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In der Blase  —   Süd nach Südost

#29C – Zusammenfassung

Liebe Zuschauer, -hörer, Leser/-innen!

Erlauben Sie mir bitte eine Zwischenbilanz, bevor der zweite Teil beginnt.

Meine Generation hat Menschen und Länder entdecken wollen. In den 1950er-Jahren waren die Deutschen ans Mittelmeer gefahren, weil es da warm war. Die Entdeckung der Welt, das war etwas für einzelne Abenteurer gewesen. Jetzt wurde das Abenteuer Mainstream: die geistige Vorbereitung zur Globalisierung. Aus dieser Weltoffenheit heraus kam es auch zu den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Meine Generation wollte Verantwortung übernehmen, einschreiten gegen Ausbeutung und Missstände.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Dem Aufbruch gegenüber stand die Ideologisierung. Die schneidende Intoleranz. Vererbung, zum Beispiel, durfte es nicht geben, alles war der Umwelt geschuldet. Kinder sollten machen können, was sie wollten, also in der Schule keine Zensuren bekommen. Vom Konsumterror weg, lieber im Porsche 910 Targa flott hin zum RAF-Terror.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Die folgende Generation verdankt meiner Generation sehr viel: in ihrem Denken und in ihrer Lebensführung. In ihren eigenen Plänen sind die Wortführer meiner Generation weitgehend gescheitert. Was sie erreicht haben, ist viel, aber was sie gewollt haben, war unerreichbar und – aus meiner Sicht – nicht erstrebenswert.

Nach Poona und San Francisco sind wir biedereren Zeitzeugen nicht getrampt. Uns reichte Europas Süden, und über unseren wachsenden Wohlstand freuten wir uns ohne Gewissensbisse.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

‚Solche Reisen, wie unsere es waren, wird es in Zukunft nicht mehr geben‘, unken die einen (Kreuzkröte wegen Pfützenmangels auf der Roten Liste in Deutschland, Österreich, Schweiz); ‚endlich wird die Menschheit aufwachen‘, tirilieren die anderen (Feldlerche, gefährdet: Kategorie 3). Das läuft also auf dieselbe Schutzlosigkeit hinaus. Und sind wir nicht sowieso alle gefährdet? Corona! Aber nicht nur.

Die Adelsgesellschaft war wie alle vorigen Gesellschaften in sich ruhend gemeint. Im 18. Jahrhundert begann die bürgerliche Gesellschaft an Bedeutung zu gewinnen: Die ‚Moderne‘ fing an. Eine neue Epoche. Die Moderne bedeutet in der Theorie ‚Fortschrittsglaube‘ und in der Praxis ‚ständigen Fortschritt‘. Die ‚Spätmoderne‘ – liberal, digital, global – zweifelt an diesem Modell. Wirklich? Doch nur die westlichen Intellektuellen, die sich eine nächste Epoche vorstellen wollen, deren Fortschritt darin besteht, den Fortschritt zu überwinden, um die Natur zu schonen. Andernfalls kommt die ‚Zuspätmoderne‘ über uns. Weniger Nachdenkliche denken sich gar nichts oder – dem Sinne nach – ‚Nach uns die Sintflut!‘. Ärgerlich bloß, wenn sie dann doch schon zu Lebzeiten kommt und sich für Kreuzfahrten so gar nicht eignet. Da wird es staatliche Eingriffe geben müssen, dagegen war der März 2020 zahm und milde! Aber erst mal: Lockerungen, wenn auch mit ‚social distancing‘.

Foto oben: Peter H/Pixabay | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Brisant: Billigflieger und All-inclusive-Reisen werden nach Corona wohl seltener werden. Selbstgestaltete Reisen, wie es unsere immer waren – in den letzten zwanzig Jahren sogar oft zu Luxushotels an Traumzielen –, das wird es vermutlich weiterhin geben: Für die, die es sich – unverdient oder von ihrem Marktwert her – leisten können. Zündstoff. Wer jetzt Aktien kaufen oder halten kann, der profitiert, wer nichts hat, der bleibt bei Nichts. Oder wie Jesus sagte: ‚Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen was er hat.‘ 1

1 Quelle: ‚Lutherbibel 1912‘ – Matthaeus 13,12

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Für mich hat sich nicht viel geändert durch Corona, und es wird sich nicht viel ändern. Eine weitere Wiederholung meiner Reisen steht nicht an. Neue Erkenntnisse sind nicht zu erwarten. Meistens bin ich zu Hause. Abends wohl als eine Art Couch-Potato: Fernsehen – Alte-Leute-Beschäftigung. Dabei fühle ich mich so knusprig wie ein ins Bier gefallener Kartoffelchip. Egal. Helga, meine Physiotherapeutin, sagt, meine Fußsohlen seien wie Babypopos. Schmeichelhaft? Für ein Gesicht wünscht man sich solches Lob nicht. In meinem Alter würde das von Ungelebtheit, Charaktermangel oder schief gegangener Schönheitsoperation zeugen, am Fuß deutet es auf zu kurze Wege hin und auf Rafałs gründlichen Einsatz des Bimssteins.

Foto: Bruno/Germany/Pixabay

Reguläres Fernsehprogramm ist voriges Jahrtausend, weiß ich, allerdings ist der TV-Konsum das Einzige, was ich an Kultur simultan mit anderen Menschen teilen kann, seit ich nicht mehr in Fußballstadien und Opernhäuser gehe. Wenn ich nachsichtiger mit mir bin und auch den zeitversetzten Abruf gelten lasse, dann werde ich gleich moderner. Ein Teil unserer Gesellschaft. Welcher Gesellschaft?

Rein sprachlich haben wir ja schon eine 2-Klassen-Gesellschaft. Die einen drücken sich präzise, elegant, vielleicht witzig aus, die andern reden primitiv auf einer Ebene simpelster Verständigung. WhatsApp-Slang. Na ja, ganz so weit sind wir wohl doch noch nicht. Noch gibt es ja eine Mittelschicht, die zwar weder Orthografie noch Interpunktion beherrscht, aber Nebensätze sowohl formulieren als auch verstehen kann. Darauf kommt es nicht an. Worauf dann? Ein gutes Herz. Frischen Mut. Und was sonst noch die Volkslieder besingen. Wie alle alten Leute habe ich an der Entwicklung etwas auszusetzen. Das Problem sehe ich nicht in der Veränderung, sondern in der Verrohung der Sprache. (Ich weiß, als Stilmittel setze ich das selber ein.) Sprache sollte differenziert und präzise sein. Heute werden vielfach Wortschablonen benutzt, die nichts Persönliches ausdrücken. Das erleichtert nicht einmal die Verständigung, denn unter den ewig gleichen Satzbrocken kann sich jeder alles vorstellen. Wie reden wir miteinander, jetzt, da wir uns nicht anfassen dürfen? Wie erschüttert sind wir? Wollen wir nach Corona alles so, wie es früher war? Für mich und meinesgleichen wäre das in Ordnung. Blase. Unsere ist gefällig.

Foto: bokan/Shutterstock

Irgendwann einmal werden wir Begüterten im Nobelrestaurant auch wieder das ganze Gesicht des Oberkellners abtasten können: die Maskenhaftigkeit, wenn er sieht, dass wir ihn sehen, sein mokantes Lächeln, wenn er sich unbeobachtet glaubt. Wir werden einen Flirt in der S-Bahn nicht mehr nur an den Augen ablesen müssen, sondern ihn auch von den Lippen bestätigt bekommen. Aber das kann dauern. Wir in meinem Alter, wir haben Zeit, weil uns nichts mehr erwartet. Wir warten ab. Woche für Woche. Den Mittwoch muss die Gewerkschaft erfunden haben. Er ist die Mitte der Fünf-Tage-Woche. Alle ungeraden Zahlen lassen eine Mitte zu, auch die Sieben.

Montag, Dienstag, Mittwoch
Donnerstag
Freitag, Samstag, Sonntag.

Bild: NotionPic/Shutterstock

Am Sonntag hat sich der liebe Gott von der anstrengenden Schöpfung ausgeruht. Wir tun das schon am Samstag. Oder nie. Wir hyperventilieren oder wir entschleunigen. Wir fragen uns dauernd, was das Richtige ist und beobachten die, die sich das nicht fragen und trotzdem nicht schlechter leben. Früher hatte ich immer Block und Stift bei mir, das fand ich aktiv. Das Smartphone jetzt kommt mir passiv vor, obwohl da ja auch reingetippt wird. Und gelesen. Gehört. Geguckt. Serien. Vorgestern habe ich gelesen, die Serie sei die Kunstform des 21. Jahrhunderts. Beruhigend für mich Couchpotato, zumal ich in meiner Glanzzeit ein Wegbereiter dieses Genres war. Dazu gleich. Aber zuerst mal teile ich das Abendland kunstgeschichtlich ein oder auf.

Altertum: Skulpturen

Foto: dianakuehn30010/Shutterstock

Mittelalter: Gürtelschnallen

Gotik: Dome

Frührenaissance: Buchdruck, Zentralperspektive

Fotos oben (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei

16. und 17. Jahrhundert: Malerei (Michelangelo bis Rembrandt)

Fotos (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei

18. und 19. Jahrhundert: Musik (Bach bis Wagner)

Fotos (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei

20. Jahrhundert: Film (Charlie Chaplin bis Steven Spielberg)

21. Jahrhundert: Serie

Literatur und Architektur gab es natürlich auch. Beides immer schon. Der Roman des 19. Jahrhunderts war wohl so etwas wie der Vorläufer der Fernsehserie. Die Schriftsteller mussten die Figuren damals noch selber zeichnen, und die Leser mussten sich noch ein eigenes Bild machen. Mühsam. Dafür haben wir heute keine Zeit mehr. Aber schon früher gab es Querschnitte aus Operetten und Menschen, die nicht alles, sondern nur die Highlights wollten. Potpourri.

Fotos oben (3): Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: wideonet/Shutterstock

Besonders aktiv an der Tortentheke war Alma Schindler. Sie hat sich von allem, was zu ihrer Zeit im Angebot war, ein Stück abgeschnitten. Musik (Zemlinsky, Mahler), Malerei (Klimt, Kokoschka), Architektur (Gropius), Literatur (Werfel, Remarque). Das waren nur die Geliebtesten und Geheiratetsten der feschen Wienerin.

Fotos (3): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Kann man da im Alter abgeklärt auf ein erfülltes Leben zurückblicken? Man vielleicht. Alma nicht. Claire Goll schrieb über sie in ‚Ich verzeihe keinem‘: ‚Um ihre welkenden Reize aufzufrischen, trug sie gigantische Hüte mit Straußenfedern; man wusste nicht, ob sie als Trauerpferd vor einem Leichenwagen oder als neuer d’Artagnan aufzutreten wünschte. Dazu war sie gepudert, geschminkt, parfümiert und volltrunken. Diese aufgequollene Walküre trank wie ein Loch.‘

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Alma mit Ehemann Franz Werfel

Foto oben: dpa-Bildarchiv | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Wer mag so enden? Dann doch lieber als Sofakartoffel. Im Übrigen habe ich nicht nur wie Alma komponiert, sondern war bereits ab 1975 mit der Kunstform des 21. Jahrhunderts beschäftigt.

Mein erster Jahresfilm dauert in seiner heutigen Fassung fünf Stunden. Der zweite Film dauert dreizehn Stunden, dann wird es etwas weniger, zum Schluss sind es beim vorletzten Film wieder fünf und beim letzten vier Stunden. Als Abendvorstellung schwer durchzustehen. Als Serie in Ein-Stunden-Happen herrlich: ein Genuss für Herz und Hirn, Grips und Gemüt. Jedes Jahr ist wie eine Staffel – mit eigenem Flair, aber der Schlusspunkt kommt erst ganz am Ende. Die Mischung aus Gefilmtem und Geklautem bilden ein überzeugendes Mash-up, und so steht der Vermarktung nur das Urheberrecht im Wege.

Fotos (4): Privatarchiv H.R.

Im schöpferischen Bereich habe ich mich deshalb neuen Aufgaben gestellt. So wie das Kino einst als Jahrmarktsbelustigung begann, so fing auch der Blog mit Blödsinn an. Ich habe ihn nicht einfach zur Kunstform geadelt, nein, ich habe ihn zum Gesamtkunstwerk gekaisert:

a) Gemälde, Foto, Film,
b) Klassik und Pop,
c) Literatur, Sprachmüll, Philosophie.

Das war’s. Das war die Zwischenbilanz. Nachdem dieser Sachverhalt nun geklärt ist, können wir uns der zweiten Reise widmen. Ich danke Ihnen für Ihre bisherige Aufmerksamkeit und baue auf Ihre zukünftige.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: lukas_zb (Mann auf Sofa), Halfpoint (Demonstrantin mit Schild)

Verschmitzt,
Hanno Rinke, im Juni 2020

Das Alter hat mich nicht überraschend erwischt. Schon mit Anfang zwanzig habe ich mir das Ende (m)einer Epoche herbeigeglaubt. Trotzdem ist es – aus heutiger Sicht – erstaunlich, dass ich diesen Song in dieser Version bereits 1987 als Resümee meines Jahresfilms gewählt habe.

ENDE
SÜD NACH SÜDOST

35 Kommentare zu “#29C – Zusammenfassung

    1. In dem Fall plädiere ich ja sogar für Dusty Springfields Version. Aber das hat zugegebenermaßen eher sentimentale als qualitative Gründe.

  1. Lockerungen mit ‚social distancing‘ wird es im regelmäßigen Wechsel mit Lockdown-Phasen noch eine ganze Weile geben. Meine düstere Prognose.

  2. Tja, „Billigflieger und All-inclusive-Reisen werden nach Corona wohl seltener werden“ … gleichzeitig möchte Ryanair-Chef Michael O’Leary am liebsten noch mehr und noch billiger fliegen als bevor. Verrückte Welt.

    1. Jedenfalls bekommen Lufthansa, Air France, KLM gerade alle Unterstützung in Milliardenhöhe. Abstandsregeln werden als unmöglich umsetzbar weggelacht. Währenddessen gehen in den Kiezen Restaurants, Shops, Kinos und Theater pleite. Hauptsache man kann bald wieder für 35€ an die Küste fliegen.

  3. Na wenn wir jetzt, wo wir uns nicht anfassen und nur von weitem sehen dürfen, doch wenigstens an unserer Sprache und Verständigung arbeiten würden. Das wäre doch einmal eine schöne Entwicklung.

  4. Gegen reguläres Fernsehprogramm ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Ich bin halt nur froh, dass ich diesen Druck nicht mehr habe, zu bestimmten Sendezeiten einzuschalten.

      1. Man ist ja grundsätzlich Herr (oder Frau) seines Lebens. Das merkt man ja auch während der Corona-Pause. Die einen machen was aus ihrem Zuhausesein, andere Jammern.

  5. Ich glaube, dass das Smartphone als solches nicht unbedingt gemütlich macht. Oder zumindest nutzen Menschen dieses Gerät wahnsinnig unterschiedlich. Klar, die einen verlassen sich nur noch auf die Hilfe und Orientierung durch Apple oder Google, aber die hätten auch vor zwanzig Jahren keinen Block dabeigehabt. Die anderen nutzen die Möglichkeiten der Technik um Sachen zu machen, die sonst nie in Frage gekommen wären. So scheint mir das.

    1. So ist es wohl auch. Nicht jeder nutzt alle Möglichkeiten. Dass ein Klavier im Haus steht, bedeutet noch nicht, dass Chopin Etüden gespielt werden. Man kann mit Überschall-Geschwindigkeit fliegen, trotzdem gibt es die „Concorde“ nicht mehr. Das ist ein gutes Zeichen. Oder liegt das nur daran, dass es ein Verlust-Geschäft war?

      1. So isses. Was die Smartphones aber sehr wohl tun, sie potenzieren wie man eh schon veranlagt ist. Wer neugierig ist, wird das Telefon entsprechend nutzen. Wer eher gemütlich unterwegs ist, wird sich sein Leben mit dem Smartphone noch gemütlicher machen.

    1. Ich habe gerade eben über dieses Restaurationsdebakel in Spanien gelesen. Was selbst bei solch bekannten Werken für Dinge geschehen!

      1. Man weiss, das wirklich nicht ob man lachen oder weinen soll. Der private Sammler hat halt die falsche Person beauftragt. Man kann da wohl auch nicht viel gegen tun.

  6. Wie wenig die Menschheit aufwachen wird sieht man ja daran wie groß allein der Widerstand gegen Maskenpflicht etc ist. Veränderung will kaum jemand.

  7. Ich will gar nicht sagen, dass es heute keine bedeutenden Künstler mehr gibt, aber wie kommt es wohl, dass ein Bach oder Michelangelo heute nicht mehr so richtig denkbar ist? Es kann ja nicht nur an der Schnelllebigkeit liegen.

    1. Das ist eine sehr gute Frage. Möglicherweise ist ein Grund, dass Wissenschaft, Forschung, aber auch Kunst heute viel spezialisierter sind. Es gibt mehr Informationen, mehr Wissen, mehr Bereiche … bahnbrechende Entwicklungen haben dadurch vielleicht nicht mehr die selbe Durchschlagkraft. Aber wer weiss, wer heute ein Genie ist, wird eh erst in 200 Jahren entschieden 😉

      1. „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ (Albert Einstein)

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