noch bevor die Japaner und Chinesen kamen.

Lana, Südtirol

Foto: Privatarchiv H. R.

Sala Consilina

Cefalù

Tarento

2009 war ich dann mit Silke in Palermo gewesen, auf derselben Schiffsreise, auf der wir auch Cagliari einen Mittagsbesuch abgestattet hatten. Damals hatten wir uns größere Teile von Palermos Innenstadt erwandert und in einem Innenhof sehr viel prunkvoller gespeist als am Vortag auf Sardinien.

Rafał war es recht, ohne Umschweife aufwärts nach Monreale zu fahren. Der einheimische Verkehr machte ihn nicht neugierig darauf, sich durch die engen Gassen zu winden, um einen Parkplatz zu finden, auf dem wir bei unserer Rückkehr von einer erhellenden Besichtigungstour dann tatsächlich nicht nur den in Verruf geratenen SUV, sondern sogar das umfangreiche Gepäck in seinem Inneren ungeklaut wiedersehen würden. Sehr umständlich. Doch die Strecke nach Monreale war auch nicht ohne (!) – und ohne Geduld nicht zu schaffen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Als wir endlich oben waren, wurde es am schlimmsten. Die weibliche, recht nette Navistimme führte uns immer bis an einen schmalen Weg, durch dessen Eingangstor uns einbahnstraßig Wagen entgegenkamen. Dazu verkündete sie auch noch scheinheilig: „Dann haben sie ihr Ziel erreicht!“ Um nach anderen Möglichkeiten zu suchen, war Rafał schon auf den für Autos gesperrten Platz vor der Kathedrale vorgedrungen, von dort aber sofort durch zwei Carabinieri weggescheucht worden. Die beiden Ordnungshüter sahen nicht danach aus, Spaß zu verstehen. Der bedeckte Himmel sah auch eher unfreundlich aus. Als Rafał nach der vierten Umrundung des aus ständigem Auf und Ab bestehenden Ortes wieder an dem Tor ankam und seine Flüche immer lauter wurden, konnte ich ihn doch dazu überreden, den in diesem Moment gerade von der Gegenseite unbenutzten Pfad hinabzusteuern. Eine Minute später waren wir am Ziel. Gott sei Dank! Nach einer weiteren Irrfahrt hätte Rafał uns wahrscheinlich ohne Erbarmen nach Sardinien zurückgekarrt.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die ‚Straße‘ hieß ‚Largo Cutò‘, und ‚largo‘ heißt auf Deutsch: Weite, Breite. ‚Fate largo!‘ kann man übersetzen mit: ‚Platz da!‘. Da war aber keiner. Wir stiegen trotzdem aus. Sollten doch die Sizilianer von oben und von unten zusehen, wie sie an uns vorbeikommen! Diese Tollkühnheit zeugte davon, dass wir immer noch nicht genügend Mafia-Filme gesehen hatten, und so war es erfreulich, dass der ‚Conte‘ oder zumindest ‚Eigentümer‘ des Palazzo Cutò auf Rafałs Klingeln hin so rasch an sein Tor kam, dass uns nichts Lebensgefährliches passierte. Er half uns, die erforderlichen Gepäckstücke auszuladen, und wies Rafał den Weg zu einem Parkplatz, fünfzig Meter unterhalb seines Anwesens. All solche Irrungen zu erleben ist lästig, aber ohne sie wäre es doch etwas langweilig: hinterher betrachtet.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir bekamen würdige Zimmer nebeneinander, verbunden durch eine lange Terrasse. Der Blick von dort oben war der großartigste der ganzen Reise: über die Hügel Palermos hinweg auf das tiefblaue Meer. Der ‚Padrone‘ – das war er in jedem Fall – empfahl uns ein kleines Lokal gleich hinter seinem Vorhof. Wir mussten von der Straße ein paar Stufen nach unten gehen, dann betraten wir einen fast leeren Gastraum, der aber so klein war, dass seine Leere nicht weiter auffiel. Wir wurden freundlich bedient, und es war sehr gemütlich. Wenn es draußen regnet, ist es drinnen schnell mal gemütlich.

Fotos (3): Privatarchiv: H. R. | Titelillustration und Zwischengrafik Sizilien mit Bildmaterial von Shutterstock: Oliver Hoffmann (Bullauge), imageBROKER.com (Palermo), Ahmed Elborollosy (Flaggen), Maxx-Studio (Navi), ciccino77 (Kathedrale), Andrey Lavrov (Statue), Wabi.sabi (Orangen)

34 Kommentare zu “#43 – Ein Finne auf der Fähre

  1. Wenn man liest „dass meine Eltern und ich von Nepal aus mit Erika, Opel Diplomat und Fähre nach Palermo aufgebrochen waren“, dann hat man die Woche über definitiv zu lange gearbeitet :/

    1. Mir gruselt es ja immer vor diesen engen Sträßchen. Also generell, nicht nur in Italien. Schon großartig wenn man da jemand dabei hat, den das überhaupt nicht irritiert.

  2. Palermo fehlt mir noch wenn es um Italienreisen geht. Hoffentlich wird das bald wieder entspannter, dann steht die Stadt ganz oebn auf meiner Liste.

    1. Ich muss sagen, ich mag den Süden Italiens sehr. Sizilien ist natürlich noch mal was besondereres. Viel rauer und trotzdem noch hübsch genug. Ich empfehle es immer gerne als Reiseziel.

      1. Auf diesen Sizilien-Abschnitt im Blog freue ich mich auch. Ich sammle schon eine Weile fleißig Infos und Tips weil ich im nächsten Jahr dort einen Freund besuchen will.

      1. Hübsch wird immer als negativ empfunden. Ich verstehe gar nicht warum. Man muss ja nicht alles mit Superlativen à la Trump vergolden.

  3. Drogen-K.O. auf der Fähre … das muss entweder eine wahnsinnig spannende, oder unglaublich langweilige Überfahrt gewesen sein.

  4. Nicht nur die Asiaten können Tourismus. Wer wirklich was auf sich hält und nicht nur in Badelatschen am Ballermann sitzt, der schafft auch ordentlich was 😉

      1. Das kenne ich. Aber das ist in der Regel ja eine so schöne Erschöpfung, wenn man nach einem langen Tag in einer fremden Stadt abends ein Restaurant findet und sich dort müde aber zufrieden niederlässt.

  5. Schlecht ausgeschilderte Wege, lange Wartezeiten, steile Treppen … auf eine komische Art klingt das genau richtig für einen erlebnisreichen Urlaub. Wenn alles glatt läuft ist es ja meistens auch nicht sonderlich erinnerungsreich.

      1. Das ist wohl wahr. Oft merkt man den Unterschied ja schon am Tagesende: manche Tage werden da sofort als glatt, durchaus schön, aber auch ereignislos und uninteressant kategorisiert. Andere brennen sich sofort ins Gedächtnis ein.

      1. Sowieso. Dieses Gefühl von Weite / Unendlichkeit hat man ja wirklich nur hoch oben auf einem Berggipfel oder mitten im Ozean.

      1. Haha, manchmal ergeben sich die Dinge dann doch einfach ganz natürlich, ohne große Aufregung.

  6. Es kommt wie immer alles Mögliche, das nicht vorhersehbar ist. Von Taormina nach Castelmora sind es zu Fuß 27 Minuten. Wenn man laufen kann. Ich kann mehr schreiben: Zeigefinger links.

    1. Stellen Sie sich vor es könnten alle laufen. Und zwar immer und in alle Ewigkeit. Dann wäre am Ende niemand übrig, der das alles aufschreibt und der Mitwelt berichtet.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

vier × drei =